Mumien, Analphabeten, Diebe.
Du hast's gut, du hast dein Leben noch vor dir.
Sonntag, 4. Januar 2009
Harz I
nnier | 04. Januar 2009 | Topic In echt
Der Westharz war fast schon Naherholungsgebiet und logisches Klassenfahrtziel, wenn man da herkam, wo ich herkomme. Und so wurden regelmäßig Schullandheime und Herbergen im höchsten Gebirge Norddeutschlands angesteuert, denn wir gingen tatsächlich einmal im Jahr für eine Woche auf Klassenfahrt. Dazu gab's noch Ski-, Orchester-, Theater-, Ruder- und sonstige mehrtägige Freizeiten für die aktiveren unter den Schülern, zu denen ich selbstredend nicht zählte. (Dass unsere Schule, selbst für die damaligen, also noch nicht komplett kaputten Verhältnisse, finanziell und personell wirklich üppig ausgestattet war, wird mir immer klarer; übrigens wurde bei den Klassenfahrten immer ein Solidarzuschlag für finanziell schlechter gestellte Mitschüler erhoben).

Während wir als Fünftklässler noch begeistert durch die Schneemassen im hochgelegenen St. Andreasberg getobt hatten, war das Echo auf die Fahrt nach Pöhlde schon deutlich bescheidener ("Pöhl-de ist ö-de!", sang mancher eine Woche lang), und auch Zorge, wiewohl direkt an der innerdeutschen Grenze gelegen, über die ganz furchtbar wagemutige Jungs den beturnschuhten Fuß für Sekundenbruchteile ein paar Zentimeter hinüberschoben, um von Mädchen bewundernde Blicke und von Lehrern scharfe Verwarnungen ("das finde ich jetzt aber nicht so gut!") zu ernten - denn wer hatte nicht schon von perfekt getarnten Grenzern gehört, die plötzlich wie aus dem Boden gewachsen bewaffnet dagestanden hatten, um großmäulige Westjugendliche einzufangen und abzuführen, sobald diese einen Zentimeter DDR unter der Sohle hatten - wiewohl auch über eine übergewichtige Herbergsmutter, die die weiße Feinripp-Kochwäsche ihres für sein Gewicht ebenfalls deutlich zu kleinen Sohnes in der Herbergsküche auf dem Herbergsherd im großen Herbergstopf tatsächlich kochte, und nicht zuletzt über einen dauerbesoffenen Nistkastenherstellungsbeaufsichtiger verfügend, der ebenso waldschratig wirkte wie der paramilitärische Herbergsvater, welcher in seine Antrittsrede uns unbekannte Vokabeln wie "Zucht", "Ordnung" und "naturverbundene Erziehung" wie selbstverständlich hatte einfließen lassen, womit er uns Achtklässler natürlich in ekstatische Begeisterung versetzt hatte, auch Zorge also vermochte das Image des Harzes nicht entscheidend zu verbessern, das nahe Mittelgebirge wurde im Gegenteil geistig immer mehr ausgeblendet, wenn man sich mal fragte, wohin man ausflügeln sollte. Weltabgewandt, dunkel und am Rande der Zivilisation liegend, dabei aber auf spießige Weise gediegen, so habe ich ihn, den Harz, als Teenager verschlagwortet und hernach jahrelang höchstens noch mit überladenen Ford Transits in tiefster Nacht durchquert.

Die interessanteren, wilderen, karstigeren Teile des Harzes lagen ohnehin jenseits der Grenze, dies habe ich in den letzten Jahren durch Besteigungen des Brockens und Besuche im Bodetal aufs Eindrucksvollste erfahren, und das eine oder andere Städtchen dort drüben* sieht ganz schön disneylandisch-proper aus.

Wenn man mal von kleinen Abstechern, so etwa einem doch recht irritierenden Besuch im Südharzstädtchen Herzberg vor zweidrei Jahren absieht, ein typisches, verschlafenes, aber prosperierendes Nest in meiner Erinnerung, in dem mich plötzlich leere Schaufenster massenweise angähnten und höchstens noch grelle Ein-Euro-Shops anschrien, ein Ort, der anscheinend gerade seine Infrastruktur verliert und dadurch dermaßen verstörend auf mich wirkte, dass ich lieber wieder weggefahren bin, dann habe ich wirklich lange nichts mehr vom Westharz gesehen und nur ein paar Schauergeschichten gehört.

