Mumien, Analphabeten, Diebe.
Du hast's gut, du hast dein Leben noch vor dir.
Montag, 2. März 2009
Barfuß zum Nordpol: Baden, Baden
nnier | 02. März 2009 | Topic In echt
[Fortsetzung]
Er ist ein Kerl, ein ganzer Mann
Und sein Zuhause ist die Autobahn
Uuuuh-uhuhuuuu-uhuhuuuuuu
(Gunter Gabriel)
Mein Opa kaufte uns LPs mit dem Titel Wim Thoelke präsentiert: Stars und ihre goldenen Hits. Denn von jeder verkauften Schallplatte gingen 2,50 DM an die Aktion Sorgenkind. Die Ausgaben von 1975 und 1976 hatten wir von ihm bekommen, so meine ich, während ich die von 1974 erst etwas später bei meinen anderen Großeltern in dem großen Album entdeckte. Sie besaßen nämlich ein mit beigebraun gemustertem Kunstfell überzogenes Album, größer und dicker als ein Fotoalbum, darin durchsichtige PVC-Hüllen, in die man Schallplatten einlegen und dann durch die Sammlung blättern konnte. Non Stop Dancing, Heimwehmelodie, Platten von Heino und Mozarts Zauberflöte befanden sich darin.

Bei uns standen die LPs in zwei Würfeln aus dunklem Holz auf dem Fußboden. Es waren nicht sehr viele; und besonders gerne und häufig hörten wir in dieser Zeit die beiden Wim-Thoelke-Platten. Es schien mir ein Naturgesetz zu sein, dass auf solchen Platten je ein Lied von Heino, Udo Jürgens und Mireille Mathieu vertreten sein musste, auch Tony Marshall, Jürgen Marcus und Michael Holm gehörten eindeutig zum Inventar. Aber das alles war nichts gegen den einen: Gunter Gabriel. Hey Boss, ich brauch mehr Geld und vor allem der Dreißigtonner Diesel hatten es mir wirklich angetan. Seine Stimme strahlte eine Verwegenheit aus, die mich beeindruckte. Er hieß auch nicht schnöde Günter oder Günther*, nein, die Abwesenheit der Umlautpünktchen ließ den Namen gleich viel ursprünglicher und rauher wirken. Und dann diese Texte aus dem echten, harten Leben - dagegen kam Johnny Hill mit seinem Tränendrücker wirklich nicht an:
Dies ist ein Lied für dich, mein Freund,
der du Tag für Tag mit einem Laster
auf der Straße liegst,
Junge, für dich habe ich dieses Lied geschrieben!
Es war spät geworden an der spanisch-französischen Grenze. Einer dieser modernen Helden, ein Kapitän der Landstraße, nahm uns dann schließlich mit und versprach hoch und heilig, bis Deutschland durchzufahren. Beeindruckt von der gut ausgestatteten Fahrerkabine, vor allem aber sehr erleichtert, nahmen wir also Platz und verbrachten eine Nacht on the road. Während der Fahrer des Lastzugs sich beim Fahren routiniert Kaffee kochte (man kann gut mit den Knien lenken), per CB-Funk mit seinen Kollegen sprach (es war genau wie in den Liedern!) und zwischendurch Geschichten erzählte (wie z.B. die von seinem letzten Unfall), hatte ich gegen die etwas beengten Platzverhältnisse rein gar nichts einzuwenden, denn ich habe ja schon angedeutet, dass mir meine Reisegefährtin durchaus (Au! Au! Das ist doch schon so lange - au!)

Er sei jede Woche von Sonntagabend bis Freitagabend unterwegs, am Wochenende aber daheim bei Frau und Kind, deren gerahmtes Fotografenfoto wie andernorts auf dem Bürotisch hier eben auf dem Armaturenbrett stand. Doch wenn er mal Urlaub habe, stehe er schon drei Tage vor dem Ende wieder "auf dem Hof" und bringe seinen Lastzug auf Vordermann, es jucke ihn dann einfach, da helfe nichts. (So unter Kollegen verstand ich das übrigens genau, schließlich hatte ich auch schon mal einen Transit gefahren).

