Wenn ich meinen Freund A. besuchte, musste ich über einen Firmenhof laufen, denn sein Vater war Hausmeister und die Familie wohnte auf dem Betriebsgelände. Die Wohnung befand sich im ersten Stock und war in das große Fabrikgebäude integriert. Vom Hof aus sah man unterhalb der Wohnzimmerfenster ein großes Garagentor, das A. einmal auf den Kopf bekommen hatte. Unter dem Küchenfenster war eine Laderampe.
Ich bog unterhalb des Wohnzimmers am Haus entlang um die Ecke und gleich darauf in einen Gang, der zur Eingangstür führte. Oben, auf der rechten Seite, war A.s Fenster. Unten, auf der linken Seite, die weißgestrichene, hölzerne Tür zu einer Werkstatt. Oft, wenn ich am Wochenende zu ihm ging, schlief er noch. Ich musste dann lange klingeln und rufen, denn meistens war außer ihm keiner da. Irgendwann bewegte sich der Vorhang, das Fenster öffnete sich, ich hörte ein minutenlanges Hochziehen, dann ein ebenso ausgiebiges Nach-Vorne-Räuspern und schließlich ein Spit! und ein Flatsch! gegen die Holztür neben mir. "Ich habe beim Aufwachen immer einen Grünen im Hals!", hatte A. mir einmal erklärt, und im Lauf der Jahre hatte seine allmorgendliche Schlundreinigung ein beeindruckendes Relief entstehen lassen, an dem ich nun fast täglich vorbeikam. (Ich wollte gerne meinen Teil beisteuern, merkte aber bald, dass ich dafür doch zu selten da war und den Rest wollen Sie gar nicht so genau wissen.)
Das Garagentor war nicht das einzige, was er abbekommen hatte. Ein anderes Mal hatte ihn ein Pferd gegen den Kopf getreten. Beides war geschehen, bevor ich ihn kennengelernt hatte und wurde von den Erwachsenen immer mal in einen Zusammenhang damit gebracht, warum A. beim Lernen etwas langsamer war. Ich erinnerte mich regelmäßig daran, wenn er stundenlang an seinen Hausaufgaben saß, während ich längst fertig war und ungeduldig auf ihn wartete. Manchmal allerdings hatte er auch Stubenarrest, ein Wort, das ich bis dahin gar nicht gekannt hatte.
Überhaupt war manches anders als bei mir zu Hause, das merkte ich z.B., als A. sich mit einem Jungen aus unserer Straße schlug, vor dem ich eine Heidenangst hatte. Aus dem Fabrikfenster schauten die Arbeiter amüsiert zu. Das blöde Arschloch war stärker und brutaler. Irgendwann ging A. zu Boden und fing laut an zu heulen. "Der A. flennt!", rief es aus dem Fenster, dann hörte man es von drinnen lachen.
Wenn er flennte, bekam er ein ganz ein dreckiges Gesicht, das beeindruckte mich immer wieder. Besonders dreckig wurde es an dem Tag, als wir auf eine kleine Birke geklettert waren. Kaum oben, stürzte A. herunter und fiel mit dem Knie in eine Glasscherbe. Er blutete schlimm und hielt mir entsetzt das kleine Stück Fleisch entgegen, das die Scherbe herausgeschnitten hatte. Das Blut strömte, zu zweit stützten wir ihn und wollten ihn nach Hause bringen. "Nein, da kriege ich nur Ärger!", heulte er und bestand darauf, statt dessen zu mir zu gehen. Später, nachdem er verarztet worden war, brachte ich ihn nach Hause. Der Verband war beeindruckend. Natürlich würde seine Mutter ganz erschrocken fragen, was passiert sei, dachte ich, und ihn dann erst mal richtig trösten. Aber A. hatte recht gehabt: "Was hast du da wieder angestellt!", war die ruppige Begrüßung, dann gab's Stubenarrest.
Stubenarrest gab es auch nach Klassenarbeiten und Diktaten. Ich begleitete ihn oft, wenn er eine schlechte Note zu verkünden hatte. Ihm war das lieber so, denn dann fing er sich zwar eine ein, durfte aber trotzdem mit mir raus, wenn ich freundlich fragte. "Der ist dümmer als du!", rief seine Mutter uns hinterher, und ich merkte, wie sie um Worte rang, "der ist noch dümmer als du!"
Wenn es Zeugnisse gab, gab es Stubenarrest, das war klar, und wir gingen zusammen, ziemlich langsam, dann zeigte er sein Zeugnis vor und fing sich eine, flennte aber nicht. Ich sah zu Boden und musste mit anhören, wie seine Mutter schimpfte, er solle sich eine Scheibe von seiner Schwester abschneiden. Dann wollte sie mein Zeugnis sehen, schon fing er sich wieder eine und sie schimpfte, dass er sich auch von mir eine Scheibe abschneiden solle und von meiner Schwester gleich dazu. Man wusste nie, wie lange das dauern würde, manchmal ging es schnell und manchmal steigerte sie sich richtig hinein.
Plötzlich sah ich in seinem dreckigen Gesicht ein Lächeln. Er sah seine Mutter an und sagte: Und wo soll ich die alle aufbewahren, die ganzen Scheiben!
Da fing er sich gleich noch eine. Aber die war es eindeutig wert.
Ich bog unterhalb des Wohnzimmers am Haus entlang um die Ecke und gleich darauf in einen Gang, der zur Eingangstür führte. Oben, auf der rechten Seite, war A.s Fenster. Unten, auf der linken Seite, die weißgestrichene, hölzerne Tür zu einer Werkstatt. Oft, wenn ich am Wochenende zu ihm ging, schlief er noch. Ich musste dann lange klingeln und rufen, denn meistens war außer ihm keiner da. Irgendwann bewegte sich der Vorhang, das Fenster öffnete sich, ich hörte ein minutenlanges Hochziehen, dann ein ebenso ausgiebiges Nach-Vorne-Räuspern und schließlich ein Spit! und ein Flatsch! gegen die Holztür neben mir. "Ich habe beim Aufwachen immer einen Grünen im Hals!", hatte A. mir einmal erklärt, und im Lauf der Jahre hatte seine allmorgendliche Schlundreinigung ein beeindruckendes Relief entstehen lassen, an dem ich nun fast täglich vorbeikam. (Ich wollte gerne meinen Teil beisteuern, merkte aber bald, dass ich dafür doch zu selten da war und den Rest wollen Sie gar nicht so genau wissen.)
Das Garagentor war nicht das einzige, was er abbekommen hatte. Ein anderes Mal hatte ihn ein Pferd gegen den Kopf getreten. Beides war geschehen, bevor ich ihn kennengelernt hatte und wurde von den Erwachsenen immer mal in einen Zusammenhang damit gebracht, warum A. beim Lernen etwas langsamer war. Ich erinnerte mich regelmäßig daran, wenn er stundenlang an seinen Hausaufgaben saß, während ich längst fertig war und ungeduldig auf ihn wartete. Manchmal allerdings hatte er auch Stubenarrest, ein Wort, das ich bis dahin gar nicht gekannt hatte.