[Wird evtl. fortgesetzt]

---
*Ich weiß.

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Donnerstag, 1. Januar 2009
2009: Back to the Tiefgarage?
nnier | 01. Januar 2009 | Topic In echt
Puh, das war knapp.



Fast wär' schon wieder ein Jahr herum gewesen.
Gerade noch:



Vielleicht hat der Glückskeks recht?



Sonst eben wieder Parkwächter.

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Mittwoch, 31. Dezember 2008
Trinken Sie
nnier | 31. Dezember 2008 | Topic In echt
ein Glas mit mir. Es tut gar nicht weh.






Ich hab's getan. Und es ging ganz einfach.



Auf Ihr Spezielles! Wir sehen uns auf der anderen Seite.

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Samstag, 27. Dezember 2008
Sudhaus völlig umgestaltet
nnier | 27. Dezember 2008 | Topic In echt
Vorweg und nebenbei: Ich tauche gleich wieder ab. Es müssen Dinge getan werden. Vergessen Sie mich nicht. Ich vergesse Sie auch nicht.

"Alkohol am Arbeitsplatz! Seid ihr wahnsinnig!?", sagte der eine Kollege, erbleichte und schloss erschrocken die Tür von außen. Dabei hatte ich doch dem anderen Kollegen an diesem Winterabend in unserem damaligen Raucherbüro bloß endlich mal ein paar Flaschen des hervorragenden Göttinger Pilsener (aus der Stadt mit Brautradition seit 1330) und Göttinger Edel-Pils mitgebracht, die wir gegen Feierabend dann auch verkosteten. Schade war nur, dass ich nicht mehr zu sagen vermochte, ob diese Getränke tatsächlich noch etwas mit dem Göttinger Bier der 80er Jahre zu tun hatten - schließlich konnte es uns als Jugendlichen nicht exotisch genug sein: Wir tranken Flens, Jever oder Beck's (man merkt: es ging immer ins Norddeutsche), aber nur in Notfällen die Ortsmarke, wenn sie sich in einem elterlichen Keller irgendwo fand, so dass ich keine zuverlässige Geschmackserinnerung hatte.

Außerdem war schon Jahre vorher die Göttinger Brauhaus AG von der Einbecker übernommen worden, die dann auch prompt die Produktion in die etwas nördlicher gelegene Fachwerk- und Bierstadt verlegte - kurz nachdem in Göttingen ein wunderschöner, ganz neuer großer Kupferkessel angeschafft worden war, der deshalb während der folgenden Jahrzehnte ungenutzt nur noch mahnend in seinem riesigen, extra eingebauten Schaufenster (denn anlässlich dieser Investition hatte die Göttinger Brauhaus AG ihr Sudhaus völlig umgestaltet, so dass man von der Straße aus freien Blick auf das Schmuck- und Herzstück des Betriebes hatte) herumstehen konnte, statt seiner Bestimmung gemäß Hopfen, Malz und Wasser zu verheiraten und das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.

Noch als Grundschüler waren wir durch die Brauerei geführt worden, stolzen Mitarbeitern ehrfürchtig lauschend, welche in die Grundlagen der Braukunst uns einzuweisen sich die Ehre gaben und durchaus ruppig reagierten konnten, wenn ein vorwitziger Viertklässler etwas von "Göttinger Ekel-Pils" flüsterte. Nein, auf ihren Betrieb ließen sie nichts kommen und verkündeten stolz, dass bei ihnen ordentliche Zustände herrschten und nicht solche wie beim dänischen Multi, dessen Produktionsstätte eine Göttinger Abordnung einmal besucht habe und dort auf, Gottseibeiuns, betrunkene Mitarbeiter getroffen sei.