Der Lastzug rauschte durch die Nacht, es war gemütlich, an der französisch-deutschen Grenze mussten wir die Pässe vorzeigen, meine sanft schlummernde Begleitung gab mir den ihren in die Hand, ich hielt beide hinaus, der Grenzer gab sie mir kurz darauf zurück, der LKW fuhr weiter, wir hatten Deutschland erreicht!

So groß meine Freude darüber auch war, das böse Land unbeschadet hinter mir gelassen zu haben, es mischte sich doch eine leise Melancholie hinein. Vielleicht war es nur die Müdigkeit, vielleicht aber auch das Bedauern darüber, dass die Wege der beiden, ähm, Heimreisenden (ich kann hier nicht ganz frei sprechen) sich bald trennen würden, denn, so hatte sie erzählt, sie würde zunächst in Süddeutschland bleiben und von dort aus noch eine Woche nach Österreich fahren. Die Zeichen standen auf Abschied.

Doch zuvor gab es noch einige frühe Morgenstunden an irgendeiner Autobahnraststätte zu überstehen, die der Fahrzeuglenker relativ unvermittelt mit den Worten: "Ich muss jetzt unbedingt schlafen!" angesteuert hatte. Er wolle maximal zwei Stunden schlafen, schärfte er uns ein, "weckt mich dann um jeden Preis, egal was ich sage, ich muss UNBEDINGT weiterfahren, EGAL, WAS ICH SAGE!"

Die zwei Stunden vergingen irgendwie, man klopfte also an die Fahrertür, hämmerte an die Tür, nichts geschah, man stieg auf den riesigen Reifen und schlug gegen die Seitenscheibe, bis der Fahrer sich plötzlich erhob und wutentbrannt losschrie, was denn sei, ob wir denn TOTAL VERRÜCKT seien, er müsse UNBEDINGT SCHLAFEN, wir sollten sofort VERSCHWINDEN und ihn IN RUHE LASSEN!!! EGAL, WAS ICH VORHIN GESAGT HABE!

Zurück in der Raststätte beratschlagten wir; es wurde hell, man könnte eigentlich versuchen, anders weiterzukommen. Die Idee war nicht schlecht, nur: unser Gepäck befand sich im LKW. Nachdem ich eine weitere Stunde damit verbracht hatte, genug Mut anzusammeln, startete ich also den nächsten Versuch. Ich klopfte und machte möglichst viel Lärm, bis der Fahrer aus dem Schlaf hochschrak und mich verwirrt anstarrte. Ich erklärte ihm die Lage, er sah erschrocken auf die Uhr, schimpfte los, dass wir ihn doch hätten wecken sollen, das habe er doch gesagt, bot uns an, uns noch ein Stück mitzunehmen und tat das dann (nach ausgiebiger Morgentoilette im Rasthaus) auch.

Als er uns an irgendeiner Raststätte hinausließ, war endgültig klar, dass die Wege der Reisenden sich nun würden trennen müssen, die Reisende bekam recht schnell einen Lift in ihre südliche Richtung, der Reisende deutlich später einen in die ganz grob nördliche Richtung, bis zur Raststätte Baden-Baden - immerhin! Wo er nach ein paar Stunden in die Autobahnkirche ging, um Trost zu suchen, verzweifelt angesprochene Autofahrer sich um keinen Preis erweichen ließen, die Abenddämmerung hereinbrach, es windig und eiskalt war, er schließlich einen Querfeldeinmarsch dorthin begann, wo er die Stadt Baden-Baden vermutete, sie irgendwann auch fand, dort den Bahnhof ansteuerte und sein allerletztes Geld für ein Zugticket ausgab. Barfuß war der Nordpol einfach nicht zu bezwingen, nächstes Mal würde er die Badelatschen mitnehmen.


Epilog

Mit der Bahn fuhr ich in die Stadt, in der ich aufgewachsen bin, fand mein Elternhaus leer vor und gab mich dort ausgiebig der Badewanne hin. Danach schlief ich einen Tag durch. Alles war gut.

