Mumien, Analphabeten, Diebe.
Du hast's gut, du hast dein Leben noch vor dir.
Donnerstag, 30. Oktober 2008
Herr R.
nnier | 30. Oktober 2008 | Topic In echt
Er musste gemeinsam mit seinem Bruder oder dem Nachbarjungen täglich den weiten Schulweg zurücklegen, je eine Stunde hin und zurück, und einmal, als Jugendliche, an einem Sommertag, querten sie wie jeden Tag den kleinen Ort, in dem es eine Gaststätte mit Ausschank an der Straße gab, dort gönnten sie sich jeder für ein paar Groschen ein Dunkelbier, welches weder mit süßem Malzbier, noch mit dem dunklen Starkbier vergleichbar war, leerten ihre Humpen, dann, angetrieben weniger von Durst als von Abenteuerlust, schlich er sich in einem unbeobachteten Moment hinter den Ausschank, um heimlich noch mehr Bier in sein Glas zu zapfen. Der Hahn ließ sich leicht umlegen, das Bier strömte in den Humpen, doch dann, das Glas war voll, klemmte der Hahn irgendwie, das Bier floss weiter, das Glas lief über, er ließ es stehen und rannte und rannte und musste hernach auf Schul- und Nachhauseweg jeweils einen Umweg von einer halben Stunde in Kauf nehmen, jahrelang, um bloß nie mehr an jener Gaststätte vorbeigehen zu müssen.

Interessant an dieser Geschichte finde ich, dass ich sie noch weiß. Sie wurde mir nämlich nur ein einziges Mal erzählt, das ist mehr als drei Jahrzehnte her, und der Erzähler war nicht nur Rektor meiner Grundschule, sondern in den ersten beiden Jahren auch mein Klassenlehrer. Auf uns Kinder wirkte er schon damals uralt, weißhaarig mit Gehstock, dabei blieb er auch danach noch einige Jahre im Schuldienst und kann also nicht älter als Ende fünfzig, Anfang sechzig gewesen sein. In unserer kleinen Schule, die es längst nicht mehr gibt und die nach einem "Begründer der modernen Pädagogik als Wissenschaft" benannt war, welcher aber auch als Philosoph und Psychologe geführt wird und über dessen Leben und die darin vorkommende Musik - er hatte eine Klaviersonate geschrieben - wiederum jener Lehrer und Rektor eine "musikbiographische Skizze" in einem Jahrbuch der Stadt veröffentlich hat (was einem das Internet so alles offenbart!), in dieser Schule also war auf einiges stets Verlass: Man stellte sich bei Pausenende auf dem Schulhof in Zweierreihen auf, bis es klingelte, und ging so geordnet in den Klassenraum zurück; man sang zu den Geburtstagen "Viel Glück und viel Segen", und zwar in der Version mit "Gesundheit und Wohlstand", und zwar im Kanon, und zwar dirigiert durch Herrn R.; man stand vor dem Unterricht auf, wenn der Lehrer hereinkam, wartete sein "Guten Morgen!" ab, antwortete im Chor "Guten Morgen!" und setzte sich erst dann, wenn er dies verbal oder mit einer kleinen Handbewegung anzeigte; man stellte bei Schulschluss die Stühle hoch. Und in mancher Schulstunde kam man in den Genuss einer Geschichte aus Kindheit oder Jugend des Herrn R.:

Im Winter war es in der Schule klirrend kalt. Lediglich in einer Ecke des Klassenzimmers gab es einen Kamin, und wenn die Tinte in den Fässchen gefror, hatte der Lehrer manchmal ein Einsehen und gestattete den Schülern, eine halbe Stunde lang Holz sammeln zu gehen. Wenn das Feuer dann endlich brannte, hatten es die Schüler in den hinteren Reihen am besten, was sonst nicht der Fall war, da die Sitz- zugleich auch die Rangordnung der Schüler war, der Kamin aber entwickelte seine Wärme nur sehr langsam und die guten Schüler weiter vorne hatten bis zum Schulende praktisch nichts davon, außer dass sie ihre hartgefrorenen Butterbrote auf den Sims legen und dort wenigstens etwas antauen lassen konnten.

Schon am allerersten Schultag, mir war vor Angst und Aufregung schlecht, hatte er uns in seinen Bann gezogen, denn wir wurden Zeugen eines schier unglaublichen Geschehens: Herr R. erzählte uns, dass in seinem Pult jemand wohne, und noch während er sprach, hörte man eine verzerrte Stimme von unten rufen: "Haaallooooo Kinder! Hallooooo!", und plötzlich kam ein Kasper hinter der Kante des Pults zum Vorschein, worüber Herr R. vollkommen überrascht war, bevor er schließlich mit dem kleinen Kerl zu sprechen begann. In den folgenden Wochen, als ich meine Mitschüler langsam kennenlernte, sprachen wir in den Pausen und auf dem Nachhauseweg noch oft darüber, wie das wohl funktioniert habe, bis O. uns eines Tages verschwörerisch ansah: "Mein Vater sagt, der hat'n Cassettenrecorder dahinter!", was uns aber auch nicht restlos überzeugte, so dass wir noch jahrelang nach dem Kasper fragten.

Gerne erinnere ich mich auch an unsere erste Hausaufgabe: "Malt ein Haus mit einem Schornstein, aus dem immer Rauch rauskommt." Natürlich fertigte ich das Bild eifrig zu Hause an, traute mich am nächsten Tag aber nicht, es vorzuzeigen (und bereute dies lange, denn ich hatte es doch gemacht und nun musste er denken, ich wäre so einer, der seine Hausaufgaben nicht macht.)

