Mumien, Analphabeten, Diebe.
Du hast's gut, du hast dein Leben noch vor dir.
Mittwoch, 13. Mai 2009
Wo die Welt noch in Ordnung ist
nnier | 13. Mai 2009 | Topic Gelesn
(Oder: Geh doch nach drüben!)

Es könnte ja interessant sein, wenn jemand darüber schreibt, wie er "konservativ wurde" (wenn auch angeblich "aus Versehen"). Manche Themen, sagen wir: kulturelle Vorherrschaft in bestimmten Milieus, Selbstgerechtig- und gefälligkeit, Opferdenken, Diskussionsverbote, elitäres Gehabe, Tabus, Gruppenzwänge usw. sind sicher einer Betrachtung wert, auch und gerade wenn diese Betrachtung persönlich und subjektiv ist. Mich zumindest interessiert so etwas, und ich glaube, dass es da auch noch einiges zu erzählen gibt. Allerdings langweilt es dann doch, wenn man nur so altbekannte Dinge liest wie:
Wie bei allen guten linken Familien konnten bei uns scheinbar alltägliche Entscheidungen eine Tragweite haben, die sich politisch Außenstehenden nur schwer erschließt. Bei jedem Einkauf im Supermarkt war nicht nur ein Urteil über Frische und Geschmack der angebotenen Waren zu treffen, sondern auch über ihre moralische Qualität. Biohaferflocken waren Industriemüsli unbedingt vorzuziehen, selbst wenn sie wie Kleie schmeckten, weil wir grundsätzlich großen Marken misstrauten und kleine Kooperativen unterstützten.
Oder:
Zu meinem Leidwesen hatte meine Mutter auch eine starke Abneigung gegen Comics gefasst. Das sei Schund, befand sie, und Schund kam bei uns nicht ins Haus. Die Ausnahme von der Regel war "Asterix": Ich besaß alle Bände, angefangen von "Asterix der Gallier" bis "Asterix auf Korsika". Was aus Frankreich kam, galt als kulturhaltig und war damit vom Schundverdacht befreit.
(Wobei ich nicht sicher bin, ob so eine Haltung ausgerechnet und speziell auf "linke" Kreise, um die es dem Autor ja geht, begrenzt ist).

Interessant ist etwas anderes. In der faz hat eine Journalistin, Julia Encke, sich auch kritisch zu dem Buch des Herrn Fleischhauer (auf dem der Spiegel-Artikel basiert) geäußert:
Als die Mutter später begann, „Emma“ zu lesen, hatte der Sohn gar nichts mehr zu lachen.

Und man selber lacht leider auch nicht. Nicht ein einziges Mal. Das ist die wahrscheinlich traurigste Nachricht über das Buch „Unter Linken - Von einem, der aus Versehen konservativ wurde“, dass der Autor sich die ganze Zeit so sehr bemüht, komisch zu sein, es aber überhaupt nicht funktioniert.

[...]

Also fasst er unter „Linken“ alles zusammen, was ihm im Leben und in den Büchern über den Weg gelaufen ist: Das ist an erster Stelle der „frühgrüne Fundamentalist, Sozialtheoretiker, dilettierende Theaterautor“ Jean-Jacques Rousseau. Es sind natürlich und immer wieder die 68er, es sei denn, sie sind zu Renegaten geworden. Es ist das Feuilleton, die „Taz“, die „Zeit“, das Links-Bürgertum, Psychologen, Esoteriker, Enthusiasten, „Die Linke“, Frank-Walter Steinmeier, Karl Marx, Hausbesetzer, Sozialarbeiter, messianische Klimaeiferer, Israel-Kritiker, die RAF oder Attac-Leute.
So weit, so gut. Klappt man nun aber die Kommentare unter dem faz-Artikel auf, dann schäumt es einem, mal mehr und meist weniger gebremst, folgendermaßen entgegen:
Sonderbar - diese Art von Rezension hätte ich in der taz erwartet, nicht in der FAZ und auch nicht von Julia Enke.

Es ist immer wieder zu beobachten, wie die "Genossen", selbsternannte Vertreter der Freiheit und des freien Denkens, anderen Ihre Meinung nicht zugestehen.

Die Frau J.Enke hats nicht verstanden...das Buch ist (!) lustig - ja zum Teiol zum Brüllen komisch. Nur Linke von SED/PDS-Stasis über Betonkopf-Sozis bis hin zu Öko-Totalitäre die können hier nicht lachen - weil jemand die Frechheit besitzt gegen ihren totalitären Anspruch auf Meinungsführerschaft aufzumucken. Frau Enke sollte sich bei der TAZ bewerben, da liebt man soclhe Kommentare...

