Mumien, Analphabeten, Diebe.
Du hast's gut, du hast dein Leben noch vor dir.
Herr R.
nnier | 30. Oktober 2008 | Topic In echt
Er musste gemeinsam mit seinem Bruder oder dem Nachbarjungen täglich den weiten Schulweg zurücklegen, je eine Stunde hin und zurück, und einmal, als Jugendliche, an einem Sommertag, querten sie wie jeden Tag den kleinen Ort, in dem es eine Gaststätte mit Ausschank an der Straße gab, dort gönnten sie sich jeder für ein paar Groschen ein Dunkelbier, welches weder mit süßem Malzbier, noch mit dem dunklen Starkbier vergleichbar war, leerten ihre Humpen, dann, angetrieben weniger von Durst als von Abenteuerlust, schlich er sich in einem unbeobachteten Moment hinter den Ausschank, um heimlich noch mehr Bier in sein Glas zu zapfen. Der Hahn ließ sich leicht umlegen, das Bier strömte in den Humpen, doch dann, das Glas war voll, klemmte der Hahn irgendwie, das Bier floss weiter, das Glas lief über, er ließ es stehen und rannte und rannte und musste hernach auf Schul- und Nachhauseweg jeweils einen Umweg von einer halben Stunde in Kauf nehmen, jahrelang, um bloß nie mehr an jener Gaststätte vorbeigehen zu müssen.

Interessant an dieser Geschichte finde ich, dass ich sie noch weiß. Sie wurde mir nämlich nur ein einziges Mal erzählt, das ist mehr als drei Jahrzehnte her, und der Erzähler war nicht nur Rektor meiner Grundschule, sondern in den ersten beiden Jahren auch mein Klassenlehrer. Auf uns Kinder wirkte er schon damals uralt, weißhaarig mit Gehstock, dabei blieb er auch danach noch einige Jahre im Schuldienst und kann also nicht älter als Ende fünfzig, Anfang sechzig gewesen sein. In unserer kleinen Schule, die es längst nicht mehr gibt und die nach einem "Begründer der modernen Pädagogik als Wissenschaft" benannt war, welcher aber auch als Philosoph und Psychologe geführt wird und über dessen Leben und die darin vorkommende Musik - er hatte eine Klaviersonate geschrieben - wiederum jener Lehrer und Rektor eine "musikbiographische Skizze" in einem Jahrbuch der Stadt veröffentlich hat (was einem das Internet so alles offenbart!), in dieser Schule also war auf einiges stets Verlass: Man stellte sich bei Pausenende auf dem Schulhof in Zweierreihen auf, bis es klingelte, und ging so geordnet in den Klassenraum zurück; man sang zu den Geburtstagen "Viel Glück und viel Segen", und zwar in der Version mit "Gesundheit und Wohlstand", und zwar im Kanon, und zwar dirigiert durch Herrn R.; man stand vor dem Unterricht auf, wenn der Lehrer hereinkam, wartete sein "Guten Morgen!" ab, antwortete im Chor "Guten Morgen!" und setzte sich erst dann, wenn er dies verbal oder mit einer kleinen Handbewegung anzeigte; man stellte bei Schulschluss die Stühle hoch. Und in mancher Schulstunde kam man in den Genuss einer Geschichte aus Kindheit oder Jugend des Herrn R.:

Im Winter war es in der Schule klirrend kalt. Lediglich in einer Ecke des Klassenzimmers gab es einen Kamin, und wenn die Tinte in den Fässchen gefror, hatte der Lehrer manchmal ein Einsehen und gestattete den Schülern, eine halbe Stunde lang Holz sammeln zu gehen. Wenn das Feuer dann endlich brannte, hatten es die Schüler in den hinteren Reihen am besten, was sonst nicht der Fall war, da die Sitz- zugleich auch die Rangordnung der Schüler war, der Kamin aber entwickelte seine Wärme nur sehr langsam und die guten Schüler weiter vorne hatten bis zum Schulende praktisch nichts davon, außer dass sie ihre hartgefrorenen Butterbrote auf den Sims legen und dort wenigstens etwas antauen lassen konnten.

