Mumien, Analphabeten, Diebe.
Du hast's gut, du hast dein Leben noch vor dir.
Dienstag, 18. August 2009
Oma Rock im Dreckigen Dutzend @todo Euphemistischen Titel einsetzen
nnier | 18. August 2009 | Topic In echt
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Beim Programmieren kann man Kommentare zwischen den eigentlichen Programmcode schreiben, dafür gibt es gewisse standardisierte, Dings, genau: Tags, und eines davon heißt @todo. Man schreibt dann z.B.:

@todo Die übergebene Kontonummer auf Plausibilität prüfen
oder @todo Sortieralgorithmus optimieren und hofft, auf diese Weise später an die Dinge erinnert zu werden, die noch zu tun sind.

Womit man ja gut leben kann, es ist Technik, keine Lyrik, aber das schreckliche Substantiv "Todo" (englisch ausgesprochen) setzt sich auch in anderen Lebensbereichen immer mehr durch. Statt "Soll ich das alles machen!?" heißt es heute: "Sind das Todos für mich?", und statt der Aufforderung: "Erledigen Sie folgende Arbeiten" bekommt man eine E-Mail, in der steht: "Ich sehe folgende Todos: ...", was die Arbeitswelt wieder eine Spur ekliger macht.

@todo Übergang zu dem folgenden Thema finden

Also war's nix mit der Schlummerstunde, statt dessen geriet ich in den Blickpunkt wie sonst immer dieser nebenbei eingeführte, betont unscheinbare Bürger, der plötzlich führerlose Flugzeuge notlanden oder einen ganzen Kindergarten aus dem einstürzenden Hochhaus retten muss und am Ende, da er den Widrigkeiten des Lebens getrotzt hat und an ihnen gewachsen ist, rußverschmiert und mit ein paar Schrammen im Gesicht zu Frau, Kind und Hund ins Vorstadthaus mit dem weißen Holzzaun zurückkehrt, die zwischenzeitliche, leidenschaftliche Affäre ebenso zurücklassend wie all die zutiefst gerührten Menschen, die ihm zwischen rauchenden Trümmern hinterherwinken und vor Dankbarkeit weinen, und zu Hause die, die, die werden ihn nie wieder einen "langweiligen Bürohengst" heißen, aber nie wieder!, nämlich die Frau weiß jetzt endlich, was sie an ihm hat und das Kind respektiert dann so voll so seinen Vater und kauft sich eine Baseballkappe, auf der Daddy steht, und sogar der Hund gehorcht wieder und reibt sich ekstatisch an seinem Bein, na ja, Sie wissen ja, wie das ist.

"Du kannst doch Spanisch", genau, das ist doch schon ein paar Wochen her, dass du damit angefangen hast, frag doch mal, äh, gut, äh, ¿dónde está la policía? - und dann dieser Schock, wenn man zum ersten Mal hört, wie die wirklich sprechen, nicht so schön jedes Wort einzeln und gut betont, sondern eher so wie ¡Yasquéderbandarrofandaste quintobanda falunquerro chicafuerrasela dambaste hetambo!, ich verstand kein Wort und führte, wie auch immer, die Familie samt geplündertem Fahrzeug zu einer der vielen spanischen Polizeien. Wo ich zum Hauptmann, der ein lustiges Käppi trug, vorgelassen wurde und sich ungefähr folgender Dialog entspann:

- Auto, kaputt, Sachen weg viele
- Wo ist das passiert?
- Essen Familie
- Wann genau?
- Eine Uhr, bevor
- Bitte listen Sie genau auf, welche Dinge fehlen!

@todo Dialog komplettieren und deutlicher zeigen, wie hilflos du gestammelt hast

Unterdessen kam immer mal wieder jemand mit traurigem Gesicht hinein und teilte mir mit, was noch alles weggekommen war. Ich kämpfte also mit dem Wörterbuch, listete cámara fotográfica, Geld sowie Kleidungsstücke in großer Zahl und geriet dabei ordentlich ins Schwitzen. Ein deutsches Motorradfahrerpaar betrat die Station, schimpfte auf Deutsch vor sich hin und forderte mich sehr direkt auf, auch für sie zu übersetzen, sie seien des Spanischen nicht mächtig und da würde ich doch wohl bitte.

