Mumien, Analphabeten, Diebe.
Du hast's gut, du hast dein Leben noch vor dir.
Dienstag, 3. Februar 2009
Bei uns ist der König Kunde
nnier | 03. Februar 2009 | Topic In echt
Es gibt im Bremer "Viertel" ein Fachgeschäft für Musikinstrumente und so Zeug. Das ist eines jener paar inhabergeführten Einzelhandelsgeschäfte, bei denen man als Kunde den Eindruck bekommen muss, es sei eine ganz besondere Gnade, dort bedient zu werden.

Ich erwarte nicht das duckmäuserische Geschleime, das mancher gerne euphemistisch als "Dienstleistermentalität" bezeichnet und dabei doch nur rückgratloses Buckeln unterbezahlter Beschäftigter vor jedem, der evtl. mit einem Geldschein winkt, meint; ich habe gerne ein selbtbewusstes Gegenüber, und als neulich jemand in ruppigem Ton die Angestellte des Drogeriemarktes anherrschte, sie solle gefälligst zackzack seine Fotorbeiten aus der Selbstbedienungstheke heraussuchen, da er seinen Schein mit der Abholnummer verloren habe, worauf sie entgegnete, dass sie die Zeit nicht habe und er aber gerne selbst seine Tüte heraussuchen dürfe, er dann herumschrie, dass er "einen so schlechten Service noch in keinem Fotoladen" geboten bekommen habe, sprang ich der bedrängten Arbeitnehmerin zur Seite und erklärte dem Mann, dass er im Fotoladen eben auch 59 statt 9 Cent pro Bild bezahle und das ja nächstes Mal einfach wieder tun könne.

Was ich dennoch nicht verstehe, ist, wenn Kunden wie lästige Bittsteller behandelt werden. So gibt es ganz in meiner Nähe einen Elektroladen, den ich trotz einschlägiger Erfahrungen neulich wieder einmal aufsuchte, um eine Leuchtstoffröhre bestimmter Größe und Wattzahl zu kaufen. Ich hatte mir die Länge anhand der Aufschrift der zu ersetzenden in Zoll notiert und wurde folglich erst einmal angepflaumt, dass er "mit Zoll nichts anfangen" könne, woraufhin ich die Länge überschlagsmäßig in cm umrechnete, er dann knurrte, das sei aber "Bestellware" und mich herausfordernd ansah, so dass ich einen schönen Tag wünschte und wieder ging. Rein theoretisch, dachte ich beim Verlassen des Geschäfts, hätte der gute Mann mir ja den Preis und die zu erwartende Lieferzeit nennen können. Aber sein, vorsichtig formuliert: Desinteresse, vertrieb mich auch diesmal - und bei dem Herrn handelt es sich um den Inhaber, nicht etwa einen unmotivierten Angestellten.

Purer Idealismus ist es auch, der mich regemäßig in die hiesige Buchhandlung treibt, auf dass es noch lange eine im Stadtteil gebe, denn auch dort kann man jedesmal erleichtert aufatmen, wenn man, ohne sich Vorwürfe oder Genörgel anhören zu müssen, wieder rauskommt. Vielleicht haben die alle ihre guten Gründe, z.B. Ärger zu Hause oder eine kranke Mutter, aber schön ist das nicht. Nehmen wir nun noch den angestammten Schreibwaren- und Spielzeugladen hinzu, auch er kein Filialist, sondern tapferer Einzelkämpfer - und auch dort wird man stets beäugt wie ein potentieller Dieb, und fragt man vorsichtig nach Artikel X, wird einem gerne in beleidigtem Ton geantwortet, dass man den nicht habe und "wirklich nicht alles" vorrätig haben könne.

Mein idealistischer Ansatz, immer dann, wenn es preislich keinen gar zu großen Unterschied macht, möglichst lokal beim Einzelhandel zu kaufen war es dann auch, der mich zu dem besagten Musikladen trieb. Flötennoten in zweifacher Ausfertigung mussten besorgt werden, ich erkundige mich telefonisch, wurde aufgefordert, im Internet die ISBN herauszusuchen und dann per E-Mail zu bestellen, bekam nach einigen Tagen Nachricht, dass ein Exemplar da sei, fuhr hin, kaufte es, betonte, wie dringend ich auch das zweite bräuchte, man sicherte mir zu, mich zu benachrichtigen, wenn das andere eintreffe, das könne nicht lange dauern - und ja, man werde sich darum kümmern. Die langweiligen Einzelheiten kürze ich mal ab: Ich musste immer wieder anrufen, man vertröstete mich immer wieder, versprach, beim Lieferanten nachzuhaken und mich auf dem Laufenden zu halten, doch nichts geschah, so dass ich schließlich beim Internetversand orderte. Monate ist das her.

Heute abend nun rief mich eine Dame an, die in eisigem und vorwurfsvollen Ton zu mir sprach: "Sie haben mal was bei uns bestellt. Das ist noch nicht abgeholt." - "Ach, die Noten? Die brauche ich nun nicht mehr, ich habe damals lange gewartet und am Ende woanders gekauft." - "Das ist aber nicht schön, dass Sie uns das nicht gesagt haben!" - "Ja, und es war nicht schön, dass ich damals nie benachrichtigt wurde, immer selbst nachfragen musste und nur vertröstet wurde." - "Da sieht man wieder mal, dass diese Bestellungen per E-Mail einfach nichts wert sind!" Damit legte sie auf.

