Wenn ich ein Konzert besuche, das mir wichtig ist, überkommt mich beim Betreten der Halle ein unvergleichliches Gefühl. Es ist nicht nur Vorfreude; es ist das Wissen, dass etwas Wunderschönes bevorsteht. Ist es ein Konzert von Paul McCartney, kommt dazu der Unglaube, dass das jetzt tatsächlich passiert. Besonders beim letzten Mal ging es mir durch und durch, nach viel zu langer Pause. Ich freue mich, während ich in der Schlange warte, aber es ist der Moment, in dem ich in die Halle komme und die Bühne sehe, der mich wirklich überwältigt.
Genau so einen Moment gibt es zu Beginn des neuen Albums, gleich im ersten Lied As You Lie There, das mit einem ungewöhnlichen Akkord und ein paar Takten Sprechgesang beginnt:
I used to walk past your house
Every night, I'd look up at your window
The light was on
I saw your silhouette on the blind
Do you think of me?
Do I ever cross your mind?
Diese Zeilen sind das Warten in der Schlange, draußen vor der Halle, die Vorahnung; dann wiederholt er die letzte Zeile dieser Einleitung, "Do I ever cross your mind?", und diesmal singt er sie: Das ist der Moment, in dem ich die Halle betrete.
Das Album ist vor ein paar Monaten erschienen, und ich brauche immer eine Weile, bis ich mich äußern kann. Das wird hier auch keine Plattenkritik, dazu sind andere berufener. Was ich inzwischen aber sagen kann: Es ist für mich eins seiner besten Alben überhaupt. Zu den vielen Highlights zählen für mich neben dem erwähnten Opener das geradezu schmerzhaft nostalgische, nahezu gehauchte Days We Left Behind, das trippige Never Know und der unerwartete, gleich dreifache Höhepunkt am Schluss: First Star of the Night entsteht aus zwei simplen Tönen auf der akustischen Gitarre dermaßen unwiderstehlich, dass man sich in den behaglichen Zeilen "And I know my little world/Is still alright" für immer einrichten möchte; Salesman Saint erzählt in überhaupt nicht pappiger Weise vom Leben der elterlichen Kriegsgeneration – "Hot tea and cigarettes" ohne jedes anbiedernde "Wir hatten ja nüscht", die Trompete zu Beginn eine kleine Verbeugung vor Pauls Vater (der ihm als erstes Instrument eine schenkte), die rhythmisch versetzte Big Band am Schluss ebenso nostalgisch wie unkitschig: Kaum jemand bekommt das so hin wie McCartney. Und schließlich Momma Gets By als wehmütige Ballade, das kann er nun mal, wunderschön gesungen und von Klavier und Orchester begleitet. (Es wird übrigens viel zu wenig darauf eingegangen, dass Paul auch auf diesem Album wieder fast alle Instrumente selbst spielt, und dass das vollkommen natürlich und organisch klingt.)
Mit diesem großartigen Schlussakkord endet das Album – eigentlich, denn nun, wenige Monate später, erscheint eine erweiterte Ausgabe mit drei neuen Liedern (und einem eher redundanten zusätzlichen Mix des Duetts mit Ringo, das OK ist, aber in die Kategorie Dad Rock einsortiert werden darf). Mir hat weder dieses Vorgehen gefallen, das vermutlich Fans dazu bringen soll, das Album gleich noch einmal zu kaufen (das Gefühl kenne ich, habe es aber zum Glück hinter mir), noch die Aussicht, den dramaturgisch perfekten Aufbau zu verwässern, indem nach dem bezwingenden Ende ein paar Lieder angefügt werden, die es in der ersten Runde nicht geschafft haben.
Und das ist meine einzige Kritik: Alle drei neuen Lieder gefallen mir, eines sogar sehr – aber sie passen nur klanglich, nicht thematisch und nicht vom Spannungsbogen her auf das Album, das dadurch auch zu lang wird. Für sich betrachtet, als kleine Liedersammlung (gab es nicht mal das schöne Konzept der EP?), ist es das, was ich sehr gerne alle paar Monate von McCartney hätte. Genau wie ein Konzert, es wird wirklich Zeit.
Bis dahin tröste ich mich mit dem hinreißenden City Fox, ganz ähnlich dem oben erwähnten First Star of the Night entwickelt es sich aus zwei gezupften akustischen Gitarrentönen, und ich kann mich an so vielen Details erfreuen: Alles ist purer McCartney, der leise geklopfte Takt, die im rechten Moment einsetzende Orgel, das Spinett, die kleinen Gitarrenläufe an genau den richtigen Stellen – ich höre es tagein, tagaus und kann mir gar nicht vorstellen, dass es dieses Lied vor kurzem noch nicht gab, denn auf kuriose Weise ist es mir vollkommen vertraut.
Wirft man noch einen Blick auf die Lyrics, staunt man, wie er zu einem schwierigen Thema wie "Lady Luck underneath the streetlight" ohne jeden unpassenden Exploitation- oder "Oh, là là!"-Unterton die nächste kleine, feine Miniatur abliefert. Lady Luck, Lady Madonna, er hat ein Händchen für solche Frauenfiguren und entwirft mit wenigen Federstrichen eine nächtliche Szenerie, die nicht idyllisch ist wie bei Penny Lane, aber kaum weniger beeindruckend.
Genau so einen Moment gibt es zu Beginn des neuen Albums, gleich im ersten Lied As You Lie There, das mit einem ungewöhnlichen Akkord und ein paar Takten Sprechgesang beginnt:
I used to walk past your house
Every night, I'd look up at your window
The light was on
I saw your silhouette on the blind
Do you think of me?
Do I ever cross your mind?
Diese Zeilen sind das Warten in der Schlange, draußen vor der Halle, die Vorahnung; dann wiederholt er die letzte Zeile dieser Einleitung, "Do I ever cross your mind?", und diesmal singt er sie: Das ist der Moment, in dem ich die Halle betrete.