Ich bekam Depressionen. Nun kämpfte ich an zwei Fronten, erzählte dies und dolmetschte das, zog den Unmut des Paares auf mich, als ich die Worte des Hauptmanns übersetzte (da sei leider nichts zu machen, die Aussichten auf eine Wiederbeschaffung seien hier generell sehr schlecht), gab hier meinen Eltern das Protokoll zum Unterschreiben und versuchte dort, die Gemüter zu beruhigen, ging noch einmal hinein, als meinem Vater einfiel, dass auch seine goldene Uhr verschwunden war, sah das Stirnrunzeln des Beamten, der betont langsam nachfragte, so so, eine goldene Uhr also, und ist das jetzt alles? Oder kommt vielleicht noch etwas?, verließ schließlich halbverdurstet die Polizeistation und bemerkte in diesem Moment, dass ich den hohen Herrn die ganze Zeit geduzt hatte.

@todo Deutlicher herausarbeiten, wie peinlich das war. Fallhöhe (Respektsperson in paramilitärischer Uniform vs. Duzerei) besser herausstellen.
@todo Überlegen, wie du aus dieser Nummer rauskommen willst

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Oma Rock hat als Vorgänger die Zahl Neun und als Nachfolger die Zahl Elf
nnier | 18. August 2009 | Topic In echt
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Klar musste man auf seinen Besitz aufpassen. Nicht nur links und rechts Aspirin und Ciguerettes verteilen oder Bonbons unters Kindervolk bringen, nein, es war mancherorts auch nicht unklug, ein wenig Schutzgeld an diejenigen zu zahlen, die so bereitwillig anboten, auf das parkende Auto "aufzupassen". Wobei man sinnvollerweise zu Beginn eine kleine Anzahlung leistete und den Rest für später in Aussicht stellte, wenn das Fahrzeug, so gut bewacht, unversehrt wieder in Empfang genommen werden würde. Und so hatte man sich im Lauf der Zeit einfach daran gewöhnt, niemanden unnötig in Versuchung zu führen.

Nach dem eiligen Verlassen des nordafrikanischen Landes konnte man erst mal aufatmen. Man war auf der Fähre, die einen diesmal übrigens nicht durchs halbe Mittelmeer (zurück nach Sète) bringen würde, sondern nur ein kurzes Stück bis irgendwo nach Spanien. Was ich ganz lustig fand, denn vor kurzem hatte ich in der Schule begonnen, Spanisch zu lernen. Und nachdem ich mit meinem Schulfranzösisch schon einen großen Teil der Konversation in Marokko bestritten hatte, kam es nun auch für diese Sprache zum Realitätstest. Es gelang mir dann auch, in dem Restaurant, das wir angesteuert hatten, etwas zu Essen zu bestellen. Mir persönlich war nach der nur kurz zurückliegenden schrecklichen Übelkeitserfahrung nicht nach Exotischem zumute, so dass ich wohl kaum mehr als ein Bocadillo zu mir nahm, andere Familienmitglieder hingegen freuten sich auf eine Paella, und wie man die bestellt, das lernt nun wirklich jeder Spanischschüler: "Du bring esse Paella Bier auch, zwei."

Die Sache zog sich hin, ich hatte längst aufgegessen und fühlte mich etwas schlapp, Nachwirkungen der überwundenen Unpässlichkeit, so dass ich irgendwann verkündete, mich schon mal ins Auto zu legen, während der Rest in Ruhe zu Ende essen sollte. Immerhin war man wieder in Europa, musste sich also endlich keine Gedanken mehr über irgendwelche Gefahren oder mögliche Belästigungen mehr machen, und so freute ich mich auf ein halbes Stündchen Schlummer auf dem schattigen Restaurantparkplatz, auf dem ja nichts passieren konnte, und wunderte mich über die offenstehende Schiebetür des VW-Busses. "Tss - wie unachtsam! Wer hat denn einfach die Tür offengelassen! Das muss ich denen aber nachher sagen!", dachte ich und sah als nächstes die Scherben, dann die aufgerissenen Schranktüren, das offenstehende Handschuhfach sowie den über den Boden verstreuten Inhalt der Taschen und Koffer.

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Montag, 17. August 2009
"It's lonely at ze top"
nnier | 17. August 2009 | Topic In echt
Had I almost said on ze Saturday, before it was zen not really enough for a satisfactory result. Still, just enough for claimed ze top have I had.



