Mumien, Analphabeten, Diebe.
Du hast's gut, du hast dein Leben noch vor dir.
Dienstag, 27. Januar 2009
Ich war aber Erster!
nnier | 27. Januar 2009 | Topic 'umor & more
Das ist eine Marketing-Schiene. Das Cover ist ganz klar angelehnt an "Feuchtgebiete". Im Hause Roche ist man not amused. Obwohl die das noch gar nicht kennen. Was mich so geärgert hat: ich habe zehn Jahre lang Pupsi-Wichsi-Kacki-Schwuli-Kotzikram als Hörspiele vertont und das irgendwann ad acta gelegt.
Es hat natürlich was Tragisches, dass jemand, der seit vielen Jahren so gute Sachen macht, nun von vielen als Trittbrettfahrer wahrgenommen wird. Aber wenn man es so darauf anlegt, angefangen bei der exakt von Feuchtgebiete abgekupferten Umschlaggestaltung bis hin zur thematischen Verengung, muss man damit auch leben. Ich bin ja immer noch der Ansicht, dass der Pupsi-Wichsi-Kacki-Schwuli-Kotzikram komplett langweilig wäre, wenn er nicht in ein viel umfassenderes ... usw ... aber das habe ich ja schon mal ausgeführt.

Irgendwann kaufe ich mir das Buch. Eilig habe ich's nicht. (Und Charlotte Roche sollte dankbar sein.) (Aber sie muss jetzt wohl ihre Marke verteidigen.) (Also hört auch bei den coolen Leuten der Spaß beim Geld sehr schnell auf.) (Immerhin haben die noch vor ein paar Jahren gemeinsam.)
(Leseprobe).

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Donnerstag, 22. Januar 2009
Zu schade zum Wegwerfen (1)
nnier | 22. Januar 2009 | Topic 'umor & more
Wenn man zufällig auf die Idee kommt, bei der Arbeit schon mal langsam die Festplatte leerzufegen, findet man dort u.U. einen Ordner namens \Widmer, in dem sich vier lustige Bildchen befinden. Man erinnert sich dann an so manche seltsame Zeichnung in der Titanic, z.B. diese hier
Widmer Katzen
(Quelle)
oder auch die, und dass man damals eher zufällig die seltsamen, sehr guten Arbeiten entdeckte, die der Schweizer Ruedi Widmer laut Überschrift für SPOTS, Kulturbeilage des «Landboten», Winterthur unter dem Serientitel Die letzten Geheimnisse einer rationalen Welt angefertigt hat (z.B. 1, 2, 3, 4.) Und, etwas konventioneller, aber auch lustig anzuschauen: Politiker sind Tiere.

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Mittwoch, 21. Januar 2009
Call me Kindskopf
nnier | 21. Januar 2009 | Topic 'umor & more
Wenn Sie heute früh jemanden gesehen haben, der mit sich selbst gesprochen und dabei dümmlich gegrinst hat, zwischendurch in lautes Lachen ausgebrochen ist, dann muss ich das gewesen sein, während ich gerade über einen Grundpfeiler meines bisherigen Lebens nachdachte; nennen wir ihn "verzögerten Humor". So war es in der Schule ein populärer Spaß, jemandem die Federmappe wegzunehmen und sie auf den Boden oder sonstwohin zu legen.

Für mich stellte sich der eigentliche Genuss aber nur dann ein, wenn folgendes Szenario gegeben war: Der Besitzer der Federmappe ist für einen Augenblick unachtsam; man nimmt sie und legt sie auf den Spalt zwischen zwei Tischen; wenn er dann nach der Federmappe greifen will, zieht man ein wenig am Tisch, so dass sie abstürzt. Das ist noch viel komischer, wenn derjenige schon weiß, was kommt, und trotzdem noch versucht, schneller zu sein. Der verzweifelte Gesichtsausdruck, die kurz aufkeimende Hoffnung, schnell genug zu sein, der Griff ins Leere - ein Spiel, über das ich zuverlässig lachen konnte und mit dem ich auch bei den Lehrkräften stets für ein fröhliches Schmunzeln sorgen konnte, auch wenn ich zum dreihundertsten Mal fünf Minuten lang wiehernd über diesen Spitzenwitz gelacht habe.