Schon am allerersten Schultag, mir war vor Angst und Aufregung schlecht, hatte er uns in seinen Bann gezogen, denn wir wurden Zeugen eines schier unglaublichen Geschehens: Herr R. erzählte uns, dass in seinem Pult jemand wohne, und noch während er sprach, hörte man eine verzerrte Stimme von unten rufen: "Haaallooooo Kinder! Hallooooo!", und plötzlich kam ein Kasper hinter der Kante des Pults zum Vorschein, worüber Herr R. vollkommen überrascht war, bevor er schließlich mit dem kleinen Kerl zu sprechen begann. In den folgenden Wochen, als ich meine Mitschüler langsam kennenlernte, sprachen wir in den Pausen und auf dem Nachhauseweg noch oft darüber, wie das wohl funktioniert habe, bis O. uns eines Tages verschwörerisch ansah: "Mein Vater sagt, der hat'n Cassettenrecorder dahinter!", was uns aber auch nicht restlos überzeugte, so dass wir noch jahrelang nach dem Kasper fragten.

Gerne erinnere ich mich auch an unsere erste Hausaufgabe: "Malt ein Haus mit einem Schornstein, aus dem immer Rauch rauskommt." Natürlich fertigte ich das Bild eifrig zu Hause an, traute mich am nächsten Tag aber nicht, es vorzuzeigen (und bereute dies lange, denn ich hatte es doch gemacht und nun musste er denken, ich wäre so einer, der seine Hausaufgaben nicht macht.)

Eines Tages wurde ich mit zwei Mitschülerinnen in eine Gärtnerei geschickt, um dort die zu Unterrichtszwecken bestellten Blumenzwiebeln abzuholen, für welche, wie Herr R. uns mitteilte, der Gärtner kein Geld haben wollte und weshalb wir bitte ausdrücklich die Worte "Herr R. lässt herzlich danken!" zu verwenden hätten. Es war eine wirkliche Auszeichnung, diesen Botengang für ihn antreten zu dürfen, und so eilten wir voller Stolz zur Gärtnerei, nahmen die Zwiebeln in Empfang, murmelten "Danke!" und rannten zurück zur Schule, wo Herr R. von uns wissen wollte, ob wir denn wirklich seinen Wortlaut wiedergegeben hätten, was wir sehr überzeugend bejahten.

Er konnte sich vom freundlichen Herrn innerhalb weniger Momente in einen furios schimpfenden Wüterich verwandeln, was uns regelmäßig ziemlich erschreckte. Besonders oft bekam dies mein bester Freund A. zu spüren, der mich morgens immer abholte und ein ganz lieber Junge, leider aber kein guter Schüler war. Hatte jemand seine Hausaufgaben nicht gemacht, vergaß jemand das mitzubringende Geld für den Wandertag, dann konnte es passieren, dass Herr R. den betreffenden Schüler buchstäblich am Kragen packte, vom Stuhl riss und fürchterlich auf ihn einschrie. Und eine recht unangenehme Erfahrung machte auch meine Mitschülerin S.; man muss dazu wissen, dass Herr R. ein gläubiger Christ war, und zwar ein evangelischer, der regelmäßig die Dummheit der Katholiken (Beichte! Papst!) anprangerte, was mir als zumindest nominellem Mitglied jener Minderheit manchmal etwas unangenehm war, auch wenn ich mich nicht direkt angesprochen fühlte. Und als wir im Religionsunterricht einmal darüber belehrt wurden, dass man den Namen des Herrn nicht fluchen oder auch nur leichtfertig gebrauchen solle ("so wie manche Menschen abwertend 'Ach, Gottchen!' sagen"), äußerte S., dass aber auch er, Herr R., dies schon getan habe, womit sie auch eindeutig recht hatte. Herr R. wollte dies nicht glauben oder zugeben, blieb aber freundlich und wies uns an, ihn, sollte dies doch einmal vorkommen, doch bitte darauf hinzuweisen.

Nicht lange danach hatte er aus irgendeinem Grund einen Wutanfall und schrie jemanden mit "Herrgottnochmal!" an. Und die mutige S. meldete sich und sagte ganz zaghaft: "Jetzt haben Sie's wieder gesagt", woraufhin Herr R. sie mit wutverzerrtem Gesicht anschrie: "JA! HABE ICH AUCH!" und wir alle sehr still wurden.