Eines Tages wurde ich mit zwei Mitschülerinnen in eine Gärtnerei geschickt, um dort die zu Unterrichtszwecken bestellten Blumenzwiebeln abzuholen, für welche, wie Herr R. uns mitteilte, der Gärtner kein Geld haben wollte und weshalb wir bitte ausdrücklich die Worte "Herr R. lässt herzlich danken!" zu verwenden hätten. Es war eine wirkliche Auszeichnung, diesen Botengang für ihn antreten zu dürfen, und so eilten wir voller Stolz zur Gärtnerei, nahmen die Zwiebeln in Empfang, murmelten "Danke!" und rannten zurück zur Schule, wo Herr R. von uns wissen wollte, ob wir denn wirklich seinen Wortlaut wiedergegeben hätten, was wir sehr überzeugend bejahten.

Er konnte sich vom freundlichen Herrn innerhalb weniger Momente in einen furios schimpfenden Wüterich verwandeln, was uns regelmäßig ziemlich erschreckte. Besonders oft bekam dies mein bester Freund A. zu spüren, der mich morgens immer abholte und ein ganz lieber Junge, leider aber kein guter Schüler war. Hatte jemand seine Hausaufgaben nicht gemacht, vergaß jemand das mitzubringende Geld für den Wandertag, dann konnte es passieren, dass Herr R. den betreffenden Schüler buchstäblich am Kragen packte, vom Stuhl riss und fürchterlich auf ihn einschrie. Und eine recht unangenehme Erfahrung machte auch meine Mitschülerin S.; man muss dazu wissen, dass Herr R. ein gläubiger Christ war, und zwar ein evangelischer, der regelmäßig die Dummheit der Katholiken (Beichte! Papst!) anprangerte, was mir als zumindest nominellem Mitglied jener Minderheit manchmal etwas unangenehm war, auch wenn ich mich nicht direkt angesprochen fühlte. Und als wir im Religionsunterricht einmal darüber belehrt wurden, dass man den Namen des Herrn nicht fluchen oder auch nur leichtfertig gebrauchen solle ("so wie manche Menschen abwertend 'Ach, Gottchen!' sagen"), äußerte S., dass aber auch er, Herr R., dies schon getan habe, womit sie auch eindeutig recht hatte. Herr R. wollte dies nicht glauben oder zugeben, blieb aber freundlich und wies uns an, ihn, sollte dies doch einmal vorkommen, doch bitte darauf hinzuweisen.

Nicht lange danach hatte er aus irgendeinem Grund einen Wutanfall und schrie jemanden mit "Herrgottnochmal!" an. Und die mutige S. meldete sich und sagte ganz zaghaft: "Jetzt haben Sie's wieder gesagt", woraufhin Herr R. sie mit wutverzerrtem Gesicht anschrie: "JA! HABE ICH AUCH!" und wir alle sehr still wurden.

Als er nach zwei Jahren unsere Klasse an eine andere Lehrerin übergab, waren wir alle sehr traurig. Immerhin als Religions- und Musiklehrer - er konnte übrigens sehr gut Geige spielen - blieb er uns aber erhalten, so dass wir noch viele Kanons singen ("Ehre sei Gott in der Hö-ö-he ...") und Geschichten hören konnten, seien es nacherzählte wie die von dem Mann, der den Bratenduft, in welchen ein Mittelloser sein Stück Brot gehalten hatte, mit dem Klang seiner Goldmünze bezahlte (das muss in Religion gewesen sein), seien es selbsterlebte wie die von den Vorräten, die er in Notzeiten mit seinem Bruder in einer abenteuerlichen Kletteraktion vom elterlichen Balkon stibitzt hat.

Das einzige Mal, dass ich ihn nach Verlassen der Grundschule noch sah, war etwa drei Jahre später, als ich ihm, der gerade spazierenging, mit meinem Rennrad entgegenfuhr und vor Verlegenheit nicht wusste, was ich sagen sollte, mir statt dessen einredete, dass er mich bestimmt nicht erkenne und deshalb grußlos an ihm vorüberfuhr.

Man ist mit zwölf, dreizehn auch nicht im geeigneten Alter, um jemandem zu sagen, wie froh man ist, ihn als Lehrer gehabt zu haben. Aber schade ist es auch.

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Samstag, 25. Oktober 2008
"C-a-f-f-e-e, ...
nnier | 25. Oktober 2008 | Topic In echt
trink nicht so viel Kaffee!" (Carl Gottlieb Hering*, 1766-1853)

Mancher ordnet seine Plattensammlung nicht alphabetisch oder chronologisch, sondern biographisch. Und mancher könnte sein Leben in Kaffeephasen einteilen.

Die Erkenntnis, dass Kaffee vom Luxus- zum Billigtrunk verkommen ist, ist ja keine neue. Und während man einerseits am geheimnis- und verheißungsvollen Klang des Wortes "Bohnenkaffee", welches ältere Menschen noch selbstverständlich verwendeten, sowie an der prominenten Position des vakuumverpackten Filterkaffees in den Vorschlagslisten zur vorweihnachtlichen Spendensammlung für DDR-Pakete, welche zu meiner Grundschulzeit alljährlich und selbstverständlich durchgeführt wurde, und nicht zuletzt anhand beeindruckender Szenen in der Literatur (so wird in dem Jugendbuch Damals war es Friedrich geschildert, wie der echte Kaffee nur für den strengen Großvater kräftig aufgebrüht und serviert wird) bemerken konnte und musste, dass es damit etwas ganz Besonderes auf sich hatte, war doch parallel und im Widerspruch dazu schon früh ein verschwenderischer und vor allem geringschätziger Umgang mit dem Schwarzen Gold zu beobachten; da konnten Frau Sommer und Roger Whittaker in der Werbung erzählen und säuseln, was und wie sie wollten.