Überhaupt war manches anders als bei mir zu Hause, das merkte ich z.B., als A. sich mit einem Jungen aus unserer Straße schlug, vor dem ich eine Heidenangst hatte. Aus dem Fabrikfenster schauten die Arbeiter amüsiert zu. Das blöde Arschloch war stärker und brutaler. Irgendwann ging A. zu Boden und fing laut an zu heulen. "Der A. flennt!", rief es aus dem Fenster, dann hörte man es von drinnen lachen.
Wenn er flennte, bekam er ein ganz ein dreckiges Gesicht, das beeindruckte mich immer wieder. Besonders dreckig wurde es an dem Tag, als wir auf eine kleine Birke geklettert waren. Kaum oben, stürzte A. herunter und fiel mit dem Knie in eine Glasscherbe. Er blutete schlimm und hielt mir entsetzt das kleine Stück Fleisch entgegen, das die Scherbe herausgeschnitten hatte. Das Blut strömte, zu zweit stützten wir ihn und wollten ihn nach Hause bringen. "Nein, da kriege ich nur Ärger!", heulte er und bestand darauf, statt dessen zu mir zu gehen. Später, nachdem er verarztet worden war, brachte ich ihn nach Hause. Der Verband war beeindruckend. Natürlich würde seine Mutter ganz erschrocken fragen, was passiert sei, dachte ich, und ihn dann erst mal richtig trösten. Aber A. hatte recht gehabt: "Was hast du da wieder angestellt!", war die ruppige Begrüßung, dann gab's Stubenarrest.
Stubenarrest gab es auch nach Klassenarbeiten und Diktaten. Ich begleitete ihn oft, wenn er eine schlechte Note zu verkünden hatte. Ihm war das lieber so, denn dann fing er sich zwar eine ein, durfte aber trotzdem mit mir raus, wenn ich freundlich fragte. "Der ist dümmer als du!", rief seine Mutter uns hinterher, und ich merkte, wie sie um Worte rang, "der ist noch dümmer als du!"
Wenn es Zeugnisse gab, gab es Stubenarrest, das war klar, und wir gingen zusammen, ziemlich langsam, dann zeigte er sein Zeugnis vor und fing sich eine, flennte aber nicht. Ich sah zu Boden und musste mit anhören, wie seine Mutter schimpfte, er solle sich eine Scheibe von seiner Schwester abschneiden. Dann wollte sie mein Zeugnis sehen, schon fing er sich wieder eine und sie schimpfte, dass er sich auch von mir eine Scheibe abschneiden solle und von meiner Schwester gleich dazu. Man wusste nie, wie lange das dauern würde, manchmal ging es schnell und manchmal steigerte sie sich richtig hinein.
Plötzlich sah ich in seinem dreckigen Gesicht ein Lächeln. Er sah seine Mutter an und sagte: Und wo soll ich die alle aufbewahren, die ganzen Scheiben!
Da fing er sich gleich noch eine. Aber die war es eindeutig wert.
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Gesellschaften brauchen offenbar Seismografen für Verkrustungen.Es ist ganz interessant, das Gespräch mit di Lorenzo und Schirrmacher in der aktuellen "Zeit". Einmal geht es darum, dass es von Größe zeugt, mal etwas nicht zu machen, auch wenn es Aufmerksamkeit (bzw. Auflage) bringt, wie z.B. ein bestimmtes Gedicht von Günter Grass abzudrucken. Von der Titelseite schaut einen unterdessen Thilo Sarrazin an. Den hat wahrscheinlich das Leserbarometer dahingespült.
(Giovanni di Lorenzo)*
Odo Marquard hat das mal "Inkompetenzkompensationskompetenz" genannt.
(Frank Schirrmacher)*

"Sie haben neulich an einer Online-Umfrage zur Qualität der X-Zeitung teilgenommen." - "Nein." - "Spreche ich denn nicht mit Herrn nnier?" - "Doch." - "Ja, aber dann haben Sie neulich an unserer Umfrage im Internet teilgenommen." - "Ne-hein!" - "Aber Sie interessieren sich für die X-Zeitung!?" - "Ich will nicht drüber sprechen."
Die Post ist da. "Sehr geehrter Herr [Vorname], Ihre Entscheidung für die Xtra Card der Telekom ist eine gute Wahl!", steht in dem Brief. Darin liegt eine SIM-Karte ("Ihre Xtra Card"), die ich jetzt "einfach aktivieren" soll. Ich habe eine solche Entscheidung aber gar nicht getroffen, das würde ich jetzt gerne jemandem erzählen, doch eine Telefonnummer steht nicht in dem Anschreiben.
Ich wüsste zu gerne, ihr Schweinepriester von der Telekom, wie ihr dazu kommt, mir unaufgefordert eine SIM-Karte zuzuschicken. Wirklich! Ist das ein Massenmailing, läuft das über eine Datenbank, gehöre ich zur Zielgruppe der Naiven und Treudoofen, mit denen man's mal versuchen kann? Lohnt sich so eine Omabescheißerei, gibt es vielleicht genügend Leute, die den Überblick über ihre Handyverträge nicht haben und dann einfach mal eine neue SIM-Karte "aktivieren"? SPINNT IHR EIGENTLICH, HABT IHR KEINERLEI HEMMUNGEN MEHR, SEID IHR JETZT AUF DEM NIVEAU VON HEIZDECKENVERKÄUFERN AUF DER KAFFEEFAHRT ANGEKOMMEN?
Oh, Shit! Mein Verkrustungsseismograph schlägt aus.
Gut möglich, dass ich bestraft werde, denn ich habe gesündigt. Sie wissen das ja schon, dass Groupon ein ganz übler Laden ist, und ich hätte es mir sicher denken können, hatte aber bis vor kurzem meinen Blick mehr auf das absurde Geschäftsmodell gerichtet - und aus einer perversen Faszination heraus immer öfter hingeschaut und dann auch manchmal etwas bestellt.

Selbst schuld!, mögen Sie nun denken, das kann ja gar nicht anders sein, Wer billig kauft, kauft zweimal etc., danke, bitte, ich will hier auch kein Mitleid, ich will bloß, dass Sie noch rechtzeitig Ihre Aktien verkaufen, denn das kann einfach nicht mehr lange gutgehen. Ich habe ja neulich schon berichtet, dass hinter den Kulissen etwas nicht stimmt, wenn der Putzmann anruft und sagt: Tut mir leid, ich komme nicht, wir zahlen dabei noch drauf. Überlegen Sie mal: Das quält den Kunden und den Putzmann, während der Schweineladen die Verträge sicherlich so gestaltet hat, dass er sich am Putzmann schadlos halten kann, auch wenn der Kunde das Geld zurückbekommt. Trotzdem: Das ist Heuschrecke pur, das hinterlässt Schneisen der Verwüstung, das zeugt von hohem Verkaufsdruck und schlechter Beratung der Geschäftspartner, die offenbar gnadenlos ausgenommen werden, egal was morgen ist.