Das Edel-Pils gab's in den typischen, braunen Knubbelflaschen, die mancher auch "Maurergranate" nennt, während das erst Ende der 70er neu eingeführte Pilsener in der schlanken Flasche auch optisch einen auf Premium machen sollte und deshalb vom Kronkorken bis zum Flaschenhals mit der typischen goldenen Kragenfolie überzogen war, die man immer mit den Fingernägeln abknibbelt.

Hatte man zufällig jemanden in der Familie, der Mitglied im Rat der Stadt Göttingen war, dann erhielt man in jenen Jahren monatlich einen Kasten des hervorragenden Göttinger Pilsener, der zunächst sogar frei Haus geliefert wurde, später dann gegen entsprechenden Gutschein im Getränkemarkt abgeholt werden konnte. Historische Hintergründe zu dieser Regelung gab's auch, die mit dem Braurecht und den Göttinger Bürgern und Ratsherren zu tun hatten, vielleicht wollte man sich aber auch nur die Kommunalpolitik gewogen halten, wer weiß - in diesen seligen Zeiten mag dazu ein monatlicher Kasten Bier noch gereicht haben, allein: genützt hat es alles nichts, die Einbecker kamen, stellten die Produktion in Göttingen ein und es blieb fortan nur noch der Name. Eine Dosenabfüllanlage auf dem Gelände nutzten sie noch einige Zeit für dies und das, ansonsten verkamen die schönen Backsteingebäude auf dem großen Gelände nahe der Leine nach und nach.

Aus der herrschaftlichen Villa des Braumeisters, den es nun ja nicht mehr gab, gelegen in einem fantastisch großen Garten direkt neben der Brauerei, wurde ein Studentenwohnheim, in einigen Verwaltungsgebäuden sah man ab und zu noch Licht, sogenannte "Bierverlage" und Festzeltverleihe mieteten sich auf dem Gelände ein, während das große Werbeplakat neben dem ehemaligen Haupteingang stetig verblasste und die Koteletten des darauf abgebildeten Biergenießers immer unmoderner wurden.

Nun ist alles weggerissen worden, das Gelände wurde "einer Nachnutzung zugänglich" gemacht, den großen Garten gibt's nicht mehr, und der Kupferkessel ist vermutlich längst in China. Nie wird also der würzige Geruch mehr aufsteigen, den ich schon als Kind vehement gegen das unbedachte Wort Gestank, geäußert von kulturbanausigen Besuchern, verteidigte ("Was denn! Das riecht doch gut!"). Auch die Witzeleien derselben Besucher, dahingehend, ob man denn angesichts der Nähe einer Brauerei zum eigenen Haus sich schon eine Leitung habe legen lassen, sind Geschichte, vor allem aber: Es gibt keine Brauereifeste mehr!

Diese bildeten während einiger Jahre, sagen wir: Mitte bis Ende der 70er, für mich ein wichtiges strukturierendes Element im Jahreslauf, so wie für anders sozialisierte Menschen womöglich Palmsonntag oder ZDF-Weihnachtsvierteiler. Es konnte jedenfalls durchaus vorkommen, dass man mit seinem Freund an irgendeinem Frühlingstag Steine in die Leine warf und sehnsüchtig darauf wartete, dass doch bald endlich wieder Brauereifest wäre.

Dieses Fest wurde auf dem Gelände der Brauerei gefeiert und zog die Menschen scharenweise an. Es wurde Musik auf Bühnen gespielt, es wurden Plastikfußbälle mit dem Logo des Göttinger Edel-Pils vom Dach der Brauerei aus in die Menge geworfen, als Kind konnte man in einem Zelt Zeichentrickfilme sehen - das war aber alles nichts gegen die eigentliche Attraktion: Freibier! Genauer gesagt: Freigetränke. Nachdem nämlich der freizügige Ausschank der ersten Jahre zu recht hässlichen Ergebnissen in Form von Bierleichen und ganz üblen Kotzereien nächtlich heimtorkelnder Alkoholiker geführt hatte, musste man sich seitens der Brauerei etwas überlegen und kam zu dem Ergebnis, dass der Zugang zu den Getränken irgendwie geregelt werden müsse. Fortan wurden also beim Eingang Karten mit kleinen Abrissen verteilt.

