Vielleicht liegt es daran, dass ich meine neuen Brillen noch nicht abgeholt habe: Zunehmend lasse ich mir Dinge vorlesen, statt die eigenen Augen zu verwenden. Auf der einen Seite sind es Zeitungsartikel, die man in vielen Fällen als Text-to-Speech-Version anwählen kann, und es ist durchaus erstaunlich, wie natürlich diese künstlich erzeugte Sprache inzwischen klingt. Wie so vieles hätte ich auch das vor wenigen Jahren für unmöglich gehalten. Grenzen sind noch dort zu erkennen, wo der Mechanismus Satzzeichen falsch interpretiert und bspw. aus der Jahreszahl 2026 am Satzende "Zweitausendsechsundzwanzigste" macht, weil ein Punkt auf die Zahl folgt. Oder wenn der Tatverdächtige Daniel V. zu "Daniel dem Fünften" wird, weil anscheinend jemand die Logik Name + Römische Ziffer so programmiert hat, dass das Ergebnis fast immer passt, manchmal aber eben auch nicht.
Ein anderes Merkmal sind die teilweise noch sinnentstellenden Betonungen, Pausen und Satzmelodien. Oft wird z.B. nach der Artikelüberschrift ohne Pause verkündet, wer den Artikel geschrieben hat, und das klingt dann wie "Bundesregierung beschließt Zuckersteuer von Klaus Müller". Richtig interessant wird es beim Zuhören aber, wenn einen die Betonung auf die falsche Spur führt: Vielleicht ist es hundertmal richtig, bei "Bundeskanzler Friedrich Merz" den Nachnamen zu betonen, einmal aber geht es darum, den Vornamen herauszustellen, weil ihn zuvor jemand "Fritze" genannt hat. Ich vermute, dass mit fortschreitender Rechenpower und immer ausgefuchsterer KI auch diese Dinge bald in den Griff zu bekommen sind, noch aber sind sie für mich ein zuverlässiger Indikator für eine künstliche Vertonung und ein Störfaktor.
Ich erzähle dies, weil ich, und das ist die andere Seite, mir auch ganze Bücher inzwischen gerne einmal vorlesen lasse. Dies aber nicht von Computerstimmen, sondern professionell eingesprochen. Lange ging der Hörbuch-Boom an mir vorbei, nun aber habe ich mir einige Klassiker sehr gerne vorlesen lassen, bspw. "Effi Briest" von Großmeister Gert Westphal, "Buddenbrooks" von Thomas Saarbacher, "Sturmhöhe" von Regina Münch und "Das Schloss" von Ulrich Matthes. Es ist mir eine Freude, solchen ausgebildeten Stimmen zu lauschen, die präzise Artikulation streichelt meine Synapsen und ich kann mich ganz auf die Erzählung konzentrieren.
Zuletzt allerdings wurde ich immer wieder irritiert, und das ausgerechnet bei der großartig spannenden "Schatzinsel", die ich als Kind selbst x-mal und später noch mehrfach mit meinen Kindern gelesen habe. Was gibt es Angenehmeres, als sich diese vertraute Geschichte nachts vorlesen zu lassen, dachte ich – und so schön es auch ist, ich werde in fast jedem Kapitel mindestens einmal durch unsinnige Betonung aus meinem Halbschlummer gerissen. Leider hat mich dieser Halbschlummer daran gehindert, Notizen zu machen, aber das Grundmuster ist immer dasselbe: Ein Satz wird an falscher Stelle betont und bekommt dadurch eine unpassende Bedeutung, ich empfinde Irritation und werde aus der Geschichte gerissen.
Um die bisherigen 28 Kapitel nicht noch einmal anhören zu müssen, starte ich Nr. 29 und brauche nicht eine Minute, bis mir das erste, wenn auch unspektakuläre Beispiel auffällt:
Etwa auf dem halben Wege nach der Einzäunung hinunter standen sie in einer Gruppe beisammen.
Warum wird die Gruppe betont? In was denn sonst?
"Da kommen sie", sagte ich, und dann nahm ich meine frühere Stellung wieder ein […]
Unnötig und irritierend, mindestens willkürlich, hier nicht die frühere Stellung zu betonen, meinetwegen auch die frühere Stellung. Die ganz griffigen Beispiele finde ich in diesem Kapitel leider nicht, allerdings eine insgesamt beliebige und kaum einmal den Sinn unterstreichende Satzmelodie.