(From ze series "I must get more popular" by Hans Yurgen People)

On ze byway, zere is one queshtshion I have on you. Zere are, because it's sometimes so hot outside you can't believe it, no joke, days like zis where I cannot bring myselves to writing a reasonably blog becaurse it is so warm and you sit zere on your sweatin four letters. And zen I sit zere, and I asks to meself: Would it not be better to not to write at all in ze blog, becaurse you doesn't has any meaningful sings to say. But zen again, I sink to meselves, zere is all zese much, much readers out zere and zey doesn't deserve zat you no writing any blog sings at all becaurse zey have nossing to read zen and perhaps get sad or ill. And ze queshtshion I am wanting to asks on you is, should I continues ze write even if ze brain is so empty like all ze empty bottles in my front, or should I not force me to writing becaurse ze peoples realize it a hundred percently when you forces yourselve to write just anysing only zerefore zat zere stands somesing. When you wants, you can replys in ze comment, and also in ze englisch. I would joy me.

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Freitag, 14. August 2009
Resturlaub beim Schwarzen Heck
nnier | 14. August 2009 | Topic In echt
Erst mal rausfahren, dorthin, wo erst Fenster und Wintergärten Meier und dann Rolladen und Markisen Müller ihre ausgedehnten Frühstückspausen machen. Kaffee kochen, frühstücken, stärk dich ruhig, mach dich innerlich bereit, es geht los.

Noch einen Blick auf die Landkarte - ah, ja, Liebesallee und Franzosenbuchen, die wird man erkennen, marschieren wir mal drauflos ins Unbekannte.

Schön sieht das aus hier!

Schau, was hier los ist. Ein reges Treiben, und jeder in seinem Tempo.

Hui, was für bizarr geformte Bäume, die sehen ja aus wie ... Aliens!

Huch, und dort! Die sehen ja aus wie ... ich weiß nicht ... an irgendwas erinnert mich das!

Jetzt konzentrier dich besser mal wieder auf den Weg. Die Sonne steht da oben links und du kamst von, äh, da hinten, und es ist, wie spät ist es eigentlich, da müsstest du doch nach dort drüben - nein, da kommst du doch gerade her, oder sieht das nur so ... und dieser Wassergraben - wie kommst du denn da jemals wieder rüber? Oder bist du vorhin gar nicht über einen Graben?
Jetzt nicht nervös werden, guck mal, wie's drüben ist.

An diesen Brombeerbüschen bist du vorhin nicht vorbeigegangen, aber sie kommen ja wie gerufen, denn Hunger und Durst wollen gestillt sein, und, hmm, was für ein Wohlgeschmack!

Es ist ohnehin Zeit für eine Pause. Und immer wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Bänkchen her. Setz dich, streck die Beine aus, Wandersmann, lies ein wenig im mitgebrachten Brevier und genieße den Augenblick, denn er wird nie wiederkommen.

Nun lauf einfach immer geradeaus, denn die Welt ist rund und irgendwann kommst du wieder am Anfang an, siehst du, dort ist das rettende Schild, die Zivilisation hat dich wieder, die Lohnarbeit hat dich wieder, du kannst nicht ewig nur umherstreifen, aber schön war's ... schön war's!

Irgendwann kommst du wieder am Anfang an.

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Mittwoch, 12. August 2009
Ich hab's wenigstens versucht
nnier | 12. August 2009 | Topic In echt


Im ewigen Kampf gegen die Loseblattsammlung, die sich in verschiedenen Schuhkartons, Schubladen, Stehsammlern, Briefumschlägen, Prospekthüllen etc. gnadenlos, einer Wüste gleich, ausbreitete und im wesentlichen aus Quittungen, Betriebsanleitungen, ausgeschnittenen Zeitungsartikeln sowie Geburtsurkunden und Abschlusszeugnissen ("Da MUSS DOCH irgendwo! Ich hab' doch NEULICH noch!") bestand, wähnte ich mich nun auf der Gewinnerstraße; und tatsächlich sortierte ich im Lauf der folgenden Jahre einige Kaufdokumente in den Ordner, kam dabei zwar nie so weit, diesen auch in sich noch thematisch oder alphabetisch zu sortieren ("P" wie "Pürierstab"), verfeinerte mein System jedoch zumindest dahingehend, dass beispielsweise der Kassenzettel in die Betriebsanleitung geklebt oder geheftet wurde, dass die Codenummer für den, wer weiß, vielleicht irgendwann mal benötigten Ersatzschlüssel auf dem Kaufbeleg des dazugehörigen Fahrradschlosses notiert wurde, und die komischen Drahtbügel, die man braucht, sollte man das Autoradio jemals wieder ausbauen müssen, klebte ich direkt auf dessen Betriebsanleitung.