Von diesen Karten gab es drei Sorten. Für Männer: Dreimal Bier, einmal Cola/Fanta/Sprite, einmal Bratwurst. Für Frauen: Einmal Bier, zweimal Cola/Fanta/Sprite, einmal Bratwurst. Für Kinder: Zweimal Cola/Fanta/Sprite, einmal Bratwurst.

Und wenn es dann endlich wieder so weit war, wenn endlich wieder Brauereifest war, wenn man stundenlang in der Schlange gestanden hatte und endlich die ersehnten Kärtchen in Empfang nehmen wollte, fing die Erziehungsberechtigte am Eingang plötzlich an zu diskutieren:

- Warum kriegen Frauen denn andere Karten als Männer?
- Weiß nicht!
- Warum gehen Sie denn davon aus, dass Männer mehr Bier trinken als Frauen?
- Ist doch so!
- Ich finde das nicht in Ordnung, dass da so ein Unterschied gemacht wird.
- Hören Sie, die Leute hinter Ihnen wollen auch rein. Ich verteile die hier nur.
- Warum kriege ich, nur weil ich eine Frau bin, eine andere Karte als ein Mann? Erklären Sie mir das!
- (Seufz) Wenn Sie unbedingt wollen, dann gebe ich Ihnen eben auch so eine Karte wie den Männern.
- Nein, ich will ja gar nicht so eine Karte!
- ???

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Montag, 1. Dezember 2008
Heute jedoch umgekehrt
nnier | 01. Dezember 2008 | Topic In echt
Die Füß' halt warm, den Kopf halt kalt,
dann wirst du hundert Jahre alt.


(Auch bekannt als: Kopf kalt, Füße warm / macht den Doktor arm.)

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Dienstag, 25. November 2008
Angebot und Nachfrage
nnier | 25. November 2008 | Topic In echt
Ich bin ja nicht so ein Wirtschaftsmensch. Manchmal wäre ich gern einer, z.B. wenn ich mich daran erinnere, dass ich meine ersten paar Gehälter einfach hätte in Aktien auszahlen lassen müssen, um heute erheblich weniger Sorgen zu haben. Andererseits brauchte ich das Geld nun mal, es war ja nicht "übrig" (so liest man ja immer: Aktien nur, wenn man etwas "übrig" hat), und, hätte ich damals trotzdem gekauft, dann hätte es auch gut sein können, dass ich sie auch bald wieder verkauft hätte, etwa zu dem Zeitpunkt, als sich der Wert verdoppelt hatte - wunderbar, etwas Extrageld ohne Arbeit - anstatt auf den Papieren sitzen zu bleiben, die dann im Lauf der Jahre ihren Wert tatsächlich verfünfzigfacht (in Worten: verfünfzigfacht) haben. Aber mein Trägheitsmoment (man bräuchte ja erst mal ein Aktiendepot, das ist bestimmt kompliziert!) hat mir andererseits einen gewissen Stress erspart, denn ich hätte natürlich ständig überlegt, die Anteilsscheine zu verkaufen, so wie ich umgekehrt immer sicher war: Jetzt ist's eh zu spät, sie haben sich ja schon verdoppelt, gar verdreifacht, jetzt brauchst du auch keine mehr zu kaufen, höher kann's ja nicht mehr gehen!