Als er nach zwei Jahren unsere Klasse an eine andere Lehrerin übergab, waren wir alle sehr traurig. Immerhin als Religions- und Musiklehrer - er konnte übrigens sehr gut Geige spielen - blieb er uns aber erhalten, so dass wir noch viele Kanons singen ("Ehre sei Gott in der Hö-ö-he ...") und Geschichten hören konnten, seien es nacherzählte wie die von dem Mann, der den Bratenduft, in welchen ein Mittelloser sein Stück Brot gehalten hatte, mit dem Klang seiner Goldmünze bezahlte (das muss in Religion gewesen sein), seien es selbsterlebte wie die von den Vorräten, die er in Notzeiten mit seinem Bruder in einer abenteuerlichen Kletteraktion vom elterlichen Balkon stibitzt hat.

Das einzige Mal, dass ich ihn nach Verlassen der Grundschule noch sah, war etwa drei Jahre später, als ich ihm, der gerade spazierenging, mit meinem Rennrad entgegenfuhr und vor Verlegenheit nicht wusste, was ich sagen sollte, mir statt dessen einredete, dass er mich bestimmt nicht erkenne und deshalb grußlos an ihm vorüberfuhr.

Man ist mit zwölf, dreizehn auch nicht im geeigneten Alter, um jemandem zu sagen, wie froh man ist, ihn als Lehrer gehabt zu haben. Aber schade ist es auch.

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jean stubenzweig, Freitag, 31. Oktober 2008, 03:08
Ich gebe Ihnen einen guten Rat: Passen Sie auf sich auf, Sie sind doch noch so jung! Denn solche Erinnerungen sind ein untrügliches Zeichen fürs Älterwerden, setzt doch ab einer gewissen Stufe des Fortgeschrittenseins das Langzeitgedächtnis ein!

Und irgendwie assoziiere ich bei dieser Geschichte Marcel Pagnol, in dessen Kindheit in der Provence ich immer wieder gerne mal lese, wenn ich's kuschelig mag. Auch Frédéric Mistral kann einem dabei einfallen oder Alphonse Daudet. Da bin ich dann zuhause. Richtig wohlig.

Im deutschsprachigen Bereich vielleicht denk- und vergleichbar: Johann Peter Hebel?

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vert, Freitag, 31. Oktober 2008, 03:22
wenn man allemannisch kann! - da ist provençal fast nicht viel fremder...

(und ich habe gerade eine "jugendgeschichte" aufgeschrieben. hrmpf. die veröffentliche ich dann... ein anderes mal. später. wenn ich alt werde. morgen vielleicht.)

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nnier, Freitag, 31. Oktober 2008, 09:51
Pagnol? Mistral? Daudet? Hebel? Da sind sie wieder, die Bildungslücken, denn mehr als "schon mal gehört" kann ich dazu gar nicht sagen, und das auch nur zu den beiden letztgenannten. (Nebenbei, wohlig wird mir auf jeden Fall bei einem anderen Franzosen, bzw. zweien, denn die tollen Illustrationen gehören untrennbar dazu, und nach all den Jahren wird das alles offenbar plötzlich ausgeschlachtet, so mit Film und allem, ich befürchte Schlimmes).

Erinnerungen und Älterwerden begleiten mich seltsamerweise schon lange, auch gefühlsmäßig. Ich könnte z.B. meine Grundschulklasse mit Vor- und Nachnamen zu 95% zusammenkriegen, die Lehrer dazu, womit ich immer auf Verwunderung stoße bei denen, die da eine komplette Amnesie haben. Und damit geht es erst los, denn ich kann mich auch noch ganz gut daran erinnern, wie die so waren und wie ich zu jener Zeit gedacht habe. (Wo ich dafür meine blinden Flecke habe, merke ich selber ja nicht). "Früher" habe ich jedenfalls auch schon früher gesagt.

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nnier, Freitag, 31. Oktober 2008, 13:28
Und jetzt habe ich mir mal was zu Pagnol durchgelesen, klarer Fall: Auf den Stapel damit! Auch wenn ich auf dem Dachboden noch zwei vollkommen ungesichtete Bananenkisten mit Taschenbüchern stehen habe.