Auch wenn die Kaffeepreise durchaus noch beliebtes Gesprächsthema waren und es einmal fast zu einer Revolution gekommen wäre, als einige Hersteller die 500- durch eine 400-Gramm-Packung zu ersetzen versuchten und dabei noch dummdreist von "höherer Ergiebigkeit" fabulierten, bis es hieß: "Egal, wie dick das Pfund sich bläht - entscheidend bleibt die Qualität!", gab es doch schon vor zwanzig, dreißig Jahren eher einen Kaffee umsonst als ein Glas Wasser. Überall standen tagsüber die Kannen auf den Warmhalteplatten, überall wurden abends großzügig die Reste weggekippt, jedenfalls bevor es Mikrowellengeräte gab, die dann ja vorrangig dazu verwendet wurden, kalten Kaffee wieder zu erhitzen.

Instantpulver hatte damals, vermutlich zu Recht, einen schlechteren Ruf als jeder Zichorie-Ersatzkaffee; und noch in den 90ern habe ich das Zeug nicht angerührt, dafür aber eine interessante Entdeckung gemacht: Wenn man das kochende Wasser statt in den Kaffeefilter direkt in die volle Blechdose mit dem gemahlenen Kaffeepulver schüttet (was morgens mit müdem Kopf nun mal passieren kann), lässt sich daraus ein Konzentrat bilden, das man bis zu zwei Wochen im Kühlschrank aufbewahren und dann im Verhältnis 1:3 mit kochendem Wasser aufgießen kann, wenn's mal schnell gehen muss. Das muss ungefähr zu jener Zeit gewesen sein, als im WG-Plenum beschlossen wurde, trotz ständiger Budgetknappheit ab sofort und ausschließlich den fair gehandelten Magenkiller aus dem "Welt-Laden" zu kaufen und zu trinken; meine Petition mit dem Anliegen, neben der Sandino Dröhnung auch eine kleine Reserve konventioneller Ware vorhalten zu dürfen, wurde abschlägig beschieden (und nur knapp konnte ich die sofortige Vernichtung der restlichen Vorräte abwenden, indem ich so etwas wie "hat auch keiner mehr was von" vorbrachte).

Natürlich ist klar, was folgt: Einmal solcher Kollektivknechtung entkommen, stand der Rückzug ins Private an und neben der obligatorischen Bodum-Drückerkanne bald eine Espressomaschine, und zwar eines jener Modelle, die auf den Aufbau von Dampfdruck gänzlich verzichten, deshalb konstruktiv wesentlich weniger aufwändig sind und sich folgenden Tricks bedienen: Das Wasser für 1-2 Tassen wird zunächst erhitzt, und wenn das Anzeigelämpchen erlischt, will ein Drucktaster betätigt werden, wodurch der Espressopulverbehälter in schnelle Rotation versetzt wird, auf dass zentrifugale Kräfte wirken und das heiße Wasser durch das Pulver treiben, bis es Farbe und Geschmack annimmt und in die Tassen tröpfelt. 20.- Mark musste ich für das fast neue Gerät inklusive zweier Tässchen hinlegen, da, wie mir die ältere Dame mitteilte, sie diesen "Expresso" nicht vertrage und sie habe ihren Kindern doch gesagt, dass sie nur normalen Filterkaffee trinke, und nun stehe das Geschenk einfach herum, 20.- Mark sind doch nicht zuviel, junger Mann?

Bald darauf musste es auch noch eines jener damaligen Topmodelle für den herkömmlichen Kaffee sein: Eine Maschine, die das Aufbrühen per Hand simulierte und dabei auch noch gut aussah. Ein gläserner Wasserbehälter befand sich über dem Filter und dieser wiederum über der Kanne. Ein schlankes, rundes Design, das so gar nichts mit der konventionellen Kaffeemaschine gemein hatte und vor allem wirklich besseren Kaffee produzierte, da das Wasser zunächst tatsächlich zum Kochen gebracht wurde, statt handwarm und von röchelnden Geräuschen begleitet über das Pulver getropft zu werden, und dann das schwall-artige Aufgießen samt Quellphase, wie man es von Hand vollziehen sollte, recht wirkungsvoll simulierte.

Die Jahre gingen vorüber, eines im Zeichen des Milchkaffees, ein anderes in dem des Cappuccino, die Maschinen gingen kaputt, und da sie wertvollen Küchenarbeitsplatz blockiert hatten, stand eine Abrüstungsrunde an: Eine gläserne Drückerkanne, eine Espressokanne für aufm Herd, eine stählerne Kanne mit Sieb zum Erzeugen des Milchschaums, mehr braucht's nicht mehr.

Und dann Instantkaffee.


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* Der übrigens, wie ich gerade lerne, auch "Morgen, Kinder, wird's was geben" und "Hopp, hopp, hopp, Pferdchen lauf Galopp!" vertont hat.