Dennoch, eine schöne Vorstellung manchmal, wenn wahrscheinlich auch eine trügerische. Denn die Gegenbeispiele sind zahlreich, und dass es auf den "Märkten" nicht immer rational zugeht, ist ja inzwischen eine Binsenweisheit. Ich habe schon als Kind gelernt: Angebot und Nachfrage beeinflussen zwar den Preis - aber längst nicht alleine! Es gibt noch ganz andere Faktoren. So hatten wir z.B. eines Tages festgestellt, dass 7-Zoll-Vinyl-Single-Schallplatten ("Singles") über großartige Flugeigenschaften verfügen. Ich selbst besaß trotz des hohen Kaufpreises von 6.- DM für nur zwei Lieder einige dieser Scheiben, so z.B. schon als kleines Kind die damals von mir geliebten El Bimbo und Dolanes Melody, später dann die Titelmelodie von Timm Thaler, die ich wie einen Schatz hütete und geschätzte fünfhundertmal mit Vorder- und Rückseite, gerne auch mal verlangsamt auf 33 1/3, anhörte. Aber insgesamt waren Singles doch eher unökonomisch, um nicht zu sagen überteuert, wenn man für 20.- DM gleich eine ganze Langspielplatte oder für noch etwas mehr Geld eine MusiCassette erwerben konnte. Und somit dauerte es bis zu dem Tag, an dem mein Freund A. Captain Sensible's Wot mit einem goldfarbenen Lackstift glaubte veredeln zu müssen, dass uns eines dieser wertvollen Stücke zum Unsinnm zu experimentellen Zwecken Verfügung stand. Weder der Klangqualität noch der Diamantnadel seines Plattenspielers war die Färbung nämlich zuträglich gewesen, so dass wir entschieden, diese schwarzgoldene Scheibe mit dorthin zu nehmen, wo heute ein Badeparadies zu finden ist, damals aber eine riesige Wiese brachlag und herausragende Möglichkeiten für Wurfspiele, etwa mit dem Bumerang, bot, um einmal herauszufinden, was man mit so einer Single noch anfangen konnte. Ein erster Probewurf offenbarte Erstaunliches: Sie flog besser als jedes Frisbee! Begeistert fanden wir heraus, dass die Flugbahn bei waagerechtem Abwurf einer exponentiellen Kurve folgend anstieg, bis die Scheibe vom höchsten Punkt aus taumelnd abstürzte, während man für einen Geradeauswurf die Schallplatte am besten exakt senkrecht zwischen Daumen auf der einen sowie Zeige- und Mittelfinger auf der anderen Seite hielt, um sie dann mit aller Kraft und explosiv nach vorne zu schleudern. Schon kleine Abweichungen um wenige Winkelgrade oder leichte Seitenwinde reichten aus, um die Flugbahn unvorhersehbar zu verändern, und so sirrte die fast unsichtbar senkrecht heransausende Scheibe mit ihrem scharfen Rand einige Male nur knapp an meinem Kopf vorbei, als wir darauf verfielen, sie uns gegenseitig aus großer Entfernung zuzuschmeißen.

Der Schwachpunkt des Fluggeräts war seine Fragilität, und folglich wurden unsere aerodynamisch-ballistischen Experimente vorzeitig dadurch beendet, dass die Scheibe in zwei Teile zerbrach. Da wir Blut geleckt hatten, war klar, dass für Nachschub gesorgt werden musste, und so kratzten wir etwas Taschengeld zusammen und klapperten einige Trödelläden ab. In einem gab es tatsächlich alte Singles aus den 50er und 60er Jahren in einer großen Kiste, die pro Stück fünfzig Pfennig kosten sollten. Als wir herumdrucksten und dem Inhaber mitteilten, dass wir aber "viele" kaufen würden und es auch egal sei, welche er uns gäbe, ging er auf einen Preis von "fünfzehn Stück für fünf Mark" herunter, was uns immer noch nicht ganz zufriedenstellte, bis wir ihm mitteilten, wofür wir die Scheiben benötigten. "Ach so!", sagte der gute Mann und überließ uns einen ganzen Stapel von fünfzig Singles für fünf Mark - aus derselben Kiste, wir durften sogar selbst aussuchen. Und trotz meiner Freude über den günstigen Kauf dachte ich auf dem Rückweg zur Eiswiese darüber nach, dass ich doch etwas über die Preisbildung durch Angebot und Nachfrage gelesen hatte. Warum sollte dann jemand den Verkaufspreis seiner Ware davon abhängig machen, was man hinterher damit anstellte? Aber die Erfahrung wiederholte sich auch später noch öfter auf dem Flohmarkt: "Was kosten die Singles?" - "Stück fünfzig Pfennig!" - "Aber wir wollen damit rumschmeißen" - "Ach so! Dann könnt ihr die geschenkt haben". Merkwürdig, so wie viele Jahre darauf auch das Verhalten einer WG-Mitbewohnerin, die ihren Polo Fox verkaufen wollte und dafür von mir und einem Freund, die über diese gemeinsame Anschaffung ernsthaft nachdachten, viertausend Mark verlangte und von dem Preis auch nicht ansatzweise abrücken wollte, sondern viele Argumente dafür hatte, warum der Wagen das auch locker wert sei. Eine Woche darauf hatte sie ihn einem Autohändler für zweitausendzweihundert Mark verkauft, und als ich nach den Gründen fragte, sagte sie: "Der muss den ja auch erst mal wieder loswerden und will schließlich noch etwas daran verdienen!"