Alemannisch: Ich bilde mir ein, das sogar halbwegs verstehen, wenn auch sicher nicht sprechen zu können. Es ist die seltsame Sprache mit "Huus" und "gsi" und "seller", das gibt's auch in Teilen der Schweiz und erinnert mich an das hier:

En Schwob, en Schweizer ond en Nordeitscher sitzed em Zug. No frogt dr Schweizer da Nordeitsche:"Sinds auch schon z'Züri gsi?" Der verschtoht aber nix. Der Schweizer wiederholt: "Sinds auch schon z'Züri gsiiii?" aber s hilft nix. Der Schwob hilft aus: "Er moint gwä!"

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jean stubenzweig, Freitag, 31. Oktober 2008, 14:18
Wenn Sie sich so weitererinnern und auch so schreiben, sind Sie nahe dran an Pagnol. Ich habe, nachdem ich vorhin darüber geschrieben hatte, wieder in seiner Kindheit herumgelesen und war, nach ewigen Zeiten, erneut auf den Schlag hingerissen; ich werde seine Kindheitserinnerungen wohl nochmal lesen. Von ihm hat sich übrigens Robert Guédiguian die Titelhelden, so etwas wie das Lieblingspaar der (alten) Marseillais, ausgeborgt: Marius et Jeannette. Dieses Filmes – und nicht der vielen Maler – wegen wäre ich beinahe in l'Estaque gelandet, ernsthaft. Ich habe dann allerdings doch das Zentrum vorgezogen, benötigt man doch eine gute halbe Stunde mit dem Bus dort hinaus, der zudem am Abend auch nicht mehr fährt.

Allemannisch, sicher doch, das ist der große Sprachraum vom Elsaß (von dessen Rand zu Lothringen ich mütterlicherseits abstamme) über deutsche Gebiete bis in die Schweiz. Und dort kann's dann, wie Vert anmerkte und Sie's beschrieben haben, fast so fremd anmuten wie provençal in Frankreich (siehe Mistral etc.). Züri geht ja noch, aber wehe, es geht ins Umland!

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nnier, Freitag, 31. Oktober 2008, 17:24
Mich verschlägt's gelegentlich in den Ortenaukreis, und da musste ich, obwohl eigentlich dialekterfahren und -affin, doch am Anfang gelegentlich schlucken: "Se hett" (sie hat); "Geb mr seller Teller" (gib mir diesen Teller); "Lueg e mol" (schau mal); "Huus / Hissli" (Haus / Häuschen), das geht schon ins Fremdsprachige, und wenn jemand sagte, er wäre da und da gerne "Missli gsi" (Mäuschen gewesen), fühlte ich mich fast so verloren wie im ganz harten Plattdeutsch.

(L'Estaque, das wird doch auch beim Izzo am Rande erwähnt!? Zwei von den drei Romanen hab' ich gelesen, und zwar mit Freude!)

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jean stubenzweig, Samstag, 1. November 2008, 03:21
Ortenaukreis. Das ist ja tatsächlich allemannisch-randfranzösisch. Ich komme, trotz meiner Gene und Sympathie für Dialekte (von denen ich keinen wirklich spreche, da nie lange genug in einer Gegend), mit dem irgendwie nicht klar. Schweizerisch, ja. Aber mit dem nicht. Ich weiß nicht, woran das liegt. Aber in jedem Fall (sehr!) viel angenehmer als Schwäbisch!!!

Ja, l'Estaque kommt bei Izzo auch vor, wenn auch eher nebenbei. Man kommt ja gar nicht umhin, es zu kennen, wenn man Marseillais ist. Ich gehe davon aus, daß ihm l'Estaque zu (kommunistisch) bourgeois war. Es ist dort tatsächlich ein bißchen das Frankreich, na ja, das Marseille der Siebziger. Aber ein Teil der Menschen hat eben ein bißchen Geld verdient, ist älter geworden, überall guckt ein wenig Bürgerlichkeit aus den Ritzen, auch Kunsttourismus gibt's, der aber kaum spürbar ist, dafür eine passable Infrastruktur und entsprechende Mieten.

All das gibt's in Montales Ecke genau gegenüber (wenn Sie sich die Karte anschauen) nicht. l'Estaque liegt nordwestlich, die Gegend seines Kommissars genau auf der anderen, am südlichen Zipfel, den langen Chemin des Goudes hinaus, länger noch als nach l'Estaque, gänzlich abgelegen, nur für ihn und die Dame, die ihn bekocht, und sein Böötchen, mit dem er manchmal . Das ist zwar auch romantisierend, aber in Ordnung. Er will ja allein sein. Wäre Lole bei ihm, wäre es was anderes ...

