Mumien, Analphabeten, Diebe.
Du hast's gut, du hast dein Leben noch vor dir.
Dienstag, 24. November 2015
Bodenkontakt
nnier | 24. November 2015 | Topic In echt


Vielleicht lasse ich das so. Gestern hatten wir Blitzeis, erfuhr ich im nachhinein, aber morgens mag ich kein Radio hören, und ich verstehe auch diese Leute nicht, die immer gleich Input brauchen: Was ist so schlimm an ein wenig Stille, man muss doch erst mal wieder mit seiner Geworfenheit klarkommen, dann hört man dem Wasserkocher zu, schlürft seinen Kaffee, räuspert sich, knackt mit den Zehengelenken, murmelt was vor sich hin ("Schoiße, alles") und lauscht dem Heizkörper, all das ist doch mehr als genug, und wozu soll man sich erzählen lassen, dass draußen wieder Verkehr ist oder Wetter. Ich bin mir sogar relativ sicher, dass ich es auch bei laufendem Radio nicht mitbekommen hätte, denn ich riegele von innen hermetisch ab wie gegen den Bohrer beim Zahnarzt, vermutlich haben sie den ganzen Morgen Obacht! gerufen und Fahrt vorsichtig! und der schnellste Verkehrsservice für den ganzen Norden.

Dass man über die Straße schuppert und erst gar nicht akzeptieren will, was gerade passiert, ist das eine, und dass zwei hilfsbereite Frauen einem aufhelfen wollen, einen Moment bitte, ist echt nett von Ihnen, langsam, ich brauch noch ne Minute, haben Sie gewusst, dass das so glatt ist, danke, ich muss noch kurz klarkommen, ich bedanke mich bei Ihnen, nein, wirklich, jetzt geht es, ich bringe dann mal mein Fahrrad nach Hause, vielen Dank, heute wohl besser mit dem Bus, einen schönen Tag Ihnen noch.

Aber dass da eigentlich eine Menge Autos langfahren, und dass die überhaupt nichts machen können, wenn dir das Vorderrad wegrutscht und du über die Straße schlidderst, simple Physik und eine Sache des Zufalls, das erschüttert mehr als die Knochen, und irgendwie passt es in dieses Jahr.

Zerlöcherte Jeans kommen alle paar Jahre wieder in Mode, vielleicht lasse ich das so.

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Sonntag, 15. November 2015
Slice o' "life"
nnier | 15. November 2015 | Topic In echt
OK. The good news: Man kann sich auch im fortgeschrittenen Alter umgewöhnen. Es wohnt nun jemand anderes in ihrem Zimmer, lebt und frühstückt und kocht und spielt mit uns, und das alles ist so schnell gegangen, dass zum Nachdenken oder Traurigsein gar keine Zeit blieb.

Aber dazu gibt es auch keinen Grund: Dem Kind geht es gut da drüben, das spürt man durch alle Nachrichten. Nicht zuviel Kontakt, so dabei meine Devise, sonst fühlt es sich ja gar nicht an wie Wegsein: Ich glaube tatsächlich, dass man durch ständigen Echtzeitkontakt jemanden der wichtigen und lohnenden Erfahrung berauben kann, etwas ganz alleine zu bewältigen. Und gerade das ist es, was Austauschschüler hinterher oft als wertvoll beschreiben: Weg sein, auf sich gestellt sein, dabei schöne wie schwierige Momente erleben, ohne diese immer gleich mit Freunden oder Eltern rückzukoppeln.

Oder möchte man etwa nach einem Jahr zurückkommen und nicht gefragt werden: Wie war es, du musst uns unbedingt alles erzählen? Weil ohnehin schon alle alles wissen? Ich bin so gespannt, wie es dir ergeht, ich bin neugierig und muss viel an dich denken. Und ich will dich in Ruhe lassen. Wenn du mich brauchst, bin ich da.

So viel zur Theorie, und am letzten Wochenende haben wir Skype installiert und mal richtig gequatscht. Das liebe Gesicht, die vertraute Stimme, alles ist gut da drüben und der Papa musste gar nicht weinen.

Unser Gast macht es vollkommen anders, da wird täglich Brasilianischportugiesisch nach Hause telefoniert, und wer bin ich, mich einzumischen: Das täte ich nur dann, wenn es ein Problem wäre. Aber - keine Spur von Integrationsverweigerung, da ist Tanzen und Volleyball und Theater, da sind deutsche Freundinnen und andere Austauschschüler, da ist Essen in der Schulmensa und sind gegenseitige Übernachtungen, und da ist ein sehr schönes Zusammenleben mit den Gasteltern.