Da wundert's mich nicht mehr, wenn irgendwelche Piraten ankommen und rumargumentieren*, dass sie ja schließlich auch erhebliche Kosten "für Gehälter und Hinweise" bei der Kaperung eines Öltankers zu stemmen gehabt hätten und ihre Lösegeldforderung deshalb nun wirklich angemessen sei. Ich weiß ja, dass das funktioniert.

--
*Mehr dazu hier: Piraten in der Kostenfalle

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Samstag, 22. November 2008
Subtle sounds
nnier | 22. November 2008 | Topic In echt
Eins der schönsten Geräusche ist das von unberührtem Schnee auf einer Wiese, über den man mit grobbesohltem Schuhwerk läuft, kein Pulverschnee darf es sein, sondern der sog. "Papp-" oder "Packschnee", aus dem man auch die guten Schneebälle machen kann.

Dass ich älter werde, merke ich an der (für mich neuen) Hoffnung, "gut über den Winter" zu kommen.

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Freitag, 21. November 2008
"Da habe ich draufgekotzt!"
nnier | 21. November 2008 | Topic In echt
... grinste mich dieser eine Mitschüler in der Oberstufe an, neben dem ich im Englischkurs saß und der öfter mal spätnachts am Gänseliesel mit einer Flasche Rotwein o.ä. anzutreffen war, als ich ihn, gleichzeitig die Luft anhalten und nach Luft schnappen wollend, nachdem er sich neben mich gesetzt hatte, ob der unmenschlichen allzu eindeutigen Gerüche wohl doch ziemlich entsetzt angesehen haben muss, und zeigte dabei triumphierend auf seinen Wintermantel, der nur Zentimeter entfernt von meiner eigenen Jacke und damit auch von mir über seiner Stuhllehne hing. Während dieser Schulstunde konnte mich dann nur schlecht konzentrieren, so wie einige Monate später vermutlich auch die Sparkassenmitarbeiter in der repräsentativen Hauptstelle gegenüber des alten Rathauses, die es damals noch gab, als ich eines Tages dem Kassierer in seinem Schalter nur noch zuraunen konnte: "Mir wird schlecht ... ich glaube, ich muss mich übergeben", er mich gerade noch rechtzeitig aus der Schalterhalle und im Laufschritt in einen langen Flur führte, mir bedeutete, dass "unten die Toiletten" seien, ich an lauter offenen Bürotüren vorbeirannte und dann doch zu früh und aus vollem Lauf meterweit und in hohem Bogen so heftig in den Flur reiherte, dass es keiner Special-Effects-Abteilung bedurft hätte ... der Rückweg durch denselben Flur, eine halbe Stunde später und nach ausgiebiger Fortsetzung des begonnenen Werks eine Etage tiefer, war eine der demüti interessantesten Erfahrungen meines Lebens. Komisch - warum ich daran heute die ganze Zeit denken muss? Einen Moment, mir ist den ganzen Tag schon so flau, ich glaube, ...

Bis später (vielleicht!)