Wenn ich allerdings Versandprodukte gesehen habe, dachte ich bislang: So ein Putzmann, der schätzt das womöglich falsch ein, oder eine Friseurin, die plötzlich 300 ungeduldige Schnäppchenkunden da stehen hat, aber bitteschön: Versandartikel, das klappt schon.
Bei den Fotobüchern stimmte das auch - mehr oder weniger. Dann bestellte ich zwei Dingse. Das ist fast vier Monate her.
Ich bekomme keine Lieferung, ich bekomme vom Anbieter keinerlei Reaktion, ich bekomme von Groupon irgendwann folgende Antwort:
Selbstverständlich haben Sie auch die Möglichkeit vom Kauf des Gutscheins zurückzutreten. Da dieser jedoch bereits eingelöst wurde, benötigen wir von Ihnen hierzu eine Stornierungsbestätigung Ihrer Bestellung von unserem Kooperationspartner in Kopiewas total prima ist, da dieser sich wie gesagt totstellt, und werde auf erneute Nachfrage folgendermaßen abgekanzelt:
Aufgrund der großen Nachfrage kann der Vorgang bei 2Waction bedauerlicherweise längere Zeit in Anspruch nehmen. Leider haben wir keinen Einfluss darauf, wie viel Zeit dieser Vorgang in Anspruch nehmen kann.Ich will Sie nicht mit den kleinen Ärgernissen meines Alltags langweilen. Ich erzähle das, damit Sie wissen, worauf man sich einlässt: Einen Laden, der unseriöse oder schlicht überforderte Klitschen als "Kooperationspartner" anwirbt, von den Kunden vorab das Geld kassiert und sich dann darauf zurückzieht, "keinen Einfluss" darauf zu haben, ob und wann die Leistung erbracht wird. Und zwar systematisch. Das sollte man sich klarmachen.
Hallo!? Wo sind Sie? Ach - Sie wollen schnell noch Ihre Aktien verkaufen! Oh, keine Ursache. Danken Sie nicht mir. Danken Sie meiner Inkompetenzkompensationskompetenz.
--
*"Die Zeit" No. 22 vom 24.5.2012, Dossier Am Medienpranger, S. 15-17.
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Zuletzt habe ich gar nicht mehr darauf geachtet, ob das noch so ist, aber es gab eine Zeit, in der die Einkaufswagen Zug um Zug mit Werbeschildern aus Hartplastik versehen wurden. Oder, fangen wir anders an: Ich habe als Kind mal ein Brausestäbchen im Wert von 5 Pfennig entwendet, das war in einem Ladengeschäft, das über Mittag geschlossen hatte, und ich konnte aus privaten Gründen durch das Treppenhaus hinein und sah mich um und es war niemand da und alles war voller toller Sachen und ich war noch ganz klein und ich hatte ein starkes Unrechtsgefühl aber dann auch wieder nicht weil die mir ja manchmal auch eine Kleinigkeit geschenkt hatten und die würden mir so ein Brausestäbchen jetzt bestimmt auch schenken aber leider ist gerade keiner da also was solls he he. Lassen Sie sich gewarnt sein: Der Preis ist viel zu hoch. Noch heute peinigt mich die Vorstellung, ich wäre damals beobachtet worden, von außen durchs Schaufenster oder von jemandem, der mir im Treppenhaus leise gefolgt war. DA SCHAU HER, WEN HABEN WIR DENN DA, DEINE ELTERN WERDEN STOLZ AUF DICH SEIN, GERADE VON DIR HÄTTEN WIR DAS NICHT GEDACHT und dann wache ich schweißgebadet auf. Das andere Mal war so ein Plättchen, das man einer Playmobilfigur unter die Füße klemmte, damit sie besser stehen konnte. Eine Kindergartenfreundin hatte die Figur zum Geburtstag geschenkt bekommen, die gönnte ich ihr auch von Herzen, aber diese Platte, die fand ich so attraktiv, die fand ich so toll, die MUSSTE ich einfach haben, die nahm ich mit, auch dafür habe ich jahrelang gebüßt, denn obgleich ich annehmen konnte, dass sie diese Platte nicht sonderlich interessieren, dass sie ihr Fehlen womöglich nicht mal bemerken würde, war mir natürlich klar, dass ich mein antisoziales und schlimm vertrauenbrechendes Handeln damit nur schönredete. Bald kam sie zu Besuch und ich fühlte den Irrsinn aufsteigen wie bei Poe, wenn die Polizisten nichts gefunden haben und schon wieder gehen wollen, aber der Drang einfach übermächtig wird und man sie mit in den Keller schleift und stolz die massiven Wände zeigt und noch demonstrativ dagegenklopft, bis die Katze in der Wand heult, und dann sagt man: Lass uns doch mit Playmobil spielen, schau, hier, siehst du, ich spiele ja am liebsten mit dieser Stehplatte, und die ganze Zeit beobachtet man die Spielkameradin, ob sich da Spuren der Irritation zeigen, aber auch wenn da keine zu sehen sind, ganz im Gegenteil zu den Schweißperlen auf der eigenen Stirn, findet man doch nie wieder seinen Frieden, bleibt da immer ein nagender Zweifel, und das ist es, was die Opfer den Tätern immer voraushaben werden. Was wollte ich noch gleich erzählen.
Das mit dem Einkaufswagen! Aber zuerst vielleicht noch die Dosen. Sie müssen sich vorstellen, was so eine Cola- oder Fantadose bedeuten kann. Sie ist viel zu teuer. Es gibt einen Automaten in der Schule, da kostet die Dose 80 Pfennig. Die Dosen kommen eisgekühlt heraus. Wenn man sie sich nach einer durchgeschwitzten Fußballmittagspause im Hochsommer auf dem Weg zum Klassenraum an die Stirn hält, zischt es. Dann muss man sie wieder hergeben, denn der Besitzer will sie trinken. Er reißt den Verschluss ab, das Geräusch ist für die Götter, dann hört man dieses Gluck! Gluck! Gluck! Gluck! Gluck!, und wenn man fragt: Darf ich einen Schluck, sagen sie: Ich lass dir was drin, und dann bekommt man einen winzigen, abgestandenen, lauwarmen Rest. Ich spiele mit meinem Freund Fußball. Eine Frau kommt langsam an. Sie ist schon älter. Sie trägt in jeder Hand einen Stoffbeutel mit Äpfeln. Sie fragt: Könnt ihr mir die nach Hause tragen, ich schaffe das nicht. Wir zögern. Es ist ziemlich weit. Sie sagt: Ihr kriegt auch jeder eine Mark. Dann machen wir's. Hinterher schäme ich mich. Die Cola will nicht schmecken. Wir verabreden uns abends an der Schule zum Fußballspielen. Wir sind nur zu zweit. Der Ball fliegt ins Gebüsch. Beim Suchen finde ich ZWEI PALETTEN COLA-/FANTA-/SPRITE-/LIFT-BÜCHSEN. Mein Herz schlägt bis zum Hals. Ich hole meinen Freund. Wir diskutieren hektisch. Dann spielen wir zur Tarnung weiter Fußball. Hoffentlich wird es bald dunkel. Absichtlich schießen wir den Ball ins Gebüsch. Bestimmt werden wir beobachtet. Heimlich stellen wir die Paletten an den Rand, nahe an den Weg. Wir holen unsere Fahrräder. Ob Verbrecher ihr Lager in den Büschen haben? Jeder klemmt eine Palette auf seinen Gepäckträger, dann rasen wir weg, jeder für sich, zu Hause bringe ich die Dosen in den Keller und hole sie nachts hoch, schiebe sie ganz weit nach hinten, ganz unten im Jugendzimmerschrank, und manchmal, lange nach dem Zähneputzen, wenn ich es nicht aushalte, trinke ich so eine Dose, damit sie endlich weg ist, viel zu warm, aber in den Kühlschrank kann ich sie nicht stellen. Ich sage es lieber noch mal: Lassen Sie es. Das ist es nicht wert.