Mir hatte im voraus Leid getan, dass keine Gastgeschwister mehr im Hause sind, und als abenteuerlustiger Teenager mit zwei Erwachsenen zusammenzuleben, schien mir eine eher dröge Vorstellung. Jedoch! Es ist ein äußerst angenehmes Miteinander. Weder empfinde ich mich als bloßen B&B-Anbieter (was völlig in Ordnung wäre), noch werde ich mit zu hohen Erwartungen an Entertainment und Rundumbetreuung konfrontiert. Mal reden wir, mal spielen wir, mal kochen wir. Mal reicht ein kurzes "Alles OK?", mal verzieht sie sich in ihr Zimmer, mal ich auf mein Sofa: Mein Tag war lang, ich muss mich ausruhen, wir sehen uns später. Und ganz offensichtlich empfinde nicht nur ich das so, denn ich bekam dieser Tage einen ganz lieben Brief.



Anfang Januar steht der erste Wechsel an, dann zieht sie in die nächste Familie und wir holen einen australischen Neuankömmling vom Flughafen. Der kennt sich dann schon aus und weiß längst alles - denn er ist seit Wochen in Kontakt mit der ehemaligen und der aktuellen Bewohnerin seines zukünftigen Zimmers.

--
So weit bin ich mit dem Text gekommen, dann kamen die Meldungen aus Paris.

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Sonntag, 27. September 2015
This is
nnier | 27. September 2015 | Topic In echt
Im Alugeländer an der Außentreppe ist seitlich ein kleines Bohrloch, und wenn ich zum Rauchen vor die Tür gegangen bin, habe ich die ausgedrückte Kippe oft hineingesteckt. Der hohle Handlauf hat einen ordentlichen Querschnitt und führt von da aus ein paar Meter abwärts, so dass man es innen leise hinabrutschen hörte. Oft musste ich mir mit leisem Schauder den Moment vorstellen, wenn ich das unverwüstliche Geländer eines Tages demontiere, denn es ist rostfrei und praktisch, aber überhaupt nicht schön: Die Endkappe abnehmen, den Handlauf umstülpen und mit fasziniertem Grauen eine Mülltonnenladung gelber Stummel herausklopfen.

Muss ich dran denken, weil das mit dem Rauchen jetzt schon eine Weile her ist. An Spätsommertagen zum Kaffee würde es gut passen, und wenn man abends mal irgendwo landet, wo es Bier und Musik gibt, kommt von ferne leises Verlangen: Wie gut, dass dieses Schwitzen da ist, der latente Kopfschmerz, das subliminale Kratzen im Hals, da lächelt man und sagt, nee, raucht ihr mann!, ihr habts gut!, genießt es!, ich komm schon klar.



Befindlichkeiten - Shmindlichkeiten. Es gibt ein Lied, das mich zu Tode deprimiert, das hat die Coverband zum Bier gespielt: Man will heile durch den Alltag kommen, das gelingt mal besser und mal schlechter, und seit mehreren Jahren haut mir dieses Lied dazwischen. Ich wusste nie, wer mich da so quält, habe nun die Suchmaschine befragt und gelernt, es ist dieser harmlose Song, der mir jede Lebensenergie raubt. Da rühren schon die ersten Gitarrentöne an den falschen Rezeptoren, die absteigenden Melodielinien zerren mit aller Kraft, die freudlose Stimme kickt einem in die Kniekehle: Das könnte man noch irgendwie wegstecken, folgte nicht der schreckliche, hohle, zwiestimmig gesungene Refrain. Schweißtreibende, frühkindliche Alpträume, das ganze Klanggebilde eine Zwinge, die sich enger und enger um das verzweifelnde Herz schraubt - innerlich gebrochen krieche ich an solchen Tagen direkt in den Keller.

Apropos Herz, früher habe ich noch diese "Bücher" gelesen, jetzt habe ich ein Smartfon und spiele Hearts. Es ist ein Kartenspiel, das schon bei Windows eingebaut ist. Jahrelang sah ich im Nachbargebäude eine Angestellte tagein, tagaus in ihrem Büro spielen und dachte: Sicherlich besser, als seinem Chef den Bürolocher in den Schlund zu rammen, aber warum nicht Solitaire oder Minesweeper?



