Mumien, Analphabeten, Diebe.
Du hast's gut, du hast dein Leben noch vor dir.
Samstag, 1. August 2009
Und man zahlt
nnier | 01. August 2009 | Topic In echt


Damit Ihnen solches nicht widerfährt, habe ich Ihnen ein paar Alpenblumen mitgebracht, die ich in nächster Zeit übrigens auch dann unters Volk streuen werde, wenn selbiges mal wieder nasebohrend und mit zu knapp unter der Schädeldecke sitzenden Augen fragt: "Was hat denn das mit dem Thema des Beitrags zu tun?"

"Gar nix", antworte ich dann souverän lächelnd, evtl. sogar maliziös, ich weiß nur gerade nicht, was das genau heißt, "das ist einfach eine kostenlose Dreingabe, take it or leave it."

Ich fand es immer toll, wenn einem kostenlos etwas dreingegeben wurde. Einmal, beim Kiosk, als ich für meinen Vater wieder mal die Packung Camel holte, gab es z.B. einen Werbeartikel dazu, evtl. eine Schirmmütze; der Rucksack war es jedenfalls nicht, den bekam mein Vater später höchstpersönlich in die Hand gedrückt. Und Freund A., der bei jenem Kiosk zu meinem Entsetzen nahezu täglich 1.- DM (eine ganze Mark!) in eine Dose der klebrigsüßen Dr. Pepper investierte, bekam irgendwann, vermutlich anlässlich der fünfhundertsten Dose, ein Käppi mit der Aufschrift Dr. Pepper geschenkt. Geschenkt!

Meine Schwester wiederum kaufte einmal etwa dreißig flache Lutscher von Hitschler, ein Name übrigens, der mich schon als Kind untergründig irritierte, um diese anlässlich ihres Geburtstags in der Klasse zu verteilen. Und der Mann vom Kiosk gab ihr umsonst einen abgebrochenen dazu!

Mich braucht niemand zu fragen, ob ich Treuepunkte sammle. Kein Payback, keine Deutschlandcard (schon der Name macht Würgen), nein, danke!, ich verhökere meine Daten nicht, ich bin einer der letzten Barzahler, schon um nicht für jeden Liter Milch eine Datenspur zu hinterlassen: "Ah, heut' ist er in Ljubljana, kauft Damenbinden und Fruchtzwerge, ergo mit Frau und minderjährigem Kind", Sie kennen das ja. Sollen die Leute sich wenigstens die Mühe machen und meinen Müll durchsuchen. Auch wenn man durch die Barzahlerei angeblich, so ein welterfahrener Exkollege von mir, in den USA schon schiefe Blicke auf sich zieht, Blicke, die sagen: "Ei, Geselle, du hast also Drogen verkauft und musst nun sehen, wie du die Scheinchen wieder loswirst!"

Eines aber tat ich doch ganz gerne in all den Jahren: Die Sammelpunktkarte meiner Bäckerei stempeln lassen. Sie ist nicht personalisiert, einfach ein Stück Pappe, auf dem steht, dass man für jeweils neun Stempel ein paar Brötchen geschenkt bekommt. Dieses Kärtchen trug durchaus zur Kundenbindung bei, denn wenn ich mich fragte, ob ich die 4,30 für das Kilo Dinkelbrot hier oder dort ausgeben solle, dann flüsterte das Kärtchen in meinem Portemonnaie leise, doch unüberhörbar: "Gehe zum Bäcker T., dort werde ich gestempelt - und wenn du dieses nur oft genug tust, dann verwandele ich mich in ein paar knusprige Brötchen, die du deinen Lieben am nächsten Sonntag lächelnd auf den Frühstückstisch stellen kannst!"

Dessentwegen ist mir ein Rätsel, weshalb es neuerdings in rabiatem Ton heißt: "Wir stempeln nur noch die vorhandenen Karten voll, neue geben wir keine mehr aus."

Nach solcher Auskunft fragt man sich natürlich tagelang, was dahinterstecken möge. Denn, Hand aufs Herz, kaufe ich z.B. neunmal ein Dinkelbrot, dann trage ich knapp 40.- EUR in die Bäckerei. Sind dann fünf Brötchen, deren Herstellungskosten mutmaßlich im Bereich von ein paar Cent liegen, nicht ein angemessenes Dankeschön? Ist das Verhältnis nicht ein ähnliches wie jenes zwischen einem Frisbee und den Unmengen teurer Medikamentenpackungen, deren Rezepte ich als Kind immer treu in der Apotheke nahe der Kinderarztpraxis einlöste und deren, also der Apotheke, Inhaber mir dann eines Tages die orangefarbene Flugscheibe in die Hand drückte, nicht ohne mir verschwörerisch zuzuraunen, dass er "sowas" ja eigentlich nicht machen dürfe?

Nun ist mir durchaus nicht entgangen, dass es Menschen gibt, die auch beim Kauf eines einzigen Krossen, d.h. eines normalen Brötchens / einer Schrippe / eines Rundstücks die Karte zum Stempeln geben, ohne mit der Wimper zu zucken. In diesem Fall wäre das Verhältnis von 10 gekauften Krossen, Preis insgesamt unter 3.- EUR, zu den fünf geschenkten, die eben auch höherwertig sein dürfen, sagen wir: Mohnbrötchen, für die Bäckerei eher ungünstig, das sehe ich schon ein. Oder, ich wage es kaum zu denken, sollte es gar Menschen geben, die den Stempel mit dem "T" kaltblütig fälschen?



Da es sich natürlich um einen großen Filialbetrieb handelt, weiß ich die Antwort ohnehin, die mir gegeben werden wird, wenn ich demnächst mal nach den Gründen frage: "Uns sagen die nichts, das kommt von ganz oben."

Als Unternehmensberater sage ich: Falsch, ganz falsch. Zum einen muss immer positiv geantwortet werden ("Ihre Meinung ist sehr wichtig für uns, ich freue mich sehr darüber, dass ich diese an unsere Marktforscher weitergeben darf, denn wir nehmen den Dialog mit unseren Kunden sehr ernst!"), zum anderen gibt es da ja durchaus Möglichkeiten: Stempel nur ab Kaufsumme X, z.B.!

Aber auf mich hört ja keiner. Da erzähle ich Ihnen lieber noch schnell von einer schönen Filmszene aus Karniggels, lang ist's her, aber die ging so: Der immer etwas gehemmt wirkende Polizist, gespielt vom manchmal ganz tollen Bernd Michael Lade, ist dienstlich zu Gast im großbürgerlichen Hause der von ihm privat verehrten Inga Busch, einer Frau, die mich übrigens regelmäßig in Appetenz-Aversions-Konflikte stürzt, und wie er da so steht und verlegen schweigt und schwitzt, bemerkt er den Brötchenkorb auf dem Tisch und sagt triumphierend zur Mutter: "Mohnbrötchen! Mal ist wenig Mohn drauf, mal viel - und man zahlt dafür!"



- Aber das ist ja gar keine Alpenblume!
- Das war ja auch nur im übertragenen Sinne, mein Gott!

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