Die Einkaufswagen. Dazu muss ich Sie kurz in die nächtliche Parallelwelt der überladenen Kleintransporter einführen. Stellen Sie sich eine subunternehmerische Mischkalkulation aus den Bereichen Zeitungen, Zeitschriften, Medikamente, Fotoarbeiten vor, bei der Sie von Ihren Auftraggebern vollkommen abhängig sind, so dass Sie mit den geleasten Fahrzeugen die Schwankungen der Benzinpreise selber ausgleichen müssen, selber am meisten arbeiten, ein paar junge Halodris beschäftigen, die dauernd Unfälle bauen und denen Sie nicht allzuviel Geld zahlen können. Am Ende gehen Sie natürlich trotzdem in Konkurs, aber das tut jetzt nichts zur Sache. Manche von Ihren Mitarbeitern tauschen vielleicht ein paar Extra-Zeitungen beim Dorfbäcker gegen eine Tüte Brötchen. Manche behalten die eine oder andere Remittende ("Wird doch sowieso vernichtet") zurück. Einer aber erzählt ganz stolz: Ich lasse mir meine Fotos umsonst entwickeln. Und ich muss zugeben, dass mir sein ausgeklügeltes System Bewunderung abrang: Er holte sich leere, unbenutzte Fototaschen in einem bestimmten Supermarkt, befüllte sie mit seinen Filmpatronen, schrieb Phantasienamen und -adressen drauf und mischte sie unter die anderen, eingesammelten Tüten. Einige Tage darauf, wenn die entwickelten Fotoarbeiten ausgeliefert wurden, durchsuchte er diejenigen, die an diesen speziellen Supermarkt gingen: "Wie hieß ich noch gleich - ah, ja!", zog die Fototasche heraus und sah sich zufrieden seine Vergrößerungen an. Das perfekte Verbrechen!, dachte ich bewundernd.
Die Einkaufswagen. "Ich habe mir da nicht irgendeinen Laden ausgesucht", sprach er, "wenn der nämlich zu klein ist und kriegt nur zwei Tüten am Tag, dann fällt die Differenz sofort auf. Aber zu viele dürfen's auch nicht sein, sonst muss ich ewig mein Tütchen da raussuchen! Der X ist genau richtig, ob der 52 oder 53 Tüten kriegt, merkt keine Sau. Aber weißt du, was bei dem auch total gut ist?", fuhr er fort, "Die haben jetzt diese Kunststoffschilder an ihren Einkaufswagen. Von beiden Seiten. Und dazwischen ist so eine Lücke, einen guten halben Zentimeter dick. Rate mal, was da wie angegossen reinpasst: CDs! Das klappt perfekt. Ich weiß schon gar nicht mehr, welche ich noch mitnehmen soll."
Für mich war das nichts und ist das nichts. Ich höre immer noch das Brausestäbchen knacksen. Lachen muss ich trotzdem.
Das mit dem Einkaufswagen! Aber zuerst vielleicht noch die Dosen. Sie müssen sich vorstellen, was so eine Cola- oder Fantadose bedeuten kann. Sie ist viel zu teuer. Es gibt einen Automaten in der Schule, da kostet die Dose 80 Pfennig. Die Dosen kommen eisgekühlt heraus. Wenn man sie sich nach einer durchgeschwitzten Fußballmittagspause im Hochsommer auf dem Weg zum Klassenraum an die Stirn hält, zischt es. Dann muss man sie wieder hergeben, denn der Besitzer will sie trinken. Er reißt den Verschluss ab, das Geräusch ist für die Götter, dann hört man dieses Gluck! Gluck! Gluck! Gluck! Gluck!, und wenn man fragt: Darf ich einen Schluck, sagen sie: Ich lass dir was drin, und dann bekommt man einen winzigen, abgestandenen, lauwarmen Rest. Ich spiele mit meinem Freund Fußball. Eine Frau kommt langsam an. Sie ist schon älter. Sie trägt in jeder Hand einen Stoffbeutel mit Äpfeln. Sie fragt: Könnt ihr mir die nach Hause tragen, ich schaffe das nicht. Wir zögern. Es ist ziemlich weit. Sie sagt: Ihr kriegt auch jeder eine Mark. Dann machen wir's. Hinterher schäme ich mich. Die Cola will nicht schmecken. Wir verabreden uns abends an der Schule zum Fußballspielen. Wir sind nur zu zweit. Der Ball fliegt ins Gebüsch. Beim Suchen finde ich ZWEI PALETTEN COLA-/FANTA-/SPRITE-/LIFT-BÜCHSEN. Mein Herz schlägt bis zum Hals. Ich hole meinen Freund. Wir diskutieren hektisch. Dann spielen wir zur Tarnung weiter Fußball. Hoffentlich wird es bald dunkel. Absichtlich schießen wir den Ball ins Gebüsch. Bestimmt werden wir beobachtet. Heimlich stellen wir die Paletten an den Rand, nahe an den Weg. Wir holen unsere Fahrräder. Ob Verbrecher ihr Lager in den Büschen haben? Jeder klemmt eine Palette auf seinen Gepäckträger, dann rasen wir weg, jeder für sich, zu Hause bringe ich die Dosen in den Keller und hole sie nachts hoch, schiebe sie ganz weit nach hinten, ganz unten im Jugendzimmerschrank, und manchmal, lange nach dem Zähneputzen, wenn ich es nicht aushalte, trinke ich so eine Dose, damit sie endlich weg ist, viel zu warm, aber in den Kühlschrank kann ich sie nicht stellen. Ich sage es lieber noch mal: Lassen Sie es. Das ist es nicht wert.