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Samstag, 15. November 2008
Mission: Glück
nnier | 15. November 2008 | Topic In echt
Eins meiner Ziele ist es ja, die Welt jeden Tag ein bisschen besser zu machen, und deshalb behalte ich dieses Geheimnis nicht für mich, sondern veröffentliche den Wortlaut einer E-Mail, die ich kürzlich zur Abwehr weiterer Nachstellungen und Heiratsanträge durch Kolleginnen und sogar Kollegen an ebendiese schickte, nachdem eine kleine Knabberei, die ich zum Verzehr bereitgestellt, aufgrund ständiger Entzückungsschreie und drängender Rezeptwünsche doch zu erheblichen Störungen in den betrieblichen Abläufen geführt hatte, man verzeihe also den vertraulichen Tonfall der folgenden Zeilen, aber das Thema ist zu wichtig, um hier auf Formfragen Rücksicht zu nehmen.
OK, das Rezept und ein paar Anmerkungen dazu. (Ich bin ja mit den Mengen gleich hoch rangegangen, vermutlich kann man auch alles einfach halbieren.)

- Große Pfanne mit hohem Rand, evtl. auch Topf, sofern der einen schweren Boden hat und sich gut reinigen lässt
- Großer Kochlöffel
- Reichlich Backpapier und Platz
- 1 kg ganze Mandeln, nicht geschält
- 500 g normaler Zucker
- 500 ml Wasser
- 2-3 Päckchen Vanillinzucker
- etwas Zimt
(zusätzlich: 4-5 Esslöffel Sesam, wenn man will)

Das Wasser in der Pfanne mit Zucker, Vanillezucker und Zimt aufkochen, bis sich alles aufgelöst hat. Hitze nur wenig runterregeln. Die Mandeln hineinschütten und von jetzt ab immer fleißig rühren. Langsam verdampft das Wasser. Irgendwann wird's klebrig, dann sogar sandig (der Zucker wird wieder trocken). Jetzt wird es ernst: Der Zucker schmilzt am Boden der Pfanne, die Mandeln rösten mit, nun die unterste Schicht mit dem Kochlöffel immer wieder langsam nach oben holen (sonst verbrennen sie) und mit viel Geduld so lange weitermachen, bis alles von einer glänzenden Schicht umgeben ist und keine trockenen Krümel mehr vorhanden sind. Dann die Mandeln löffelweise aus der Pfanne holen und sie so aufs Backpapier streuen, dass sie nicht alle zusammenklumpen. Eventuell mit zwei Gabeln auseinanderziehen, solange das noch geht. Dafür kann man gut eine zweite Person gebrauchen.

Tipps: In den Rezepten, die ich gefunden habe, ist meist noch mehr Zucker im Verhältnis zu den Mandeln genannt. Das hat bei mir nicht geklappt, da hatte ich am Ende einen riesigen Klumpen aus steinharter Masse, von dem man scherbenförmige Brocken abschlagen musste, die dann wirklich die Zähne ruinierten. Und: Das mit dem Sesam war etwas gefährlich, da diese kleinen Körnchen viel schneller anbrennen, man sollte sie also recht spät hinzufügen, so dass sie gerade noch leicht mit angeröstet werden.
Ich hab's euch gesagt. Mehr kann ich nicht tun.

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Dienstag, 11. November 2008
Wind & Wuthering
nnier | 11. November 2008 | Topic In echt
Because the wind is high
It blows my mind

(The Beatles, Because)

Gehörte ich zu jenen, die stets eine Digitalkamera oder wenigstens ein Mobiltelefon mit entsprechender Funktion mit sich tragen, dann hätte ich heute früh meine abenteuerliche Fahrradfahrt durch den Sturm zweimal unterbrochen und folgende Motive abgelichtet:

a) Den Originalwindwirbel aus American Beauty mit der originalen Plastiktüte, voll echt, genau wie im Film. (In meinem Stadtteil ist heute "Gelber Sack").

b) Einen dieser PKW-Anhänger, die, mit überdimensionalen Aufbauten versehen, zu Werbezwecken in der Gegend herumstehen. Dieser hatte einen besonders hohen Aufbau und dem böigen Wind offenbar nicht genug Standkraft entgegenzusetzen. Er warb für Fitness- oder Diätkram. Die Aufschrift lautete: "Balance".

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