Mumien, Analphabeten, Diebe.
Du hast's gut, du hast dein Leben noch vor dir.
Donnerstag, 30. Oktober 2008
Herr R.
nnier | 30. Oktober 2008 | Topic In echt
Er musste gemeinsam mit seinem Bruder oder dem Nachbarjungen täglich den weiten Schulweg zurücklegen, je eine Stunde hin und zurück, und einmal, als Jugendliche, an einem Sommertag, querten sie wie jeden Tag den kleinen Ort, in dem es eine Gaststätte mit Ausschank an der Straße gab, dort gönnten sie sich jeder für ein paar Groschen ein Dunkelbier, welches weder mit süßem Malzbier, noch mit dem dunklen Starkbier vergleichbar war, leerten ihre Humpen, dann, angetrieben weniger von Durst als von Abenteuerlust, schlich er sich in einem unbeobachteten Moment hinter den Ausschank, um heimlich noch mehr Bier in sein Glas zu zapfen. Der Hahn ließ sich leicht umlegen, das Bier strömte in den Humpen, doch dann, das Glas war voll, klemmte der Hahn irgendwie, das Bier floss weiter, das Glas lief über, er ließ es stehen und rannte und rannte und musste hernach auf Schul- und Nachhauseweg jeweils einen Umweg von einer halben Stunde in Kauf nehmen, jahrelang, um bloß nie mehr an jener Gaststätte vorbeigehen zu müssen.

Interessant an dieser Geschichte finde ich, dass ich sie noch weiß. Sie wurde mir nämlich nur ein einziges Mal erzählt, das ist mehr als drei Jahrzehnte her, und der Erzähler war nicht nur Rektor meiner Grundschule, sondern in den ersten beiden Jahren auch mein Klassenlehrer. Auf uns Kinder wirkte er schon damals uralt, weißhaarig mit Gehstock, dabei blieb er auch danach noch einige Jahre im Schuldienst und kann also nicht älter als Ende fünfzig, Anfang sechzig gewesen sein. In unserer kleinen Schule, die es längst nicht mehr gibt und die nach einem "Begründer der modernen Pädagogik als Wissenschaft" benannt war, welcher aber auch als Philosoph und Psychologe geführt wird und über dessen Leben und die darin vorkommende Musik - er hatte eine Klaviersonate geschrieben - wiederum jener Lehrer und Rektor eine "musikbiographische Skizze" in einem Jahrbuch der Stadt veröffentlich hat (was einem das Internet so alles offenbart!), in dieser Schule also war auf einiges stets Verlass: Man stellte sich bei Pausenende auf dem Schulhof in Zweierreihen auf, bis es klingelte, und ging so geordnet in den Klassenraum zurück; man sang zu den Geburtstagen "Viel Glück und viel Segen", und zwar in der Version mit "Gesundheit und Wohlstand", und zwar im Kanon, und zwar dirigiert durch Herrn R.; man stand vor dem Unterricht auf, wenn der Lehrer hereinkam, wartete sein "Guten Morgen!" ab, antwortete im Chor "Guten Morgen!" und setzte sich erst dann, wenn er dies verbal oder mit einer kleinen Handbewegung anzeigte; man stellte bei Schulschluss die Stühle hoch. Und in mancher Schulstunde kam man in den Genuss einer Geschichte aus Kindheit oder Jugend des Herrn R.:

Im Winter war es in der Schule klirrend kalt. Lediglich in einer Ecke des Klassenzimmers gab es einen Kamin, und wenn die Tinte in den Fässchen gefror, hatte der Lehrer manchmal ein Einsehen und gestattete den Schülern, eine halbe Stunde lang Holz sammeln zu gehen. Wenn das Feuer dann endlich brannte, hatten es die Schüler in den hinteren Reihen am besten, was sonst nicht der Fall war, da die Sitz- zugleich auch die Rangordnung der Schüler war, der Kamin aber entwickelte seine Wärme nur sehr langsam und die guten Schüler weiter vorne hatten bis zum Schulende praktisch nichts davon, außer dass sie ihre hartgefrorenen Butterbrote auf den Sims legen und dort wenigstens etwas antauen lassen konnten.

Schon am allerersten Schultag, mir war vor Angst und Aufregung schlecht, hatte er uns in seinen Bann gezogen, denn wir wurden Zeugen eines schier unglaublichen Geschehens: Herr R. erzählte uns, dass in seinem Pult jemand wohne, und noch während er sprach, hörte man eine verzerrte Stimme von unten rufen: "Haaallooooo Kinder! Hallooooo!", und plötzlich kam ein Kasper hinter der Kante des Pults zum Vorschein, worüber Herr R. vollkommen überrascht war, bevor er schließlich mit dem kleinen Kerl zu sprechen begann. In den folgenden Wochen, als ich meine Mitschüler langsam kennenlernte, sprachen wir in den Pausen und auf dem Nachhauseweg noch oft darüber, wie das wohl funktioniert habe, bis O. uns eines Tages verschwörerisch ansah: "Mein Vater sagt, der hat'n Cassettenrecorder dahinter!", was uns aber auch nicht restlos überzeugte, so dass wir noch jahrelang nach dem Kasper fragten.