Jahre vorher, auf dem Brauereifest, sah ich mal einen kurzen Super-8-Film mit Tom & Jerry. In meiner Erinnerung passierte folgendes: Tom verfolgt Jerry auf einem Hausdach, rutscht ab und krallt sich an der Dachrinne fest. Er baumelt über dem Abgrund, Jerry kommt ganz gemütlich an, Tom steht die Angst ins Gesicht geschrieben, Jerry zückt lächelnd eine lange Holzlatte und schlägt damit Tom auf die Pfoten.

Ich hatte schon einige Zeichentrickfilme gesehen, aber was jetzt kam, hat mich verändert. Tom schrie nicht etwa los, sondern lief nur rot an, unterdrückte das Schreien, seine Pfoten blähten sich sehr dick auf, dann öffneten sich Überdruckventile, Dampf entwich, die Pfoten sahen wieder normal aus, der Gesichtsausdruck entspannte sich. Und dann schrie er los und sauste wie eine Rakete zum Himmel.

Es kann sehr gut sein, dass die Szene nicht ganz genau so zu finden ist, sondern dass sich in der Erinnerung manches verdichtet und verändert hat - zumindest habe ich sie so nie wieder gesehen. An diesem Tag jedenfalls wurde mein Leben bereichert. Und ich habe mich geistig seither nicht weiterentwickelt.

Denn dieser verzögerte Humor ist seit diesem Tage fest einprogrammiert - als ganz simples Reiz-Reaktions-Schema. Ich muss lachen, wenn jemand über eine Klippe läuft, in der Luft weiterrennt, es dann bemerkt, erschrickt und dann erst abstürzt. Ich muss lachen, wenn jemand wegrennt und sein Schatten läuft ihm hinterher. Da ist es natürlich klar, dass ich irgendwann mit Tex Avery bekannt werden musste: So sah ich im Fernsehen eine Geschichte, in der ein gutmütiger, großer Hund von einem Bären gegen sehr gute Bezahlung angestellt wird, um dessen Winterschlaf zu bewachen. Der cholerische, geräuschempfindliche Bär schreit den Hund an: "Wenn ich nur ein einziges Geräusch höre und davon aufwache, dann SUCHE ICH MIR EINEN ANDEREN HUND! GUTE NACHT!" - ein fieser, kleiner Hund neidet dem großen seinen guten Job und versucht, ihn durch böse Tricks zur Lärmerzeugung zu verleiten, auf dass er vom leichtschlafenden Bären gefeuert werde, indem er z.B. den Türgriff mit einem Bunsenbrenner zum Glühen bringt, der große sich daran die Pfoten verbrennt und natürlich nicht schreien darf. Er muss erst ganz weit weglaufen und kann dann endlich vor Schmerz losbrüllen. Diesen Witz gibt es dann in jeder denkbaren Variante - z.B. entkorkt der arme Hund beim nächsten Mal eine leere Milchflasche, schreit lautlos hinein, stöpselt die Flasche zu, bringt sie auf einen Berg, öffnet sie dort und erst jetzt kommt der laute Schrei heraus. Diesen Film habe ich leider nie wieder gesehen, bin mir aber relativ sicher, dass er von Tex Avery sein muss, denn das hier und das hier ist durchaus vergleichbar.

Eine noch frühere Variante dieses Scherzes fällt mir just in diesem Moment ein (ich schreibe live): Ein uralter Film mit Laurel & Hardy. Einmal muss Stan in einem feinen Haushalt putzen, der Eimer mit der Seifenlauge fällt um, alles läuft in eine Orgel. Nun setzt sich Stan an das Instrument, spielt, aber man hört nichts. Statt dessen steigen Seifenblasen auf. Und wenn eine platzt, hört man einen Orgelton.

