Mumien, Analphabeten, Diebe.
Du hast's gut, du hast dein Leben noch vor dir.
Zahlreiches Inhalieren
nnier | 08. Januar 2011 | Topic Fernseh
"Verringerung der Atomsprengköpfe", "Halbierung der Arbeitslosen" - auch im neuen Jahr winselt man innerlich, lauscht man den Nachrichten seriöser Radiosender, von den restlichen ganz zu schweigen. Aber es gibt ja auch noch andere Medien - kommen Sie doch kurz zu mir unter dieses ehemals reinweiße Handtuch mit der Aufschrift Krankenhaus Lahr, in der Sauna würde man das Stück Frottee wohl nicht mehr präsentieren, aber es ist von ausreichender Größe und vor allem dick genug, um den heißen Dampf nicht vorzeitig entweichen zu lassen, der mir so ätherisch aus der großen Schüssel entgegensteigt. Und: einatmen.

Da gibt es z.B. die sogenannten "Bücher", nach klassischem Verständis also papiernen Lesestoff in gebundener Form, der sich vor allem dort immer noch palettenweise verkauft, wo man, wie mir eine Brancheninsiderin flüsterte, längst keine Buchhändler mehr anstellt, sondern Einzelhandelskaufleute. Auch Ihnen sind im Vorbeigehen sicher diese großen Stapel roter, blauer und grüner Taschenbücher ins Auge gefallen!? Stieg Larssons drei Reißern konnte ich jedenfalls ebensowenig entkommen wie viele meiner Bekannten, und auch wenn es nun schon wieder einige Jahre her ist, erinnere ich mich noch gut an diesen Lesesog, der mich da zeitweise erfasste, dieses Gefühl, das ich schon zu Drei-???- und Jerry-Cotton-Zeiten gelegentlich hatte: Nur noch ein paar Seiten, nur noch dieses Kapitel, hach, dann eben noch eins, es ist gerade so spannend, und denk nicht zuviel über die Löcher im Plot nach!

Nun sind die ja verfilmt worden und es ergab sich, dass ich die ersten beiden Teile anschaute. Als Erinnerungsstütze ganz gut geeignet, würde ich sagen, einen Fernsehabend trägt es durchaus - gut, es ist nicht Hollywood, es ist gelegentlich hölzern inszeniert und insgesamt eine reichlich brav abgefilmte Geschichte, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Öchö, öchö. Immer genug Taschentücher neben die Schüssel legen!

Nach der skandinavischen Hausmannskost wurde ein brandaktueller Hollywoodstreifen, he he: Streifen - haben Sie das gemerkt, ich denke immer noch in diesen alten, analogen Formaten, es sind ja jetzt Festplatten!, jedenfalls: ein aktueller Hollywoodfilm gegeben. Dort ist man natürlich souveräner, routinierter auch, hat Weltstars zur Verfügung, Drehbuchschreiber vom Feinsten, kann ein enormes Budget verprassen und dafür buntes Augenfutter liefern, man kennt ja dieses Rummelplatzkino, das einfach unterhalten soll, schöne Gesichter, schöne Landschaften, temporeiche Geschichte, es muss ja nicht immer das dunkle Problemkino sein, ich will da niemandem etwas vorschreiben, und nun durfte auch Florian Henckel zu Guttenberg mal ran und so richtig in die Vollen gehen: Johnny Depp, Angelina Jolie, Venedig - das klingt natürlich ein wenig nach Nummer Sicher, da wollte einer nichts falsch machen, aber schauen wir uns den Popcornfilm doch einfach an, es werden schon zwei kurzweilige Stunden werden, ich stell dir noch einen Kräutertee hin, trink ihn so heiß wie möglich!

Ich war schlicht und einfach fassungslos. Ständig wartete ich darauf, dass Uwe Kockisch um die Ecke kommt, das kann doch bestenfalls eine günstige TV-Produktion sein, in die man unbeholfene Depp- und Jolie-Doubles geworfen hat, ohne sich dabei auch nur irgend etwas zu denken! Kein Rhythmus, keine Eleganz, kein Schwung, nicht mal beeindruckende Bilder - einen so hilflos daherrumpelnden Film muss man in dieser Preisklasse erst mal zustandebringen! Öchö-öchö! Nun ist aber gut, viel Schlaf ist wichtig und ich besorg morgen noch mal dieses Echinacin, das kann nicht schaden.

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jean stubenzweig, Samstag, 8. Januar 2011, 12:45
Ich hörte bereits von einer leicht mißratenen Produktion. Die haben Sie nun bestätigt. Aber ich gestehe auch – ich hätte mir das vermutlich ohnehin nicht angetan, weil ich mit diesem Hollywood-Kram nichts anfangen kann.

Am Rande, aber ich kann's mir eben nicht verkneifen: Hatte ich nicht hier bereits einmal leicht herumgemeckert wegen der sogenannten «Bücher»?