Und wenn ich nicht wüsste, dass mein Handeln einem höheren Zweck dient, und wenn ich nicht wüsste, dass etwa ein ama*on-Monopol grauenhafte Folgen haben wird, dann würde ich an einem solchen Tag beschließen, die anstregende Pflege der kleinen Einzelhändler einzustellen und mir alles vom Versandhandel ins Haus liefern zu lassen - aber echt.

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Montag, 2. Februar 2009
Verlängertes Regalleben
nnier | 02. Februar 2009 | Topic In echt
Es gibt Veränderungen, die so schleichend geschehen, dass man sie kaum bemerkt. Letztes Jahr fielen mir zum ersten Mal im Kühlregal zwei Sorten Milch (Bärenmarke und Weihenstephan) auf, die von sich behaupteten, "länger frisch" zu sein. Dafür waren sie auch deutlich teurer als Gut und Günstig, hatten eine klare "Premium"-Anmutung und ich dachte, in Ordnung, die glücklichen Kühe da oben in der guten Luft, irgendwie geben die halt besonders gute Milch, werden mit speziellen Kräutern von Hand gefüttert, und mit viel Liebe und in Handarbeit stellen die rotwangigen jungen Mädchen in der Molkerei da etwas ganz Besonderes her, indem sie die beste Milch auf geheimnisvolle Weise abschöpfen und dabei altdeutsches Liedgut trällern. Bitte, für mich ist das zu teuer, dachte ich, außerdem geht die frische Milch täglich und literweise nur so durch unseren Kühlschrank durch, da brauche ich keine, die drei Wochen hält, aber, wer weiß, so ein besserverdienender Single-Haushalt, es gibt ja Leute, die in ihren Kaffee gerne frische und nicht etwa Kondensmilch tröpfeln, und bis die so einen Liter verbraucht haben, und jeder wie er mag außerdem.

Die Milchlogistik hatte ich eigentlich gut im Griff all die Jahre, dennoch musste man immer ein wenig darauf achten, dass nicht plötzlich fünf Liter da sind, die aus Haltbarkeitsgründen in zwei Tagen verbraucht werden müssen. Im Laden immer schön die am längsten haltbare Frischmilch von ganz hinten nehmen, wer kennt das nicht, und irgendwann im letzten Jahr wurde das auf einmal viel entspannter, die frische Milch war plötzlich immer mindestens noch eine Woche lang haltbar, manchmal auch zwei. Ich gestehe, dass ich mich latent gewundert habe, aber da es ja kein unangenehmer Reiz war, ging ich innerlich darüber hinweg und hatte höchstens ein paar halbgare Gedankenfetzen wie z.B. "vielleicht sind die Milchfabriken jetzt irgendwie besser und mal sehen, ob an der Kasse wieder die aparte Blo".

Erst nachdem ich über diesen Zeitungsartikel gestolpert bin, wurde mir bewusst, dass es zwischen der Frisch- und der H-Milch inzwischen eine weitere Produktvariante gibt: Die sogenannte "ESL-Milch", die wesentlich höher erhitzt wird als Frischmilch. Aber auch da (den Artikel überflog ich vor einigen Wochen) habe ich noch nicht verstanden, dass es in vielen Geschäften gar keine Frischmilch mehr gibt - und dass ich die ganze Zeit solche "ESL-Milch" kaufe! Die steht jetzt genau da, wo vorher die frische stand, sieht genauso aus und hat für den Handel natürlich den großen Vorteil, dass sie nicht so schnell verdirbt und die Läden viel besser disponieren können. Geschmacklich merkt man's kaum, finde ich, und gerade das ist das Perfide: Schleichend und unbemerkt (nach dem kleinen Aufdruck "länger frisch" muss man suchen - und wenn man ihn sieht, denkt man an nichts Böses) wird ein Produkt durch ein anderes ersetzt, die klassische pasteurisierte Frischmilch durch hocherhitzte, und man bekommt es einfach nicht mit.

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Barfuß zum Nordpol: Erst mal eine rauchen
nnier | 02. Februar 2009 | Topic In echt
[Fortsetzung]

Während einige der vier Pistolen sich einsatzbereit in den Händen ihrer Besitzer befinden, hat der junge Mann mit der Maschinenpistole seine Waffe ganz diskret quer vor der Brust hängen, so dass sich das Risiko durchaus kalkulieren lässt. Denn nach zehn Minuten des bewegungslosen Herumstehens im Scheinwerferlicht beginnt man sich natürlich zu fragen, wie lange das noch dauern soll mit der Überprüfung der konfiszierten Ausweispapiere. Du stehst da, keiner sagt was, da wird man doch wenigstens seine Zigaretten aus der Jackentasche fingern und mal eine rauchen können. Gut, allzu ruckartige Bewegungen vermeidet man automatisch, man kann gegen das Licht auch so schlecht erkennen, was die da machen und ob sie irgendwie reagieren; warum zitterst du eigentlich so beim Anzünden?