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Freitag, 24. Oktober 2008
Bitte nach Ihnen
nnier | 24. Oktober 2008 | Topic In echt
Während ich nicht nur als Kind, sondern auch noch als Jugendlicher wenig Verständnis dafür aufbringen konnte, dass Menschen freiwillig eine bittere, schwarze Brühe trinken, kann ich mir heute nur noch schwer vorstellen, wie man ohne dieses Getränk auskommen mag. Einerseits ist Kaffee für mich immer noch ein Genussmittel, andererseits aber auch der Treibsatz, der das morgendliche Aufstehen überhaupt erst erträglich, manchmal gar möglich macht (darin höchstens noch mit der heißkalten Dusche vergleichbar) und dann über den Tag noch mehrmals gezündet werden muss. Aktuell tut's zu Hause meist das billige Instantpulver vom Discounter, von dem ich auch an der Arbeitsstelle ein Glas für den Fall bereitstehen habe, dass ich nicht auf das Gesöff aus der silbernenen Melittamaschine zurückgreifen möchte, welche nach Einwurf spezieller Kaffe-"Coins", die man beim "Concierge" für 0,15€ pro Stück erwerben kann, je nach Einstellung sogenannten "Espresso", "Cappuccino", "Latte Macchiato" oder gar "Kaffee" ausspeit, den ich zumeist mit entsetzlich süßer "Heißer Schokolade" in einem großen Glas zusammenführe, auf dass die Kombination aus Koffein und Kalorien irgendwas bewirken möge.

Außer Instantkaffee besitzen wir aber auch eine der typischen Steigrohrmaschinen, mit denen man angeblich keinen richtigen Espreso kochen kann, wir aber tun's und er schmeckt. Als typischer Hybridkonsument habe ich da plötzlich Ansprüche: Kein Lavazza, kein Tchibo, sondern dieser spezielle Espresso Classico muss es sein, frisch gemahlen in espressokannengemäß grober Körnung, den's in diesem einen Teeladen gibt. Und da das Zeug auch in Plastiktüte in Tupperdose in Kühlschrank zum Verduften neigt, kann man davon keine richtigen Vorräte anlegen, sondern muss es regelmäßig und frisch kaufen, und eben dies zu tun hatte ich heute geplant, als ich direkt gegenüber des kleinen Ladens, in dem es stets stark, aber nie unangenehm duftet und wo man noch alte Waagen mit Zeigerskala verwendet, eine Parklücke erblickte, an dieser vorbeifuhr und den Blinker setzte, um rückwärts hineinzustoßen, mich noch nach potentiell zu gefährdenden Radfahrern umsah und vorsichtig zurücksetzen wollte, mir jedoch ein junger Mensch zuvorkam, der mit seinem Auto von weiter hinten vorwärts in jene Lücke schoss, triumphierend grinsend ausstieg und breitbeinig zum Dönerladen stapfte, woran ich heute abend wieder erinnert wurde, als ich mich an einer Runde Ligretto beteiligte. Dieses Spiel appelliert an niedere Instinkte, denn im Unterschied zu den meisten anderen Kartenspielen wird nicht der Reihe nach abgelegt, sondern jeder Spieler versucht, seine Karten nach bestimmten Regeln so schnell es geht auf immer neuen Stapeln abzulegen. Es geschieht alles gleichzeitig, so dass gelegentlich gleich zwei Spieler etwa die gelbe "6" auf den Stapel mit der gelben "5" legen möchten, aber nur die Karte zählt, die zuerst liegt. Zu welchem Spielverhalten dies führt, mag sich jeder ausmalen. Und einen Adrenalinpegel wie nach einigen Ligretto-Spielen erreiche ich sonst nur nach dem fünften Kaffee.

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Mittwoch, 15. Oktober 2008
Herrenhandtaschen
nnier | 15. Oktober 2008 | Topic In echt
Nebenbei könnte man natürlich lässig einfließen lassen, dass Charlotte Roche einen so richtig nett angelächelt hat, als man beim Bierholen an ihr vorbeigegangen ist, und dass man, nachdem man sich etwas Mut angetrunken hat, Heinz Strunk eine Frage zu seinem Werk, die einen schon länger beschäftigt hatte, stellte, damals an diesem Hochsommerabend nach der Penislesung, als beide noch lange an den Biertischen draußen saßen, so mitten unter dem Volk, aber das wäre ja bloßes Namedropping und hätte mit dem Thema dieses Beitrags rein gar nichts zu tun.

Extrem heiß war's vor der Veranstaltung vor dem Veranstaltungsort, schweißtreibend geradezu, und dass in der Stadthalle nebenan, die "AWD-Dome" zu nennen ich mich nach wie vor weigere, ja, auskunftsbegehrenden Ortsfremden auf Ihre Frage: "Wissen Sie, wo der AWD-Dome ist?", stets antworte: "Nein, leider nicht, ich kann Ihnen aber gerne den Weg zur Stadthalle erklären", denn, mal ganz im Ernst, "Dome" heißt ja nichts anderes als "Kuppel", und eine Kuppel sucht man dort nun wirklich vergebens, und der Dom wiederum ist noch mal ganz woanders, außerdem habe ich was gegen die feindliche Übernahme öffentlicher Einrichtungen, und sei es nur der Name, der durch dubiose "Finanzdienstleister" oder ähnliche Gesellschaften der Gesellschaft weg- und dreist in Besitz genommen wird, denn das ist ja nun beileibe nicht "nur Sprache" oder "nur ein Name", dass also an jenem Abend in der Stadthalle Peter Maffay aufspielte und deshalb reger Publikumsverkehr auf der Bürgerweide herrschte, tut eigentlich auch nur insofern etwas zur Sache, als ich inmitten der dort entlangströmenden kurzbehosten und -behemdeten jungen und nicht mehr ganz jungen Menschen plötzlich Freund M. erblickte, auf den ich dort wartete und angesichts dessen dicker Lederjacke ich wohl doch leicht erstaunt geguckt haben muss.