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nnier, Samstag, 8. Januar 2011, 13:14
Anfangen kann ich mit solcher Konfektionsware auch selten etwas, in diesem Fall war ich allerdings überrascht darüber, wie misslungen die gesamte Produktion war. Statt also sagen zu können: Professionell gemacht, aber nicht mein Fall, staunte ich die ganze Zeit: Wie bitte - das soll jetzt eine Verfolgungsjagd auf dem Kanal sein? Und bitte was - hier soll es jetzt erotisch knistern? In einer Kritik, die ich gerade lese, heißt es dann auch: "Nur müsste man das eben handwerklich dann auch können. Daran fehlt es hier in erschreckenden Maße." Oder: "Wenn Depp schließlich, im Zuge einer Verfolgungsjagd, im Pyjama vom Hotelbalkon springen muss und dabei - Achtung Schenkelklopfer - einen dicken, keifenden Polizisten in den Canal Grande befördert, kann er einem fast leid tun." Es ist wirklich nicht mehr als eine aufgeblasene Episode irgendeiner beliebigen, in jedem Fall aber billigen TV-Serie von nicht mehr als 45 Minuten.

Zu den Büchern - meinen Sie im allgemeinen, dann haben Sie bestimmt schon herumgemeckert, oder speziell bezogen auf den Larsson, dann erinnere ich mich nicht daran und bitte Sie, das nachzuholen. Im neuen Werbekatalog des Buchverramschers "Weltbild" jedenfalls strahlt mich gerade folgender Titel an: "Erbrecht".

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jean stubenzweig, Samstag, 8. Januar 2011, 13:54
Nein, ganz kleinlaut äußert der Korintenzähler: Ich meine lediglich die Schreibweise – sogenannt und apostrophiert. Ich dachte, es wäre hier gewesen. Ich bitte ergebenst um Vergebung.

Sie wollen erben? Hoffentlich nicht Weltbild. Da sind nämlich immer noch die Bischöfe vor.

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nnier, Samstag, 8. Januar 2011, 14:02
Es war hier, und ich will es anscheinend nicht lernen. Danke für den Hinweis!

("Erbrecht" hatte ich entlang der Linien von "Erwachet!" gelesen, aber das ist dann schon wieder eine andere Konfession.)

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cabman, Samstag, 8. Januar 2011, 17:04
Bleibt dann nur noch zu klären, ab wann für Sie und Stubenzweig ein Buch ein Buch ist.

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nnier, Samstag, 8. Januar 2011, 17:55
Ach, das war gar nicht so kompliziert gemeint, von mir lediglich als Anspielung darauf, dass Bücher nicht mehr unbedingt etwas Selbstverständliches sind, nicht mal mehr ihre äußere Gestalt und ihr Trägermaterial - siehe dazu auch diese Randzeichnung des verehrten Fil - und dann ging's noch darum, ob man einen Begriff nach "sogenannt" noch zusätzlich mit Anführungsstrichen versieht.

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kid37, Montag, 10. Januar 2011, 11:22
Ich habe neulich erst die Verfilmung des ersten Teils (Kinofassung) gesehen und dachte so, na ja. Ein bißchen Twin Peaks, ein bißchen SdL, die großen Folien der 80er/90er scheinen immer noch durch. Im Vergleich z.B. zur "Yorkshire Ripper"-Trilogie fällt es doch etwas ab, bleibt unentschlossen, ob es nun finsterer Skandinavienthrill oder doch Hollywood-Mainstream-Rächer-Action mit ein bißchen Torture-Porn sein soll. Und das Ende, herrje, ist ja komplett vergurkt. Jetzt behaupten Kollegen aber, die längeren TV-Fassungen machten Teil 2 und 3 doch wieder sehenswerter. Möglicherweise gebe ich mich dem also doch noch hin. (Anfang Februar auch im Fernsehen)

Diese Stapelware called Bücher ist schon eine Pest. Man hat das ja früher geduldet wegen diesem kaufmännischen Prinzip called Mischkalkulation. Aber links die Thrillerrampe, rechts die Kunstwälzer von Taschen - es ist ja nichts anderes als links die Dosensuppe und rechts der Kaffee für 3,99. Da bleibt nur das Wünschen, allseits gute Besserung!

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nnier, Montag, 10. Januar 2011, 13:01
Vergurkt - Sie meinen vermutlich diesen merkwürdigen neuseeländischen(?) Schlenker, der hat mich auch irritiert. Ich habe inzwischen auch Teil 3 (wie alle: in der Kinofassung) gesehen, auch dieser ist für mich nicht mehr (und auch nicht weniger) als solide Hausmannskost. Es ist manchmal schwer zu verstehen, wie aus Durchschnittsware plötzlich die ganz große Nummer werden kann.

Was die Stapelware angeht: Ich versuche immer noch, den kleinen Buchladen hier im Viertel zu unterstützen, indem ich vorwiegend dort kaufe. Was bei preisgebundener Ware ja nicht mal schwer fällt. Aber das Gespräch neulich mit einer ehemaligen Buchhändlerin war schon sehr desillusionierend: An meinen Bestellungen beim Grossisten verdient die gute Frau auch kaum etwas, die eigentlichen Summen werden anderswo verdient. Es gab mal einen lesenswerten Artikel dazu bei der Süddeutschen, Titel: An der Kette, den ich gerne verlinken würde, doch ist er leider hinter der Bezahlmauer verschwunden.

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