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nnier, Sonntag, 2. November 2008, 16:07
Das mit der Dame und dem Bekochen ist ja auch was, das mir sehr gefällt! So eine freundliche, alte Nachbarin, die den ganzen Aufwand gerne betreibt, weil sie weiß, dass es sich lohnt (und dafür kaum mehr als etwas Gesellschaft verlangt). Bei Camilleris Montalbano ist es ja die Haushälterin, die Köstlichkeiten zum Aufwärmen im Kühlschrank hinterlässt. Mjam.

Ich glaube, dass Sie am Ende des Satzes " ... mit dem er manchmal ." etwas verlinken wollten, das dann verschwunden ist?

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jean stubenzweig, Montag, 3. November 2008, 04:23
Ich wollte Ihnen zeigen, von wo aus Montale mit seinem Böötchen aus auf Meer hinausgefahren ist, um seine Ruhe und ein paar Fische zu haben. Das scheint mißlungen, die Technik nicht mitgemacht zu haben. Aber der erneute Versuch hat Anschaulicheres zutage befördert, ein hübsches Filmchen, das die Gegend zeigt, wo er sich in seiner kleinen Bude (das waren meist Schwarzbauten, sogenannte Cabanons). Also ganz rechts gucken im Filmchen, irgendwo da hinter den Hügeln bei Les Goudes, da hat Izzo das Häuschen angesiedelt, wo er von der Nachbarin liebevoll bekocht wurde.

Vielleicht kriegen Sie's ja hin, das Video zu vergrößern; auf meinem Safari ging's, auf Firefox wird's miniaturartig. Aber auf jeden Fall ist nun auch der Weg angezeigt, den ich vorhatte zu präsentieren (in der Karte weiter nach rechts kommen Sie übrigens nach Cassis, mit Europas höchster Klippe, 300 Meter hoch, bewohnt von alten Adel und einem Herrn Neureich, so ein glatzköpfiger Fußballtorwart).

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nnier, Montag, 3. November 2008, 21:33
Sehr schöne Panoramaaufnahme! (Beim Firefox war's tatsächlich nur Briefmarkengroß, aber mit dem IE ging's). Und die Gegend gefällt mir ausgesprochen gut. Schwarzbauten? Die habe ich bisher vor allem in Italien vermutet! Und interessant, was Sie da hinter den Cabanons verlinkt haben:

"Ursprünglich war der Cabanon ein Sommerhaus, in dem sich die Marseiller an den Sonntagen und in den Ferien zusammen mit der Familie trafen, um die Natur zu genießen und sich den Tagesablauf nur vom Rhythmus der Sonne diktieren zu lassen. [...] Dabei handelte es sich nicht um ein Freizeitvergnügen für Wohlhabende: Die Cabanons sind ein wichtiges Zeugnis der Freizeitkultur aller sozialen Schichten. Die Häuser waren keine komfortablen Unterkünfte, vielmehr handelte es sich um einfache Holzhütten mit einer Veranda, die weder über Strom-, noch über einen Wasseranschluss verfügten. In seiner einfachen Form ähnelt der Cabanon einem Bootsschuppen, voll mit Tischen, Stühlen, Kissen, Geschirr, Gaskochern, Matratzen, Sonnenschirmen. Mit anderen Worten: mit allem, was man benötigt, um einen Tag am Meer zu verweilen."

Seufz.

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nnier, Mittwoch, 5. November 2008, 12:58
In Bernhard Schlinks "Der Vorleser" gibt es eine Stelle, die mich beim Lesen damals beeindruckt hat: Dem Protagonisten wird beim Spazierengehen im Wald ganz plötzlich etwas Wichtiges klar und er denkt dann darüber nach, wie es wohl kommt, dass dies gerade hier und jetzt, nicht früher oder später oder anderswo, geschieht.

Heute früh, im Fahrstuhl, nachdem ich schon mehrfach die Romane der Herren Izzo und Camilleri in einen Zusammenhang gebracht habe:
Wie heißt der Kommissar bei Camilleri? Montalbano.
Wie heißt der Kommissar bei Izzo? Montale.