Der auf eine ernste, grummelige Weise eher freundliche Rudelführer kommt irgendwann an, setzt dir auseinander, dass das verboten sei, hier zu schlafen und außerdem gefährlich, "vous risquez de vous faire attaqué" oder so, nein, faire l'autostop sei nicht verboten, aber hier dürfe man nicht bleiben. Einverstanden, denkt man, bei der Kälte geht das eh nicht mehr, und nachdem das Auto und seine Insassen wieder verschwunden sind, marschiert man mit seinen schmerzenden Knien durch den ganz übel pfeifenden Wind zurück nach Bourg-en-Bresse, wo man immer noch keinen anständigen Schlafplatz auftun kann und sich deshalb irgendwann in den Eingang eines Geschäfts setzt, gelegentlich die Augen zumacht, sie dann erschrocken wieder aufreißt und merkt, dass es jetzt doch langsam anstrengend wird. Da hilft es nicht, dass als einziges Auto eines der Polizei an einem vorüberfährt, aber merkwürdigerweise nicht anhält. Dennoch, das lässt sich nervlich nicht mehr durchhalten, da war doch vorhin dieser hässliche Bahnhof, man sucht und findet diesen und setzt sich mal hier und mal dort auf eine Bank oder den Fußboden, von wo man dann wieder vertrieben wird oder die man wegen unangenehmer Nachbarschaft freiwillig verlässt. Luzide Träume, ein überreizter und zugleich todmüder Geist, man fühlt sich schmutzig, kalt - und diese Knieschmerzen!

Nach dieser Nacht, die irgendwie vorbeigeht, beschließt man, das Thema "Geld sparen" vorübergehend ad acta zu legen und sich einen Zug nach Lyon zu leisten. Von dort sollte man doch besser wegkommen können als aus diesem gottverlassenen Nest!

[Fortsetzung folgt]

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Sonntag, 1. Februar 2009
Barfuß zum Nordpol: Klar jewesn
nnier | 01. Februar 2009 | Topic In echt
[Fortsetzung]

"Zu dem Zeitpunkt war ich psychisch eigentlich noch ganz gut beisammen", erzählt mein Reisegefährte, der dankenswerterweise mein Gedächtnis stützt, da ich es mit den Ortsnamen und der exakten Abfolge nicht so habe.

Vom Schlachthof aus
ging's weiter bis kurz vor die Partnerstadt von Bad Kreuznach, was übrigens eine völlig nebensächliche Information ist, aber wer weiß, wozu man's mal brauchen kann. Etwa 150 km hatten wir an diesem Tag geschafft, als der Fahrer des Tiertransporters uns aussteigen ließ. Den Versuch, noch weiterzutrampen, gaben wir auf, als der Abend heraufdämmerte. Es war kalt, wir waren müde und marschierten eher planlos ins Zentrum von Bourg-en-Bresse, wo wir uns in einer Bar aufwärmten und einige Heißgetränke zu uns nahmen.

Da uns bewusst wurde, dass wir hier irgendwo die Nacht würden verbringen müssen, beschlossen wir, stadtauswärts an der Straße in Richtung Lyon einen Schlafplatz zu suchen, irgendeine Nische würde es wohl geben, und an dieser Straße wollten wir am nächsten Tag den Daumen wieder ausstrecken, um dann endlich einmal richtig voranzukommen. Der Fußmarsch zog sich hin, und hier war es auch, dass ich zum ersten Mal einen bis dahin unbekannten Schmerz in den Knien verspürte, den ich vermutlich der Kälte oder meinen schicken, aber zum Marschieren schlecht geeigneten neuen Schuhen zuzuschreiben hatte.

Mit den Nischen ist das ja so eine Sache, überall sind dauernd welche, aber wenn du einmal eine brauchst! Immerhin, eine Art Gewerbegebiet sah man da in der Ferne, menschenleer, wir entdeckten eine im Bau befindliche Halle, eigentlich nichts als ein Dach auf Pfosten, windgeschützt war es also nicht, aber inzwischen sehr spät. Wir legten uns irgendwie auf den Boden und versuchten, ein wenig zu dösen. Was mir allerdings nicht so ganz gelingen wollte, und das lag weniger an der Kälte, dem Hunger oder den schmerzenden Knien; nein, die Erinnerung an die fünf Uniformträger in Dijon, die entwürdigende Behandlung, ihre höhnische und aggressive Schadenfreude war es, die mich wach hielt und bei jedem Geräusch hochfahren ließ.

"Zu dem Zeitpunkt war ich psychisch eigentlich noch ganz gut beisammen", meint also mein Mitreisender, der in jener Nacht, das weiß ich noch sehr genau, irgendwann auch ein paar spöttische Bemerkungen über meine Paranoia fallen ließ, wenn ich wieder einmal glaubte, ein Auto herannahen zu hören und zusammenzuckte. Dass uns hier niemand etwas könne, und das sei ja wohl erlaubt, was wir hier machten, und es habe uns niemand gesehen, und Dijon sei weit, so ungefähr drückte er sich aus, und während ich mir ernsthaft Mühe gab, mich überzeugen zu lassen und langsam etwas zur Ruhe zu kommen, kam ein Auto herangefahren, hielt direkt auf uns zu, bremste knapp vor uns, wir rappelten uns im grellen Scheinwerferlicht auf, fünf Männer stiegen aus. Sie trugen Uniformen, sie hatten Funkgeräte, sie waren bewaffnet.