Gerne erinnere ich mich auch an unsere erste Hausaufgabe: "Malt ein Haus mit einem Schornstein, aus dem immer Rauch rauskommt." Natürlich fertigte ich das Bild eifrig zu Hause an, traute mich am nächsten Tag aber nicht, es vorzuzeigen (und bereute dies lange, denn ich hatte es doch gemacht und nun musste er denken, ich wäre so einer, der seine Hausaufgaben nicht macht.)

Eines Tages wurde ich mit zwei Mitschülerinnen in eine Gärtnerei geschickt, um dort die zu Unterrichtszwecken bestellten Blumenzwiebeln abzuholen, für welche, wie Herr R. uns mitteilte, der Gärtner kein Geld haben wollte und weshalb wir bitte ausdrücklich die Worte "Herr R. lässt herzlich danken!" zu verwenden hätten. Es war eine wirkliche Auszeichnung, diesen Botengang für ihn antreten zu dürfen, und so eilten wir voller Stolz zur Gärtnerei, nahmen die Zwiebeln in Empfang, murmelten "Danke!" und rannten zurück zur Schule, wo Herr R. von uns wissen wollte, ob wir denn wirklich seinen Wortlaut wiedergegeben hätten, was wir sehr überzeugend bejahten.

Er konnte sich vom freundlichen Herrn innerhalb weniger Momente in einen furios schimpfenden Wüterich verwandeln, was uns regelmäßig ziemlich erschreckte. Besonders oft bekam dies mein bester Freund A. zu spüren, der mich morgens immer abholte und ein ganz lieber Junge, leider aber kein guter Schüler war. Hatte jemand seine Hausaufgaben nicht gemacht, vergaß jemand das mitzubringende Geld für den Wandertag, dann konnte es passieren, dass Herr R. den betreffenden Schüler buchstäblich am Kragen packte, vom Stuhl riss und fürchterlich auf ihn einschrie. Und eine recht unangenehme Erfahrung machte auch meine Mitschülerin S.; man muss dazu wissen, dass Herr R. ein gläubiger Christ war, und zwar ein evangelischer, der regelmäßig die Dummheit der Katholiken (Beichte! Papst!) anprangerte, was mir als zumindest nominellem Mitglied jener Minderheit manchmal etwas unangenehm war, auch wenn ich mich nicht direkt angesprochen fühlte. Und als wir im Religionsunterricht einmal darüber belehrt wurden, dass man den Namen des Herrn nicht fluchen oder auch nur leichtfertig gebrauchen solle ("so wie manche Menschen abwertend 'Ach, Gottchen!' sagen"), äußerte S., dass aber auch er, Herr R., dies schon getan habe, womit sie auch eindeutig recht hatte. Herr R. wollte dies nicht glauben oder zugeben, blieb aber freundlich und wies uns an, ihn, sollte dies doch einmal vorkommen, doch bitte darauf hinzuweisen.

Nicht lange danach hatte er aus irgendeinem Grund einen Wutanfall und schrie jemanden mit "Herrgottnochmal!" an. Und die mutige S. meldete sich und sagte ganz zaghaft: "Jetzt haben Sie's wieder gesagt", woraufhin Herr R. sie mit wutverzerrtem Gesicht anschrie: "JA! HABE ICH AUCH!" und wir alle sehr still wurden.

Als er nach zwei Jahren unsere Klasse an eine andere Lehrerin übergab, waren wir alle sehr traurig. Immerhin als Religions- und Musiklehrer - er konnte übrigens sehr gut Geige spielen - blieb er uns aber erhalten, so dass wir noch viele Kanons singen ("Ehre sei Gott in der Hö-ö-he ...") und Geschichten hören konnten, seien es nacherzählte wie die von dem Mann, der den Bratenduft, in welchen ein Mittelloser sein Stück Brot gehalten hatte, mit dem Klang seiner Goldmünze bezahlte (das muss in Religion gewesen sein), seien es selbsterlebte wie die von den Vorräten, die er in Notzeiten mit seinem Bruder in einer abenteuerlichen Kletteraktion vom elterlichen Balkon stibitzt hat.

Das einzige Mal, dass ich ihn nach Verlassen der Grundschule noch sah, war etwa drei Jahre später, als ich ihm, der gerade spazierenging, mit meinem Rennrad entgegenfuhr und vor Verlegenheit nicht wusste, was ich sagen sollte, mir statt dessen einredete, dass er mich bestimmt nicht erkenne und deshalb grußlos an ihm vorüberfuhr.

Man ist mit zwölf, dreizehn auch nicht im geeigneten Alter, um jemandem zu sagen, wie froh man ist, ihn als Lehrer gehabt zu haben. Aber schade ist es auch.

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Worin Frauen sich sicher sein können
nnier | 30. Oktober 2008 | Topic Klar jewesn
Männer können sich im Gegensatz zu Frauen nie ganz sicher sein, der Vater eines Kindes zu sein
Hö hö.

[Edit 11.11.2008: Sie haben's geändert, jetzt heißt es: "Männer können sich im Gegensatz zu Frauen nie ganz sicher sein, dass ein Kind von ihnen ist". Note to myself: Bei sowas immer einen Screenshot machen!]

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