Achselzuckend und ungefragt erklärte mir M., dass Mobiltelefon, Geldbörse und Schlüsselbund ja wohl "irgendwo hin müssen", oder, so fragte er mich, wohin ich "als Mann von Welt" diese Utensilien wohl verschwinden ließe? Wenn ich mich recht erinnere, antwortete ich etwa so: "Geld in Scheinen lose in der Hosentasche, Schlüsselbund vorne rechts, Handy vorne links". Wir unterhielten uns dann noch über die modischen Vor- und Nachteile von Herrenhandtaschen, ausgebeulten Buxen, dicken Arsch- (Geldbeutel!) oder ausgebeulten Hemdtaschen (Handy!) samt der in Kauf zu nehmenden Risiken bezüglich eines etwa beim Bücken herausfallenden (Hemdtasche) oder mechanisch überbeanspruchten (Hosentasche) Mobiltelefons und kamen insgesamt zu keinem recht brauchbaren Ergebnis. So hatte z.B. meine Idee, das Portemonnaie an jenem Abend zu Hause zu lassen und nur Bares einzustecken zur Folge, dass ich nicht in der Lage war, dem Zigarettenautomat gegenüber meine Volljährigkeit nachzuweisen (was einem menschlichen Gegenüber gegenüber per Gesichtskontrolle gerade zu dieser Tageszeit durchaus möglich gewesen wäre), so dass ich auf das Wohlwollen und Verständnis zweier betrunkener Frauen vertrauen bzw. auch hinarbeiten musste, von denen eine mir dann tatsächlich ("nur mal eben kurz!") ihre Kontokarte zwecks Altersnachweis zur Verfügung stellte.

Was ich aber immer dabeihabe und dabeihaben muss, ist mein Schlüsselbund. Er besteht aus mehreren, miteinander verketteten Schlüsselringen, beherbergt vier oder fünf Schlüssel sowie einen sog. Dongle*, mit dem ich mir Zutritt zur Anstalt verschaffe, einen ovalen Anhänger aus Metall mit Zeit-Emblem auf der einen und einer individuellen, eingeprägten Nummer auf der anderen Seite, auf der der potentielle Finder des potentiell zu verlierenden Schlüsselbundes freundlich gebeten wird, das Gefundene in seiner Gesamtheit unverpackt in den nächsten Briefkasten zu werfen, auf dass der Key-Refinder-Service das tue, wozu er da ist, nämlich anhand der eingeprägten Nummer den Schlüssel seinem Besitzer zuzuordnen und ihn ihm zuzustellen, eine, wie ich fand, ganz sinnvolle Aboprämie des Wochenblatts, und seit einigen Wochen einen USB-Stick, auch dieser übrigens eine Aboprämie, ich kann manchmal nicht aus meiner Haut und bestelle eine vollkommen unlesbare und grottenschlechte Zeitschrift wie tomorrow nicht etwa aus dem Grund, dass es für dreineunzig oder vierachtzig ein paar Probehefte gibt, die lege ich sofort zum Altpapier, sondern weil ich finde, dass dreineunzig oder vierachtzig für einen USB-Stick sehr günstig sind, zumal wenn dieser USB-Stick über eine Öse verfügt, mit der man ihn an einem Schlüsselbund befestigen kann, so etwas fehlte den Dingern bisher, und es sage bitte niemand, dass man so etwas nicht brauche, einen USB-Stick am Schlüsselbund, denn ich habe darauf immer das sehr schöne, poetische Stück Teilebahn von Heinz Strunks CD Trittschall im Kriechkeller, so etwas kann man manchmal wirklich dringend -
oh, einen Moment bitte!

- Scha-hatz, was machst du denn?
- Ich blogge!
- Was bloggst du denn?
- Ach, nur, dass ich meinen Schlüsselbund heute mitgewaschen habe!
- Was hast du?
- Ich habe den mitgewaschen! Und der USB-Stick funktioniert trotzdem noch!
- Und über so was bloggst du? Interessiert das denn jemanden?
- Weiß nicht.

--
* Wikipedia: An sich ist das Wort 'Dongle' ein englischer Begriff für etwas Unbenanntes (wie auch doodad, gadget oder whatchamacallit), der in den 1970er Jahren benutzt wurde.

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Dienstag, 30. September 2008
Informationsabend
nnier | 30. September 2008 | Topic In echt
Gestern abend: Schulen, an denen man die Oberstufe verbringen kann, stellen sich vor. Schwerpunkt: Berufsorientierte Bildungsgänge (Technisches Gymnasium u.ä.)

Belauschter Dialog hinterher:
Tochter: Überall mit Mathe, da checke ich doch schon lange nichts mehr!
Mutter: Oder du machst doch den Sozialscheiß.
Tochter: Nee! Die gehorchen doch überhaupt nicht!

Es herrscht übrigens ein unglaublicher Frust unter den Schülern und Eltern. Vor allem, weil ein "Doppeljahrgang" ansteht, da der jetzige neunte Jahrgang zugleich mit dem jetzigen zehnten auf die Oberstufen losgelassen wird (Grund: Die Verkürzung auf das "zwölfjährige Abitur", d.h. der letzte "dreizehnjährige" und der erste "zwölfjährige" Jahrgang beginnen im nächsten Jahr zeitgleich die Oberstufen).