Das Album ist vor ein paar Monaten erschienen, und ich brauche immer eine Weile, bis ich mich äußern kann. Das wird hier auch keine Plattenkritik, dazu sind andere berufener. Was ich inzwischen aber sagen kann: Es ist für mich eins seiner besten Alben überhaupt. Zu den vielen Highlights zählen für mich neben dem erwähnten Opener das geradezu schmerzhaft nostalgische, nahezu gehauchte Days We Left Behind, das trippige Never Know und der unerwartete, gleich dreifache Höhepunkt am Schluss: First Star of the Night entsteht aus zwei simplen Tönen auf der akustischen Gitarre dermaßen unwiderstehlich, dass man sich in den behaglichen Zeilen "And I know my little world/Is still alright" für immer einrichten möchte; Salesman Saint erzählt in überhaupt nicht pappiger Weise vom Leben der elterlichen Kriegsgeneration – "Hot tea and cigarettes" ohne jedes anbiedernde "Wir hatten ja nüscht", die Trompete zu Beginn eine kleine Verbeugung vor Pauls Vater (der ihm als erstes Instrument eine schenkte), die rhythmisch versetzte Big Band am Schluss ebenso nostalgisch wie unkitschig: Kaum jemand bekommt das so hin wie McCartney. Und schließlich Momma Gets By als wehmütige Ballade, das kann er nun mal, wunderschön gesungen und von Klavier und Orchester begleitet. (Es wird übrigens viel zu wenig darauf eingegangen, dass Paul auch auf diesem Album wieder fast alle Instrumente selbst spielt, und dass das vollkommen natürlich und organisch klingt.)
Mit diesem großartigen Schlussakkord endet das Album – eigentlich, denn nun, wenige Monate später, erscheint eine erweiterte Ausgabe mit drei neuen Liedern (und einem eher redundanten zusätzlichen Mix des Duetts mit Ringo, das OK ist, aber in die Kategorie Dad Rock einsortiert werden darf). Mir hat weder dieses Vorgehen gefallen, das vermutlich Fans dazu bringen soll, das Album gleich noch einmal zu kaufen (das Gefühl kenne ich, habe es aber zum Glück hinter mir), noch die Aussicht, den dramaturgisch perfekten Aufbau zu verwässern, indem nach dem bezwingenden Ende ein paar Lieder angefügt werden, die es in der ersten Runde nicht geschafft haben.
Und das ist meine einzige Kritik: Alle drei neuen Lieder gefallen mir, eines sogar sehr – aber sie passen nur klanglich, nicht thematisch und nicht vom Spannungsbogen her auf das Album, das dadurch auch zu lang wird. Für sich betrachtet, als kleine Liedersammlung (gab es nicht mal das schöne Konzept der EP?), ist es das, was ich sehr gerne alle paar Monate von McCartney hätte. Genau wie ein Konzert, es wird wirklich Zeit.
Bis dahin tröste ich mich mit dem hinreißenden City Fox, ganz ähnlich dem oben erwähnten First Star of the Night entwickelt es sich aus zwei gezupften akustischen Gitarrentönen, und ich kann mich an so vielen Details erfreuen: Alles ist purer McCartney, der leise geklopfte Takt, die im rechten Moment einsetzende Orgel, das Spinett, die kleinen Gitarrenläufe an genau den richtigen Stellen – ich höre es tagein, tagaus und kann mir gar nicht vorstellen, dass es dieses Lied vor kurzem noch nicht gab, denn auf kuriose Weise ist es mir vollkommen vertraut.
Wirft man noch einen Blick auf die Lyrics, staunt man, wie er zu einem schwierigen Thema wie "Lady Luck underneath the streetlight" ohne jeden unpassenden Exploitation- oder "Oh, là là!"-Unterton die nächste kleine, feine Miniatur abliefert. Lady Luck, Lady Madonna, er hat ein Händchen für solche Frauenfiguren und entwirft mit wenigen Federstrichen eine nächtliche Szenerie, die nicht idyllisch ist wie bei Penny Lane, aber kaum weniger beeindruckend.
Link zu diesem Beitrag (0 Kommentare) | Kommentieren [?]
Yes we're going to a party party
Yes we're going to a party party
Yes we're going to a party party
(Nicht mal schlecht für einen, der notgedrungen den Bass von Stuart Sutcliffe übernehmen musste.)
Yes we're going to a party party
Yes we're going to a party party
(Nicht mal schlecht für einen, der notgedrungen den Bass von Stuart Sutcliffe übernehmen musste.)
Link zu diesem Beitrag (4 Kommentare) | Kommentieren [?]
Unbemerkt von der Öffentlichkeit hat der aus Liverpool stammende Künstler Paul McC. nach fünf Jahren Pause ein neues Lied veröffentlicht. Man könnte darüber schreiben, dass es Originelleres gibt, als mit 83 Jahren über Kindheitserinnerungen zu singen. Dass die Melodie keine weitere Hymne für die Ewigkeit ist, die sparsame Instrumentierung mit akustischer Gitarre und Klavier altbekannt, die Stimme in dem hohen Register nicht mehr sattelfest.
So kann es einem durch den Kopf gehen, während man das Lied ein zweites und ein drittes Mal hört, schon sickert es ein, entfaltet sich im Inneren, man hört es ein weiteres Mal und merkt, wie altersweise zurückgenommen es klingt, freut sich immer mehr auf die wehmütigen Akkorde hinter "Nothing stays the same, no one needs to cry" und, na ja, die andere Frage ist, ob dieser Satz eigentlich in allen Teilen stimmt.
So kann es einem durch den Kopf gehen, während man das Lied ein zweites und ein drittes Mal hört, schon sickert es ein, entfaltet sich im Inneren, man hört es ein weiteres Mal und merkt, wie altersweise zurückgenommen es klingt, freut sich immer mehr auf die wehmütigen Akkorde hinter "Nothing stays the same, no one needs to cry" und, na ja, die andere Frage ist, ob dieser Satz eigentlich in allen Teilen stimmt.
Link zu diesem Beitrag (4 Kommentare) | Kommentieren [?]
85! Das gibt es doch alles nicht!
Mehr kann ich nicht sagen als: Danke, danke, danke. Es sind Momente, an die ich immer wieder denke. Und kann kaum glauben, dass ich wirklich dabei war. Peace and love, man.
Mehr kann ich nicht sagen als: Danke, danke, danke. Es sind Momente, an die ich immer wieder denke. Und kann kaum glauben, dass ich wirklich dabei war. Peace and love, man.
Link zu diesem Beitrag (1 Kommentar) | Kommentieren [?]
Yes we're going to a party party
Yes we're going to a party party
Yes we're going to a party party
Yes we're going to a party party
Yes we're going to a party party
Link zu diesem Beitrag (0 Kommentare) | Kommentieren [?]
(Auf Anfrage)
Was hast du eigentlich in England gemacht, fragt die Kollegin, und ich erzähle es ihr. Wen hast du gesehen, da muss ich ja fast weinen, sagt sie, und ich sage lieber nichts. Am anderen Tag kommt Besuch und will wissen, wie es war. Als ich ein Lied vorspiele, das ich am zweiten Abend mit dem Handy aufgenommen habe, dreht er sich mit feuchten Augen weg und sagt: Dabei bin ich gar nicht so ein Fan wie du.