[Geht irgendwann weiter]

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Montag, 26. Januar 2009
Barfuß zum Nordpol: Abstecher
nnier | 26. Januar 2009 | Topic In echt
[Was bisher geschah]

Als ich mich entschied, statt 15 Monaten bei der Bundeswehr lieber 20 beim Zivildienst zu verbringen, spielten dabei die in der Darlegung der Gewissensgründe angeführten pazifistischen Motive durchaus eine Rolle - viel dringlicher und auch konkreter allerdings war die Furcht davor, mit den falschen "Kameraden" in einer Kasernensituation festzusitzen. Aus mündlichen Erzählungen und einschlägiger Literatur hatte ich ja eine Vorstellung davon destilliert, dass nach den drei Monaten Grundwehrdienst eine endlose Ödnis beginnt, die grundsätzlich mit Saufen, Pornos, lautem Furzen und gnadenlosem Mobbing eines jeden, der nicht ständig Puffwitze erzählt und homophobe Sprüche durch die Gegend gröhlt (und was man unter Jungmännern sonst noch so zu tun hat), sondern vielleicht mal ein Buch liest, totgeschlagen wird. Eine Vorstellung übrigens, die mir später vielfach von Bekannten bestätigt wurde und die ja auch nicht so weit hergeholt ist.

Schon auf Klassenfahrten konnte man ja in manchen Herbergszimmern die bizarren Demütigungsrituale der Junggorillas verfolgen, in den Schulbussen - auch so eine unentrinnbare Situation - wurden Kinder und Jugendliche psychisch gebrochen, Gott, war ich froh, dass ich nicht auf dem Dorf wohnte! Denn bei meinen sehr wenigen Fahrten mit einem solchen Bahn- oder Postbus (wo hatte die Post damals eigentlich noch überall ihre Finger drin?), wenn ich nach der Schule mal jemanden in Lenglern oder Bovenden besuchte und also mitfahren musste, erstarrte ich innerlich immer mehr, als ich mitbekam, wie die kleinsten, blassesten, schüchternsten Mitschüler auf entsetzliche Weise gedemütigt wurden, sie schlichen durch den Gang nach hinten und wurden unter lautem Gelächter von jedem Sitz aus geohrfeigt, mit Müll beworfen, bedroht und verhöhnt, man stellte ihnen das Bein und boxte sie in die Rippen, spuckte sie an, riss ihre Kleidungsstücke ab oder beschädigte ihre Schulranzen, und während die Fahrt über die Dörfer sich hinzog, taten vor allem jene, deren eigener Status eher prekär war, sich durch besonders brutales und gehässiges Verhalten gegenüber den sogenannten "Omega-Tieren" hervor - ja, den Begriff hatte man im Biologieunterricht aufgeschnappt, ihn gleich fröhlich weiterverwendet und den bedauernswerten Mobbing-Opfern angeheftet. Diese Langeweile auf den täglichen Fahrten will ja irgendwie vertrieben werden.

Was mich auch an den verbitterten Menschen beim Zoll erinnert, der sich entsetzlich zu langweilen schien. Jedesmal, wenn ich ihn aufsuchen musste, um mich inquisitorisch über den Inhalt einer Lieferung ausländischer Comics ausfragen zu lassen, dann vor seinen Augen das mit dickem Klebeband umhüllte Paket mit bloßen Händen öffnen und den Müll hinterher mitnehmen musste, schien es mir ganz folgerichtig, dass er so war - Langeweile gepaart mit noch so kleiner Macht über andere Menschen scheint nun mal aus vielen Mitbürgern das Schlechteste hervorzuholen.

Gedanken dieser Art machte ich mir im Revier der Stadt Dijon, während ich in einer Einzelzelle herumstand und mein Gepäck durchsucht wurde. Man hatte uns mit insgesamt fünf uniformierten und bewaffneten Beamten, einem Hund und zwei Autos von unserer Trampstelle dorthin verbracht, keine Gründe genannt, böse angesehen, keine Fragen beantwortet (etwa die, ob das Trampen generell oder aber an der von uns gewählten Stelle verboten sei), dann voneinander getrennt und das Gepäck abgenommen. Nach langer Zeit, in der ich zu befürchten begann, man wolle mir etwas anhängen und "finde" plötzlich dieses oder jenes in meinem Rucksack, trat grinsend einer der jüngeren Uniformträger zu mir in die Zelle und bedeutete mir, die Kleidung abzulegen. Und bevor ich nicht komplett entkleidet war und dazu eine demütigende Haltung eingenommen hatte, war der junge Mann, der unterdessen an seiner Zigarette zog und mich triumphierend ansah, auch nicht fertig.

Ohne weitere Erklärung ließ man uns nach Stunden unsere zerwühlten Sachen wieder einpacken und warf uns hinaus. Eher schweigsam steuerten wir die Ortsmitte an, kauften einige Croissants, tranken einen Kaffee und stellten uns wiederum zum Trampen auf. Ein LKW hielt. Der Fahrer ließ uns einsteigen. Er fuhr sehr langsam, die Richtung stimmte nicht, er musste eine Stichfahrt machen, alles egal, bloß weg aus Dijon, dann schon lieber in der Pampa auf einem Schlachthof herumstehen. Es war ein Tiertransporter.

Als der Fahrer so gemütlich rauchend und plaudernd mit dem blutüberströmten Schlachter neben dem Transporter stand, während wir eine knappe Stunde im Führerhaus verharrten, lachten wir zum ersten Mal wieder und versicherten uns gegenseitig, dass dies ja kein so optimaler Beginn der Tramptour gewesen sei, aber immerhin, nun seien wir unterwegs und es könne ja nur noch besser werden.