Nun kann nicht jeder Vorleser Gert Westphal sein; mich wundert allerdings, wie eine solche Produktion im ÖRR (hier: MDR) entstehen kann, ohne dass einer Redaktion so etwas auffällt. (Wie gesagt, andere Beispiele als die hier spontan von mir gefundenen haben mich noch deutlich stärker gestört). Das Werk wird auch auf einer CD mit dem Claim "Große Werke, große Stimmen" vertrieben, und leider kann ich das so nicht bestätigen. Ganz im Gegenteil fürchte ich, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis eine sogenannte künstliche Stimme den Text auf ähnlichem Niveau wiedergeben kann.
Also gebt euch bitte etwas mehr Mühe!
(Ach, und es ist Dr. Liv-see, nicht Live-see.)
Ein anderes Merkmal sind die teilweise noch sinnentstellenden Betonungen, Pausen und Satzmelodien. Oft wird z.B. nach der Artikelüberschrift ohne Pause verkündet, wer den Artikel geschrieben hat, und das klingt dann wie "Bundesregierung beschließt Zuckersteuer von Klaus Müller". Richtig interessant wird es beim Zuhören aber, wenn einen die Betonung auf die falsche Spur führt: Vielleicht ist es hundertmal richtig, bei "Bundeskanzler Friedrich Merz" den Nachnamen zu betonen, einmal aber geht es darum, den Vornamen herauszustellen, weil ihn zuvor jemand "Fritze" genannt hat. Ich vermute, dass mit fortschreitender Rechenpower und immer ausgefuchsterer KI auch diese Dinge bald in den Griff zu bekommen sind, noch aber sind sie für mich ein zuverlässiger Indikator für eine künstliche Vertonung und ein Störfaktor.
Ich erzähle dies, weil ich, und das ist die andere Seite, mir auch ganze Bücher inzwischen gerne einmal vorlesen lasse. Dies aber nicht von Computerstimmen, sondern professionell eingesprochen. Lange ging der Hörbuch-Boom an mir vorbei, nun aber habe ich mir einige Klassiker sehr gerne vorlesen lassen, bspw. "Effi Briest" von Großmeister Gert Westphal, "Buddenbrooks" von Thomas Saarbacher, "Sturmhöhe" von Regina Münch und "Das Schloss" von Ulrich Matthes. Es ist mir eine Freude, solchen ausgebildeten Stimmen zu lauschen, die präzise Artikulation streichelt meine Synapsen und ich kann mich ganz auf die Erzählung konzentrieren.
Zuletzt allerdings wurde ich immer wieder irritiert, und das ausgerechnet bei der großartig spannenden "Schatzinsel", die ich als Kind selbst x-mal und später noch mehrfach mit meinen Kindern gelesen habe. Was gibt es Angenehmeres, als sich diese vertraute Geschichte nachts vorlesen zu lassen, dachte ich – und so schön es auch ist, ich werde in fast jedem Kapitel mindestens einmal durch unsinnige Betonung aus meinem Halbschlummer gerissen. Leider hat mich dieser Halbschlummer daran gehindert, Notizen zu machen, aber das Grundmuster ist immer dasselbe: Ein Satz wird an falscher Stelle betont und bekommt dadurch eine unpassende Bedeutung, ich empfinde Irritation und werde aus der Geschichte gerissen.
Um die bisherigen 28 Kapitel nicht noch einmal anhören zu müssen, starte ich Nr. 29 und brauche nicht eine Minute, bis mir das erste, wenn auch unspektakuläre Beispiel auffällt:
Etwa auf dem halben Wege nach der Einzäunung hinunter standen sie in einer Gruppe beisammen.
Warum wird die Gruppe betont? In was denn sonst?
"Da kommen sie", sagte ich, und dann nahm ich meine frühere Stellung wieder ein […]
Unnötig und irritierend, mindestens willkürlich, hier nicht die frühere Stellung zu betonen, meinetwegen auch die frühere Stellung. Die ganz griffigen Beispiele finde ich in diesem Kapitel leider nicht, allerdings eine insgesamt beliebige und kaum einmal den Sinn unterstreichende Satzmelodie.
Nun kann nicht jeder Vorleser Gert Westphal sein; mich wundert allerdings, wie eine solche Produktion im ÖRR (hier: MDR) entstehen kann, ohne dass einer Redaktion so etwas auffällt. (Wie gesagt, andere Beispiele als die hier spontan von mir gefundenen haben mich noch deutlich stärker gestört). Das Werk wird auch auf einer CD mit dem Claim "Große Werke, große Stimmen" vertrieben, und leider kann ich das so nicht bestätigen. Ganz im Gegenteil fürchte ich, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis eine sogenannte künstliche Stimme den Text auf ähnlichem Niveau wiedergeben kann.
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