Hi hi.

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Donnerstag, 11. Dezember 2008
Der feuchte Gebieter kehrt zurück
nnier | 11. Dezember 2008 | Topic 'umor & more
Wenn jetzt endlich Didi & Stulle Nummro 8 (Getötet vom Tod) erscheint; wenn der Meister ausnahmsweise Berlin verlässt, um sich zwischen sozial inkompetente Sammlertypen zu begeben; wenn er außerdem abends auftritt und sich einen so tollen Programmtitel wie den obenstehenden ausdenkt, dann ist das ein verdammt guter Grund, mitten in der Vorweihnachtszeit nach Hamburg zu fahren.

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Donnerstag, 4. Dezember 2008
Tuck, tuck, tuck
nnier | 04. Dezember 2008 | Topic 'umor & more
Es ist meine erachtends nichts witziges daran Menschen mit Sprachfehlern darzustellen [...] Für Fans mag das alles erträglich sein aber die Figuren haben mich keines falls amüsiert oder sonstiges.*
Gelegentlich habe ich schon auf das Hörwerk Trittschall im Kriechkeller hingewiesen, das mir inzwischen zu einem Begleiter geworden ist, den ich nicht mehr missen möchte. Heinz Strunk, der auch alle Rollen spricht, blättert das Leben des Jürgen Dose vor uns auf. Manches kommt einem bekannt vor, wenn man etwa Fleisch ist mein Gemüse gelesen hat: Jürgen Dose lebt mit seiner kranken Mutter zusammen, es geht um "Biester" und ums "Melken". Und doch ist alles anders, trauriger, ernster, verstörender. Ich versuche, durch ein paar Zitate einen kleinen Einblick zu geben:

Über den Alltag:
Im Bett ist es ganz warm, würd ich gern drinbleiben. Doch nützt es alles nix, muss ich schließlich raus. Das Leben ist schwer, doch man muss lernen, es zu meistern.

Ich arbeite bei einer Zeitarbeitsfirma, da werd ich überall und nirgends eingesetzt. Mal zwei Wochen im Großmarkt und dann drei Tage im Supermarkt zum Beispiel. So bleibt das Berufsleben interessant!

Über Jürgens besten Freund, Bernd Würmer:
Seitdem ist Bernd mutterseelenalleine, und er hat viel Zeit für seine Hobbys, nämlich: Insekten und Motorsport. Bernd selbst fährt viel mit seinem eigenen Auto spazieren. Er sagt dann immer: "Lieber Nürburgring als Ehering". (Jürgen lacht sich beim Erzählen kaputt).

Über seine Kindheit:
Nach dem Essen konnte ich nach Herzenslust toben und spielen. Anstatt aber, wie die anderen Kinder, draußen an der frischen Luft und im Wald mich aufzuhalten, machte ich es mir lieber im Kriechkeller gemütlich. Oft saß ich stundenlang bewegungslos dort unten herum und zählte die Schwitzwassertropfen, die von der Decke rannen. Der Kriechkeller wurde so etwas wie mein geheimes Refugium, in dem ich schalten und walten konnte, so wie es mir beliebte und ich mich nicht dem Willen anderer zu unterwerfen hatte wie zu Hause [...] Manchmal fing ich einige Schuster, Milben und sonstiges Ungezifer und führte es seinem gerechten Schicksal zu. Hier war ich Herr über Leben und Tod!