Seit 35 Jahren weiß ich, wie das ist, und trotzdem hat es mich diesmal vielleicht stärker erwischt als je zuvor - eine geradezu außerweltliche Erfahrung, als würde man seinen Körper verlassen und sich selbst von oben betrachten, wie man da steht und sagt: Das gibt es nicht, das gibt es doch nicht!
Als ich Anfang 1990 bei ein paar Konzerten in London war, wunderte ich mich über das reservierte Publikum. In Deutschland hatte ich ein paar Wochen vorher im Innenraum gestanden, begeisterte Menschen um mich, und saß nun zwischen zurückhaltenden Briten, die nach jedem Stück brav applaudierten und auf dem Weg nach draußen mit steifer Oberlippe sagten, why yes, excellent, brilliant.

Ich werde nicht jünger und war diesmal froh um die Sitzplätze. Dann standen alle auf und blieben stehen, sangen ungehemmt mit und riefen Dinge, vielleicht sind die Engländer lockerer geworden, vielleicht war es auch das Wissen, dass es nicht für immer so weitergehen kann: Ein Hauch von Abschied lag über allem, auch wenn Paul jeden Abend mit den Worten "See you next time!" beendete.

Während man wartet, startet in der sich langsam füllenden Halle ein DJ-Set, oben steht jemand und spielt Remixes, los geht es mit Mother Nature's Son und man denkt unmittelbar, wie kann man nur so ein schönes Lied schreiben? Es ist nur ein kleines Liedchen auf dem Weißen Album, und du sitzt da und fragst dich ernsthaft, kann es etwas Schöneres geben?
Irgendwann gehen die Videowände an und es beginnt eine weitere Folge von Liedern aus der Konserve, Beatles und solo, dazu Bilder aus allen Phasen, man könnte auch sagen: Man wird emotional weichgeklopft, bevor das Konzert überhaupt losgeht, und wenn er auf die Bühne kommt, sagen die Leute zueinander: Das kann nicht sein!

Viel mehr Erinnerungen an den ersten Abend habe ich nicht. Zurück im Appartement tippte ich eine einzige, kurze Nachricht in mein Handy: "Einer der schönsten Abende meines Lebens", und es war genau so gemeint.
Es ist nicht ganz einfach, wenn man sich innerlich noch gar nicht wieder zusammenfügen konnte, gleich am nächsten Tag noch einmal hinzugehen. Aber wie ich meiner freundlichen Sitznachbarin zu erklären versuchte: I couldn't not go, im Konzert sagte sie mehrfach zu mir: Unbelievable. Amazing. This can't be real. Und zum Abschied: Now I know why you had to come again. I would go tomorrow.

Die reinen Fakten sind schnell erzählt, ich hatte mit wenigen Ausnahmen alle Songs schon live gehört, große Überraschungen gibt es da nicht. Dramaturgisch würde ich die Sache etwas anders aufbauen, denn es ist gar nicht nötig, die Show mit Knallern wie A Hard Day's Night oder Can't Buy Me Love zu beginnen, man braucht doch etwas Zeit, um sich an diese irreale Sitution anzupassen, und ich erinnere mich gerne an die 89/90er-Tour, als erst mal zwei aktuelle Midtempo-Solotitel, die noch keiner kannte, und eine Wings-Nummer gegeben wurden, bevor das erste Stück von den Beatles kam.
Inzwischen geht es von Anfang an auf die Zwölf, es folgt mit Junior's Farm ein Fan Favourite, "hart" gespielt und gleich mit E-Gitarren-Solo-Gepose, das würde ich anders einsortieren. Und wenn ich zwischendurch einen Gedanken fassen kann, dann frage ich mich, ob Paul immer noch gegen das alte Vorurteil ankämpft, hauptsächlich seichte Balladen abzuliefern. Und ob deshalb die Gewitter von Live And Let Die und Helter Skelter unverzichtbar dazugehören, während tatsächlich Yesterday nicht mehr im Programm ist.

Die Band spielt knackig und fehlerlos, der Schlagzeuger unterstützt gesanglich, und auf ein paar dieser ganz großen Rock-Gesten könnte ich gut verzichten, wenn z.B. der Schluss eines Liedes noch, Bamm! Bamm! Bamm! Bamm! BAMMMM!, mit ein paar Sekunden zu viel Trommelwirbel und Tusch und E-Gitarren-Feedback hinausgezögert wird.
Denn es geht auch ganz anders, z.B. wenn in der Mitte des Sets quasi "unplugged" das naive Love Me Do gespielt wird: Ganz ohne Fanfaren und Bombast das emotionale Highlight, der Anfang von allem, und man merkt unmittelbar, wie der Welt-Glücks-Index signifikant ansteigt.

Viel wird über seine mangelnde Urteilsfähigkeit spekuliert, er wisse Unerlässliches nicht von Unerheblichem zu scheiden: Es mag etwas daran sein, und doch schmunzele ich bei der Vorstellung, dass er mit Ob-La-Di, Ob-La-Da oder Wonderful Christmastime seinen Kritikern einen dezenten Mittelfinger zeigt. Sollte eines Tages noch We All Stand Together (a.k.a. Frog Song) gegeben werden, würde ich meine These als bewiesen ansehen.
Ein einziges Mal überschreitet er für mich eine Linie - I've Got a Feeling im virtuellen Duett mit John, so etwas muss nicht sein, nur weil es inzwischen technisch möglich ist. Sicher wird es in ein paar Jahren Avatar-Konzerte wie von ABBA geben und vermutlich werde ich dann auch hingehen; aber das muss nicht in ein reales Konzert hinüberschwappen, bei dem, nach allem, was ich mitbekomme, sonst nicht mit Playback oder Autotune getrickst wird. Es sind ja gerade die Momente, in denen seine Stimme nicht mehr mitmacht, die einen berühren können: Here Today und Blackbird alleine auf der Bühne, nur von der eigenen akustischen Gitarre begleitet, vollkommen ungeschützt, und Maybe I'm Amazed ist schon seit Jahrzehnten ein Register zu hoch, man hofft und drückt immer wieder die Daumen, dass er halbwegs unfallfrei durch die klavierbegleiteten ersten Zeilen kommt, bevor der Hintergrundgesang und die anderen Instrumente einsetzen.