Die Einkaufswagen. Dazu muss ich Sie kurz in die nächtliche Parallelwelt der überladenen Kleintransporter einführen. Stellen Sie sich eine subunternehmerische Mischkalkulation aus den Bereichen Zeitungen, Zeitschriften, Medikamente, Fotoarbeiten vor, bei der Sie von Ihren Auftraggebern vollkommen abhängig sind, so dass Sie mit den geleasten Fahrzeugen die Schwankungen der Benzinpreise selber ausgleichen müssen, selber am meisten arbeiten, ein paar junge Halodris beschäftigen, die dauernd Unfälle bauen und denen Sie nicht allzuviel Geld zahlen können. Am Ende gehen Sie natürlich trotzdem in Konkurs, aber das tut jetzt nichts zur Sache. Manche von Ihren Mitarbeitern tauschen vielleicht ein paar Extra-Zeitungen beim Dorfbäcker gegen eine Tüte Brötchen. Manche behalten die eine oder andere Remittende ("Wird doch sowieso vernichtet") zurück. Einer aber erzählt ganz stolz: Ich lasse mir meine Fotos umsonst entwickeln. Und ich muss zugeben, dass mir sein ausgeklügeltes System Bewunderung abrang: Er holte sich leere, unbenutzte Fototaschen in einem bestimmten Supermarkt, befüllte sie mit seinen Filmpatronen, schrieb Phantasienamen und -adressen drauf und mischte sie unter die anderen, eingesammelten Tüten. Einige Tage darauf, wenn die entwickelten Fotoarbeiten ausgeliefert wurden, durchsuchte er diejenigen, die an diesen speziellen Supermarkt gingen: "Wie hieß ich noch gleich - ah, ja!", zog die Fototasche heraus und sah sich zufrieden seine Vergrößerungen an. Das perfekte Verbrechen!, dachte ich bewundernd.
Die Einkaufswagen. "Ich habe mir da nicht irgendeinen Laden ausgesucht", sprach er, "wenn der nämlich zu klein ist und kriegt nur zwei Tüten am Tag, dann fällt die Differenz sofort auf. Aber zu viele dürfen's auch nicht sein, sonst muss ich ewig mein Tütchen da raussuchen! Der X ist genau richtig, ob der 52 oder 53 Tüten kriegt, merkt keine Sau. Aber weißt du, was bei dem auch total gut ist?", fuhr er fort, "Die haben jetzt diese Kunststoffschilder an ihren Einkaufswagen. Von beiden Seiten. Und dazwischen ist so eine Lücke, einen guten halben Zentimeter dick. Rate mal, was da wie angegossen reinpasst: CDs! Das klappt perfekt. Ich weiß schon gar nicht mehr, welche ich noch mitnehmen soll."
Für mich war das nichts und ist das nichts. Ich höre immer noch das Brausestäbchen knacksen. Lachen muss ich trotzdem.
Ein millionenschwerer Software-Manager zahlte womöglich für Spielzeug bewusst zu wenig: Eine US-Handelskette beschuldigt ihn, mit gefälschten Barcodes die Preise von Lego-Baukästen manipuliert zu haben. In seinem Haus fanden Ermittler Tausende davon. [Q]
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Es ist noch gar nicht so lange her, da saß ich bei einem im Büro, der mich intensiv anstarrte. Er erzählte was von "Visionen", die er habe, und dass er unbedingt wissen müsse, ob ich an die "glaube", bzw., da ich diese Visionen ja noch gar nicht kennen könne, sei die Frage eigentlich, ob ich an ihn glaube. Wieder dieser intensive Blick. Ich fühlte mich unwohl, rutschte hin und her, versuchte das Gespräch immer wieder auf eine inhaltliche Ebene zurückzuholen, über diese Idee und jenes Projekt zu sprechen, was mir aber nicht gelang, und sagte gegen Ende nur noch "hm" und "he he".
Es gab eine Kollegin, die hatte ihm verliebte Blicke zugeworfen, als er sich in der großen Runde vorstellte und selbst bespiegelte: Marathon, Extremsex (oder so etwas), ein "typisches Internetgewächs" sei er jedenfalls, und sie sagte mir: Mit ihm wird alles anders! Da hatte sie recht, sie arbeitete sich tot und wurde in emotionale Ausnahmezustände gebracht, von ihm und seinem Speichellecker zusammengeschrien, bis sie heulte, danach erzählte er mir, dass sie "die Beste" in dem ganzen Laden sei, dann entließ er seinen Speichellecker, der wurde abends völlig orientierungslos am Bahnhof gesehen, und als ich auf der Weihnachtsfeier mit ihr sprach, vertraute sie mir an, dass sie gerade gekündigt hatte. Ich bekam das Grinsen gar nicht mehr weg, auf dem Klo kumpelte er mich plötzlich an, ich sagte ja ja und he he.
Er hatte einen Adjutanten mitgebracht, der einen sog. Track Record aufzuweisen hatte, der kam wie ein Kriegsreporter in unser Großraumbüro, er trug Cowboystiefel und - ohne Scheiß! - eine Ray Ban hoch ins Haar geschoben. Irgendwie hängte er sich an mich, quetschte mich aus, fühlte sich schlau, stellte unverfängliche Fragen, zog mich vorgeblich ins Vertrauen, quatschte mich voll, erzählte mir von den Telefonaten mit seinem Meister, der ihn regelmäßig nachts anrief und aufgedreht über die Arbeit redete. Wie er wieder stundenlang zusamengeschissen worden sei, wie er wieder schlimm angeschrien worden sei, erzählte er mit seltsam stolzem Tonfall, und dass sie eigentlich ganz tolle Kumpel seien, ich sagte ja ja und mhm und las nebenbei die geheimen Dossiers, die er über die verschiedenen Teams verfasst und auf dem falschen Laufwerk abgelegt hatte. Zu meinem Team hieß es: Machen das, was übrigbleibt, und ich muss sagen, das war gar nicht so falsch ausgedrückt. Die kannten sich schon lange, die beiden, erzählte mir also der Adjutant, und dass der zwar machmal ganz schön krass sein könne, aber dann auch wieder unheimlich lieb, und wie sie in einer früheren Firma mal vor allen Kollegen um die Wette Liegestützen gemacht hätten, auf drei Fingern. Mehr habe ich nicht erfahren, der Adjutant wurde nämlich auch bald rausgeschmissen.
Ich hatte schon vorher komische Sachen gemacht, z.B. im Anzug mit irgendwelchen Anzugmenschen gesprochen, da schwitzte ich manchmal und musste mir das Lachen verbeißen, aber es verblieb ausreichend Restrealität. Diese verflüchtigte sich nun rapide, einmal wurde ich gewarnt, dass er sich "auf jedes Telefongespräch schalten kann", ein anderes Mal, dass er "alle Mails" mitlese, und manchmal, auf dem Klo, hörte ich Gesprächsfetzen, die irgendwoher kamen, ich ging dann mehrmals außenrum, aber da war nichts, und ich fragte mich, ob irgendwo im Lüftungsschacht ein Geheimagent sitzt und Gespräche abhört. Das gab mir zu denken, bald saß ich bei dem Internetgewächs im Büro, wurde psychopathisch angestarrt und nach meinem Glauben befragt. Dann kündigte ich.