Es gab da allerdings jemanden, an den ich in den folgenden Tagen viel denken musste, und als das Telefon klingelte und sie ihren Namen nannte, wurde mir gleichzeitig heiß und kalt. Woher kannte sie die Nummer? Und warum rief sie an? Wollte sie nicht nach Österreich? Sollte das etwa heißen ... ? Immerhin musste sie sich große Mühe gegeben haben, herauszufinden, wo ich war und wie man mich erreichen konnte! [Kids: Das war weit vor Internet und Handy.]

Ich war noch nicht ganz fertig damit, meiner Freude über diesen unerwarteten, unverhofften Anruf gebührenden Ausdruck zu verleihen, da klangen aus dem Hörer die folgenden, unvergesslichen Worte:

"Du Idiot hast meinen Reisepass!"

--
*"Gunter Gabriel (* 11. Juni 1942 in Kirchlengern/Westfalen; eigentlich Günther Caspelherr) ..."

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Sonntag, 1. März 2009
Cold Turkey
nnier | 01. März 2009 | Topic In echt
In meinem Elternhaus war der Kaffee immer recht stark. Trotzdem gab es mal jemanden, der wie selbstverständlich sein Glas Nescafé aus der Jackentasche holte und in den frisch gebrühten Filterkaffee noch zwei, drei Löffel Instantpulver hineinrührte. Das war ein Herr, der als Bewohner einer psychiatrischen Einrichtung einer ständigen medikamentösen Sedierung ausgesetzt war und gelernt hatte, dem etwas entgegenzusetzen.

Ich kenne auch jemanden, der mir von seinen regelmäßigen Wochenendkopfschmerzen berichtete, und dass er irgendwann gemerkt habe, dass es sich um Koffeinentzug handelte.

Es ist soweit. Ich kann es nicht mehr leugnen. Da hilft kein Alibi-Kräutertee. Ich schiebe den Affen. Ob ich mit Aspirin substituieren soll?

(Für Mutige, d.h. nicht für Herrn vert.)

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Donnerstag, 26. Februar 2009
Barfuß zum Nordpol: Macchia
nnier | 26. Februar 2009 | Topic In echt
[Fortsetzung]
Tres conejos
En un arbol
Tocando
El tambor.
Que si
Que no
Que si.
Lo he visto yo.
(Aus Paul McCartney's Liverpool Oratorio)
Man darf sich das durchaus angenehm vorstellen. Drei Wochen Spanien, das war bezahlbares Essengehen im Nachbardorf, Kaninchen mit Knoblauch und Thymian und Rosmarin, herrlich, auch der Rotwein aus der Kooperative und die Fortuna-Zigaretten waren erschwinglich, man spielte Schach oder Doppelkopf, lernte ein wenig Spanisch, gut, und dass ich den Gastgeber und Spanischlaiendozenten auf Basis meiner kümmerlichen Schulkenntnisse gelegentlich korrigieren musste, schien er mir prinzipiell verzeihen zu können. Mir hätt's ja egal sein können, ich hätte ja still sein können und nichts zu riskieren brauchen, bittschön, dann lernt eben was Falsches, aber, wenn reflexive Verben ausgerechnet am Beispiel von me gusta, te gusta etc. erklärt werden, dann kann ich meinen Mund eben doch nicht halten und muss diskret räuspernd und in Frageform vorsichtig meine Bedenken äußern, gustar, das sei doch gar kein reflexives ... doch, das konnte er akzeptieren, war auch insgesamt ein fairer und angenehmer Gastgeber, lediglich zu früher Morgenstund, also bis zum Mittagessen, wortkarg, missgelaunt, dünnhäutig, und wenn man über seine endlos dahingegrummelten Motzereien zum Thema Margarine, die schmecke ja "beschissen", die sei ja "eklig", wer denn die gekauft habe, die schmecke ja "wie aus Erdöl gemacht", irgendwann lachen musste, blickten einen zwei reichlich humorlose Augen sehr durchdringend an. Oder wenn er einem ausführlich den Weg zu einem ungenutzten Acker erklärt hatte, auf dem es überreichlich Macchia gebe, die man sehr gut als Feuerholz nutzen könne, man dann mit dem Auftrag hingefahren war, nicht mehr als einen Kofferraum voll zu holen, dann zwei Stunden lang vereinzelte dürre und grüne Zweiglein aufgesammelt hatte und doch nur mit wenig mehr als einem Arm voll Holz wiedergekommen war, dann verfinsterten sich Miene und Stimmung ziemlich drastisch; wobei auch andere Menschen ihre Eigenheiten hatten, der eine wollte früh schlafen und der andere lange feiern, der eine im Morgengrauen aufstehen und der andere unter der Mittagssonne frühstücken, das Übliche halt, kleine Psychosen und große Neurosen gaben sich das mir aus Gemeinschaftsurlauben bereits vertraute Stelldichein, Futterneid, Eifersucht, man kennt das ja alles, und auch ich begann eines Morgens beim Abwaschen, welches mir durch Druckbeschallung mit Iron Maidens Run to the Hills wesentlich leichter von der Hand zu gehen schien, angesichts der missgelaunt herüberschauenden Gesichter, vor allem aber des dramatisch verringerten Messerbestandes im Besteckkasten, mich zu fragen, ob man sich für die letzten Tage evtl. bewaffnen solle. Außerdem ließ sich das Thema der Rückreise langsam nicht mehr verdrängen, denn nach wie vor standen für zwei Personen keine Plätze in den Autos zur Verfügung, und während ich mich mit dem Gedanken anzufreunden versuchte, entgegen aller Schwüre evtl. doch wieder per Anhalter zu reisen, stand für mich fest: Keinen Fuß auf französischen Boden.