Dachten wir wirklich.

Hö. Hö.

[Könnte evtl. irgendwann weitergehen]

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Barfuß zum Nordpol: Senfstadt
nnier | 26. Januar 2009 | Topic In echt
[Fortsetzung]

Wenn man Anfang der 90er in Bremen startete und dann etwa 900 km, das entsprach damals immerhin fast 7 mio. hintereinandergelegten 10-DM-Scheinen, in Richtung Süd-Süd-West fuhr, erreichte man eine französische Senfstadt, und diejenigen, die noch zur Senfgeneration gehören (mir legte nämlich jüngst jemand seine Theorie dar, dass sich die deutsche Bevölkerung anhand der zur Bratwurst gewählten Geschmackszutat, Senf oder Ketchup, ganz hervorragend in zwei Alterskohorten aufteilen lasse), werden wissen, dass damit nur Dijon gemeint sein kann - allen anderen, also der jungen, der Ketchupgeneration sei es hiermit nebenbei mitgeteilt. Dijon also war das Fahrtziel des jungen und auf mich für sein Alter zu konventionell, um nicht zu sagen: bieder, wirkenden Pärchens, auf dessen Rücksitz wir viele Stunden verbrachten, des Pärchens, dem ich anzumerken meinte, es bereue längst seine Entscheidung, zwei unbekannte junge Männer auf so langer Strecke mitzunehmen, sicherlich würden sie dies nicht noch einmal tun, auch wenn es leicht verdiente 50.- DM waren, so dachte ich, zumal sie bei jedem Halt Abstand suchten, miteinander tuschelten, zu uns herübersahen und dann schweigend weiterfuhren. Nun, dachte ich, es "passt" eben nicht immer, ein wenig freundlicher könnten sie dennoch sein, ein wenig mehr Mühe sich geben, die machen ja keinen Hehl daraus, dass sie es kaum erwarten können, uns endlich loszuwerden, und tatsächlich, kaum hatten wir die Stadt erreicht, räusperte sich der Fahrer und sprach: "Wir haben uns überlegt, dass ihr gerne in unserem Auto schlafen könnt, wenn ihr das wollt. Es ist ja sehr kalt und mitten in der Nacht, da braucht ihr nicht sonstwo herumzulaufen. Wenn ihr morgen früh losgeht, drückt einfach die Verriegelung runter."

Das sei doch nicht nötig, protestierten wir halbherzig, freuten uns aber doch sehr darüber, die nächsten Stunden auf heruntergekurbelten Autositzen verbringen zu können, allerdings wurde es dann innerhalb weniger Minuten nach dem Abstellen des Motors kalt, da das Auto schlecht isoliert war, zudem war die Sitz- bzw. Liegehaltung eher unbequem so ohne Kissen, Füße und Beine vereisten langsam und der Morgen dämmerte herauf. Während mein Sitznachbar zumindest ab und zu tief und regelmäßig atmete, konnte ich keinen Schlaf finden, der Rücken zwackte doch zu arg, und reichlich steifgefroren und übernächtigt verließen wir am frühen Morgen den alten Mercedes, um loszumarschieren und eine brauchbare Tramp-Stelle zu suchen.

An einer Ausfallstraße pflanzten wir uns auf, hielten abwechselnd das mit "SUD" beschriftete Schild, sahen hunderte von Autos an uns vorüberfahren und wollten nach einigen Stunden, es war inzwischen fast zehn Uhr, gerade beginnen, uns ein paar Gedanken über die Mitnahmefreudigkeit der Franzosen zu machen, als dann doch ein Golf neben uns hielt, besetzt mit zwei Personen und einem Schäferhund. Freudig liefen wir hin, die Insassen stiegen beide aus, sie hatten Uniformen an, der Hund beschnüffelte uns, sie hatten Funkgeräte, sie riefen Verstärkung.

[Geht irgendwann weiter]

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Sonntag, 25. Januar 2009
Barfuß zum Nordpol: Malindi
nnier | 25. Januar 2009 | Topic In echt
[Fortsetzung]

Malindi ist eine kenianische Küstenstadt mit etwa 70000 Einwohnern, die ich allerdings, obwohl ich später sogar selbst mal in Kenia, aber trotzdem nicht, und aber jedenfalls hieß damals auch diese Kneipe in der Admiralstraße so. Um eine Reise in einen kleinen Ort an der Costa Brava sollte es gehen, ganz nahe der spanisch-französischen Grenze, und zu den Vorbereitungstreffen verabredete man sich in jener Kneipe; zehn, fünfzehn Studenten und -innen waren es, die Interesse an dem freundlichen Angebot eines Dozenten bekundet hatten, in den Semesterferien vollkommen fachfremd und in keinerlei Zusammenhang mit dem, was er da lehrte, zum Selbstkostenpreis einige Tage in seinem Haus in jenem katalanischen Dörfchen zu verbringen und dort unter anderem ein wenig Spanisch zu lernen. Das klang durchaus sympathisch, man organisierte dann auch recht schnell die Fahrgemeinschaften, stellte beim Durchzählen allerdings fest, dass insgesamt zu wenige Kraftfahrzeuge zur Verfügung standen, so dass zwei Personen übrig blieben, die irgendwie anders - kein Problem, merkte ich an, ich sei ja ein erfahrener Tramper und hätte wohl Lust, das Abenteuer schon zwei Tage früher zu beginnen und per Anhalter nach Spanien zu reisen. Ein Komilitone stand bereit, diese Unternehmung gemeinsam anzugehen und dabei nicht zuletzt auch ordentlich Geld zu sparen. Alle waren zufrieden, man wünschte sich gegenseitig eine gute Reise und wir sehen uns dann ja am soundsovielten in Spanien.