Neugierig probierte ich es eines Tages doch aus: Ein stichbasiertes Spiel zu viert, bei dem man vor jeder Runde ein paar Karten mit dem Nachbarn tauscht, dabei schlechte loswerden möchte und seinerseits spekulieren muss, welche man wohl zugeschoben bekommt.

Das war vor ein paar Jahren, ich spielte gegen die vom Computer simulierten Gegner und durchschaute deren Spielweise irgendwann genug, um die meisten Spiele zu gewinnen. Also ließ ich es wieder bleiben.

Bis ich herausfand, dass man mit dem Telefon gegen echte Menschen spielen kann. Seither ist mein Leben ein anderes. Eingereiht in die Armee hohlwangiger Zombies wische ich auf dem Ding herum, muss "erst noch schnell" ein Spiel zu Ende bringen, steige im Ranking langsam auf und schnell wieder ab, warte ungeduldig auf langsame Mitspieler, beteilige mich am fröhlichen Spielgeplauder, werde alt, verschroben, nehme zu.



Trotzdem hat mich diese Statistik erschreckt - und irgendwie an das Zigarettengeländer erinnert: Ich habe zehntausend mal Karten bekommen, angesehen, weitergegeben und die Runde gespielt? Rechne das mal um in Blumenpflücken, Bergsteigen, lieb zur Gattin sein: Da geschieht es dir glatt recht, dass du rotäugig auf dem Bett liegst mit deinen schwitzigen Fingern, im Hals ein Kratzen und im Ohr den schrecklichen Song, where you gonna go, where you gonna sleep tonight?

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Sonntag, 20. September 2015
Ear me?
nnier | 20. September 2015 | Topic In echt

(Ikea, ca. 7.- EUR)

Das Jahr holpert vor sich hin, und kaum drehe ich mich um und schaue auf die Uhr, da is scho Herbst: Nicht mal mehr zum Sonntagsblogger reicht es! Trotzdem von einem Ausflug an den liebsten Ort geträumt: Klappt nicht mehr, und mit etwas Pech wird aus dem schlappen Sonntagsgefühl die erste fette Erkältung.

Nur dass Sie bescheid wissen, man wirft mir nämlich immer vor, an meiner Stimmung zu merken, dass ich krank würde: Ich sei dann überempfindlich und würde "immer gleich rummeckern". Haha! Die Wahrheit ist, ausgerechnet wenn ich krank werde, fangen die an, mich den ganzen Tag zu nerven: Die Ketchupflasche muss natürlich in den Kühlschrank gelegt werden, damit sie besser ausläuft. Oder dieser komplett unintelligent hingestellte Blumentopf am Fuße der Außentreppe: Zum fünften Mal trete ich mit meinen Gartencrocs auf den Unterteller, so dass ein kalter Schmutzwasserschwall meinen Socken (und immer den rechten!) durchnässt. Wenn ich dann freundlich auf die Problematik hinweise ("Schmeiß ich weg, das Scheißding"), werden die noch süffisant: "Schieb doch ein Stück zur Seite" - die reine Provokation.

Ist ja nicht so, dass man nicht engelsgeduldig mit durch die Stadt "gebummelt" wäre, in diese furchtbaren Läden voller Sachen, Ramsch und Zeug, und sich wohlmeinend ein Teil Nippes ("Oh Gott!") nach dem anderen ("Bloß nicht!") hätte zeigen lassen. Und als ich vorhin mein Frühstück ans Bett bekommen habe, bin ich noch auf die zudringlichsten Fragen ("Denkst du, du schaffst einen kleinen Spaziergang?") sensibel eingegangen ("Also ich mache heute garantiert nichts").

Draußen viel zu hell, überall Geräusche, und nicht einer von fünf Kaffees hat geschmeckt - das kann einen doch krank machen, oder nicht?

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Sonntag, 30. August 2015
Inbound
nnier | 30. August 2015 | Topic In echt
- Welcome to ze Germany, did you had a good flight? Somsing I must tell you, we isn't supposed to speak many English wif you, as you should learn ze German here. So we is only speaking English wif you in ze start some weeks and den svitch to Tcherman, yavoll!?

- In Ordnung. Wollen wir den Zeitraum nicht präziser definieren?

- Good, good. You may want to make yourselve fresh after your long travel, and I will lay together some socks in the meantime. You can, come down whenever you wishes.