Eine der Reiseteilnehmerinnen, und zufällig die, die mir, sagen wir, sympathisch war (Aua! Da kannte ich dich doch noch gar nicht!), war entschlossen, sich auf folgenden Plan einzulassen: Wir stellen uns zu zweit an den Grenzübergang, wir warten gezielt auf Autos mit deutschen Kennzeichen, wir bleiben bis Deutschland zusammen, wir denken nicht mal darüber nach, irgendwo in Frankreich auszusteigen, wir fragen nach einem durchgängigen Lift bis auf deutschen Boden - ganz oder gar nicht, das war unser Motto.

Meine Tramper-Erfahrung hatte mich ja gelehrt, dass es gewisse geschlechtsspezifische, statistisch signifikante Unterschiede bei der Frage gibt, ob und wie schnell man mitgenommen wird. Nicht nur einmal hatte ich erlebt, wie nach stundenlangem Herumstehen eine vorzugsweise blonde Tramperkollegin erschien und den Daumen noch nicht ganz in der Luft hatte, bevor drei Autos quietschend bremsten und die Fahrer sich um den potentiellen Fahrgast stritten. Während man sich vorsichtig heranpirschte, wurden alle drei Türen wieder zugeknallt, die Autos fuhren weg - und aus einem winkte die Tramperin einem lächelnd zu. Ich konnte also durchaus realistisch annehmen, angesichts der Haarfarbe und insgesamt angenehmen Erscheinung meiner Mitreisenden (Aua! Wirklich, das war, bevor wir uns kannten!) auf eine erhöhte Mitnahmebereitschaft zu treffen. Und in der Tat hupten und grinsten in den ersten Stunden an der Grenze schätzungsweise zwanzig LKW-Fahrer, zeigten auf die, die sie gerne mitgenommen hätten, hielten manchmal auch an, sahen dann missmutig und enttäuscht zu mir herüber, versuchten wortreich zu erklären, wie gerne sie zwar, aber zwei Mitreisende, das ginge nicht, und fuhren dann alleine weiter.

[Bald ist Schluss]

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Montag, 23. Februar 2009
Du bist hoffentlich so heiß wie ein Vulkan
nnier | 23. Februar 2009 | Topic In echt
Meinen Kaffee trinke ich am liebsten ganz heiß. Genauer gesagt: Ich trinke ihn nur in Momenten größter Not anders.



Nichts stört mich mehr, als wenn der Kaffe nur warm ist. Das kommt gelegentlich vor - zum Beispiel, wenn man ihn in normalem Tempo trinkt. Dann kühlt er unweigerlich in der Tasse ab. Meistens lasse ich darum etwas übrig. Oder ich stürze das Zeug in mich hinein. Beides ist nicht sehr gesellschaftsfähig.



Manchmal habe ich die noch fast volle, aber schon zwei Minuten alte Tasse zum Aufheizen ins Mikrowellengerät gestellt. Was denn? Das ist immer noch besser als Kaffee, der nur warm ist! Dampfen muss der!