Und mir fällt das wochenlang nicht auf! Obwohl ich wusste, dass Camilleri seinen Salvo nach dem Katalanen Manuel Vázquez Montalbán benannt hat. Und gleich die erste google-Suche führt mich hierhin ("Izzo wurde für Marseille, was Manuel Vázquez Montalbán für Barcelona ist") und so weiter ...

Ich muss, scheint's, mein Hirn entrosten und dann mal etwas Montalbán besorgen, das kann ja kein schlechter sein (aber erst mal den dritten Izzo beenden, der so wunderbar beginnt).

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monnemer, Mittwoch, 5. November 2008, 13:28
Montalbán lesen werden Sie sicher nicht bereuen.
Ich hoffe, Sie berichten...;-)

Seltsamerweise haben mir die beiden Carvalho-Romane "Quintett in Buenos Aires" und "Die Vögel von Bangkok", deren Kulisse nicht Barcelona ist, am Besten gefallen.

Auf jeden Fall Lesestoff satt, bei mir stehen 15 Carvalhos im Regal.

Viel Spass!

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jean stubenzweig, Mittwoch, 5. November 2008, 14:04
Werter Nnier,
ich getraue mich mal, eine Frage zu stellen, die mit diesen Themen hier nichts zu tun haben. Halt, doch: mit lesen durchaus.

Ich lese gerade, von Töchterleins Flohmarkttisch wegkonfisziert, weil ich ihn neulich im Gespräch auf NDR-Kultur hatte (und ja grundsätzlich ein Spätzünder bin): Sven Regener, Neue Vahr Süd. Er ist ja momentan in aller Munde, was ich nach etwa 500 Seiten durchaus verstehen kann. Ich mag Bücher, in denen soviel passiert, weil kaum etwas passiert (vermutlich ist das bei den anderen Lehmann-Büchern ähnlich).

Sie sind doch so ein von der Musik Geküßter – sind seine Element of Crime-Texte auch so lakonisch?

Und, ach ja: Neue Vahr Süd – ist das so eine Kapalkengegend in Bremen? So eine, in der sozial Benachteiligte leben?

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nnier, Mittwoch, 5. November 2008, 15:20
@monnemer: Das mit Ihrem Regal nehme ich als Empfehlung! Bei mir stehen einige Camilleris darin, haben Sie da schon mal reingeschaut? Hach, wenn man nur mehr Lesezeit hätte! Denn zwischendrin, so wie jetzt gerade, kommt auch mal so was wie "Requiem für einen Mörder" (Caroline Graham) aus der großen geerbten Bananenkiste mit den ganzen Krimis. Die sollte ich wohl mal sichten - wer weiß, ob auch was Spanisches drin ist? (Bisher war's eher angelsächsisch und skandinavisch, aber wer weiß?)

Herr Stubenzweig: Ich bin geradezu erschrocken über Ihren Kommentar! Denn als ich heute früh Ihren aktuellen Beitrag zum Thema Architektur gelesen habe, brachten mich die Stichworte Neuperlach, Gropiusstadt etc. dazu, mal etwas über zwei Bremer Stadtteile nachzulesen. Den einen, Tenever [Edit: mehr], kenne ich eigentlich nur von der Autobahn aus, es ist ein trauriges Beispiel für misslungene, gigantomanische Hochhausarchitektur, die zwar angeblich in den 70ern noch von Kommunalpolitkern aus Europa interessiert besichtigt und als beispielhaft gepriesen wurde, jetzt aber längst "sozial entmischt" ist, und man versucht (u.a. durch Wegsprengung einiger dieser Bauten) verzweifelt, noch was zu retten. (Das kann man sicherlich viel differenzierter sehen, ist aber als Kurzfassung wohl so vertretbar). Die Vahr [Edit: mehr], auch wenn ich sie ebenfalls nicht so gut kenne, kann man damit nicht vergleichen. Sie ist nach dem Krieg entstanden, als schnell viel neuer Wohnraum gebraucht wurde; die Bebauung ist zwar dicht, aber selten höher als fünf, sechs Stockwerke und es gibt riesige Grünflächen. Als Stadtteil scheint sie immer noch zu funktionieren, auch wenn mein Freund, der dort schon sehr lange wohnt, das berichtet, was man vielerorts beobachten muss: Früher lebte der Zahnarzt im selben Mietshaus wie der Fabrikarbeiter, und diese Durchmischung nimmt rapide ab. Als sozial benachteiligten Stadtteil würde ich das nicht verstehen, und in der Zeit, in der der Roman spielt, erst recht nicht. ("Kapalken" musste ich übrigens erst mal nachschlagen!)