Am vierten und letzten Abend wäre ich fast nicht mehr hingegangen, denn die Reise und die Konzertbesuche hatten mich durchaus angestrengt. Mit reichlich Doping schaffte ich es doch und fühlte mich ein wenig beschämt, als der 82-Jährige auf der Bühne von seinem 84-jährigen Kollegen besucht wurde, der mit federndem Schritt hinters Schlagzeug eilte, einer so rank und schlank wie der andere, während ich diesmal wirklich saß. Und das alles ist einfach nicht zu glauben.

See you next time, Frau r.!
Was hast du eigentlich in England gemacht, fragt die Kollegin, und ich erzähle es ihr. Wen hast du gesehen, da muss ich ja fast weinen, sagt sie, und ich sage lieber nichts. Am anderen Tag kommt Besuch und will wissen, wie es war. Als ich ein Lied vorspiele, das ich am zweiten Abend mit dem Handy aufgenommen habe, dreht er sich mit feuchten Augen weg und sagt: Dabei bin ich gar nicht so ein Fan wie du.

Seit 35 Jahren weiß ich, wie das ist, und trotzdem hat es mich diesmal vielleicht stärker erwischt als je zuvor - eine geradezu außerweltliche Erfahrung, als würde man seinen Körper verlassen und sich selbst von oben betrachten, wie man da steht und sagt: Das gibt es nicht, das gibt es doch nicht!
Als ich Anfang 1990 bei ein paar Konzerten in London war, wunderte ich mich über das reservierte Publikum. In Deutschland hatte ich ein paar Wochen vorher im Innenraum gestanden, begeisterte Menschen um mich, und saß nun zwischen zurückhaltenden Briten, die nach jedem Stück brav applaudierten und auf dem Weg nach draußen mit steifer Oberlippe sagten, why yes, excellent, brilliant.

Ich werde nicht jünger und war diesmal froh um die Sitzplätze. Dann standen alle auf und blieben stehen, sangen ungehemmt mit und riefen Dinge, vielleicht sind die Engländer lockerer geworden, vielleicht war es auch das Wissen, dass es nicht für immer so weitergehen kann: Ein Hauch von Abschied lag über allem, auch wenn Paul jeden Abend mit den Worten "See you next time!" beendete.

Während man wartet, startet in der sich langsam füllenden Halle ein DJ-Set, oben steht jemand und spielt Remixes, los geht es mit Mother Nature's Son und man denkt unmittelbar, wie kann man nur so ein schönes Lied schreiben? Es ist nur ein kleines Liedchen auf dem Weißen Album, und du sitzt da und fragst dich ernsthaft, kann es etwas Schöneres geben?
Irgendwann gehen die Videowände an und es beginnt eine weitere Folge von Liedern aus der Konserve, Beatles und solo, dazu Bilder aus allen Phasen, man könnte auch sagen: Man wird emotional weichgeklopft, bevor das Konzert überhaupt losgeht, und wenn er auf die Bühne kommt, sagen die Leute zueinander: Das kann nicht sein!

Viel mehr Erinnerungen an den ersten Abend habe ich nicht. Zurück im Appartement tippte ich eine einzige, kurze Nachricht in mein Handy: "Einer der schönsten Abende meines Lebens", und es war genau so gemeint.
Es ist nicht ganz einfach, wenn man sich innerlich noch gar nicht wieder zusammenfügen konnte, gleich am nächsten Tag noch einmal hinzugehen. Aber wie ich meiner freundlichen Sitznachbarin zu erklären versuchte: I couldn't not go, im Konzert sagte sie mehrfach zu mir: Unbelievable. Amazing. This can't be real. Und zum Abschied: Now I know why you had to come again. I would go tomorrow.

Die reinen Fakten sind schnell erzählt, ich hatte mit wenigen Ausnahmen alle Songs schon live gehört, große Überraschungen gibt es da nicht. Dramaturgisch würde ich die Sache etwas anders aufbauen, denn es ist gar nicht nötig, die Show mit Knallern wie A Hard Day's Night oder Can't Buy Me Love zu beginnen, man braucht doch etwas Zeit, um sich an diese irreale Sitution anzupassen, und ich erinnere mich gerne an die 89/90er-Tour, als erst mal zwei aktuelle Midtempo-Solotitel, die noch keiner kannte, und eine Wings-Nummer gegeben wurden, bevor das erste Stück von den Beatles kam.
Inzwischen geht es von Anfang an auf die Zwölf, es folgt mit Junior's Farm ein Fan Favourite, "hart" gespielt und gleich mit E-Gitarren-Solo-Gepose, das würde ich anders einsortieren. Und wenn ich zwischendurch einen Gedanken fassen kann, dann frage ich mich, ob Paul immer noch gegen das alte Vorurteil ankämpft, hauptsächlich seichte Balladen abzuliefern. Und ob deshalb die Gewitter von Live And Let Die und Helter Skelter unverzichtbar dazugehören, während tatsächlich Yesterday nicht mehr im Programm ist.

Die Band spielt knackig und fehlerlos, der Schlagzeuger unterstützt gesanglich, und auf ein paar dieser ganz großen Rock-Gesten könnte ich gut verzichten, wenn z.B. der Schluss eines Liedes noch, Bamm! Bamm! Bamm! Bamm! BAMMMM!, mit ein paar Sekunden zu viel Trommelwirbel und Tusch und E-Gitarren-Feedback hinausgezögert wird.
Denn es geht auch ganz anders, z.B. wenn in der Mitte des Sets quasi "unplugged" das naive Love Me Do gespielt wird: Ganz ohne Fanfaren und Bombast das emotionale Highlight, der Anfang von allem, und man merkt unmittelbar, wie der Welt-Glücks-Index signifikant ansteigt.

Viel wird über seine mangelnde Urteilsfähigkeit spekuliert, er wisse Unerlässliches nicht von Unerheblichem zu scheiden: Es mag etwas daran sein, und doch schmunzele ich bei der Vorstellung, dass er mit Ob-La-Di, Ob-La-Da oder Wonderful Christmastime seinen Kritikern einen dezenten Mittelfinger zeigt. Sollte eines Tages noch We All Stand Together (a.k.a. Frog Song) gegeben werden, würde ich meine These als bewiesen ansehen.
Ein einziges Mal überschreitet er für mich eine Linie - I've Got a Feeling im virtuellen Duett mit John, so etwas muss nicht sein, nur weil es inzwischen technisch möglich ist. Sicher wird es in ein paar Jahren Avatar-Konzerte wie von ABBA geben und vermutlich werde ich dann auch hingehen; aber das muss nicht in ein reales Konzert hinüberschwappen, bei dem, nach allem, was ich mitbekomme, sonst nicht mit Playback oder Autotune getrickst wird. Es sind ja gerade die Momente, in denen seine Stimme nicht mehr mitmacht, die einen berühren können: Here Today und Blackbird alleine auf der Bühne, nur von der eigenen akustischen Gitarre begleitet, vollkommen ungeschützt, und Maybe I'm Amazed ist schon seit Jahrzehnten ein Register zu hoch, man hofft und drückt immer wieder die Daumen, dass er halbwegs unfallfrei durch die klavierbegleiteten ersten Zeilen kommt, bevor der Hintergrundgesang und die anderen Instrumente einsetzen.