Fast also könnte man vermuten, ich füh lebte in einem ordentlichen, wohlorganisierten Haushalt. Gut, nicht ganz, aber das klingt doch nicht verkehrt, oder?



Leider hat mein System eine entscheidende Schwäche. Nie, aber auch nie sind diejenigen Quittungen da, die ich tatsächlich brauche. Steuererklärung, du hast doch den Laptop gekauft, wo ist denn die Quittung? Äh. Das Leder vom Sofa platzt - klarer Garantiefall, wo ist denn die Quittung? Äh. Das mag evtl. daran liegen, dass die Ordnersystematik nicht vollständig durchdacht ist (ist der Kaufbeleg fürs Sofa nun in "Quittungen", "Haus", "2007", oder noch in der Schublade, nein, ich habe die neulich bei den Fotos gesehen - doch nicht die im Keller, die anderen Fotos, oben, in dieser einen Tüte, oder war's die Quittung vom Tisch, oder war's doch im Keller?)

Dennoch sind die alten Ordner zu etwas gut, denn es gibt kaum etwas Behaglicheres, als abends am Kamin, mit einem guten Glas Wein in der Hand und im Kreise der Liebsten, brüchige und vergilbte Quittungen zu durchblättern.



Schau, der Computer damals, he he! Wie scharf du doch darauf warst, endlich CDs zu brennen, musstest gleich alles individuell zusammenstellen und diese teure Spezialtechnik einbauen lassen, wie hieß sie noch, SCSI, das war nicht billig, branntest dann jahrelang wahllos alles, was dir unter die Finger kam, erinnerst du dich, die Rohlinge kosteten noch 5.- DM? Und was hatte nicht der Händler geschwärmt: Diese Festplatte, wenn die jemals zu klein wird, dann baue ich dir da einfach noch eine dazu, dafür ist alles vorbereitet, das ist ein Klick! Und kaum war, he he, ein Jährchen rum, brachtest du den meterhohen Tower zu ihm, er sollte die neue Festplatte einbauen, nach einer Woche dann, du hattest mehrfach angerufen, konntest du ihn wieder abholen und wurdest mit den Worten "Bleib mir weg mit deinem Rechner, do!" empfangen!



Richtig - der Videorecorder! Das war noch im Zivildienst, hui, sogar gebraucht war der echt teuer. Es musste ja ein HiFi-Gerät sein, denn du wolltest ihn als, he he, Tonbandmaschine benutzen. Freutest dich über die Möglichkeit, bei halber Bandgeschwindigkeit sechs oder acht Stunden Musik aufnehmen zu können, gut, und dieser hässliche Rauschfaden nach den hohen Klaviertönen, der störte dich dann so, weißt du noch, wie du ihn dann im Laden überprüfen lassen wolltest und der Mann sagte einfach so: "Da ist das "HiFi-Modul defekt", nach ein paar Wochen durftest du ihn dann in diesem Gewerbegebiet in Kassel(!) abholen, genau, und ein paar hundert Mark bezahlen - und wie sich dann, he he, rein gar nichts am Klang verändert hatte? Oder wie deine Kameraden den dann immer alle ausleihen wollten, du warst ja kein Spielverderber, aber diese schrecklichen Leihcassetten aus der Videothek, oha, du hörtest förmlich die Mechanik winseln und stelltest dir immer den Schmand vor, der sich an den so misshandelten Videoköpfen ansammeln musste, bah, und wie die den einfach auf ihren dreckigen Fußboden stellten in die Colapfütze und die Katzenhaare. Mei, aber du hast nix sagen wollen.



Ach, guck! Der gute, alte CS 505-2, den du kostenbewusst mit Kunststoffgehäuse bestellt hattest, er war dann aber im edlen, schwarzen Rosenholzrahmen gekommen, der Händler wollte dennoch nur einen symbolischen Aufpreis, du hattest ein schlechtes Gewissen, erinnerst du dich, denn er war der einzige zuverlässige und immer redliche, den du überhaupt kanntest, er reparierte alles, trotzdem kauftest du oft anderswo, denn er wurde nicht von allen Firmen beliefert, auch konnte er preislich manchmal nicht ganz mithalten, und nun gab er dir den wunderschönen Plattenspieler zum echten Freundschaftspreis, ach, überhaupt Dual, was das mal bedeutete! Hohe Ingenieurskunst aus dem Schwarzwald! Nicht, wie heute, ein auf billigste Radiowecker geklebtes - nanu? Was ist denn das für ein Zettel?