Nachdem man Jürgens Leben in seinen Facetten kennengelernt hat, wird das Werk gegen Ende immer psychotischer. Da geht es in Stupor, einem auch musikalisch unglaublich dichten Stück, um obsessive Selbstbefriedigung, da werden Motive und Gedankenfetzen aus den vorangegangenen Stücken wiederaufgenommen ("Ich bin Dose, Jürgen Dose, will ans Licht, doch das geht nicht. Steh im Schmand, ein Dunkelmensch, das Licht ist nicht für mich. Ich bin Dose, Jürgen Dose, gehör dahin, wo Moos gedeiht, leg ich mich dazu, das helle Licht ist nicht für mich!"), bevor Jürgen Dose im letzten Stück seine allabendliche Erlösungsphantasie beschreibt:

Jeden Abend vor dem Einschlafen träume ich davon, erschossen zu werden. In Polen. Diesem dunklen, schweren Land im Herzen Europas. Die Phantasien sind unendlich süß und schwer. Irgendwo in einem kleinen Dorf werde ich von drei Männern auf einen etwas abseits gelegenen Acker geführt.

Tja, und wer wissen will, wie's weitergeht, der sollte sich diese schöne und traurige CD besorgen und die Zeit nehmen, sie anzuhören. Und nicht nur einmal. Dann merkt man vielleicht, wie tröstlich ein Lied namens Teilebahn klingen kann, auch wenn es sich so albern liest:

Tuck, tuck, tuck von ferne kommt sie angefahr'n
Fährt durch Wald und Auen, die schöne Teilebahn
Teilebahn aus Teilen: Eisen, Holz und Stein
Fahr'n alle gerne mit, egal ob groß, ob klein
Teilebahn ist ein Gefährt ohne Räder dran
Hat Kufen wie von Schlitten, trotzdem kann schnell fahr'n
Teilebahn ist sicher und geht nie kaputt
Teile kannst du tauschen, das ist sehr, sehr gut
[...]


Dann merkt man vielleicht, wie verzweifelt der Humor z.B. in dem Stück Selbsthilfegruppe ist, und dass es hier um wesentlich mehr geht, als "Menschen mit Sprachfehlern darzustellen" (s.o.). Ich bin mir sicher, dass sich längst nicht jeder "amüsiert oder sonstiges". Aber wer die Bücher von Heinz Strunk mag, sollte sich diese CD unbedingt anhören. (Und es ist ja klar, dass bei Transkripten wie oben Wesentliches verlorengeht, etwa Stimme, Betonung, Verhaspeln, Unsicherheit, Erregung, Scham, Wahn).

Übrigens: Heinz Strunk will keine Hörspiele mehr machen ("Mit Hörspielen habe ich abgeschlossen. Das ist erfolglos geblieben. Es gibt in Deutschland keinen Markt für lustige Kurzhörspiele"). Was für ein Jammer.

Was für ein Jammer!

--
*(Aus einer Kundenrezension bei einem großen Internetversandhaus)

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Dienstag, 4. November 2008
We're going to sue your ass off
nnier | 04. November 2008 | Topic 'umor & more
Endlich habe ich einen Anlass dafür gefunden, mal auf ein wirklich schönes Telefongespräch zwischen Paul McCartney und dem "Kanadischen Ministerpräsidenten"* hinzuweisen, das 2003 kurz vor einem Konzert geführt wurde. Der Telefonscherzbold war derselbe, der nun (als "Président Sarkozy") Frau Palin unter anderem erzählte, er habe einen "interessanten Dokumentarfilm" (he he) über sie gesehen.

Es gab mal einen Mitschnitt von dem McCartney-Gespräch zu hören, den ich leider nicht mehr finde, dafür habe ich ein Transkript** ausgegraben, aus dem ich hier mal einige Stellen zitieren möchte. Er schlägt sich ganz gut, finde ich!

("P" ist Paul McCartney, "DJ" der Radiomensch, der ihn anruft).