Nachdem es zu Beginn der fünften Klasse noch geheißen hatte, dass diese Schüler nach der neunten Klasse in jeder Hinsicht so "weit" sein sollten wie sonst nach der zehnten, zeigt sich jetzt natürlich, dass dies überhaupt nicht der Fall ist, weder inhaltlich noch formal. Sie haben zwar die Zugangsberechtigung zur Oberstufe, aber keinen Realschulabschluss. Dadurch fallen bestimmte Bildungsgänge, die diesen Realschulabschluss als Zugangsvoraussetzung haben, schon mal weg: "Dann müssen sie eben irgendwo ihre zehnte Klasse machen und dann wiederkommen."

Dass die Oberstufen räumlich und personell auf den Doppeljahrgang kaum vorbereitet sind, versteht sich von selbst. Dass die Schüler seit der fünften Klasse Druck bekommen ("ihr müsst schneller und besser sein, ihr müsst ein Jahr aufholen!"), ist auch klar. Kaum jemand wollte diese Verkürzung, und die, die vorher dafür waren, haben sich angesichts des jahrelangen Elends und der Aussicht auf noch drei Jahre Mangelverwaltung inzwischen auch böse die Augen gerieben.

Mit ein paar Containern und bis abends ausgedehnten Anwesenheitszeiten (hey, ein paar Freistunden dazwischen) kann man Schüler und Lehrer vermutlich doch auf irgendwelche Schulen an irgendwelchen Standorten so verteilen, dass es rechnerisch irgendwie hinkommt. Aber man möchte manchmal jemandem eine reinhauen.

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Dienstag, 23. September 2008
Connoisseure des Knalls
nnier | 23. September 2008 | Topic In echt
Als solche verstanden wir uns und waren immer auf der Suche nach weiterer Steigerung des Klangerlebnisses. So begab es sich, dass wir auf einem unserer Streifzüge hier den Eingang zur Unterwelt entdeckten. Rechts unten im Bild ein kuchenstückförmiges Kleingartengebiet, an dessen nordwestlicher Ecke man einen kleinen, krummen Graben erahnen kann, welcher in die Leine (das lange Blaue) mündet. Am anderen Ende des Gräbleins öffnet sich eine Kanalröhre, recht einladend eigentlich und nahezu mannshoch. Was also lag näher, als einen Feuerwerkskörper vor diesem Eingang zur Explosion zu bringen?
Ob des erstaunlichen Schalldrucks und der raffinierten Echo-Effekte vor Freude tanzend, sannen wir auf weitere Verfeinerung: Wenn man nun in die Röhre ginge und dort ... ? Etwa hundert Meter tief konnte man leicht gebückt gut vordringen; ein kurzer Blick, ein hochgereckter Daumen, ein enormer Knall - wir waren hingerissen!
In freudiger Erregung ging's noch einmal kurz nach Hause - Drecksklamotten anziehen, Kreide und ordentlich Feuerwerksnachschub besorgen - und eine größere Expedition nahm ihren Beginn. Schon bald wurde die Röhre etwas niedriger, so dass man nur noch stark gebückt vorankam. Die ersten Abzweigungen nahmen wir noch frohgemut, markierten den Rückweg mit Kreidepfeilen und standen bald vor einem Problem: Die Röhren wurden noch wesentlich enger. Nun also auf Knien gaben wir noch lange nicht auf, ignorierten das Rinnsal am Boden der Röhre und kämpften uns weiter voran. Als beim nächsten Abzweig eine weitere Röhrenverengung auf uns wartete, musste beratschlagt werden: Bäuchlings weiterrobben? Doch, wenn wir kurz hintereinander blieben, sollte es doch möglich sein, noch ein wenig weiter voranzukommen, um dann endlich den Knallkörper zu zünden. Hintereinander schoben wir uns vorwärts und konnten uns alle paar hundert Meter auch einmal aufrichten, wenn ein senkrechter, runder Schacht nach oben führte. Allerdings konnte sich immer nur einer hinstellen, der andere musste liegen bleiben, denn diese Schächte waren eng. Oben waren sie durch die runden Kanaldeckel verschlossen, deren Herstellung im übrigen um einiges aufwendiger ist, als man sich das so vorstellt - so sah ich's vor Jahren einmal bei N24 Wissen. Durch die typischen kleinen Löcher, die einen solchen Kanaldeckel rings umgeben, konnte man einmal den Himmel sehen, ein anderes Mal klonkerte ein Auto dermaßen laut darüber, dass ich, den Kopf nur einen halben Meter vom Deckel entfernt, tüchtig erschrak.

Was wir allerdings immer mehr vermissten, waren Orientierungspunkte - denn den Windungen der unterirdischen Röhren geistig noch zu folgen, hatte ich, ohnehin mit keinem guten Orientierungssinn gesegnet, längst aufgegeben; so blieb uns nichts als immer noch weiter zu kriechen, stets in der Hoffnung, durch nächsten Deckel ein bekanntes Gebäude oder ähnliche Orientierungshilfen erspähen zu können.
Als dies auch beim x-ten Kanaldeckel nicht gelingen wollte, entschied ich, zur Selbsthilfe zu greifen, mit aller Kraft den Deckel auf einer Seite hochzudrücken, und endlich in Erfahrung zu bringen, wo wir nun eigentlich waren. Nun geschah mehreres gleichzeitig: Der Deckel verkantete sich; ich erkannte das Schild der Süd Apotheke; mein Freund entschied, dass hier der geeignete Ort zur Zündung sei; es tat einen fürchterlichen Knall; jemand oben rief: "Da ist einer drin!"