[1 hour later, Beatles-Music coming out of ze what's the name of that room where you just sit or do stuff or lay things together, or don't such a room exists in your country]

- Oh, sorry, there you is already, I will make ze music out.

- No, please leave it on, I really love the Beatles. And I went to a Paul McCartney concert a few months ago and that was the greatest thing ever, unbelievable, just the best thing you can do, I still can't believe I really saw him and was in the same place and breathed the same air.

- [Tiefes Luftholen]

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Mittwoch, 19. August 2015
KL 603
nnier | 19. August 2015 | Topic In echt




Auf dem Schild steht, dass Personen mit Herzschrittmacher sich melden sollen. Fast wäre ich hingegangen, aber ich habe gesehen, wie du dich freust, das hat es mir leichter gemacht.



Wahrscheinlich ist schon wieder Land unter dir, jetzt komm gut an, du Große, du Tolle.

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Mittwoch, 29. Juli 2015
You will want to
nnier | 29. Juli 2015 | Topic In echt
The school dress code for shorts, skirts and dresses is, the length must reach the tips of your thumbs when your arms are down at your side.
Mein mutiges Mädchen wird auf Reisen gehen, ein ganzes Jahr lang, und es ist nicht mehr lange hin. Wie ich mich mit dir freue, und wie schön es ist, das alles mit dir vorzubereiten, da wische ich mir höchstens mal heimlich den Augenwinkel. Deine liebste Freundin ist schon los, und ich staune, wie ihr das macht: Zielstrebig und selbstbewusst, auch wenn das alles mörderaufregend ist. Ich hätte mir in die Hose gemacht, damals, bei der Vorstellung, von zu Hause wegzugehen, so weit, so lange.

"You will want to pack shorts, skirts and dresses for the hot months", das ist eine Superformulierung, die wir mal semantisch abklopfen müssen: Ist das eine freundliche Empfehlung, eine schlichte Vorhersage, eine klare Aufforderung? Das kannst du mir dann alles erzählen, und es hat mir immer Spaß gemacht, mit dir über Sprache zu sprechen: Wie lustig, dass einer "battle" und "that'll" reimt! Und wie seltsam, dass die Amerikaner selber mit ihrem "their" und "there" genauso durcheinanderkommen wie mit "your" und "you're".

Ich habe euch eben noch zum Flöten gefahren und mit euch Hariboschlümpfe gegessen, ich habe euch gerade noch Gutenachtgeschichten vorgelesen, und jetzt fliegt die eine nach Süd- und die andere nach Nordamerika, kaum zu glauben, mit großen Koffern und blauen Blazern.

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Sonntag, 12. Juli 2015
Mein Parkhotel
nnier | 12. Juli 2015 | Topic In echt


Ich muss noch das Bad fertigmachen, das ist die Sache: Das Kind geht für ein Jahr weg, da muss ich stark sein, und es kommen Gastkinder. Die sollen in Mexiko und Brasilien dann nicht herumerzählen, dass man in Bremen zwar annehmbare Hotels (sagt auch Bryan Ferry), aber keine funktionierenden Nasszellen habe.

Impfungen, Kreditkarte, Visum, Flugticket, Führungszeugnisse, eines hängt vom anderen ab und reichlich ist zu tun: Also bin ich nach Portugal geflogen, vor allem ist es da auch nicht so heiß.



Ihnen kann ich es ja erzählen: Wenn Sie in Portugal ein Appartement mieten und bekommen den Vermieternamen mitgeteilt, dann würden Sie doch auch denken, dass Elfrun ein portugiesischer Männername ist, richtig? Bom dia, Senhor Elfrun! Macht Ihnen dann eine blonde Frau die Tür auf und sagt: Hallo, ich bin Elfrun, dann fallen Ihnen auch Gudrun und Sigrun wieder ein und das Kinn herunter. Sie brauchen ein paar Sekunden, in denen Sie den blöden Witz mit Zehnrun und Zwölfrun nicht machen, sondern lieber den Mund wieder zu. Nachts bellen verrostete Hunde, spülen atlantische Wellen ans Ufer, kostet der Kaffee keinen Euro und schmeckt auch am Tage fantastisch: Ein brauchbares Land, dieses Portugal, und nach einer guten Woche war ich beinahe in Urlaubsstimmung. Also Rückflug.