Gut, überlegte ich, für die 1600 km sollten wir sicherheitshalber drei Tage veranschlagen, sonst wird das noch stressig, Rucksack, Lederjacke, etwas Geld und diese coolen neuen Schuhe - ach, und ein paar Zettel sowie den dicken Edding, um damit "Spanien" daraufschreiben zu können.

Kurz bevor es losgehen sollte, rief ich aus einem Impuls heraus noch mal die Mitfahrzentrale an - nein, keine MFG* nach Katalanien, aber immerhin eine nach Frankreich, DM 25.- pro Nase plus Vermittlungsgebühr, gut, das ist auch Geld, aber, so überlegten mein Reisegefährte und ich, man hätte schon mal ein gutes Stück Strecke hinter sich und das wäre ja kein schlechter Anfang. Was auch stimmte, denn bei diesem Schneeregen Anfang März wäre es nicht so schön an dieser Tramperstelle in der Vahr gewesen, statt dessen fuhren wir mit einem Pärchen mit, das ein wenig verwundert die Pläne der Mitfahrer zur Kenntnis nahm, und während man bereits kurz hinter Bremen den skurrilen Anblick eines nahezu senkrecht im Boden steckenden Autos bestaunte, dessen Schleuderweg und anschließende Flugbahn man anhand der frischen Spuren im tiefen Schneematsch noch gut rekonstruieren konnte, streckte man behaglich die Beine im Fond des Wagens aus, beteuerte, dass es kein Problem sei, wenn der französische Zielort um etwa 2:00 morgens erreicht würde, man wolle dann einfach ein wenig herumlaufen und eine gute Tramperstelle suchen, äußerte sich ("ja, schlimm!") mitfühlend zum Thema Straßenverhältnisse und freute sich schon auf das wesentlich wärmere Frankreich.

[Wird fortgesetzt - nützt ja nichts!]

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*Das Wort muss man kennen

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Freitag, 23. Januar 2009
Barfuß zum Nordpol: Prolog
nnier | 23. Januar 2009 | Topic In echt
Ich komme aus der schmalen Alterskohorte, für die das Reisen per Anhalter oder Mitfahrzentrale ganz normal gewesen ist. Hatte ich selbst ein Auto zur Verfügung, dann meldete ich meine Fahrt einige Tage im voraus bei der Mitfahrzentrale an, deren Telefonnummer ich immer auswendig wusste, da sie mit der meines besten Grundschulfreundes identisch war, viele Jahre früher und in einem anderen Ortstnetz, und war das Auto dadurch nicht ausgelastet oder die Fahrt allzu kurzfristig angetreten worden, dann fuhr ich gewissenhaft die bekannten Tramperbahnhöfe ab oder auf der Autobahn gerne mal eine Raststätte an, nur um zu schauen, ob dort jemand mit ausgestrecktem Daumen oder Pappschild stünde, den ich ein Stück mitnehmen konnte. Dabei mag neben altruistischen Motiven durchaus ein gewisser Aberglaube eine Rolle gespielt haben, denn nicht nur einmal stand ich in jenen Jahren verzweifelt irgendwo herum und schwor, dass ich, wenn ich denn nur über ein Fahrzeug verfügte, bestimmt an niemandem vorbeifahren, ja, meine Schuld sogar doppelt und dreifach begleichen würde, wenn doch nur endlich jemand Erbarmen hätte und mich ein Stück mitnähme. Oft kam es zu interessanten Begegnungen, so etwa mit dem glatzköpfigen Herrn, dessen metallicroten Potenzjeep (heute würde man so etwas SUV nennen) ich pflichtgemäß bewunderte, nachdem er mich im mit einer äußerst knappen Handbewegung aufgefordert hatte, einzusteigen, eigentlich war er kaum zum Stehen gekommen und startete gleich wieder durch. Er fragte mich nach meinem Studium aus, welches ich in meiner Darstellung ihm gegenüber evtl. etwas engagierter verfolgt und interessanter geschildert habe, als es der Wahrheit entsprach, und löste damit eine Schimpfkanonade auf seinen Sohn aus, der "nichts tauge" und "nichts tue", außer ständig Autos zu Schrott zu fahren, erst kürzlich habe er schon den zweiten Porsche zerlegt und sei mit Schädelbruch im Krankenhaus gelandet, heute bekomme man so etwas aber problemlos wieder hin, er selbst habe auch schon einmal eine solche Fraktur erlitten mit seinem letzten oder vorletzten Wagen, das sei in den modernen Krankenhäusern wirklich nichts als ein Routineeingriff.

Einer anderen sozialen Schicht gehörte sicherlich jener junge Mann an, der mich mit aufgemotztem Opel, tropfenförmiger Spiegelsonnenbrille, Vokuhila-Frisur und Schnurrbart vor der Mitfahrzentrale aufgabelte. "Mann, ey, cool, ey, die haben mir gesagt, dass du mir dafür sogar Geld gibst, ey, das ist ja geil, ey, gib mal gleich, isn Zwanziger okay, ey, super!", wurde ich begrüßt, es ging in entsetzlichem Tempo und mit gelegentlichen, mir willkürlich erscheinenden Vollbremsungen auf die Autobahn, wir schwiegen eine knappe Stunde, bis der gute Mann unvermittelt das Steuer herumriss, einen Parkplatz ansteuerte, scharf bremste, mich ansah und sagte: "Kiffst du?"