Am vierten und letzten Abend wäre ich fast nicht mehr hingegangen, denn die Reise und die Konzertbesuche hatten mich durchaus angestrengt. Mit reichlich Doping schaffte ich es doch und fühlte mich ein wenig beschämt, als der 82-Jährige auf der Bühne von seinem 84-jährigen Kollegen besucht wurde, der mit federndem Schritt hinters Schlagzeug eilte, einer so rank und schlank wie der andere, während ich diesmal wirklich saß. Und das alles ist einfach nicht zu glauben.

See you next time, Frau r.!
Link zu diesem Beitrag (1 Kommentar) | Kommentieren [?]
I was there, I really was
At the centre of the love vibration
- Paul McCartney, Peace in the Neighbourhood (1992)
Es gibt einen Film der Reihe Star Trek, in dem alle 39,1 Jahre ein Energieband, der Nexus, durchs Universum rast. Wird man davon getroffen, stirbt man für die Außenwelt, gerät subjektiv aber in ein Paralleluniversum, in dem die eigenen Wünsche für immer erfüllt werden. So ergeht es auch zwei Captains: Kirk reitet in diesem Nexusparadies fortan durch Iowa oder kocht mit seiner Verlobten, während Picard kitschige Familienweihnachten feiert. Innerste Wünsche: Who am I to judge?

Natürlich gibt es einen Bösewicht, der früher schon mal im Nexus war, unbedingt wieder hinein möchte und durchaus mal ein Sonnensystem zerstört, um das Energieband in seine Richtung zu lenken, denn bald sind die 39,1 Jahre um, und was ist schon so ein Sonnensystem gegen die Aussicht auf absolute Wunscherfüllung - fragt mal eure Psychologin!
Wie mein persönlicher Nexus aussähe, ahnen diejenigen, die hier manchmal vorbeischauen, vielleicht. Ich scheitere daran, es in Worte zu fassen, doch es ist alles wahr.
Das letzte Mal hätte ein wunderbarer Abschluss sein können, war es in meinem Kopf auch, denn ich hatte mein Glück längst ausgeschöpft: Das alles war ja vollkommen unwahrscheinlich, wer hätte jemals gedacht, dass Paul McCartney noch mal auf Tour geht und dass ich da hingehen kann!?

So dachte ich 1989 und so dachte ich all die anderen Jahre; und bereut habe ich nur die Konzerte, zu denen ich nicht gegangen bin.
Dass er nun doch noch mal in Europa auftritt, habe ich wie immer zu spät erfahren, hatte dieses Jahr auch viel um die Ohren und durchaus meinen Frieden damit: Klar war alles sofort ausverkauft, und ich bin auch nicht mehr 19, um auf Verdacht irgendwo hinzufahren und vor der Halle auf ein Ticket zu hoffen. Viel Spaß also den Glücklichen, ich freue mich für euch!

Außer dass ich neulich abends spontan Flug und Unterkunft gebucht, eine Woche freigenommen und also mein Glück noch mal versucht habe. Naiv wie ich bin stellte ich mir vor, dass ich wie früher vor der Halle mit einem Schild "Ticket needed!" herumlaufen könnte, bis mir in letzter Minute jemand seine überzählige Eintrittskarte verkauft und ganz irritiert schaut, bloß weil ich mich auf den Boden werfe und ihm sowie all seinen Nachkommen ein langes, glückliches Leben wünsche. Oder bis meinetwegen wieder ein Schwarzhändler mit mir das Geschäft seines Lebens macht, weil ich gegen reiche Isländer und verrückte Japaner bieten muss.
Aber inzwischen ist alles längst nur noch digital, man kann im Gegensatz zu Flugtickets diejenigen fürs Konzert nicht mal mehr zur Sicherheit ausdrucken, sondern bekommt sie ausschließlich in einer speziellen App angezeigt, die am Eingang präsentiert werden muss: Akku leer, kein Empfang, Handy defekt oder geklaut - Anlass für Alpträume, Stoff für Stoßgebete, das alles ist ein fürchterliches Kartenhaus und verursacht schlimme Gefühle des hilflosen Ausgeliefertseins. Wenn man denn so ein Ticket erst hat.

Ich mache es kurz, ich konnte eines ergattern, ich lud es zitternd auf mein Handy und fasste seither alle 2 Minuten in die Hosentasche, um zu kontrollieren, ob es noch da war. Dann stieg ich in die Tram, fuhr eine Stunde durch Manchester und war da, ich war wirklich da, im Zentrum der Liebesschwingung, bei Gelegenheit erzähle ich davon.
Nur dieses schon mal: Die 39,1 Jahre sind bald um. Und es ist gut gemeint, wenn ich euch warne: Passt auf eure Sonnensysteme auf!
At the centre of the love vibration
- Paul McCartney, Peace in the Neighbourhood (1992)
Es gibt einen Film der Reihe Star Trek, in dem alle 39,1 Jahre ein Energieband, der Nexus, durchs Universum rast. Wird man davon getroffen, stirbt man für die Außenwelt, gerät subjektiv aber in ein Paralleluniversum, in dem die eigenen Wünsche für immer erfüllt werden. So ergeht es auch zwei Captains: Kirk reitet in diesem Nexusparadies fortan durch Iowa oder kocht mit seiner Verlobten, während Picard kitschige Familienweihnachten feiert. Innerste Wünsche: Who am I to judge?

Natürlich gibt es einen Bösewicht, der früher schon mal im Nexus war, unbedingt wieder hinein möchte und durchaus mal ein Sonnensystem zerstört, um das Energieband in seine Richtung zu lenken, denn bald sind die 39,1 Jahre um, und was ist schon so ein Sonnensystem gegen die Aussicht auf absolute Wunscherfüllung - fragt mal eure Psychologin!
Wie mein persönlicher Nexus aussähe, ahnen diejenigen, die hier manchmal vorbeischauen, vielleicht. Ich scheitere daran, es in Worte zu fassen, doch es ist alles wahr.
Das letzte Mal hätte ein wunderbarer Abschluss sein können, war es in meinem Kopf auch, denn ich hatte mein Glück längst ausgeschöpft: Das alles war ja vollkommen unwahrscheinlich, wer hätte jemals gedacht, dass Paul McCartney noch mal auf Tour geht und dass ich da hingehen kann!?