Doch - da kann man was draus machen, eine internationale Jugendherberge z.B.! Als wenn man aber aus süßem Traum erwache und sich auf dem Rücken eines Pferdes wiederfinde: Ansatzlos zurück ins Rodeo, und die Krankenversicherung!, und die Schulanmeldung!, und ich sollte echt mal mit dem Bad weitermachen, da muss das mit dem gebrauchten Hotel leider noch etwas warten. Dann aber, diesmal wirklich.

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Freitag, 12. Juni 2015
Out There
nnier | 12. Juni 2015 | Topic In echt








Das ist genau richtig so, man braucht das manchmal: Drei Tage gesneden Kaas, dafür kein Internet. Rausfahren, abschalten, vielleicht ein Boot kaufen.







Ziellos herumfahren, hier geht alles mit dem Fahrrad. Im Kopf Filme drehen, Science Fiction der 70er.



Warte mal kurz, was ist denn das für ein Schild dahinten.



Du, ich glaub, das schaue ich mir an. Soll gut sein.



Doch - alles in Ordnung! Hab bloß Zwiebeln geschnitten.

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Donnerstag, 21. Mai 2015
Hej!
nnier | 21. Mai 2015 | Topic In echt
Ich muss ja noch das Bad fertigmachen, und wenn ich in Blogs eines nicht leiden kann, dann diese langweiligen Geschichten über Ikea oder die Telekom. Das ganze Internet ist voll von diesem Geheule: Wäh, bei mir hat was nicht geklappt, schaut mein schweres Schicksal.



Jedenfalls spricht einiges für ein Waschbecken in so einem Bad, und [bla bla] wurde es am Ende eins von Ikea, weil schön geformt und mit zwei geräumigen Schubladen drunter. Da kommt aber eine anständige Armatur drauf und ein ordentlicher Abfluss rein! Doch, das geht ganz einfach, ich habe schon einige Waschbecken montiert.

- Guten Tag, hier ist der Archetyp aller Telefonanbieter, wir würden Sie gerne als Kunden zurückgewinnen!
- Ja, meinetwegen gerne, dann muss das aber auch klappen.
- Natürlich, das klappt alles, wir führen nur noch ein elend langes Gespräch und dann läuft das.

Ich weiß ja nicht, ob Sie jemals richtig darüber nachgedacht haben: Wenn das Wasser im Waschbecken steigt, erreicht es irgendwann den Überlauf, dieses zauberhafte Loch in der Keramik, wohinein ich als Kind ganze Kubikmeter habe verschwinden lassen, einfach weil es ging. Loch zuhalten, Wasser bis ganz an den Rand steigen lassen, dann wieder freigeben, das ist schon toll und wirklich gut ausgedacht, wie zügig das dann gleich wieder abfließt! Man stelle sich nur mal vor, da drückt man den Stöpsel rein, lässt Wasser einlaufen für ein Stück Handwäsche, das Telefon klingelt, hallo, ich noch mal von der Telekom, Sie werden lachen, unser elend langes Auftragsgespräch wurde neulich nicht aufgezeichnet, das müssten wir grad noch mal führen.



- Aber herzlich gerne! Und dann klappt das aber alles?
- Klar, das läuft dann, verspreche ich Ihnen.
- Warten Sie mal kurz, da kommt Wasser die Treppe runter.

Damit so etwas nicht passiert, gibt's den Überlauf, aber wie genau funktioniert der eigentlich, da muss ja so eine Art doppelter Boden im Waschbecken sein, in den das Wasser hineinläuft - und wie kommt es dann weiter in den Abfluss? Jemals drüber nachgedacht?



Eine schöne Ablaufgarnitur hast du da gekauft, was Reelles, und da sieht man mal wieder, was die Menschen sich alles ausgedacht haben: Da sind also seitliche Löcher drin auf der Höhe zwischen dem normalen Abfluss und der Unterseite des Waschbeckens, mithin also genau dort, wo im doppelten Boden des keramischen Wunderwerks das Wasser aus dem Überlauf landet. Dann fließt es durch die Löcher ins Abflussrohr - und du kannst bei geschlossenem Stöpsel den Hahn voll aufdrehen und trotzdem stundenlang mit dem Herrn von der Telekom Auftragsgespräche wiederholen. Grandiose Ingenieurleistung! Was ist das eigentlich für ein Schlauch da bei dem Ikeazeug?