Man kann vorher heißes Wasser in die Tasse geben, dann nimmt sie schon mal etwas Wärme auf. Das ist besser als nichts.

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Mittwoch, 18. Februar 2009
Ich will auch
nnier | 18. Februar 2009 | Topic In echt
Manche



Leute



haben's



schön.

Vielen Dank für diese tollen Fotos, lieber Freund.

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Montag, 16. Februar 2009
Barfuß zum Nordpol: Krieg
nnier | 16. Februar 2009 | Topic In echt
[Fortsetzung]

Irgendwie kommen wir manchmal auch voran, z.B. an dem Tag nach der komatösen Nacht in Valence, als wir von einer freundlichen, jungen Frau mitgenommen werden. Diese unterhält sich recht ausführlich mit uns und zeigt sogar Verständnis für unsere Irritation über gewisse Praktiken der Exekutive, im Gegensatz zu den anderen Franzosen, die das bisher alle schulterzuckend ganz normal fanden. Der einsetzende Regen und die leise Musik aus dem Autoradio lullen mich ein, ich bringe meine schmerzenden Knie in eine erträgliche Haltung, auf der Straße bildet sich ein Schmierfilm, die Fahrerin erzählt von einer Stelle, an der wir gut weiterkommen müssten, sie werde uns hinbringen, da das doch ein gutes Stück abseits ihrer eigentlichen Route sei, ach nein, lehnen wir ab, das sei nun wirklich nicht nötig, oh doch, lächelt sie, huch!, hier müssen wir ja schon abbiegen,

whack!,

macht ihr Kleinwagen, als er gegen die ca. 50 cm hohe Betonwand, welche die Schnellstraße begrenzt, knallt, das ist doch inzwischen ziemlich glatt, oh Mensch, das tut uns ja echt leid, Mist, können wir irgendwie helfen, nein, nein, geht zu der Tramperstelle, ich komme schon klar, bis zur Werkstatt werde ich noch irgendwie kommen. Wenn es einen Gott gibt, warum lässt er so etwas zu?

Psychisch zerrüttet und körperlich, na ja, das habe ich inzwischen ja deutlich gemacht, schleppt man sich durchs Niemandsland, die Erinnerung wird hier auch wirklich neblig, am Ende dieses Tages, es wird schon dunkel, stehen wir wirklich vollkommen verloren und ohne Hoffnung am Rande eines Bauerndorfs, da hält ein Wagen und nimmt uns mit. Unglaublich! Der freundliche Mann spricht einen starken südfranzösischen Dialekt, hört sich unsere Polizeigeschichten an, ist mit uns empört und beginnt dann seinerseits mit einer Erzählung.

Er ist schon oft im Gefängnis gewesen, in Spanien während des Bürgerkriegs, seine Eltern waren im Widerstand, man hat seine Mutter geholt und dann ihn geholt und die Knäste in Spanien und Südfrankreich sind nicht so erholsam wie die mitteleuropäischen, die sind ja Luxus, am Mittelmeer ist es anders, dreckig, es gibt viel Gewalt und die Wärter sind korrupt und die Gefangenen pervers und die Zellen überfüllt, sie warten dort nur auf so harmlose Touristen wie euch und damals, les tanks, die Panne-zeurs, im Bürgerkrieg, hat er angegriffen als Partisan, les armes, die Waffen, damit kennt er sich aus, im Knast haben sie ihn gefoltert, torturé, ein Messer muss man unbedingt haben, ich bringe euch lieber bis narr Montpellier, aber das ist gefährlich da, man mag da solche Leute nicht wie euch, mit Rucksäcken und ohne Geld, und die Polizei will euch nicht sehen da, und die Kriminellen am Bahnhof sind gefährlich, er macht diese Bewegung mit der Hand entlang seiner Kehle, reicht einem eine Zigarette nach hinten, man zündet sie zitternd an und bekommt einen Schock, als das Menthol sich in der Lunge ausbreitet, so runter sind die Nerven, ein bisschen Geld müssen sie schon bekommen, wenn sie euch überfallen, sie werden euch durchsuchen, vous comprenez, packt also einen Teil eures Geldes in die Jackentaschen und den Rest dans le slip, versteht ihr, und der Knast ist kein Spaß in Südfrankreich, es ist schon spät, hoffentlich kommt ihr noch in den Bahnhof, es ist nicht lustig sonst, so erzählt der gute Mann, und langsam formt sich der Gedanke, dass man sein Geld vielleicht in ein Zugticket investieren sollte. Todgeweiht laufen wir in Montpellier zum Bahnhof, hektische Blicke in alle Richtungen, ich kaufe, da es jetzt auch nicht mehr drauf ankommt, eine Packung schwarzer Gitanes ohne Filter, die sich wie glühende Nägel in die Lunge bohren, bis man sich auch daran gewöhnt hat, und dann sitzen wir im Zug und fahren so weit nach Süden, wie es nur geht.