Es waren nur ein paar Monate. Sie fühlten sich ewig an. Ich denke kaum noch dran.
Es gab eine Kollegin, die hatte ihm verliebte Blicke zugeworfen, als er sich in der großen Runde vorstellte und selbst bespiegelte: Marathon, Extremsex (oder so etwas), ein "typisches Internetgewächs" sei er jedenfalls, und sie sagte mir: Mit ihm wird alles anders! Da hatte sie recht, sie arbeitete sich tot und wurde in emotionale Ausnahmezustände gebracht, von ihm und seinem Speichellecker zusammengeschrien, bis sie heulte, danach erzählte er mir, dass sie "die Beste" in dem ganzen Laden sei, dann entließ er seinen Speichellecker, der wurde abends völlig orientierungslos am Bahnhof gesehen, und als ich auf der Weihnachtsfeier mit ihr sprach, vertraute sie mir an, dass sie gerade gekündigt hatte. Ich bekam das Grinsen gar nicht mehr weg, auf dem Klo kumpelte er mich plötzlich an, ich sagte ja ja und he he.
Er hatte einen Adjutanten mitgebracht, der einen sog. Track Record aufzuweisen hatte, der kam wie ein Kriegsreporter in unser Großraumbüro, er trug Cowboystiefel und - ohne Scheiß! - eine Ray Ban hoch ins Haar geschoben. Irgendwie hängte er sich an mich, quetschte mich aus, fühlte sich schlau, stellte unverfängliche Fragen, zog mich vorgeblich ins Vertrauen, quatschte mich voll, erzählte mir von den Telefonaten mit seinem Meister, der ihn regelmäßig nachts anrief und aufgedreht über die Arbeit redete. Wie er wieder stundenlang zusamengeschissen worden sei, wie er wieder schlimm angeschrien worden sei, erzählte er mit seltsam stolzem Tonfall, und dass sie eigentlich ganz tolle Kumpel seien, ich sagte ja ja und mhm und las nebenbei die geheimen Dossiers, die er über die verschiedenen Teams verfasst und auf dem falschen Laufwerk abgelegt hatte. Zu meinem Team hieß es: Machen das, was übrigbleibt, und ich muss sagen, das war gar nicht so falsch ausgedrückt. Die kannten sich schon lange, die beiden, erzählte mir also der Adjutant, und dass der zwar machmal ganz schön krass sein könne, aber dann auch wieder unheimlich lieb, und wie sie in einer früheren Firma mal vor allen Kollegen um die Wette Liegestützen gemacht hätten, auf drei Fingern. Mehr habe ich nicht erfahren, der Adjutant wurde nämlich auch bald rausgeschmissen.
Ich hatte schon vorher komische Sachen gemacht, z.B. im Anzug mit irgendwelchen Anzugmenschen gesprochen, da schwitzte ich manchmal und musste mir das Lachen verbeißen, aber es verblieb ausreichend Restrealität. Diese verflüchtigte sich nun rapide, einmal wurde ich gewarnt, dass er sich "auf jedes Telefongespräch schalten kann", ein anderes Mal, dass er "alle Mails" mitlese, und manchmal, auf dem Klo, hörte ich Gesprächsfetzen, die irgendwoher kamen, ich ging dann mehrmals außenrum, aber da war nichts, und ich fragte mich, ob irgendwo im Lüftungsschacht ein Geheimagent sitzt und Gespräche abhört. Das gab mir zu denken, bald saß ich bei dem Internetgewächs im Büro, wurde psychopathisch angestarrt und nach meinem Glauben befragt. Dann kündigte ich.
Es waren nur ein paar Monate. Sie fühlten sich ewig an. Ich denke kaum noch dran.
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Gerade habe ich mit einem jungen Menschen auf dem Beifahrersitz einen großen, fast leeren Parkplatz angesteuert. Wir tauschten die Plätze, sprachen noch mal kurz die Grundlagen durch - und während es die nächste halbe Stunde im ersten Gang gemächlich durch die Pampa ging, bis auf eine knapp gestreifte Brombeerhecke auch ohne nennenswerte Ereignisse, liefen ein paar verblichene Filmschnipsel durch meinen Kopf.
Da war die Fahrt mit dem Auto in den Wald, als jemand zu mir sagte, ich solle jetzt einfach mal fahren. Das ging auch eine Weile gut, bis ich plötzlich doch aufs Gas statt auf die Bremse trat und gegen einen großen Sandstein fuhr: TONK! Er hat es niemandem erzählt.
Da war der Mitschüler mit seiner Puch, die Landjugend hatte ja Mofas, ich hatte keines, aber nach zwei Proberunden eine tolle Idee: Was, wenn ich den Gashebel bis zum Anschlag durchzog und erst dann die Kupplung kommen ließ? Quietschende Reifen erwartete ich, schwarzradierte Spuren auf dem Boden und große Augen bei meinen Freunden. Tatsächlich machte dann nur einer große Augen, der mit der Puch, die gerade auf dem Hinterrad einer Garagenwand entgegenfuhr, ich verfolgte die Szene auf dem Boden sitzend, die anderen lachten.
Ich dachte ja manchmal viel zu kompliziert. In den ersten praktischen Fahrstunden trieb ich meinen Fahrlehrer zur Verzweiflung, denn eigentlich stellte ich mich gar nicht so blöd an, aber warum kuppelte ich immer aus, bevor ich bremste? Ich dagegen konnte nicht begreifen, wieso ich das nicht tun sollte: Wenn ich mit dem Fahrrad fuhr, trat ich beim Bremsen schließlich auch nicht weiter in die Pedale.
Bei der praktischen Fahrprüfung hatte mein Fahrlehrer doch tatsächlich vergessen, das Tonsignal zu aktivieren, das den Prüfer auf der Rückbank darüber informieren sollte, ob die verbotenen Fahrlehrerpedale nicht doch betätigt werden. Und so fuhr ich erstaunlich forsch über das Stück Autobahn, das hätte den Prüfer auch fast vergessen lassen, wie ich zuvor seine Anweisung, rechts abzubiegen, mit den Worten: Darf ich doch gar nicht! abegbügelt hatte und weiter geradeausgefahren war. Ach nee, he he, setzte ich nach, als ich den entsetzten Blick des Fahrlehrers bemerkte, das galt ja nur für LKW! Allerdings brauchte der sich über mich nicht zu beklagen, der Fahrlehrer, schließlich hat ihn kurz darauf ein anderer Prüfling während der Prüfungsfahrt angemotzt, er solle endlich mal seine Füße von den Pedalen nehmen, das bringe einen ja total durcheinander. Ich hingegen schwieg und schwitzte, holperte recht und schlecht durch die Prüfungsfahrt und sah meine Aussichten langsam schwinden, bis es kurz vor der Rückkehr hieß: Einparken am Straßenrand in Längsrichtung zwischen zwei Autos. Das war nun meine Paradedisziplin, das konnte ich wirklich gut, und für Notfälle hatte mein Fahrlehrer auch hier vorgebaut: Wenn ich zuerst nach hinten gucke und dann den Kopf wieder nach vorne drehe, musst du andersrum einschlagen!
