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Montag, 1. Januar 2024
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nnier | 01. Januar 2024 | Topic Gelesn
Im vergangenen Jahr habe ich endlich wieder zum Lesen richtiger Bücher gefunden.

Früher kaum vorstellbar, dass ich das mal sage, denn ich habe immer für mein Leben gerne gelesen. Das ging schon vor der Schule los, ich war fasziniert von der Schreibmaschine meiner Eltern und brachte mir das Lesen und Schreiben selber bei. Seither habe ich gelesen, wann es nur ging: Wenn ich auf Kindergeburtstagen eingeladen war, verzog ich mich mit einem spannenden Buch in die Ecke. Wenn wir in den Urlaub fuhren, las ich, was in der Unterkunft zu finden war - Konsalik, Bastei-Romane, völlig egal. Ich wünschte mir jahrelang "Die drei ???" zum Geburtstag, häufte 500 Jerry-Cotton-Heftromane an, nahm auch die Auswahlbände von Reader's Digest, wenn es nichts anderes gab, und traf durch die schiere Menge zwischendurch auf richtig gute Literatur.

Eine der frühesten und zugleich beeindruckendsten "literarischen" Erfahrungen war "Der Bahnwärter Sandomir" von Günter Bruno Fuchs: Da merkte schon mein Grundschüler-Ich, dass hier jemand eine ganz eigentümliche, eigene Welt aufspannt, und dass die interessanten Abenteuer nicht nur im Weltraum oder bei der Verbrecherjagd stattfinden, sondern auch in einer ganz anderen Sicht auf diese Welt bestehen können.

Nicht mal der Deutschunterricht konnte mir die Freude am Lesen verderben, auch wenn ich mich an kaum ein Lektürestück erinnere, das ich damals gerne gelesen hätte: Aber das mag am Setting liegen, schließlich bin ich auch erst nach dem Schulabschluss ins Deutsche Museum gegangen und habe mir das Modell mit der Großmolkerei und Milchabfüllung angesehen, sehr interessant! - ein Jahr vorher hätte ich laut gekotzt, wenn sie uns da hingeschleppt hätten. Also sorry an Frank Wedekind und Co.

(Jedoch waren nicht mal 30 Jahre vergangen, als die Scharte ausgewetzt werden konnte, weil meine Tochter im Englischunterricht etwas zu der Kurzgeschichte "How Muster-Master Stoneman Earned His Breakfast" von Price Warung ausarbeiten musste. Ich wollte das Entstehungsdatum -1892!- kaum glauben, weil sie so modern geschrieben ist. Dieser Punkt geht klar an die Schule.)

Im todlangweiligen Studium (ja, ich bin selber schuld) traf ich immerhin auf Dostojewskij und freute mich kunst- und kulturpsychologisch über die genaue Figurenzeichnung in "Der Idiot", fühlte mich von den ersten Houellebecqs und Maxon Crumb bereichert, las parallel weiter massenhaft leichtes Zeug wie die Montalbano-Krimis von Andrea Camilleri, und so hätte das immer weitergehen können - wenn ich nicht irgendwann aufgehört hätte.

Natürlich nicht komplett: Aber plötzlich blieb ein so faszinierendes Werk wie "Unendlicher Spaß" nach 300 Seiten für Jahre neben meinem Bett liegen. Plötzlich blieb ich im ersten Band der Tagebücher von Samuel Pepys stecken, das seither in seinem Schuber vor sich hinstaubt. Hätte es nicht immer wieder etwas Tolles, Neues von Wolf Haas gegeben, wer weiß, vielleicht hätte ich das Lesen ganz verlernt. Statt dessen Serien, jahrein, jahraus - tolle Sachen gibt's da, kennen Sie netflix?

Ich räumte meine Regale aus, bestückte öffentliche Bücherschränke, stellte Bananenkisten an die Straße: Nur, weil ich das mal gelesen habe, muss ich es nicht ein Leben lang aufbewahren! Raus damit, es fühlte sich gut und richtig an, aber, aua!, kaum war sie weg, meine Poe-Gesamtausgabe, hätte ich so gerne mal wieder "Der Untergang des Hauses Usher" gelesen!

Irgendwas hat sich im letzten Jahr wieder gedreht. Ich habe einen riesigen Stapel, davon nehme ich nun tatsächlich wieder etwas in die Hand, setze mich nach Jahren sogar nachmittags mit Buch in einen Sessel und - lese. Welcome back.



Gestern abend fuhr ich raus, beendete das Jahr mit Standheizung und einem Stück "Coming of Karlo", und ich weiß schon genau, was ich heute nachmittag mache.

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