Mein undeutliches Gemurmel schien er als Zustimmung zu deuten, "baute" eine riesige "Tüte", fuhr wieder auf die linke Spur und zog genüsslich an seinem Joint, die linke Handfläche in losem Kontakt mit dem Lenkrad, während ich mich am Haltegriff der Beifahrertür festklammerte, als ob das etwas nützte. Mit einer ruckartigen Bewegung reichte er mir unvermittelt das glimmende Dings herüber, und ich beschloss ("bloß weg mit dem Zeug!"), meinen Teil zum schnellstmöglichen Verbrauch des Rauschmittels beizutragen. Weder seinem Fahrstil noch meiner Wahrnehmung desselben tat das abwechselnde, hektische THC-Inhalieren besonders gut, die Autobahn vor mir schien ganz schreckliche Dinge zu tun, wand sich jäh nach rechts, dann wieder unvermittelt nach links oder oben oder unten, ich versank so tief im Beifahrersitz, dass ich mich zu fragen begann, ob ich jemals wieder würde aussteigen können, jemand musste wohl an den Schwerkrafteinstellungen herumgespielt haben, da bremste mein Chauffeur auf unnachahmliche Weise in einer Nothaltebucht kurz vor der Abfahrt Göttingen, erklärte mir wortreich, dass er mich eigentlich doch nicht, wie vereinbart, am Bahnhof, sondern besser direkt hier aussteigen lasse, "zu viele Bullen da am Bahnhof, weißte, ey", ich fand das auch völlig in Ordnung und kam während des etwa zweistündigen Fußmarschs in die Innenstadt auch soweit wieder zu mir, dass mir dort keine weiteren Fragen gestellt wurden.

Auch als Mitnehmer bemühte ich mich stets, höflich und zuvorkommend zu bleiben, wenn auch die Umstände gelegentlich ungewöhnlich waren, sei es, dass jemand direkt vom Fußballspiel, "gewonnen, aber ich konnte nicht mehr duschen!", kam und man nicht nur Gras-, sondern vor allem auch Körpergerüche auszustehen hatte, gegen die auch die Cassette mit den Oberkrainern nicht mehr geholfen hätte, sei es der Hochsommertag im Stau auf dem Weg nach Köln, an dem man selbst ins Schwitzen geriet und zunächst freundlich, dann deutlich und schließlich sehr bestimmt das wiederholt vorgetragene Angebot der Mitfahrerin ablehnen musste, bei ihr "in Ruhe duschen" zu können.

[Geht irgendwann weiter]

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Montag, 12. Januar 2009
3 x kurz gelacht!
nnier | 12. Januar 2009 | Topic In echt
Einmal, es war gerade relativ still, fragte mein Mitschüler A. seinen Sitznachbarn B.: "Sag mal, fehlen dir 70 Pfennig?", worauf dieser seine Taschen durchsuchte und antwortete: "Ja! Mir fehlen wirklich 70 Pfennig!"
A., der inzwischen bemerkt hatte, wie ihn alle ansahen, sagte: "Die muss dir jemand geklaut haben!"
Es wurde dann so richtig still.

~

C. wiederum, der einen wirklich bösartigen Stiefvater hatte, der ihn regelmäßig brutal schlug, handelte sich ebenso regelmäßig noch mehr Ärger ein. So hatte er angesetzt, einer Lehrerin ein schlimmes Wort hinterherzurufen - dieses Vorhaben aber mittendrin abgebrochen, als er bemerkte, dass sie noch gar nicht um die Ecke gebogen war, sondern ihn sehr intensiv anstarrte. Wochen später, als sie dem bösen Stiefvater erzählte, dass C. ja auch mal "ein hässliches Wort" zu ihr gesagt habe, protestierte dieser ganz entschieden: "Stimmt doch gar nicht! Ich habe nur 'ALTE HU' gesagt!"

~

Wie ja jeder weiß, wird die originale und in der Tat von keinem Nachahmerprodukt geschmacklich auch nur annähernd erreichte Bihunsuppe "Indonesia" seit 1971 in Barterode gefertigt, und zwar im Unternehmen der Gebrüder S.:

Als J. und D. S. 1960 von ihren Schiffsreisen aus Indonesien zurückkehren, ahnen sie nicht, wie wertvoll das Abschiedsgeschenk ihres javanesischen Arbeitgebers für sie werden soll... Im Gepäck haben die Brüder das Originalrezept der Indonesia Bihunsuppe [...] Der Koch und der Steward eröffnen in Göttingen ein indonesisches Restaurant – und keine zwei Jahre nach ihrer Rückkehr ist die Indonesia Bihunsuppe [...] die erfolgreichste Spezialität auf der Speisekarte. Die Nachfrage nach dem köstlichen Gericht übertrifft alle Vorstellungen, und so entschließen sich die Brüder 1971 zur industriellen Produktion der Bihunsuppe in Barterode, nahe Göttingen.
Beim Zivildienst lernte ich einen Kollegen kennen, der den Nachnamen S. trug und aus Barterode kam. Die Zahnräder in meinem Kopf griffen ineinander, und ich fragte ehrfürchtig: "Wie? Bist du etwa der Sohn von den Gebrüdern S.?"
- "Na ja. Von einem von den Gebrüdern S.!"