So dachte ich 1989 und so dachte ich all die anderen Jahre; und bereut habe ich nur die Konzerte, zu denen ich nicht gegangen bin.
Dass er nun doch noch mal in Europa auftritt, habe ich wie immer zu spät erfahren, hatte dieses Jahr auch viel um die Ohren und durchaus meinen Frieden damit: Klar war alles sofort ausverkauft, und ich bin auch nicht mehr 19, um auf Verdacht irgendwo hinzufahren und vor der Halle auf ein Ticket zu hoffen. Viel Spaß also den Glücklichen, ich freue mich für euch!

Außer dass ich neulich abends spontan Flug und Unterkunft gebucht, eine Woche freigenommen und also mein Glück noch mal versucht habe. Naiv wie ich bin stellte ich mir vor, dass ich wie früher vor der Halle mit einem Schild "Ticket needed!" herumlaufen könnte, bis mir in letzter Minute jemand seine überzählige Eintrittskarte verkauft und ganz irritiert schaut, bloß weil ich mich auf den Boden werfe und ihm sowie all seinen Nachkommen ein langes, glückliches Leben wünsche. Oder bis meinetwegen wieder ein Schwarzhändler mit mir das Geschäft seines Lebens macht, weil ich gegen reiche Isländer und verrückte Japaner bieten muss.
Aber inzwischen ist alles längst nur noch digital, man kann im Gegensatz zu Flugtickets diejenigen fürs Konzert nicht mal mehr zur Sicherheit ausdrucken, sondern bekommt sie ausschließlich in einer speziellen App angezeigt, die am Eingang präsentiert werden muss: Akku leer, kein Empfang, Handy defekt oder geklaut - Anlass für Alpträume, Stoff für Stoßgebete, das alles ist ein fürchterliches Kartenhaus und verursacht schlimme Gefühle des hilflosen Ausgeliefertseins. Wenn man denn so ein Ticket erst hat.