Ich setzte also zurück in die Lücke, der Kopf wollte sich aber nicht drehen, das hatte er vor Schreck wohl ganz vergessen, und so stand ich vollkommen falsch in der Lücke und musste zweimal nachkorrigieren. Deprimiert ging es zum TÜV zurück, ich war mir sicher, versagt zu haben und schwor mir innerlich: Sollte ich das kosmische Glück haben, dennoch durchzukommen, dann will ich mich fürderhin über nichts mehr beklagen!
"Der stand aber auf wackligen Beinen", meinte der Prüfer mit zusammengekniffenen Augen, danach weiß ich nichts mehr, denn dass ich doch bestanden hatte, ließ mich schwindlig werden. Vollkommen benebelt verließ ich den Platz, wartete auf den Bus und zahlte den Fahrschein mit einem Zwanziger. Der Fahrer gab mir auf 10.- DM heraus. Ich sagte nichts. Und das war gerade mal der Anfang.
Da war die Fahrt mit dem Auto in den Wald, als jemand zu mir sagte, ich solle jetzt einfach mal fahren. Das ging auch eine Weile gut, bis ich plötzlich doch aufs Gas statt auf die Bremse trat und gegen einen großen Sandstein fuhr: TONK! Er hat es niemandem erzählt.
Da war der Mitschüler mit seiner Puch, die Landjugend hatte ja Mofas, ich hatte keines, aber nach zwei Proberunden eine tolle Idee: Was, wenn ich den Gashebel bis zum Anschlag durchzog und erst dann die Kupplung kommen ließ? Quietschende Reifen erwartete ich, schwarzradierte Spuren auf dem Boden und große Augen bei meinen Freunden. Tatsächlich machte dann nur einer große Augen, der mit der Puch, die gerade auf dem Hinterrad einer Garagenwand entgegenfuhr, ich verfolgte die Szene auf dem Boden sitzend, die anderen lachten.
Ich dachte ja manchmal viel zu kompliziert. In den ersten praktischen Fahrstunden trieb ich meinen Fahrlehrer zur Verzweiflung, denn eigentlich stellte ich mich gar nicht so blöd an, aber warum kuppelte ich immer aus, bevor ich bremste? Ich dagegen konnte nicht begreifen, wieso ich das nicht tun sollte: Wenn ich mit dem Fahrrad fuhr, trat ich beim Bremsen schließlich auch nicht weiter in die Pedale.
Bei der praktischen Fahrprüfung hatte mein Fahrlehrer doch tatsächlich vergessen, das Tonsignal zu aktivieren, das den Prüfer auf der Rückbank darüber informieren sollte, ob die verbotenen Fahrlehrerpedale nicht doch betätigt werden. Und so fuhr ich erstaunlich forsch über das Stück Autobahn, das hätte den Prüfer auch fast vergessen lassen, wie ich zuvor seine Anweisung, rechts abzubiegen, mit den Worten: Darf ich doch gar nicht! abegbügelt hatte und weiter geradeausgefahren war. Ach nee, he he, setzte ich nach, als ich den entsetzten Blick des Fahrlehrers bemerkte, das galt ja nur für LKW! Allerdings brauchte der sich über mich nicht zu beklagen, der Fahrlehrer, schließlich hat ihn kurz darauf ein anderer Prüfling während der Prüfungsfahrt angemotzt, er solle endlich mal seine Füße von den Pedalen nehmen, das bringe einen ja total durcheinander. Ich hingegen schwieg und schwitzte, holperte recht und schlecht durch die Prüfungsfahrt und sah meine Aussichten langsam schwinden, bis es kurz vor der Rückkehr hieß: Einparken am Straßenrand in Längsrichtung zwischen zwei Autos. Das war nun meine Paradedisziplin, das konnte ich wirklich gut, und für Notfälle hatte mein Fahrlehrer auch hier vorgebaut: Wenn ich zuerst nach hinten gucke und dann den Kopf wieder nach vorne drehe, musst du andersrum einschlagen!
Ich setzte also zurück in die Lücke, der Kopf wollte sich aber nicht drehen, das hatte er vor Schreck wohl ganz vergessen, und so stand ich vollkommen falsch in der Lücke und musste zweimal nachkorrigieren. Deprimiert ging es zum TÜV zurück, ich war mir sicher, versagt zu haben und schwor mir innerlich: Sollte ich das kosmische Glück haben, dennoch durchzukommen, dann will ich mich fürderhin über nichts mehr beklagen!
"Der stand aber auf wackligen Beinen", meinte der Prüfer mit zusammengekniffenen Augen, danach weiß ich nichts mehr, denn dass ich doch bestanden hatte, ließ mich schwindlig werden. Vollkommen benebelt verließ ich den Platz, wartete auf den Bus und zahlte den Fahrschein mit einem Zwanziger. Der Fahrer gab mir auf 10.- DM heraus. Ich sagte nichts. Und das war gerade mal der Anfang.
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Bloß dass das Arbeitszimmer jetzt so aussieht. Aber irgendwo muss man ja hin mit Heu und Stroh, außerdem riecht es sehr angenehm - und wenn man die Preise für so ein Beutelchen Einstreu im Zoofachhandel sieht, fährt man doch lieber aufs Land, dorthin, wo jemand Strohballen für je drei Euro inseriert hat und am Telefon einen Lachanfall bekommt, weil man nach einem Ballen fragt, eigentlich wollen wir ein ganzes Fuder verkaufen, aber kommen Sie ruhig vorbei.

Die kleinen Racker dürfen also endlich einziehen, in den Osterferien war ich öfter mal im Holzhandel und schlug mir immer wieder gegen die Stirn, wenn ich mir klarmachte, wie oft im Leben ich schon Bretter oder Leimholzplatten im Baumarkt gekauft habe, viel zu teuer!, dabei weiß ich doch eigentlich, dass man für die besseren Angebote in Richtung Hafen fahren muss. Eine Ladung sibirische Lärche, bitte, die wird so schön grau und hält Ewigkeiten - und ein wenig Kiefer, kdi.

Den alten Spielturm hatte ich mit Bedacht stehenlassen, wer weiß, wofür man den noch brauchen kann, und nun wird er von zwei Seiten lärchenverbrettert, wird eine dritte Seite mit Kaninchengitter bespannt - und die vierte soll zwei Türen bekommen.

Ich wollte es mir leicht machen. Ich ging in den Keller, wo mein alter, rollbarer Kleiderschrank steht, er heißt schon immer Kaninchenschrank, denn die Türen sind metallvergittert, sie waren schnell abmontiert und passten von der Breite her perfekt - waren aber höher als nötig, was praktisch kein Problem bedeutet hätte, jedoch: Das sieht total blöd aus, als hätten wir einen Schrank im Garten, das passt nicht.