P: Hello.
DJ: Yes, hello, Sir McCartney?
P: Yeah, hi.
DJ: This is Jean Chretien, Prime Minister of Canada. How are you?
P: I'm great, thank you Jean. Is it OK if I call you Jean?
DJ: Yes of course. It is such an honor to speak to you.
P: Oh great man, how's things over there?
[...]
DJ: I have to tell you, you are to receive the Order of Canada, very few people receive it. Two have received it this year, two very important scientists.
P: I've heard of one, they work on Aids.
DJ: Exactly, exactly, they work a lot on it. It is very important for me to include you in that group as a singer and songwriter who has changed the lives of my citizens so much.
P: That's fabulous man, it's such a high honor for me.
DJ: You know, I've done politics for 40 years and it's like working eight days a week, but I still like to take time as a music lover to honour someone who has done more for people than any politician.
P: Oh, that's nice of you. We were just having fun at the time, though.
[...]
P: Merci beaucoup, monsieur. This is a great honor, I feel a particular fondness for Canada, the British and Canadians have had a long history together. I've got to go on stage now, we'll talk later.
DJ: Sir Paul, If there's anything you want, if there's anything I can do, you are going to be able to call on me and I'll send some love from me to you.
P: Ha ha, I can't believe I'm listening to the prime minister of Canada and he says 'Love from me to you'.
[...]
P: You're quoting Beatles songs right?
DJ: Yes exactly.
[...]
DJ: Thank you, sir, and as you would normally say, you're going to say goodbye and I'm going to say hello.
P: I love it, you take it easy.
DJ: Thank you very much, Mr. McCartney, oh, by the way - you've been pranked.
P: (silence) Oh yeah?
DJ: Yeah.
P: Fucking hell, I've just thought that might be the case. Ha ha. I wondered about the Beatles lyrics.
DJ: Thank you very much sir, I must say it was an honor to speak to you.
P: We'll I'm telling you we're going to sue your ass off.
DJ: Are you serious?
P: No, ha ha ha.
DJ: Ha ha ha.
P: You Canadians are funny, I was beginning to think Canada has one zany PM. Bye!

---
* Der damalige MP hieß übrigens Jean Chrétien
**Dort herunterscrollen bis zum 9. Oktober 2003

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Montag, 27. Oktober 2008
Stapel
nnier | 27. Oktober 2008 | Topic 'umor & more
Nach zwei Wochen Urlaub hat sich an der Arbeit natürlich so einiges angestaut; so musste ich z.B., bis ich alles nachgeholt hatte, ganz schön weit in der Titanic zurückblättern. Dort fand ich unter der liebenswerten Überschrift "Wenig bekannte Fakten" folgenden Eintrag* vom 18.10.08:
Wenn man die Instruktionen in Mike Krügers Song "Der Nippel" tatsächlich befolgt, öffnet sich ein kleiner Riß im Raum-Zeit-Kontinuum
Und schon lässt sich so ein Montag wieder ertragen!


---
* Den ich normalerweise verlinken würde, worauf ich aufgrund der vielen Sonderzeichen und der damit derzeit verbundenen Probleme bei blogger.de aber verzichte.

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Mittwoch, 1. Oktober 2008
Die Macht der Zeit in Sprache abgebildet
nnier | 01. Oktober 2008 | Topic 'umor & more
Kurz zur Erklärung, normalerweise lehne ich Anglizismen natürlich strikt ab, in diesem Fall jedoch ist die Begrifflichkeit "Time Tunnel" von einer derartigen sprachlichen Wucht, dass ich an ihm nicht vorbeigekommen bin.
Nein, er ist nicht neu, aber diesen wunderschönen Kurzfilm von 2007 möchte ich hier doch zu gerne unterbringen.

Heinz Strunk spielt den aufgeregten Freizeitdichter, der einem Intellektuellenpublikum sein avantgardistisches Werk vorträgt. Vom gönnerhaften Ansager über den tristen Veranstaltungsort und die "virtuell-analoge", "spontan improvisierte" Synthesizerbegleitung bis hin zum aufgeregten, verhaspelten Vortrag ist das alles so perfekt getroffen, dass ich mein Herz daran wärmen kann.