Keine Ahnung. Echt keine Ahnung! Schmeiß ihn einfach weg mit dem ganzen anderen Zeug, wenn du schon dabei bist.

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Dienstag, 11. August 2009
Dawg Daze
nnier | 11. August 2009
Sunday night, Mr Farmer called, said:
"Listen, son, you're wasting time; there's a future for you
In the fire escape trade. Come up to town!"
But I remebered a voice from the past:
"Gambling only plays when you're winning"
(Genesis, "I Know What I Like", 1973)
Der Job bei der zentralen universitären Möbelverwaltung hatte seine guten Seiten. Morgens zum Appell antreten, in Zweier- oder gelegentlich größeren Teams eine Liste von Arbeitsaufträgen entgegennehmen, inkl. Aufklärung darüber, welcher der zu Beliefernden ein "Arschloch" sei und wer ein "fieser Hund", wer total pingelig sei und wem man ruhig verschrammtes Gebrauchtmobiliar hinstellen könne, wer schon seit einem halben Jahr ungeduldig auf seinen neuen High-Tech-Drehstuhl warte und in welche Gebäude man auf gar keinen Fall neue oder auch nur gute gebrauchte Stühle bringen dürfe ("sonst wollen die da alle welche") - dann lässig zum Möbellager schlendern, um Rollwagen oder Hunde mit den erforderlichen Möbelstücken zu beladen, diese an ihren Bestimmungsort bringen, defekte Möbel abholen, ggf. einlagern (für andere Fachbereiche können sie noch gut genug sein) oder entsorgen - es war ein insgesamt gemütlicher Job, auch wenn man gelegentlich große und schwere Schränke schleppen oder das Gezeter einer Angestellten ertragen musste, deren eingeschalteten Computer man versehentlich vom Stromnetz getrennt hatte.

Die vorherrschende Farbe der ersten Möbelgeneration, welche da so nach und nach abgelöst bzw. von den natur- in die geisteswissenschaftlichen Fachbereiche verbracht wurde, war Orange, auch Grün und Gelb waren vertreten, und man möge sich selbst die beißenden Farbkombinationen vorstellen, die im Lauf der Zeit entstanden, wenn ein defekter Schrankteil durch einen nicht ganz so defekten und dafür andersfarbigen aus dem Möbellager ersetzt wurde. Ein Fernsehteam aus Niedersachsen jedenfalls schlug angesichts der Farbenpracht sowie der insgesamt sperrmüllhaften Anmutung eines Wissenschaftlerquartiers völlig entgeistert vor, das geplante Interview lieber in einem anderen Raum durchzuführen.

Einige der belieferten Akademiker (wir waren natürlich als Proletarier verkleidet und fühlten uns mit Akkuschrauber und 7,5-Tonner mindestens so männlich wie die Jungs vom Bau) begegneten uns mit unverhohlenem Dünkel, sie taten genervt, wo sie dankbar zu sein hatten, beschwerten sich über Lärm oder Schmutz, zogen die Brauen hoch, näselten: "Heute ist es aber ganz schlecht", rollten die Augen und fragten: "Wie lange dauert das denn noch?"

Nur zum Teil wurden diese Widrigkeiten aufgewogen durch die tiefe Dankbarkeit jener, die endlich einen neuen Tisch, einen funktionierenden Drehstuhl oder einen abschließbaren Aktenschrank bekamen; der Rest des inneren Kontos musste auf andere Weise ausgeglichen werden. So begab es sich etwa, dass ein ganzer Fachbereich umgezogen wurde, und wenn Sie gerade zusammengezuckt sind, dann gehören Sie zu den wenigen Aufrechten im Lande, die noch merken, ob ein Verb transitiv oder intransitiv gebraucht wird - "jemanden umziehen", ich meine, das geht doch nun wirklich nicht. (Ja, ja, es sei denn, es geht um Kleidung, Sie Witzbold.) Seit "Liebling, ich habe die Kinder geschrumpft" gruselt mich das. Und er hier: "Wie unsere Eliten uns sprachlich verblöden", nein, keine Widerrede. Und nun stellen Sie sich bitte vor, man hätte das erst noch klar und deutlich mit denen abgesprochen: Hier sind Ihre 300 Umzugskartons, es sind die großen, bitte befüllen Sie diese nicht gar so brutal, denn sie werden dann viel zu schwer, man käme dann am Umzugstag hin und stellte fest, dass die Kartons randvoll mit Büchern und deshalb grabsteinschwer sind, man müsste sich dann noch stundenlang dumme Bemerkungen der herumstehenden Institutsmitarbeiter anhören, Bemerkungen wie "Das habe ich aber schon schneller gesehen", "Stellen Sie sich nicht so an" usw. - was würden Sie tun? Exakt! Sie würden die Kartons an ihrem Zielort vollkommen irre verteilen, senkrecht hinter den Schrank z.B. oder vor die Zimmertür, so dass man diese nicht mehr öffnen kann (einen Sprung aus dem Fenster ist das allemal wert), Sie würden wacklige Türme von knapp vier Metern Höhe aufstapeln, die schwersten Kisten - falsch herum - ganz oben, sie würden Ihre Kreativität endlich wieder einmal ausleben, die Sache wäre ganz schön anstrengend, würde sich aber definitiv lohnen.