Ich habe nur kurz gezögert. Innerlich wusste ich, dass sie recht hatte.

Außerdem: Was haben rechte Winkel an einem Kaninchenstall zu suchen! Das sieht so gekauft aus, da könnte ich gleich einen fertigen besorgen, billiger als das ganze Holz und Zubehör wäre es ohnehin. Inzwischen aber habe ich alles genau vor Augen: Es muss ein Überwurfverschluss her, durch den man zum Sichern eine Schraube steckt, es muss eine Tür sein, die unten leicht absteht, es muss dieses drehbare Stück Abfallholz geben, mit dem man die Türen verriegelt.

Das kleine Häuschen aus alten Regalbrettern, das soll gefälligst selbstgebaut aussehen, nimm also bitte die alte Stichsäge, in die man das Sägeblatt nur noch schräg einspannen kann. So! Und wenn ich's mir recht überlege: Vielleicht ziehe ich selber ein!?
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- Die sind da alle rübergefahren, bei Rot, hamse dit jesehn. Dit jeht do né. Das dauert zehn Jahre, bis sowas verheilt ist! Das heilt doch alles nicht mehr, heutzutage! Mein' Kumpel, den hamse auch veroperiert, der ist nicht mehr wiedergekommen. Hamse die Leute gesehen.
- Ein Wahnsinn, alles.
- Ein Wahnsinn, alles.
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Mir sagte mal jemand, der in Düsseldorf lebt, in Bremen sähen die Menschen irgendwie arm aus. Ich fragte nach Beispielen und Details, konnte ich doch weder in dem Café, in dem wir saßen, noch später in der Fußgängerzone und überhaupt in den Wochen darauf irgend etwas Ungewöhnliches bemerken; für mich sahen die Bremer ganz normal aus. Später musste ich noch lange darüber nachdenken.
Selten sind es ja einzelne Personen, die mit ausgeleiertem Trainingsanzug oder 500-Euro-Jacke den einen oder eben den anderen Anschein vermitteln, es ist eher ein Gesamteindruck, der einen, ähnlich wie eine Landschaft sich im Vorbeifahren langsam ändert, die sozialen Unterschiede von Viertel zu Viertel, Stadt zu Stadt, von Land zu Land mehr spüren als an Einzelheiten festmachen lässt. Blitzt es hier straff und gesund, schlurft es dort schlaff durch die Gassen, strahlen hier die weißen Gebisse, starren dort die grauen Gesichter.






Vielleicht sehen Düsseldorfer oder Münchener das ja ganz anders; auf mich jedenfalls macht dieses Holland immer diesen propperen Eindruck, nicht nur in den kleinen, feinen Städtchen, sondern auch dort, wo normalerweise Natur wäre, im Wald, am Strand, da ist alles Kulturlandschaft, die Deiche schnurgerade und die Strände gepflastert, selbst die Dünen sehen aus wie am Reißbrett entworfen. Das ist nicht abwertend gemeint, denn ich habe ein paar schöne Urlaubstage gehabt, man kann sehr schön mit dem Fahrrad herumfahren, Kaffee trinken, Geschenke kaufen. Ich bekomme nur manchmal dieses irritierende Gefühl. Es hat mit einer Art von Wohlstand zu tun, die ich seit längerem nicht mehr selbstverständlich finde.
Damit meine ich nicht dieses gerne mal eingestreute "Anderswo hungern sie", auch wenn sich die Tage mehren, an denen ich ganz ernsthaft empfinde, was für ein großes Glück ich habe, dass ich z.B. warm duschen kann, wann ich will. Wenn ich aber durch Siedlungen oder in Kleinstädte komme, in denen lauter neue Einfamilienhäuser nebeneinanderstehen, ein oder zwei Autos davor, nicht älter als drei Jahre, die Straßen akkurat gepflastert und von hübsch historisierenden Laternen gesäumt, muss ich immer öfter denken: Das geht zu Ende, das merkt ihr noch nicht, weil ihr mit eurer Technik künstliche Inseln vor arabische Küsten schütten könnt, ihr liefert Rollrasen und könnt Tunnel bohren, das bringt Geld, aber das geht zu Ende.
Ich war nur ein paar Tage weg, und auf der Rückfahrt erfuhr ich, dass ein Schutzwall beschlossen worden sei, ein paar hundert Milliarden irgendwofür und von irgendwem, jedenfalls gegen die Krise, neulich hieß es Hebel und vielleicht kommt ja bald der Hammer oder die Wunderwaffe, da sind noch einige Metaphern verfügbar, und ich habe keine, wirklich keine Ahnung, was EFSF und ESM sind und wer was wofür bezahlt. Es ist absurd, Länder gehen pleite und Menschen arbeiten in 1-Euro-Jobs, sie spazieren durch gigantisch teure Einkaufsklötze, die schon mal pleite gegangen sind und trotzdem weiterbetrieben werden, ich habe keine Ahnung, wie das alles funktioniert, aber jemand wird es bezahlen müssen. Nicht dass es hilft, aber ich rechne mit immer weniger Holland und mit immer mehr St. Andreasberg, und das wäre noch glimpflich.

Auch wenn ich nichts zu verbergen habe, geht Sie meine Privatsphäre nichts an!, so lautet mein Motto, deshalb die Gardinen, dann schlummert es sich sanft unter warmer Decke und man kann - einfach so! - warm duschen gehen am nächsten Morgen, nur ein paar Münzen muss man einwerfen, das alles ist sehr einfach, man könnte sagen: reduziert, man könnte vielleicht auch sagen: arm, ich will das nicht romantisieren, es ist immerhin Urlaub, es sind bloß ein paar Tage, da lässt sich leicht von Verzicht schwärmen.

Das blöde Werbeblättchen bringt den Aprilscherz, die Bremer Finanzsenatorin plane, von jedem Bürger, der aus Bremen wegzieht, vorher dessen Anteil (von aktuell etwa 28000 EUR) an der städtischen Schuldenlast einzutreiben. Dann kann ich hier nicht weg. Dann beibe ich eben hier.
Ich weiß auch gar nicht, ob ich Düsseldorf so toll finde.
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Wir haben früher auch diese Bildchen gesammelt: Winnetou, Mainzelmännchen, später dann die Fußballbilder - aber heute, ich weiß nicht ...
Bestimmt haben auch Sie gleich gedacht: Das geht doch nicht, da stimmt doch etwas nicht, so etwas liegt auf dem Schulhof herum!? Was sollen die Kinder denn daraus lernen, bitteschön, wenn da steht: Stöhnte sie und she moans und gémissaient-ils? Mal ein anderer Tempus, mal die dritte Pluralform, mal die dritte Singular!? Das bringt einen ja völlig durcheinander. Und vom Öl glitschige Körper - bah, da soll man noch eine eigenständige Phantasie entwickeln.
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