Man findet den Film übrigens in deutlich besserer Qualität hier. Auch auf der Homepage des Meisters gibt's das Filmchen, zusammen mit einigen weiteren Strunk-Stücken zum Hören und Sehen.

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Dienstag, 30. September 2008
Egal.
nnier | 30. September 2008 | Topic 'umor & more
Gurki sang das Stück. Er war Klaus "Major" Heuser und Wolfgang Niedecken in Personalunion. Jetzt erst mal Strophe. Gurki versuchte sich lautmalerisch am rheinischen Idiom: "Met gro so da wi do fre ko mo sa ledem froto, lu to fo ro ta de ro tu gi fotu re."
Das ist eine meiner allerliebsten Lieblingsstellen übehaupt, und in der Nacht, als ich sie zum ersten Mal las, reagierte die Mitbenutzerin meines Bettes äußerst verstimmt. Nachdem ich sie schon lange durch ständiges, unterdrücktes Lachen am Einschlafen gehindert hatte (so eine Matratze kann ja wackeln! Meine Herren!), weckte ich sie nämlich gleich wieder auf, indem ich laut aufheulend herausplatzte und Lachtränen verspritzte. Es war die Nacht, in der ich Fleisch ist mein Gemüse las. Eine Initialzündung für mich, ich war begeistert, und wer hier gelegentlich vorbeischaut, weiß das auch schon.

Trotz düsterer Vorahnungen kaufte ich mir vor einigen Tagen Heinz Strunks neues Buch Die Zunge Europas. ("Ab Oktober", ha! Wäre ich am Samstag nicht zufällig im Buchladen gewesen!) Nun habe ich's durch; und, tapfer sein, es ist nicht so richtig gut.

Mir fehlt eine Geschichte, das ist das eine - hier wird eigentlich nur mal so in die Lebenssituation eines Ich-Erzählers hineingeschnuppert, mit Lebensgefährtin und Opa und Oma, es entwickelt sich aber nichts und die Hauptfigur bleibt einem auch reichlich egal. Dass Strunk gerade so etwas (eine Lebenssituation in aller Tiefe darstellen, ohne dass sich große Dinge ereignen) eigentlich sehr gut kann, zeigt sein Meisterwerk Trittschall im Kriechkeller, vor dem ich mich regelmäßig in Demut verneige (und aus dem er sich auch zweidreimal ganz direkt bedient hat, indem er Passagen in sein neues Buch eingebaut hat, wo sie leider seltsam fremd bleiben). Das traurige, banale, heldenhafte Leben des Jürgen Dose wird in diesem intensiven Hörwerk auf eine wirklich ergreifende Weise dargestellt. Man lernt ihn kennen, erschrickt vor und leidet mit ihm.

Mit dem Ich-Erzähler des neuen Romans (warum heißt das eigentlich Roman?) gelingt mir das nicht. Er ist mir egal. "Egal", das sagt er selbst auch ganz oft, reißt ständig neue Themen an, beendet sie aber auch gleich wieder mit dem Wort "egal", und man fragt sich: Wozu?
Fettschwarten am Rücken sehr dicker Menschen nennt man "Tannenbäume", die herunterhängende, schlaffe Haut des Bauches "Rollläden", und Fettansammlungen am Hals verursachen das sog. Treppenkinn. [...] Das schönste Wort, von dem ich leider nicht weiß, was genau es bedeutet: "Zigeuener des Körpers". Magisch. Zigeuner des Körpers, was mag wohl dahinterstecken? Egal.
Angekündigt hatte Herr Strunk sein neues Buch ja auch in dem Sinne, dass er sich darin die verachtenswerte deutsche Comedy-Szene vornehmen und diese erledigen werde; davon ist leider auch nicht viel geblieben, wenn man mal davon absieht, dass der Protagonist für einen Comedian Texte verfasst, die diesem dann nicht gefallen. Sehr schade, denn das wäre ein Thema, das sich wirklich lohnt und zu dem Heinz Strunk schon viel Kluges geäußert hat.*