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Montag, 5. Januar 2009
Harz II
nnier | 05. Januar 2009 | Topic In echt
(Fortsetzung)

Neulich wollte ich mal nachdenken, das mache ich manchmal und suche dafür das nächstliegende Mittelgebirge auf. Das zerfallende Herzberg hinter mir lassend steuerte ich also St. Andreasberg an, da es laut meiner Erinnerung außenrum Schnee und dunklen Tannenwald, innendrin schmucke, auf spießige Weise gediegene Touristencafés gibt. Man passiert auf dem Weg dorthin die engen Dörfchen, man gruselt sich vor den dunklen Schieferhäusern, man freut sich, wenn man schließlich die kleinste niedersächsische Stadt erreicht. Hier oben, etwa 700 m über NN, muss doch die Welt noch in Ordnung sein! Und vielleicht kommt man ja auf Gedanken?



Ein erster Rundgang offenbart: Neblige Kälte ist in ausreichender Menge verfügbar, gefrorene Substanz findet sich unter den Füßen - genau das richtige Ambiente, um sich erst mal in einem Biergarten zu stärken. Auf der Piste fährt jemand Ski. Das ist ja toll, wie viel Platz der hat!



Nach einigen Gläsern Schierker Feuerstein beginnt man, sich richtig wohlzufühlen und über ein anderes, ein besseres Leben nachzudenken. Will man auf ewig Flachländer bleiben? Nein, der Anfang ist gemacht, nun gilt es, sich eine neue Zukunft aufzubauen. Warum nicht hier oben? Natürlich muss man sich an seine Umgebung anpassen; würde man bspw. einen Skiverleih eröffnen, so müsste sich dieser stilistisch halbwegs in die historisch gewachsene Umgebung einpassen.



Aber vielleicht muss es ja kein Skiverleih sein. Denn was entdecken wir da auf unserem Rundgang - das sieht doch vielversprechend aus!



"Zu verkaufen", ich kann meine Erregung nur mühsam kontrollieren. Gut, etwas außerhalb gelegen, klar, da kommt nicht groß jemand vorbei, O.K., da muss man ein bisschen was dran machen - aber mit etwas Übergangsgeld und einem Kredit ... ? Schauen wir mal rein: Das gibt's doch nicht! Das ist ja komplett ausgestattet! Da müsste man ja nicht mal die Baumscheibensinnsprüche neu beschaffen: Alles da!



Bevor ich den Blankokaufvertrag in den Briefkasten schmeiße, kommt mir ein kühner Gedanke: Wenn es nun anderswo noch mehr ... ? Am Ende gar mitten im Ort? Schauen wir lieber noch mal nach, kaufen können wir immer noch. Oha! Dieses Objekt für den handwerklich begabten Käufer bietet ja noch ganz andere Perspektiven:



Die Türen gehören im Harz wahrscheinlich so. Trotzdem zögere ich noch. Denn nun stellt sich die Frage: So schön St. Andreasberg ist - wer sagt, dass es nicht anderswo noch schöner ist? Zum Beispiel in diesen namenlosen, dunklen, geduckten Orten, die man auf dem Hinweg achtlos durchfahren hat? Halten wir doch mal die Augen auf! Und tatsächlich:



Dass ich daran vorhin achtlos vorbeigefahren bin, kann ich nun nicht mehr verstehen. Das hat doch nun wirklich Perspektive! Man könnte ein Café darin eröffnen, einen Kindergarten, eine Sauna evtl. oder vielleicht einen gut besuchten und angesagten Club ("Disko")? Aber vielleicht liegt das Glück noch näher: Hier z.B. müsste man nur mal ein wenig aufräumen. Ich sehe die Touristen direkt vor mir!



Oder hier: Einmal durchfeudeln, Kaffee kochen, da geht was, ich sag's euch! Und das Schild ("Ferienwohnung ab 10.- Euro") ist auch noch gut. Einmal drüberwischen und den Preis anpassen (nach unten), denn wenn man so hoch rangeht, ist es ja auch kein Wunder, dass die Gäste ausbleiben.




Beschwingt fahre ich zurück, stelle Finanzierungspläne auf, layoute im Geiste die Speisekarte (Comic Sans MS / "Bier 1,60", "Korn 1,20", "Jägerschnitzel mit Pommes 4,50" / Grafiker fragen wg. Rübezahl), rechne aus, dass ich bei angenommen 300 Besuchern am Tag, die je fünf Herrengedecke verzehren, wohl doch noch an die zehn Jahre arbeiten muss, bis ich genug Geld an die Seite geschafft habe, um von den Zinsen zu leben, aber man muss auch mal hart zu sich sein - doch da! Was war das da eben? Dieses einsame, kilometerweit von aller Ziviliation gelegene Schmuckstück? Wir bremsen, wir setzen zurück, wir reiben uns die Augen: Das schlägt ja nun alles.



Ich habe gefunden, was ich immer gesucht habe. Sie werden von mir evtl. weniger hören in nächster Zeit. Ich eröffne im Harz ein Hotel.

[Wird garantiert nicht fortgesetzt.]

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