[Rest kommt auch noch]

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Samstag, 14. Februar 2009
I showed ya, Wolfram S.!
nnier | 14. Februar 2009 | Topic In echt
Altes Brot kleinschneiden
Milch, Zucker, Prise Salz
Aufkochen
Brotbrocken zerdrücken
(DeLuxe-Version für etepetete: Ein Ei reinrühren)

Hm, legger! Diesmal muss es einfach klappen.

Zeit Kochwettbewerb 2009 (... denn das Auge isst mit!)

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Donnerstag, 12. Februar 2009
Barfuß zum Nordpol: Euphorisches
nnier | 12. Februar 2009 | Topic In echt
Mediziner beschreiben auch subjektives Wohlbefinden Schwerkranker als Euphorie.
[Fortsetzung]

Valence! Nördliches Tor der Provence! (Steht da, wo auch alle anderen abschreiben). Tatsächlich der erste Ort, der ein wenig südliches Flair verbreitet, das Klima milder, es gibt Palmen, der Boden ist sandig, aber, ach!, die Begeisterung meines Reisegefährten vermag ich nur partiell zu teilen.

Ich weiß. Jammern macht unattraktiv und so. Bleiben wir also einfach bei den Fakten. Es gibt ein Schild. Es gibt eine Art Jugendherberge. Der Weg dorthin ist nicht mal weit. Jedenfalls für gesunde Erwachsene. Ich hingegen werde ständig von Omas mit Rollatoren überholt, beiße die Zähne zusammen, schleppe mich stumpfsinnig vorwärts, wir erreichen die ersehnte Herberge, sie wirkt seltsam unbewohnt, erste Panikgefühle kommen auf, bis schließlich doch ein Angestellter erscheint, uns den Preis nennt und, da nicht genügend Francs zur Hand und alle Wechselstuben geschlossen, nach kurzer Diskussion unsere Deutschmarks akzeptiert, wir werden in einen leeren Schlafsaal geführt, die warme Dusche kommt kaum gegen die Freudentränen an, die sie auslöst, ich schaffe es irgendwie noch bis zum Bett und verarzte notdürftig meine zerschundenen Füße, doch all das erlebe ich nur noch wie im Nebel, die Sprache versagt, endgültig übernehmen nun die Grundbedürfnisse die Herrschaft, es ist 20:00h und bis zum nächsten Morgen ist da nur noch ein tiefes, schwarzes Loch, wahrscheinlich spielen die Beatles vor der Herberge auf, während Außerirdische an uns Experimente durchführen - nur schlafen, endlich schlafen, in einem Bett, mit einer Decke, im Warmen, unbedroht von Gendarmerie und Zoll, und wenn ich zu einer Empfindung fähig gewesen wäre, ja, dann hätte man diese Euphorie nennen müssen.

[Geht irgendwann weiter]

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Mittwoch, 11. Februar 2009
Barfuß zum Nordpol: Es geht voran
nnier | 11. Februar 2009 | Topic In echt
[Fortsetzung]

Früh am Morgen erreichen wir mit dem Zug Lyon. Dort auszusteigen fällt schwer, am liebsten wäre man einfach sitzengeblieben, so warm und weich sind die Sitze, aber wir können uns das ja nicht leisten. Weder nach Römischen Theatern noch nach Kathedralen fragen wir deshalb in der Tourist Info, sondern nach einer guten Stelle für faire l'autostop. Seltsamerweise ernten wir nur verständnislose Blicke und werden unwirsch abgefertigt. Liegt das an meinem schlechten Französisch? Meinem doch langsam etwas heruntergekommenen Äußeren? Immerhin haben wir uns doch gerade in einer dieser herrlichen öffentlichen Toiletten ausgiebig frischgemacht! Gut, ohne Rasur und Parfum. Und so besonders viele frische Klamotten hat man ja auch nicht dabei, wenn man nur eben kurz nach Spanien trampen will.