Ich lese das ohne Schmerzen, kann mich über einzelne Formulierungen sehr freuen und muss immer wieder lächeln, wenn Strunk sich über seine Lieblingsthemen auslässt:
Erbrochenes. Spastiker des Witzes, die mit blutig gebissener Zunge die immer gleiche Fertigteilsprache ausspeien, Zombies, deren kaputtes, krankes, ausgezehrtes Vokabular zusammen mit den ausgeschlagenen Zähnen kraftlos aus dem Maul sappscht. [...] Eine Art von Gerechtigkeit gibt es allerdings, die Strafe für all die Schandtaten sitzt den Verbrechern gegenüber: das Publikum [...] halslose, zerfurchte, grenzdebile, schenkelklopfende Kretins, so weit das Auge reicht.
Und der Umschlag wird von einem sehr schönen Foto geziert, das muss man auch mal erwähnen. Aber dieses Buch konnte ich nachts lesen, ohne irgendein Risiko einzugehen, denn nicht nur, dass diesmal niemand neben mir lag - ich hätte auch niemanden aufgeweckt.

--
* "Die deutsche Comedy-Szene ist das Schlimmste und Furchtbarste, was mir je unter die Augen gekommen ist. Mein Lebensziel ist es, sie ein für allemal auszurotten. Die Fun-Freitage im Fernsehen sind für mich ein Hochverrat an der ehrenwerten Idee des deutschen Humors, die Persönlichkeiten wie Loriot oder Helge Schneider geprägt haben. Doch was Mario Barth und Konsorten unters Volk bringen, ist in meinen Augen eine niveaulose und arme Frechheit, die dazu beiträgt, damit wir alle noch mehr verdummen. Ich kann da keinen Funken von Originalität erkennen. Deshalb reagiere ich auch sehr empfindlich darauf, wenn ich als 'Comedian' bezeichnet werde, denn der Begriff ist eindeutig besetzt. Und zwar negativ."

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Freitag, 26. September 2008
Fiesta Mexicana
nnier | 26. September 2008 | Topic 'umor & more
Auch Leute, die in meinem Umfeld was medial Lustiges machen, zum Beispiel Rocko Schamoni und Heinz Strunk, sind traurig. Ich bin ja eine ganze Ecke jünger und dachte früher: Stellt euch nicht so an! Ihr findet es chic, privat depressiv zu sein. Heute kann ich dazu stehen: Ich mache mir den ganzen Tag nur Sorgen wie ein peinliches Hausmütterchen.
(Charlotte Roche)

Ich muss raus, die Fans warten!
(Rex Gildo)

Heinz Strunk hat endlich wieder mal ein neues Grußwort auf seiner Homepage. Darin verkündet er, vier Jahre nach Erscheinen des Buchs die Wertschöpfungskette von Fleisch ist mein Gemüse offiziell zu durchtrennen ("... ich will keine neuen Baumärkte, Einkaufszentren und Spielotheken mehr mit dem Spruch 'Swingtime is good time, good time is better time' eröffnen.")

Außerdem macht er sich Sorgen (s.o.), erniedrigt sich und bettelt darum, dass man, und zwar bitte sofort nach Erscheinen Anfang Oktober, sein neues Buch kaufen möge. Hab' ich auch vor; allerdings habe ich das bittere Ende ja schon vorweggeträumt, viel Hoffnung gibt's da also nicht, das muss klar sein.

Dann also Dorfpunks bis zum Abwinken? Och, mir hat das Stück sehr gut gefallen. Mit Rückenschmerzen allerdings ... ich habe sein (Strunks) Gesicht gesehen bei den ewigen Verbeugungen! Spaß sieht anders aus.

Hossa! Hossa! Und vielleicht wird's ja doch was mit dem Buch?

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