(Wir fassen die folgenden Ereignisse aus Gründen der Aufmerksamkeitsökonomie zusammen: Unser Held stellt fest, dass das Ikea-Waschbecken zwar passabel aussieht, aber keinen doppelten Boden hat. Statt dessen führt ein dubioses Plastikschläuchlein vom Überlaufloch in die ebenso zweifelhafte mitgelieferte Plastik-Ablaufgarnitur. Im selben Moment begreift er, dass er seine metallene und reelle Ablaufgarnitur nicht einfach so unter das Waschbecken bauen kann, da sie nicht nur die Schublade behindert, sondern vor allem keinerlei Anschlussmöglickeit für den Überlaufschlauch bietet. Die nächsten Wochen verbringt er mit Baumarktbesuchen und immer ausgefuchsteren Basteleien, da er die klapprigen, beigefügten Plastikteile ums Verrecken nicht verwenden möchte. Man kann, so berichten Zeitgenossen, in dieser Zeit nur schwer mit seinen Stimmungsschwankungen umgehen.)

- Du siehst so niedergeschlagen aus, reden wir mal von was Schönem, du wolltest doch damals den Telefonanbieter wechseln, was ist eigentlich draus geworden.
- Du, das hatte ich auch ganz vergessen, aber nach 4 Monaten kam dieser Brief, da steht, dass sich das verzögert. Aber sie wollen uns auf dem laufenden halten!
- Aber das ist doch viel länger als 4 Monate her!
- Ja, klar, aber seither ist nichts mehr gekommen.

Ebbe. Flut. Klimawandel. Kontinentalverschiebung. Ein weißbärtiger, alter Mann blickt auf sein Leben zurück. Würdest du etwas anders machen. Na ja, ich hätte von Anfang an meine Brillen bei Fielmann gekauft. Und ich hätte irgendwann einsehen sollen, dass dieses klapprige und völlig ungenormte Plastikzeug die einzig mögliche Art ist, so ein Ikea-Waschbecken an die Kanalisation anzuschließen.

***

- Guten Tag, ich habe neulich das Waschbecken gekauft, jetzt bräuchte ich noch mal die Ablaufgarnitur.
- Die gibts nicht einzeln.
- Ja, aber wenn mir die kaputtgegangen ist.
- Gibts nicht einzeln.
- Ja, aber die ganzen normalen Sachen vom Baumarkt passen ja nicht.
- Watt wollnse, die gibts nicht einzeln.

***

Das IKEA Kontaktformular ist der schnellste Weg zu deinem IKEA Kundenservice. Hej, wir haben gerade sehr viel zu tun und leider eine Beantwortungszeit von mindestens 4 Wochen!

***

... benötige ich die komplette Ablaufgarnitur neu, da diverse Teile bei der Montage beschädigt worden sind. Im Einrichtungshaus kann mir niemand helfen, da es das Set angeblich "nicht gibt". Nun kann ich mir schlecht vorstellen, dass diese Plastikteile vor mir noch nie jemandem kaputtgegangen sind: Dass sie keiner Norm entsprechen und deshalb auch Baumarktteile keine Alternative sind, macht die Sache nicht einfacher. Ich bitte deshalb um schnelle Hilfe bei der Ersatzteilbeschaffung.
Freundliche Grüße

***



***

Sehr geehrtes Ikea, inwiefern hilft mir diese Antwort weiter? Soll ich jetzt ein neues Waschbecken kaufen?
Freundliche Grüße

***

Haben die sich eigentlich noch mal gemeldet?
Nö.

***

Du, ich war grad noch mal bei Ikea, habe wild mit einem Samuraischwert herumgefuchtelt und sie haben mir so eine Ablaufgarnitur bestellt, fahr du mal ruhig in den Urlaub, ich baue die inzwischen an.

***

Ha, lustig, ihr habt genau das gleiche Waschbecken gekauft wie wir. Klappt das bei euch mit dem Überlauf? Mach mal den Stöpsel rein, ich zeig dir, was ich meine. Euer Wasserhahn läuft ziemlich langsam, vielleicht reicht es dafür ... nein, guck: Das steigt und steigt, und jetzt erreicht es den Überlauf - warte! Lass weiterlaufen! Siehst du? Das steigt trotzdem immer weiter, der Überlauf schafft das nicht, das ist genau wie bei uns, das Becken würde einfach überlaufen.



***

Guten Tag, hier Frau X von der Telekom. Eine Frage, wären Sie evtl. interessiert, wieder Kunde bei uns zu werden?

***



***

In der Ferne bellte ein Hund.

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