Hätte mich dieser Knall schon unter normalen Umständen bis knapp vor den Herzinfarkt gebracht, so wurde das Entsetzen gesteigert durch die Tatsache, entdeckt worden und gekrönt durch die Erkenntnis, so weit* von der Einstiegsstelle entfernt gelandet zu sein. Wir entschieden, umgehend den Rückweg anzutreten, welcher sich um einiges unangenehmer als der Hinweg gestaltete. War jener noch von Entdeckerlust und Vorfreude beflügelt in enormem Tempo genommen worden, so schien dieser nämlich geradewegs ins Gefängnis zu führen, denn, dessen waren wir sicher, am Ausgang würde natürlich die Polizei auf uns warten. Müde und plötzlich von gewissen klaustrophobischen Gefühlen gepeinigt, robbten wir den langen Weg zurück und freuten uns angesichts der drohenden Strafe nur wenig über den langsam wieder steigenden Durchmesser der Kanalröhren. Düstere Vorahnungen, die von Gardinenpredigten, Polizeiautos und Taschengeldentzug handelten, vernebelten uns noch immer den Blick für die reale Gefahr, in der wir uns befanden und die ganze Zeit befunden hatten. Wir versicherten uns noch einmal unserer gegenseitigen Freundschaft, und dass das doch immerhin ein ganz toller Knall gewesen sei; dann rannten wir letzten hundert Meter - in die Freiheit!


(Ergänzung 1: Eine Woche darauf stand in der Zeitung, dass die Stadtwerke gerade das Rattengift in der Kanalisation systematisch erneuerten.
Ergänzung 2: Ein stärkerer Regenguss an diesem Tag wäre nicht so gut gewesen.
Ergänzung 3: Später las ich auch mal was über Methanverpuffungen.)


--
* Das Kleingartenkuchenstück und der Fluss sind nun links unterhalb der Bildmitte zu finden

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Montag, 15. September 2008
Jetzt bin ich aber enttäuscht!
nnier | 15. September 2008 | Topic In echt
Dass sie von dem Sauerkohle
eine Porti-on sich hole.

(Wilhelm Busch, Max und Moritz)

Ich wollte eine Eloge auf den Weißkohl schreiben. Ich habe kürzlich einen billigen Kopf dieses vitaminreichen Wintergemüses im Supermarkt erstanden, ihn kleingehobelt, mit Salz in Lagen geschichtet, ihn dann gestampft, bis er leicht glasig wurde, ihn eine Stunde in Ruhe gelassen, dann mit Zucker, Essig und Kümmel gewürzt und ihm eine Tasse heißer Brühe verpasst. Später kam noch das Öl hinzu, und dann musste ich mich in Geduld üben. Denn man weiß ja, dass das zähe Kraut erst ordentlich durchziehen muss, dann aber jeden Tag besser schmeckt.



So war es auch! Ein wenig abschmecken musste ich noch, dann war er zart und zugleich herzhaft, so wie ich ihn gerne esse und ihn mir früher manchmal vom Griechen geholt habe.

Man will schöne Erlebnisse in der Regel gleich wiederholen, sie gar steigern, also ging ich am Samstag zum Markt und erstand einen richtig teuren Kohlkopf, entfernte die äußeren Blätter und den Strunk großzügig und ging ansonsten vor wie oben beschrieben. Und nun? Schmeckt das Zeug bitter, ist garstig, man bekommt es kaum zerkaut und der Nachgeschmack lässt sich nur mit starkem Espresso übertönen. Meine hochfliegenden Hoffnungen muss ich nun fahren lassen. Extra zwei Tage hatte ich diesmal abgewartet, den Salat nur gelegentlich durchgemischt, um dann direkt das durchgezogene Ergebnis genießen zu können! Nun habe ich keine Lust mehr auf Kohl-Elogen. Drei Esslöffel Zucker reingeschmissen in der halbherzigen Hoffnung, dass sich noch was retten lässt; aber vermutlich muss ich das stundenlange Hobeln als Meditation verbuchen.

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Sonntag, 14. September 2008
"Ich weiß es - ihr lieben Mäusegesichter!"
nnier | 14. September 2008 | Topic In echt
"Ich arbeite doch" sagte Frederick, "ich sammle Sonnenstrahlen für die kalten, dunklen Wintertage."

(Leo Lionni, Frederick)






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Donnerstag, 11. September 2008
Du bist also der Neue? Hallo! Pass auf:
nnier | 11. September 2008 | Topic In echt
Du fährst die Dreiundsiebziger. An den normalen Tagen nimmst du den Achter, der steht meistens hinten, außer freitags, da braucht Günther den für die Einundachtziger und du nimmst den Zweier. Der ist auch schneller, aber nicht gleich so heizen, die Dreiundsiebziger ist ja auch eher so ne Bollchentour, aktive Freizeitgestaltung. Bündeln musst du immer rückwärts, weil du ja beim Einladen noch mal umpackst, dann kommen die vorderen Pakete nach hinten. Vollpakete werden nicht gebündelt, manche bündeln die Spitze aber mit dem Lieferschein direkt drauf. Du musst warten, bis die MoPo da ist! Hajo dreht sonst ab. Pack am besten die Vollpakete vorher rein und die Spitze schmeißt du dir auf den Beifahrersitz. Jedenfalls die Bild-Spitze. Bei den Bonbonkunden spielst du Amerika, für die richtigen Kunden ist der Schlüsselbund da. Aber denk freitags an Günther! Die Schlüssel müssen dann in den Zweier, sonst fährst du ihm durch den halben Harz hinterher, bis er es merkt! So, ich muss los, das mit den Fotokunden erklärt dir Peter nachher, ist genauso einfach. Komm gut durch!