Ich mache es kurz, ich konnte eines ergattern, ich lud es zitternd auf mein Handy und fasste seither alle 2 Minuten in die Hosentasche, um zu kontrollieren, ob es noch da war. Dann stieg ich in die Tram, fuhr eine Stunde durch Manchester und war da, ich war wirklich da, im Zentrum der Liebesschwingung, bei Gelegenheit erzähle ich davon.
Nur dieses schon mal: Die 39,1 Jahre sind bald um. Und es ist gut gemeint, wenn ich euch warne: Passt auf eure Sonnensysteme auf!
Link zu diesem Beitrag (0 Kommentare) | Kommentieren [?]
Yes we're going to a party party
Yes we're going to a party party
Yes we're going to a party party
Yes we're going to a party party
Yes we're going to a party party
Link zu diesem Beitrag (0 Kommentare) | Kommentieren [?]
Ich muss es gleich zugeben: Mein Herz schlägt für eine andere Band. Seit es die nicht mehr gibt, es sind jetzt auch schon wieder 54 Jahre, ist da diese große Leerstelle, neben der die Rolling Stones einfach weiterexistieren. Und wenn ich so nachdenke, fällt mir ein, dass ich vor vielleicht 15 Jahren sogar mal auf einem Konzert von denen war, das mich jedoch kaum weniger hätte beeindrucken können.
Mein Maßstab ist allerdings verdorben, denn wie ich vielleicht schon mal angemerkt habe, danke ich dem Schöpfer auf Knien für jedes Konzert von Paul McCartney, das ich miterleben durfte. Eine so tiefgreifende emotionale Erfahrung darf man anderswo nicht erwarten, und doch war ich angesichts der Parade klassischer Hits, die da abgespult wurden, ein wenig verwundert, wie egal mir die ganze Veranstaltung war. Es sind ja keine schlechten Lieder, und es kann auch rührend sein, den älteren Herren dabei zuzusehen, wie sie es noch draufhaben, und man hätte sich von der Begeisterung anderer Fans doch irgendwie anstecken lassen können, die auf dem Hin- wie auf dem Rückweg begeistert und in Kopfstimme "Oooh-oooh" sangen, ja, man hörte quasi nichts anderes in der S-Bahn als dieses Melodiefragment aus Sympathy for the Devil.
Aber da geht es schon los, das ist ja fraglos ein flottes Lied, aber es packt mich nicht. Und da fällt mir die Konversation zum Thema vor 20 Jahren im Raucherbüro ein, bei der ich die Ansicht vertrat, bei den Beatles könne ich unter Schmerzen vielleicht 10 Lieder benennen, auf die ich im Notfall verzichten würde; bei den Stones hingegen kämen mit einiger Sucherei wohl 10 Songs zusammen, die ich irgendwie OK finde.
Allerdings muss ich zugeben, dass ich deren Werk längst nicht so gut kenne wie das der Liverpooler. Wenn ich also nun ein paar Songs nenne, die ich akzeptieren kann, ist die Grundlage dafür mehr als lückenhaft.
Fangen wir mal mit meinem aktuellen Ohrwurm Gimme Shelter an, von dem ich theoretisch seit ca. 1969 wissen könnte, wie gut er ist, aber so richtig gemerkt habe ich es erst in den letzten Tagen. Ein super Intro, der Gesang von Mick Jagger ist nicht schlecht, sensationell gut wird das Lied aber erst durch die hohe, zweite Stimme von, Moment!, genau!, Merry Clayton.
Der Film Rushmore ist nicht nur ein guter Film, sondern hat auch einen exquisiten Soundtrack. Darin begegnete ich dem sehr angenehmen Stückchen I Am Waiting vom 1966er Album Aftermath, das lese ich gerade bei Wikipedia und zeigt wieder mal, wie wenig ich mich im Werk dieser Band auskenne, während ich bei einer anderen Band ziemlich genau darlegen könnte, was 1966 passiert ist. Ich mag sie ja tatsächlich gerne ruhig, die Stones, so wie hier, und bin dafür in keinerlei Versuchung, jemals Satisfaction mitzugröhlen.
Schön ruhig ist auch Ruby Tuesday, das ich wirklich sehr geschmackvoll finde, von der Klavierbegleitung über den gestrichenen Kontrabass bis hin zu den Flöten. Es ist für immer verbunden mit dem Uher-Spulentonbandgerät meiner Eltern, auf dem ich es kennenlernte, ohne natürlich zu wissen, von wem es ist. Aber das ist wirklich eine schöne Melodie, die ich seit frühen Kindertagen gerne bei mir habe.
Und das müssten dann auch schon die ca. 10 guten Lieder von den Stones gewesen sein, jetzt muss ich noch mal über die 10 von den Beatles nachdenken, auf die ich notfalls verzichten kann ... aargh ... das wird schwer ... vielleicht doch nur 5, oder 3?
Mein Maßstab ist allerdings verdorben, denn wie ich vielleicht schon mal angemerkt habe, danke ich dem Schöpfer auf Knien für jedes Konzert von Paul McCartney, das ich miterleben durfte. Eine so tiefgreifende emotionale Erfahrung darf man anderswo nicht erwarten, und doch war ich angesichts der Parade klassischer Hits, die da abgespult wurden, ein wenig verwundert, wie egal mir die ganze Veranstaltung war. Es sind ja keine schlechten Lieder, und es kann auch rührend sein, den älteren Herren dabei zuzusehen, wie sie es noch draufhaben, und man hätte sich von der Begeisterung anderer Fans doch irgendwie anstecken lassen können, die auf dem Hin- wie auf dem Rückweg begeistert und in Kopfstimme "Oooh-oooh" sangen, ja, man hörte quasi nichts anderes in der S-Bahn als dieses Melodiefragment aus Sympathy for the Devil.
Aber da geht es schon los, das ist ja fraglos ein flottes Lied, aber es packt mich nicht. Und da fällt mir die Konversation zum Thema vor 20 Jahren im Raucherbüro ein, bei der ich die Ansicht vertrat, bei den Beatles könne ich unter Schmerzen vielleicht 10 Lieder benennen, auf die ich im Notfall verzichten würde; bei den Stones hingegen kämen mit einiger Sucherei wohl 10 Songs zusammen, die ich irgendwie OK finde.
Allerdings muss ich zugeben, dass ich deren Werk längst nicht so gut kenne wie das der Liverpooler. Wenn ich also nun ein paar Songs nenne, die ich akzeptieren kann, ist die Grundlage dafür mehr als lückenhaft.
Fangen wir mal mit meinem aktuellen Ohrwurm Gimme Shelter an, von dem ich theoretisch seit ca. 1969 wissen könnte, wie gut er ist, aber so richtig gemerkt habe ich es erst in den letzten Tagen. Ein super Intro, der Gesang von Mick Jagger ist nicht schlecht, sensationell gut wird das Lied aber erst durch die hohe, zweite Stimme von, Moment!, genau!, Merry Clayton.
Der Film Rushmore ist nicht nur ein guter Film, sondern hat auch einen exquisiten Soundtrack. Darin begegnete ich dem sehr angenehmen Stückchen I Am Waiting vom 1966er Album Aftermath, das lese ich gerade bei Wikipedia und zeigt wieder mal, wie wenig ich mich im Werk dieser Band auskenne, während ich bei einer anderen Band ziemlich genau darlegen könnte, was 1966 passiert ist. Ich mag sie ja tatsächlich gerne ruhig, die Stones, so wie hier, und bin dafür in keinerlei Versuchung, jemals Satisfaction mitzugröhlen.
Schön ruhig ist auch Ruby Tuesday, das ich wirklich sehr geschmackvoll finde, von der Klavierbegleitung über den gestrichenen Kontrabass bis hin zu den Flöten. Es ist für immer verbunden mit dem Uher-Spulentonbandgerät meiner Eltern, auf dem ich es kennenlernte, ohne natürlich zu wissen, von wem es ist. Aber das ist wirklich eine schöne Melodie, die ich seit frühen Kindertagen gerne bei mir habe.
Und das müssten dann auch schon die ca. 10 guten Lieder von den Stones gewesen sein, jetzt muss ich noch mal über die 10 von den Beatles nachdenken, auf die ich notfalls verzichten kann ... aargh ... das wird schwer ... vielleicht doch nur 5, oder 3?
Link zu diesem Beitrag (7 Kommentare) | Kommentieren [?]
Vor einiger Zeit stolperte ich über den Link zu einem interessanten Artikel. Darin geht es, laienhaft übersetzt, um die rätselhafte Kluft zwischen dem Alter, das man hat, und dem, das man glaubt zu haben. Die Unterzeile lautet sinngemäß: Es gibt gute Gründe dafür, dass Sie sich immer 20 Prozent jünger fühlen als Ihr tatsächliches Alter.
