Mumien, Analphabeten, Diebe.
Du hast's gut, du hast dein Leben noch vor dir.
Barfuß zum Nordpol: Abstecher
nnier | 26. Januar 2009 | Topic In echt
[Was bisher geschah]

Als ich mich entschied, statt 15 Monaten bei der Bundeswehr lieber 20 beim Zivildienst zu verbringen, spielten dabei die in der Darlegung der Gewissensgründe angeführten pazifistischen Motive durchaus eine Rolle - viel dringlicher und auch konkreter allerdings war die Furcht davor, mit den falschen "Kameraden" in einer Kasernensituation festzusitzen. Aus mündlichen Erzählungen und einschlägiger Literatur hatte ich ja eine Vorstellung davon destilliert, dass nach den drei Monaten Grundwehrdienst eine endlose Ödnis beginnt, die grundsätzlich mit Saufen, Pornos, lautem Furzen und gnadenlosem Mobbing eines jeden, der nicht ständig Puffwitze erzählt und homophobe Sprüche durch die Gegend gröhlt (und was man unter Jungmännern sonst noch so zu tun hat), sondern vielleicht mal ein Buch liest, totgeschlagen wird. Eine Vorstellung übrigens, die mir später vielfach von Bekannten bestätigt wurde und die ja auch nicht so weit hergeholt ist.

Schon auf Klassenfahrten konnte man ja in manchen Herbergszimmern die bizarren Demütigungsrituale der Junggorillas verfolgen, in den Schulbussen - auch so eine unentrinnbare Situation - wurden Kinder und Jugendliche psychisch gebrochen, Gott, war ich froh, dass ich nicht auf dem Dorf wohnte! Denn bei meinen sehr wenigen Fahrten mit einem solchen Bahn- oder Postbus (wo hatte die Post damals eigentlich noch überall ihre Finger drin?), wenn ich nach der Schule mal jemanden in Lenglern oder Bovenden besuchte und also mitfahren musste, erstarrte ich innerlich immer mehr, als ich mitbekam, wie die kleinsten, blassesten, schüchternsten Mitschüler auf entsetzliche Weise gedemütigt wurden, sie schlichen durch den Gang nach hinten und wurden unter lautem Gelächter von jedem Sitz aus geohrfeigt, mit Müll beworfen, bedroht und verhöhnt, man stellte ihnen das Bein und boxte sie in die Rippen, spuckte sie an, riss ihre Kleidungsstücke ab oder beschädigte ihre Schulranzen, und während die Fahrt über die Dörfer sich hinzog, taten vor allem jene, deren eigener Status eher prekär war, sich durch besonders brutales und gehässiges Verhalten gegenüber den sogenannten "Omega-Tieren" hervor - ja, den Begriff hatte man im Biologieunterricht aufgeschnappt, ihn gleich fröhlich weiterverwendet und den bedauernswerten Mobbing-Opfern angeheftet. Diese Langeweile auf den täglichen Fahrten will ja irgendwie vertrieben werden.

Was mich auch an den verbitterten Menschen beim Zoll erinnert, der sich entsetzlich zu langweilen schien. Jedesmal, wenn ich ihn aufsuchen musste, um mich inquisitorisch über den Inhalt einer Lieferung ausländischer Comics ausfragen zu lassen, dann vor seinen Augen das mit dickem Klebeband umhüllte Paket mit bloßen Händen öffnen und den Müll hinterher mitnehmen musste, schien es mir ganz folgerichtig, dass er so war - Langeweile gepaart mit noch so kleiner Macht über andere Menschen scheint nun mal aus vielen Mitbürgern das Schlechteste hervorzuholen.

Gedanken dieser Art machte ich mir im Revier der Stadt Dijon, während ich in einer Einzelzelle herumstand und mein Gepäck durchsucht wurde. Man hatte uns mit insgesamt fünf uniformierten und bewaffneten Beamten, einem Hund und zwei Autos von unserer Trampstelle dorthin verbracht, keine Gründe genannt, böse angesehen, keine Fragen beantwortet (etwa die, ob das Trampen generell oder aber an der von uns gewählten Stelle verboten sei), dann voneinander getrennt und das Gepäck abgenommen. Nach langer Zeit, in der ich zu befürchten begann, man wolle mir etwas anhängen und "finde" plötzlich dieses oder jenes in meinem Rucksack, trat grinsend einer der jüngeren Uniformträger zu mir in die Zelle und bedeutete mir, die Kleidung abzulegen. Und bevor ich nicht komplett entkleidet war und dazu eine demütigende Haltung eingenommen hatte, war der junge Mann, der unterdessen an seiner Zigarette zog und mich triumphierend ansah, auch nicht fertig.

Ohne weitere Erklärung ließ man uns nach Stunden unsere zerwühlten Sachen wieder einpacken und warf uns hinaus. Eher schweigsam steuerten wir die Ortsmitte an, kauften einige Croissants, tranken einen Kaffee und stellten uns wiederum zum Trampen auf. Ein LKW hielt. Der Fahrer ließ uns einsteigen. Er fuhr sehr langsam, die Richtung stimmte nicht, er musste eine Stichfahrt machen, alles egal, bloß weg aus Dijon, dann schon lieber in der Pampa auf einem Schlachthof herumstehen. Es war ein Tiertransporter.

Als der Fahrer so gemütlich rauchend und plaudernd mit dem blutüberströmten Schlachter neben dem Transporter stand, während wir eine knappe Stunde im Führerhaus verharrten, lachten wir zum ersten Mal wieder und versicherten uns gegenseitig, dass dies ja kein so optimaler Beginn der Tramptour gewesen sei, aber immerhin, nun seien wir unterwegs und es könne ja nur noch besser werden.

Dachten wir wirklich.

Hö. Hö.

[Könnte evtl. irgendwann weitergehen]

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vert, Freitag, 30. Januar 2009, 05:08
das haben sie sehr gut gesehen im bus, damals.
ein tag ist wie der andere, da reicht die einmalige mitfahrt um die ganze kindliche monstrosität auszuloten

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nnier, Freitag, 30. Januar 2009, 10:23
Grauenhaft vor allem, dass es alle wussten und sich nichts geändert hat. Busfahrer, die das Spiel noch mitspielen und die besten Freunde der Bullys (wie man auf Neudeutsch sagt) sind.

Die Menschen neigen zu perversem Verhalten. (Obacht, ich schweife ab). Einmal fuhr ich mit einem Überlandbus (kein Schulbus) über die Dörfer. Da gab es diejenigen, die täglich fuhren, und ein paar wie mich, die mühsam den richtigen Bus gefunden hatten und hofften, dass alles gutginge. In den Stadtbussen bekundete man per Knopfdruck seinen Haltewunsch. In dem Überlandbus gab es die entsprechenden Knöpfe auch, ein Mitfahrer drückte einen, das Summen ertönte, das Lämpchen leuchtete, der Busfahrer raste an der Haltestelle vorbei - der einzigen in diesem Dorf. Der Fahrgast rannte zum Fahrer, sagte ihm, dass er doch aussteigen wolle, der Fahrer antwortete: "Das haben Sie mir nicht gesagt! Hier wird das beim Einsteigen gesagt!"
Als er dann irgendwo an freier Strecke gebremst und den erschrockenen, fassungslosen jungen Mann aussteigen lassen hatte, schlugen sich die anderen Fahrgäste nicht etwa empört auf dessen Seite - nein, sie feixten und einer rief zum Fahrer: "Das nächste Mal lassen Sie ihn bis nach ... mitfahren", und alle lachten über diese tolle Idee. Erwachsene Leute.

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