Natürlich mag es auch an meinem inzwischen sehr deutlichen Hinken (die Knie! Die Schuhe!), diesem leicht gebückten, schleppenden Gang gelegen haben, denn wie man weiß, dient es ja der Erhaltung der Art, das ist evolutionär einfach so einprogrammiert, die Kranken und Schwachen auszusortieren, siehe Raben und Krähen und Eskimos und Indianer. Mitleid ist da lediglich eine kulturelle Überformung. Deshalb mögen auch die mutlose Aura und der flackernd-irrlichternde Blick aus rotgeäderten, übermüdeten Augen eben keine spontanen karitativen Instinkte, sondern deutlich ablehnende Reaktionen hervorgerufen haben. "Schleicht euch!", so schienen die Damen und Herren uns zuzuzischen, und nach Einnahme eines Kaffees und einem Blick auf die - immerhin! - ergatterte Umgebungskarte der Stadt entschieden wir, erneut Geld zu investieren und per Bus in einen südlichen Vorort namens Vienne zu fahren. Dort sollte man nun wirklich gut wegkommen.

Aus dem Bus auszusteigen tat ernsthaft weh, nicht nur in den Knien; es bedurfte dazu einer sehr ausgeprägten Willensanstrengung. Und irgendwann nahm uns tatsächlich jemand mit, brachte uns jedoch von der Strecke nach Süden ab, wir standen plötzlich im Niemandsland - aber einen Hypermarché gab's dort, in dem wir einkauften, ich konnte wirklich nicht mehr normal gehen, die Strecken in dem Riesensupermarkt erschienen mir endlos, wir aßen und tranken und saßen stundenlang herum. Und dann wurden wir doch noch mitgenommen, bis nach Valence, zurück auf die Strecke, immerhin, aber es war schon Abend. Ich kam kaum aus dem Auto heraus. Wir mussten irgendwo übernachten.

"Nimm keine Rücksicht auf mich, lass mich hier einfach liegen. Hauptsache, du überlebst. Sag meiner Familie, dass ich sie liebe", flüsterte ich meinem Reisegefährten zu, er aber schulterte mich und marschierte mit mir ins Zentrum des Städtchens, in dem er die ersten Palmen seines Lebens sah. "Reiß dich zusammen, wir sind heute doch gut vorangekommen. Fast hundert Kilometer!"

[Wird irgendwann fortgesetzt.]

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Donnerstag, 5. Februar 2009
Kümmelüm Kümmelüm
nnier | 05. Februar 2009 | Topic In echt
Der Spielmann, der Spielmann ist immer noch nicht da
Er kümmelt aber noch
Er kümmelt aber noch
Ich habe einen schweren Fehler begangen. Ich war hungrig einkaufen.

An solchen Tagen bekomme ich dann plötzlich Appetit auf Kochkäse. Ich weiß nicht, ob von den jungen Leuten noch jemand Kochkäse kennt. Es geht da in etwa um die Generation Lachsersatz, das ist so rotgefärbtes und total versalzenes zerschreddertes irgendwas-aus-dem-Meer im Glas, sehr ölig, das habe ich zwar recht selten, dann aber immer gerne gegessen. Oder Harzer Käse, auch als "Stinkekäse" bekannt, der wäre ja längst genauso ausgestorben wie Silberzwiebeln, könnte man ihn nicht irgendwie mit 0,1% Fett und solcherlei Argumenten an die Frau bringen, die das dann, weil's "gesund" ist, freudlos herunterwürgt. Nein, wenn schon Harzer Roller oder Olmützer Quargel, also diese Batzen aus Sauermilchkäse, dann bitte nicht mit hellem und bröseligem Kern, sondern mit natürlichem Fettgehalt und durchgereift (nicht zu verwechseln mit verwest und hochexplosiv, das kommt kurz nach dem Durchreifen). Und, ganz wichtig: Mit Kümmel.