(Es war mein erster Tag. Ich wusste nicht, wer Günther war. Den Rest habe ich auch nicht verstanden).

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Montag, 8. September 2008
Zivilisationsfolger
nnier | 08. September 2008 | Topic In echt


Kein schönes Thema, aber wir sind hier ja unter uns; und, wie einer der vielen ehemaligen SPD-Vorsitzenden mal gesagt hat: "Wat mutt, dat mutt".

Eine spätsommerliche Fahrradtour durch den größten und zugleich kleinsten Stadtteil führt den Radler kilometerweise an Bewässerungsgräben entlang. Nicht nur Enten bahnen sich darauf ihren Weg durch die üppige Lemna minor L., welche die Wasseroberfläche komplett bedeckt, auch Schwanenfamilien schwimmen sozusagen mitten im Futter, welches sie pausenlos mit einem sehr eigenartigen, schmatzklappernden Geräusch verzehren.



Fährt man so kilometerweit längs, den Blick immer auf den Graben gerichtet, erblickt man plötzlich ein weiteres Tier, das ruhig und selbstgewiss, einige dicke Grashalme quer im Maul, die dichte Wasserlinsendecke durchschwimmt, sie dabei kurzzeitig auftrennt, ehe sie sich hinter ihm wieder schließt. Während man verwundert abbremst und sich gerade fragen will, wie und wo eigentlich Biber leben, taucht das Tier routiniert ab. Kurz darauf verlässt es den Graben auf der gegenüberliegenden Seite - und man ist entsetzt: eine so riesige, fette Ratte hat man doch kaum je gesehen.

Schaudernd setzt man seine Rundfahrt fort; die Gedanken bewegen sich fortan in ganz bestimmten Bahnen. So erinnert man sich an einen schönen Sommerabend, ein paar Wochen mag es her sein, als vor der Tür des Bioladens ein ganz besonders hässliches, offenbar derangiertes Nagetier seine tapsigen Tänze aufführte. Der Laden liegt an der zentralen, stark frequentierten Kreuzung des Stadtteils; gegenüber befindet sich eine Bushaltestelle. Hier stieg ich nun aus und bemerkte das Tier, das offensichtlich Einlass begehrte (jedoch: der Laden hatte bereits geschlossen). In einem Pulk von zwanzig, dreißig Leuten überquerte ich die Straße und ging somit direkt auf den Bioladen zu, wovon sich die Ratte allerdings ebenso unbeeindruckt zeigte wie zuvor von den direkt an ihr vorbeirasenden Autos. Einige meiner Mitpassanten gruselte es ganz offensichtlich; das Tier aber, so schien es, zeigte ganz demonstrativ keinerlei Scheu, sondern bewegte sich herausfordernd auf uns zu.

Die leichte Gänsehaut, die sich beim Gedanken an diese Szene einstellt, erinnert wiederum an den Bericht eines Freundes vor einigen Wochen. Er wohnt in einem Mietshaus und wurde unlängst von einer anderen Hausbewohnerin herausgeklingelt, da sie im Treppenhaus eine Ratte gesehen habe, die schnell unter einen dort stehenden Putzschrank gehuscht sei. Mein Freund nahm nun an, mit ein wenig Stochern und Rütteln werde das Tier leicht in die Flucht geschlagen. Nichts da: statt dessen musste er den Schrank auf die Seite legen. Spätestens jetzt, da kein dunkler Winkel mehr Zuflucht bot, rechnete er (gleichwohl vorsorglich mit einem Schrubber bewaffnet) fest mit einem schnellen Sprint der Ratte nach draußen; diese jedoch griff böse fauchend den Schrubber an und setzte ihre Attacken auch dann noch schreiend fort, als mein Bekannter sie Stufe für Stufe die Treppe hinunterbeförderte. (Noch beim Erzählen stellten sich ihm buchstäblich die Nackenhaare auf).

Ja, wir leben in der Stadt, und mein Nachbar, der gerne spätabends im Dunkeln mit dem Hund spazierengeht ("wenn du wüsstest, was da durch die Gegend huscht!"), desillusionierte mich schon vor Jahren mit den Worten: "Du kannst sie nicht wegkriegen. Du musst sie nur aus dem Haus halten!"

Trotzdem war ich einmal so unbedarft, im Erdgeschoss nachts die Balkontür offenzulassen. Nach einer Stunde wurde ich durch ein leises Trippeln und Rascheln geweckt. Ein solches Erlebnis wünsche ich nur ganz wenigen Leuten. Das muss eine ganze Monatsdosis Adrenalin freigesetzt haben und hat meine Wahrnehmung übrigens dauerhaft verändert: Statt Müll sehe ich überall nur noch Rattenfutter. Die Überbleibsel nach den Grillorgien im Grünen; die Hinterlassenschaften der Picknicker im Park; die in den Orkus gespülten Essensreste; die Nudeln auf dem Komposthaufen; die mit allerlei Köstlichkeiten gefüllten Biotonnen. Es ist ein Schlaraffenland für diesen miesen Kulturfolger.

(Literaturtipp: Terry Pratchett, The Amazing Maurice and his Educated Rodents, deutsch: Maurice der Kater)

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