Mumien, Analphabeten, Diebe.
Du hast's gut, du hast dein Leben noch vor dir.
Mittwoch, 8. Dezember 2010
Schiggenfaggä
nnier | 08. Dezember 2010 | Topic 'umor & more
Zum Überleben fahr ich Zierfischcontainer
Von Hamburg nach München und zurück
Guppies, die kennt jeder
Das hat doch jeder mal mitgemacht

(H.R. Kunze: Keine Reaktion, 1982)
Zur Zeit fahre ich viel Auto, und es bleibt schon deshalb nicht aus, dass ich mit aktueller Musik in Berührung komme. Zusätzlich muss ich gewissen näheren Verwandten gegen 6:45 das Radio einschalten, in dem nicht nur auf dummdreiste Weise Hörer angekumpelt (Flitzerblitzer! Bei euch in Bamme stehen sie, fahrt mal lieber vorsichtig. In Vlohsick blitzen sie am Ortseingang, sagt Staumelder Torsten: 'Ja, hallo, hier ist Torsten, in Vlohsick stehen sie am Ortseingang neben der Tanke.' Danke, Torsten! Und nun das Wetter bei uns in Niedersachsen, 2 Grad bei euch in Hödelingshausen und 3 Grad habt ihr in Schmocke, kann aber noch glatt werden, passt lieber auf. Und jetzt kommt der Schollmayer und zahlt eure Schulden. Das gabs noch nie. Wir zahlen eure Schulden. Und die Stefanie aus Bratze hat minus zwei-tau-send-drei-hun-dert-und-zwo Euro fümmundreißig auf dem Konto, wie ist denn das passiert, Stefanie? Ist doch bestimmt ein blödes Gefühl, wenn man gar nicht mehr weiß, wie man da wieder rauskommen soll, hm? Tip für euch alle: Beim nächsten Handyvertrag vorher Kontostand checken oder den Vertrag auch mal lesen. Bringt wirklich was, meine Tante hats jetzt auch probiert. Aber der Scholli gleicht dein Konto aus, wenn du jetzt schnell anrufst, Steffi aus Bratze, innerhalb der nächsten Stunde! Meine Fresse, ich würds machen, gute zwei Riesen für einmal blöd im Radio dastehen. So, jetzt noch der unlustige "Kleine Nils", der nicht mal ansatzweise wie ein Kind klingt, sowie diese grotesk unwitzigen Beamten, harhar, lass mal überlegen, wie man heute - im Jahr 2010! - noch Beamtenwitze bringen kann, so von wegen: Die arbeiten ja gar nicht, hö!, ich hab's: Wir machen dieselben Witze wie damals in den 70ern, bloß langsamer und nicht so auf den Punkt gebracht, lieber richtig auswalzen das Thema, und eine tickende Uhr im Hintergrund, und Schnarchgeräusche, hö!), sondern auch aktuelle Hits gespielt werden. Erstaunlicherweise ist mir einer davon glatt ins Ohr geflutscht, er hat einen primitiven Wums-Beat dahinter und klingt nach Nahost-Disco, ich erkenne die Sprache nicht, eine Frau singt im Refrain : "Helala lalalaaaaaaaaaaa / Mokosoko Lalooooooo / Mapopapo Maloooooooo / Pokopoko Mamooooooo" oder so ähnlich, das lässt sich trotz der reduzierten Komplexität übrigens durchaus anhören, klinkt sich sogar irgendwann in bestimmte Synapsenverbindungen ein, aber dann kommt garantiert dieses schlimme Lied, dem ich heute Vormittag trotz ständiger Senderflucht bereits in Worten fünf mal begegnet bin: "Es ist so schwer / Ohne dich zu leben / Jeden Tag und so weiter / Einfach alles zu geben", singt da jemand auf so brutal unbeholfene und komplett aufgesetzte Art, dass man spontan aufs Lenkrad speien möchte. Ein solcher Schmus ist mir seit Jahren nicht begegnet, schlimmste Ringelreime, Weltschmerz aus der Legokiste, unterlegt von peinlichster Schwermutsklischeemusik ("Stell mal den Regler von deiner Drehorgel auf Moll"), es ist zum Haareraufen. Und das, nachdem ich kurz davor noch eine echt gelungene Schnulze in ihrer ganzen Pracht zelebrieren durfte: "Was wirst Du anfangen mit Deiner Freiheit, die Dir jetzt so kostbar erscheint? Wie früher mit Freunden durch Bars und Kneipen ziehen, hm? Und dann, wenn Du das satt hast, glaubst Du, das Glück liegt auf der Straße und Du brauchst es nur aufzuheben, wenn Dir danach zumute ist, hm?", ich hielt es schon kaum noch aus, ich ruckelte auf dem Fahrersitz hin und her, bin wohl auch mal gegen die Hupe gekommen, aber das wird dermaßen genial vorbereitet mit diesen gesprochenen Zeilen, und dazwischen dieses unschlagbare "Hm?", ich habe das schon als Kind geliebt, und dann, dann, man ist doch immer wieder außer sich vor Freude, dann kommtit: "Nein, nein, mein Freund!" - is dit geil!