Ich weiß ja nicht, was die Leute gegen Kümmel haben. Neulich saß ich bei einer Feier neben Menschen aus Franken, so Nürnbergbambergdiegegend, und die wissen nämlich ganz genau, dass es mit der Brotkultur hier im Norden nicht so weit her ist. Ein annehmbares Sauerteigbrot bekommt man hier kaum, und es schmeckt auch nur frisch gut. Wie anders ist es dort unten im Frankenland! Das weiß ich zufällig selbst. Das Brot schmeckt nach drei Tagen immer noch, und vor allem: Es schmeckt überhaupt nach etwas!

Die Zauberzutat nennt sich Kümmel. Und da staunen die Bremer. Jawohl, ich liebe das Sauerteigbrot mit dieser fantastischen Krume und etwas Kümmel. Diese Brote sind nicht bröselig, haben aber auch nicht die gummiartige Konsistenz, die, wenn das Brot frisch ist, einem das Schneiden verunmöglicht und schon eher nach Brötchen schmeckt, sondern sie sind einfach schnittfest, nicht zu feucht, aber eben auch nach Tagen noch nicht trocken. Wie bitte? Und ob das gut schmeckt! Einfach mit Butter; oder mit Käse; oder mit Wurst; oder mit Schinken; oder mit Quark; oder mit Marmelade (ja, das auch! Ja, mit Kümmel!)



Der Kochkäse ist ein zähflüssiger Sauermilchkäse zum Streichen, den man natürlich nicht in irgendwelchen 20- oder noch geringerprozentigen Varianten kauft, dann kann man's gleich lassen, das ist wie Schwarzwälder Kirsch ohne Sahne und mit Süßstoff. Die 40% sollte man sich schon gönnen und dann einfach so ein kleines, durchsichtiges, flexibles Plastikbehälterchen aus dem Kühlregal nehmen, die sehen so aus, wie sie immer aussahen, wenden sich also bewusst nicht an ein junges Trendpublikum, aber bitte immer darauf achten: Kümmel! Erst mit Kümmel wird die Sache so richtig gut.

Mir war in diesem Einkaufszentrum ("Servus in Österreich! Österreich-Wochen!") schon auf dem Hinweg die zusammengezimmerte pseudoösterreichische Jausenhütte aufgefallen, in deren Auslagen sich neben Würschtln , Leberkäs und diversen fiesen Bergkäsesorten auch trümmergroße Bauernbrote befanden. Obendrauf Kümmel! Innen schon von Textur und Färbung her sehr nahe an dem, was ich gerne mag! Also verzichtete ich auf den gewohnten Kauf des Langweilerbrotes und steuerte die Hüttn auf dem Rückweg hoffnungsfroh an. "100g -.44", stand unter dem Brot, also teurer als anderswo das Schnitzel, und ich deutete tapfer auf ein halbes und fragte, wieviel das wohl sei. Ja, servus, so 1600, 1700 Gramm - oha! -, aber ich kaufte es und bekam sogar Mengenrabatt, indem der Preis von 6,52 auf glatte 6.- Euro abgerundet wurde.

Gott, 6.- Euro für ein Brot, war es das wert, fragte ich mich bang, fuhr halb wahnsinnig vor Hunger nach Hause, schnitt die übergroße Scheibe ab, freute mich wie blöd an dem würzigen Kümmelgeruch, strich Butter darauf, und dann, ja, der Kochkäse, auch mit Kümmel, tu ganz viel drauf, jetzt nicht nachlassen, oh, mein Gott! Schmeckt das gut!



Ich habe so viel gegessen. Ich bin erledigt.

Es gibt die Tage für das Verfeinerte, das frische Weißbrot und die raffinierten Käsesorten und die Pralinen. Und das kann mir alles gestohlen bleiben, denn nach diesen Broten und einer unglaublich leckeren Tasse Filterkaffee (frisch gemahlen, gerade gekauft) weiß ich wieder, wo ich hingehöre. Wenigstens bis morgen.

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