Man kam herum in der Universität, traf auf die arroganten und verwöhnten Drittmitteleinholer, in deren edel eingerichteten Büros über die "dreckigen Bremer Studenten" gesprochen wurde, man sah das Zimmer, in welches sich ein Professor auf Universitätskosten einen Kamin aus Marmor hatte einbauen lassen, man traf auf Mitarbeiter, die offenbar seit Jahrzehnten nur noch mit ihren Pflanzen geredet hatten - und manchmal (Generalschlüssel!) fand man nach mehrmaligem, erfolglosen Klopfen auch jemanden schlafend auf dem Boden vor.

Gelegentlich fiel auch etwas extra für uns ab: Ein kleines Trinkgeld, eine Flasche Cola, kleine Aufmerksamkeiten, die viel bedeuten können - und dann gab es da ja auch noch die Sachen, die weggeworfen werden sollten. So fand manche alte Schreibtischlampe, staubige Topfpflanze oder merkwürdige Fachzeitschrift ein neues Zuhause.

Einmal mussten hunderte prall gefüllter Leitz-Aktenordner entsorgt werden. Und schon während ich diese schwitzend in den großen Container warf, arbeitete ich meinen Plan aus: Ich würde die Ordner zum Schluss mit einer Lage Altpapier bedecken und im Schutze der Dunkelheit zurückkehren, um mit einem geliehenen Auto einen solchen Vorrat beiseitezuschaffen, dass ich mein Lebtag keinen Aktenordner mehr würde kaufen müssen, und meine nahe und ferne Verwandtschaft gleich dazu.

Gegen Mitternacht fuhr ich nervös heran, parkte das Auto etwas entfernt, sah mich gründlich um und stieg vorsichtig in den Müllcontainer, dessen Umgebung von einer riesigen Straßenlaterne grell beleuchtet wurde. Obwohl das Institutsgebäude leer schien, schlug mein Herz doch heftig, während ich versuchte, möglichst geräuscharm die Aktenordner zu leeren. Denn so schnell geht das nicht: Erst den Verschluss lösen, dann den Hebelmechanismus öffnen, die eingehefteten Blätter und Registerkarten herausschütteln, das geht in der Hektik schwerer, als Sie denken, den Verschluss erneut betätigen und schließlich den Ordner wieder zuklappen. Ab und zu hörte ich Motorengeräusche und duckte mich tiefer in den großen Container. Etwa dreißig Ordner hatte ich beisammen, als meine Nerven nicht mehr mitmachten, ich warf die Ordner über den Rand des Containers, was wiederum entsetzlichen Lärm machte, kletterte hinaus, nun war eh alles egal, fuhr das Auto rückwärts heran, ließ den Motor laufen, öffnete den Kofferraumdeckel, warf die Ordner hinein und raste mit quietschenden Reifen zurück ins Studentenwohnheim.

Natürlich waren, wie ich am nächsten Morgen feststellte, die Ordnerrücken beschriftet, und so druckte ich auf zufällig bereitliegendes, rotes Papier die gewünschte Beschriftung, schnitt es im Format der Rückenetiketten zurecht und überklebte die vorhandenen damit. Somit hatte ich für die nächsten 15 Jahre richtig hässliche Ordner im Regal stehen.



Diese, und deshalb erzähle ich Ihnen das alles, habe ich nun durchgesehen und radikal ausgemistet.

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