Zur Musik, ich habe davon bisher nur wenig kennengelernt, hörte vor langer Zeit mal einige Songs von Element of Crime bei meiner Schwester, etwa zu der Zeit, als "Herr Lehmann" erschien, und fand die auch gut; sie verdienen es bestimmt, genauer angehört zu werden, ich kann dazu aber leider nichts Gehaltvolles sagen. Übrigens ist "Herr Lehmann" auch ein gutes Buch, und den "Kleinen Bruder" habe ich ja kürzlich gelesen - dieser beschreibt nur die allerersten Tage in Westberlin (direkt nach der Handlung von "Neue Vahr Süd") und hat mir auch wieder gut gefallen. Ein guter Vorleser ist er auch, der Herr Regener, falls er mal in Ihre Nähe kommt (oder Sie in seine).

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vert, Mittwoch, 5. November 2008, 21:15
herr regener ist eine schreckliche diva, aber sein oeuvre ist groß. zu element of crime vielleicht später was. also morgen. muss noch die nacht über arbeiten, ein gefallen für einen freund ...

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nnier, Donnerstag, 6. November 2008, 09:32
Jetzt, wo Sie's sagen - doch, so'n büschen divenhaft hat er sich da schon präsentiert bei der Lesung neulich, "und aber auch" (Berti Vogts, 2001) sehr sympathisch und wie gesagt als guter Vorleser. Erzähl'n Sie doch mal! Wenn Sie sich von der Nachtschicht erholt haben.

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jean stubenzweig, Donnerstag, 6. November 2008, 11:31
Erschrocken? Weshalb denn das? Es hat sich doch ein wenig getan seither. Das wird ja alleine an Bremen sichtbar, wie Sie mir freundlicherweise zugelinkt haben. Wenn ich auch nicht behaupten möchte, daß dies zum besten der Städte geschehen ist, wie man an den Beispielen Berlin-Potsdamer Platz oder Ahrensburg- bzw. Trittau-Zentrum sehen kann ...

Das dürfte ein überall zu sehendes Problem sein: «Früher lebte der Zahnarzt im selben Mietshaus wie der Fabrikarbeiter, und diese Durchmischung nimmt rapide ab.» Man grenzt sich ab, zerstört Gewachsenes. Heterogenität ist nicht mehr gewünscht.

Diva hin, lieber vert, Diva her. Im Interview war er mir recht sympathisch. Oder so: Hauptsache, die Kunst ist gut. Ich habe im Laufe meines Lebens ach so viele Diven kennengelernt, da wird einem das wurscht. Schlimm ist nur, wenn sich jemand als Genius empfindet und dann auch noch als klassizistische Diva aufführt, die Aufführung aber so hohl ist wie die Ästhethik der Winckelmann-Jünger. Auch davon gibt's genug. Dann lieber so einen. Man muß ja keine Liebesheirat eingehen oder gar zusammenziehen wollen.

Mir hat das Buch gut gefallen. Zum Ende baut er leicht ab. Aber welch' Wunder bei 630 Seiten. Doch missen möchte ich es nicht, das Ende. Selbst dafür kriegen andere noch Preise.

Gerne lese ich ein bißchen mehr.

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nnier, Donnerstag, 6. November 2008, 11:44
Erschrocken, weil ich nach so vielen Jahren mal etwas über einen bestimmten Stadtteil herausgesucht habe und zwei Stunden später danach gefragt wurde!

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vert, Freitag, 7. November 2008, 18:49
nach rücksprache mit weiteren erstquellen wurde ich gebeten, zu diesem thema zu schweigen. genau genommen behaupte ich jetzt sogar das gegenteil!

"Man muß ja keine Liebesheirat eingehen oder gar zusammenziehen wollen".
sowas ähnliches hab ich danach auch gesagt:
"ich muss ihn ja nicht knutschen";-)

regener ist ein guter erzähler (auch live!), ein sehr guter sogar und jeden preis hat er zu recht erhalten.
mal ganz abgesehen von seiner stimme, mit der er die frauen betört - als einer von wenigen sängern hat er nicht nur eine markante sing- sondern auch eine ebensolche sprechstimme.

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