Ich bin ganz unbewusst in den Berliner Dialekt gefallen, hö, dis passiert mir manchmal, so, hö, so, weil, ick weeß nich, war der Holm fülleischt ooch Balina jewesn oda wie oda watt, is ja ooch ejal, weeßte, als ick noch n Kind jewesen war, da war ick ma krank jewesn, und da ha' ick dit inna Zeitung jelesn, weeßte, dit der Mischael Holm ufftritt, inna Schtadt, uff som Fest oda wie dit jewesen war, und ick so: Da will ick jerne hin, und meene Mutta so: Is nisch, und ick so: Och, bitte, und sie so: Nee, und ick: Dit ist aba ne Jelejenheit von kwasi historischer Dimnensjon, und sie so: Na und, und ick so: Misch beschleischt jrade irndwie dit Jefühl, ditte meine Bedürfnisse nisch vollumfänglisch ernst nimmst, Mutta, und sie so: Kann sein, und ick so: Dit findste jetz o nô jut oda watt und sie so: Ick find dit né jut und ick find dit né schlescht, aba ick kann dit nisch uff meene Vaantwortung nehm wenn mein Herr Sohn sisch morngs nisch inna Lage sieht seine vadammte Flischt zu afülln un zur Schule zu jehn aba kaum winkt Meikel Holm oda wie die Nülle heißt mitte linke Zehe da flieschta ausm Bett wie der junge Dschieses und ruft nur nô: Meikel, Meikel, wart uff mir, ick muss dir unbedingt sehn, währnt meine Mutta mir imma komplett ejal is, nü, ob die mal Blum krischt oda neue Nylons, da denkisch dô jané drüba nach, da bin ich jenauso wie mein eijna Vata, ick bring ooch nie Blum mit füa mein eijnet Fleisch und Blut, vaschtehste, und ick so: Ick würde da jerne hin, Mama, und sie wieder: Is nisch, dit ha' ick jetzt hoffentlisch hinreischend deutlisch jemacht, und ick so: Wieso balinan wir eintlisch die janze Zeit, wir ham do mit Balin janüscht zu tun, und sie so: Dit wundat ma ooch schon ne jeraume Zeit, aba du bistit dô, der sisch diesen janzen Schmonzens ausdenkt, oda wie sehick ditte, und ick so: Da haste ooch wieda rescht, Mutta, und da musstick im Bette bleim.

Ich kann das natürlich nicht. Aber Fil kann das, und das ist es womöglich, was ich Ihnen heute noch sagen will, Fil, Meister des verzögerten Humors, ein ganz Großer, der vor kleinem Publikum spielt und sich dort verausgabt, der seinem aktuellen Programm auf dem Plakat den göttlichen Untertitel "Die doppelhalbgute Abgrins-Show mit der gewissen Tiefe" verpasst, der einen mit der Zugabe "Mozart und Nannerl" an den Rand des Nervenzusammenbruchs treibt, der nach der Show noch freundlich Comics signiert und überhaupt ganz toll ist, gehen Sie also hin, wenn Sie können.

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