Hm. Ich verrate mal ein Geheimnis, mit 20 Prozent komme ich nicht hin. Meine spontane Antwort auf die Frage, die am Anfang des Artikels aufgeworfen wird - "Wie alt bist du innendrin?" - lautet: 19.
Was in dem Artikel steht, weiß ich nicht mehr so genau. Es geht aber unter anderem um Menschen, die real Mitte 70 und in ihrem Kopf Mitte 40 sind, das kann ich gut verstehen, zumal die Frage nicht lautet, wie alt man sich fühlt (Montagmorgen: steinalt), sondern wie alt man in seinem Selbstbild ist. Auch bei längerem Nachdenken ist meine Antwort: 19.
Natürlich weiß ich, dass schon meine Kinder längst älter als 19 sind. Rein rechnerisch ist mir auch klar, dass ich tief im letzten Jahrhundert geboren wurde, und auch wenn manchmal ein Jahrzehnt unter den Tisch fällt (jaja, Andy Brehme hat vor über 20 Jahren diesen Elfmeter geschossen, echt lange her - nein, es sind 34!), sind mir die groben zeitlichen Verläufe und Dimensionen durchaus bewusst.
Vor einigen Tagen schlich sich wieder mal ein Album in meinen Kopf, das ich ewig nicht gehört habe. Ich kaufte es gleich bei Erscheinen auf CD, Blaze of Glory von Joe Jackson aus dem Jahre 1989. Trotz des gefälligen Steppin' Out einige Jahre zuvor hatte ich ihn als Musiker für Bescheidwisser eingeordnet, ähnlich Elvis Costello: irgendwie independent und auch mal roh und ungestüm, insgesamt aber verkopft und übermäßig angestrengt.
Da erklang aus dem Radio der moderate Hit Nineteen Forever und gefiel mir gut genug, um die Investition zu tätigen. Und für einige Zeit lief die Scheibe rauf und runter, kam meiner Vorliebe für zusammenhängende Werke mit klugen Übergängen zwischen den Liedern entgegen und brachte gar so etwas wie ein Konzept mit: Wunderbar, und jetzt für ein paar Jahrzehnte ins Unterbewusstsein damit, bis sie aus heiterem Himmel wieder nach oben gespült wird und dann wochenlang durchgehört werden muss, Sie kennen diese Textbausteine ja von mir.
You can love it or leave it
But I'm never gonna be 35
Schön und gut, sagen Sie jetzt, ihm ist also ein Lied wieder eingefallen. Toll!
Mo-ment. Ganz so einfach ist es nicht. Ich sagte: 1989. Ein wichtiges Jahr - genau!, 3. und 4. Oktober!, Alsterdorfer Sporthalle!
Vielleicht ist es das; vielleicht die Tatsache, dass ich kurz vorher den Führerschein gemacht hatte. Das rosa Dokument hätte ich übrigens spätestens vor einigen Wochen in ein kartenförmiges umtauschen müssen; Problem: Der junge Mann auf dem Foto, der da so wenig motiviert in den Fotoautomaten am Bahnhof schaut, bin ich. Ein frisches, biometrisches Foto für die Scheckkarte würde mein aktuelles Äußeres abbilden, diese spätere Version von mir - mit der ich mich vollkommen im Reinen fühle, alles OK - aber es fühlt sich ein wenig gelogen an, jawoll, Herr Inspektor, das auf dem Foto bin ich, aber das auf dem anderen da, das bin ich eigentlich viel mehr.
Jetzt könnte ich noch einen Exkurs einbauen über gewisse Kindsköpfigkeiten und arrested development auf musikalischen (wissen Sie alles) und anderen Gebieten: Finden Sie es nicht auch totkomisch, wenn eine Zeichentrickfigur in der Luft weitergeht, irgendwann nach unten schaut und erst dann erschrocken abstürzt? Hahahaha!
Aber am Ende ist es nicht das, was ich meine: Nicht die Albernheiten, nicht die Nostalgie. Es ist ein Lebensgefühl, das sich damals herausgebildet hat. Und das ist, bei allen großen Ereignissen, Entwicklungen und Wendungen in meinem Leben, seither geblieben, seit 1989 - und doch ist mir erst jetzt aufgefallen, wie alt ich war, als dieses Lied herauskam.
You better believe it
You better believe it
Come on!
One more time!
Hm. Ich verrate mal ein Geheimnis, mit 20 Prozent komme ich nicht hin. Meine spontane Antwort auf die Frage, die am Anfang des Artikels aufgeworfen wird - "Wie alt bist du innendrin?" - lautet: 19.
Was in dem Artikel steht, weiß ich nicht mehr so genau. Es geht aber unter anderem um Menschen, die real Mitte 70 und in ihrem Kopf Mitte 40 sind, das kann ich gut verstehen, zumal die Frage nicht lautet, wie alt man sich fühlt (Montagmorgen: steinalt), sondern wie alt man in seinem Selbstbild ist. Auch bei längerem Nachdenken ist meine Antwort: 19.
Natürlich weiß ich, dass schon meine Kinder längst älter als 19 sind. Rein rechnerisch ist mir auch klar, dass ich tief im letzten Jahrhundert geboren wurde, und auch wenn manchmal ein Jahrzehnt unter den Tisch fällt (jaja, Andy Brehme hat vor über 20 Jahren diesen Elfmeter geschossen, echt lange her - nein, es sind 34!), sind mir die groben zeitlichen Verläufe und Dimensionen durchaus bewusst.
Vor einigen Tagen schlich sich wieder mal ein Album in meinen Kopf, das ich ewig nicht gehört habe. Ich kaufte es gleich bei Erscheinen auf CD, Blaze of Glory von Joe Jackson aus dem Jahre 1989. Trotz des gefälligen Steppin' Out einige Jahre zuvor hatte ich ihn als Musiker für Bescheidwisser eingeordnet, ähnlich Elvis Costello: irgendwie independent und auch mal roh und ungestüm, insgesamt aber verkopft und übermäßig angestrengt.
Da erklang aus dem Radio der moderate Hit Nineteen Forever und gefiel mir gut genug, um die Investition zu tätigen. Und für einige Zeit lief die Scheibe rauf und runter, kam meiner Vorliebe für zusammenhängende Werke mit klugen Übergängen zwischen den Liedern entgegen und brachte gar so etwas wie ein Konzept mit: Wunderbar, und jetzt für ein paar Jahrzehnte ins Unterbewusstsein damit, bis sie aus heiterem Himmel wieder nach oben gespült wird und dann wochenlang durchgehört werden muss, Sie kennen diese Textbausteine ja von mir.
You can love it or leave it
But I'm never gonna be 35
Schön und gut, sagen Sie jetzt, ihm ist also ein Lied wieder eingefallen. Toll!
Mo-ment. Ganz so einfach ist es nicht. Ich sagte: 1989. Ein wichtiges Jahr - genau!, 3. und 4. Oktober!, Alsterdorfer Sporthalle!
Vielleicht ist es das; vielleicht die Tatsache, dass ich kurz vorher den Führerschein gemacht hatte. Das rosa Dokument hätte ich übrigens spätestens vor einigen Wochen in ein kartenförmiges umtauschen müssen; Problem: Der junge Mann auf dem Foto, der da so wenig motiviert in den Fotoautomaten am Bahnhof schaut, bin ich. Ein frisches, biometrisches Foto für die Scheckkarte würde mein aktuelles Äußeres abbilden, diese spätere Version von mir - mit der ich mich vollkommen im Reinen fühle, alles OK - aber es fühlt sich ein wenig gelogen an, jawoll, Herr Inspektor, das auf dem Foto bin ich, aber das auf dem anderen da, das bin ich eigentlich viel mehr.
Jetzt könnte ich noch einen Exkurs einbauen über gewisse Kindsköpfigkeiten und arrested development auf musikalischen (wissen Sie alles) und anderen Gebieten: Finden Sie es nicht auch totkomisch, wenn eine Zeichentrickfigur in der Luft weitergeht, irgendwann nach unten schaut und erst dann erschrocken abstürzt? Hahahaha!
Aber am Ende ist es nicht das, was ich meine: Nicht die Albernheiten, nicht die Nostalgie. Es ist ein Lebensgefühl, das sich damals herausgebildet hat. Und das ist, bei allen großen Ereignissen, Entwicklungen und Wendungen in meinem Leben, seither geblieben, seit 1989 - und doch ist mir erst jetzt aufgefallen, wie alt ich war, als dieses Lied herauskam.
You better believe it
You better believe it
Come on!
One more time!
Link zu diesem Beitrag (0 Kommentare) | Kommentieren [?]
... hier geht's zu den --> älteren Einträgen *
* Ausgereift und gut abgehangen, blättern Sie zurück!
* Ausgereift und gut abgehangen, blättern Sie zurück!