Ich fände es als Linker auch nicht lustig, wenn mir meine Lebenslüge deutlich vor Augen geführt wird. Verehrte Frau Encke, Ihr krampfhafter Zerriss macht leider deutlich, dass von Ihnen kritisierte "unlustige Stil" nur Aufhänger ist; inhaltlich scheint Sie das Buch derart zu treffen (und wahrscheinlich liegt F. in vielen Punkten auch richtig), dass nur noch die alte "Stilkarte" (Wer zum Inhalt nichts zu sagen hat, der regt sich über den Stil auf) gezogen werden kann. ... Jedenfalls werde ich den Fleischhauer nun kaufen. Für mich ist Encke nun gleich Brumlik. Wird das Werk zerrissen, dann ist es offenbar gut. Bitte, wechseln Sie zur taz oder zur FR.

Nun gut Frau Encke schreibt ja immerhin im intellektfreien Prantl-Lügenblatt SZ, also wäre die Erwartung zu hoch gegriffen, daß man ihr unterstellen könnte, sie wüßte Bescheid über das Objekt ihrer Kritik. Die Frage stellt sich nur, warum soviel Zeilen schreiben, um sich öffentlich zu outen, wirklich garnichts, aber auch wirklich garnichts begriffen zu haben.
Heidewitzka. Ich bilde mir ja manchmal ein, dass man über so etwas auch zivilisiert streiten kann. Aber im ideologischen Schützengraben scheint's doch ganz gemütlich zu sein.

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Montag, 11. Mai 2009
Ein für alle Mal
nnier | 11. Mai 2009 | Topic In echt
Nein, das ist nicht "passiert"!



Nein, ich kann sehr gut schlafen!



Nein, ich freue mich sogar beim Aufwachen!



Nein, mir wird auch nicht schwindelig!



Ja, ich wollte den so haben!

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Miss him miss him
nnier | 11. Mai 2009 | Topic Fernseh
Kleiner Programmhinweis: Das Filmchen Paul is Dead habe ich vor etlichen Jahren einmal gesehen und als sehr vergnüglich verbucht. Das Jahr 1980 ist gut getroffen, die Accessoires stimmen, und vor allem wird eine schöne Sommergeschichte erzählt. Wenn die dann auch noch was mit den Beatles zu tun hat ...

Heute, 23:50, ZDF

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Schweinkram
nnier | 11. Mai 2009 | Topic In echt
Deutschstunde. Die reguläre Sitzordnung war wieder einmal zugunsten eines Stuhlkreises aufgelöst worden, um ein spielerisches Element einzubringen. Es ging um Wortarten: Nomen, Adjektive, Verben, und möglichst schnell musste man reihum z.B. "Adjektive mit G" finden, gelb, grün, groß, genau, grob, giftig, gallig, gammlig.

Als Deutschlehrerin sollte man in solch einer Situation keinesfalls "Verben mit F" verlangen, denn es wird nicht lang dauern, bis nach fahren, fischen, fallen, frieren, flippern, faulenzen jemand drankommt, der sein schmutziges Grinsen nicht unterdrücken kann. "Hö hö", wird er sagen und mit einem Gesichtsausdruck, der zwischen Scham und Herausforderung changiert, der Lehrerin in die Augen sehen.

Man sollte dann auch der Versuchung widerstehen, dem Knaben, der sozusagen festhängt und außer "Hö hö" auch nichts mehr sagen kann, aus seiner Verlegenheit zu helfen, indem man ihm eine goldene Brücke baut: "Setz einfach ein 'L' dazwischen!", denn der Schüler wird wie aus der Pistole geschossen "FLICKEN!" rufen und damit sein schmutziges Inneres vor aller Welt für immer ausgebreitet haben.
~
Einmal, in frühen Internetzeiten, kommunizierte ich mit mit anderen Fans in einem sogenannten "Forum". Es ging eigentlich um einen Musiker, den ich bei sich bietender Gelegenheit hier auch mal zum Thema machen werde, doch das Gespräch änderte seine Richtung, als jemand etwas von "Sus***" schrieb und ich ihn fragte, was denn gemeint sei. "This ****ing forum software!", war die Antwort und ich verstand, dass er etwas über "Sussex", wo sich der Hauptwohnsitz jener Zelebrität befindet, geschrieben hatte und zensiert worden war. Gut, ich kannte da genügend Beispiele allzu grober Filter, die z.B. verhinderten, dass man nach "Staatsexamen" suchte usw., und so tauschten wir uns im Forum weiter aus, alles war voller Sternchen, aber jemand irritierte mich dann, als er schrieb:

I could not even write something about M****ille!

Dies stellte mich vor ein Rätsel. Welches Wort war gemeint? Ich zählte die Sternchen und überlegte:

Mfuckille ... Mcuntille ... Mshitille ... Mtwatille ... Mcockille ... Mdickille ... das alles ergab keinen Sinn - was meinte er bloß? Ich fragte nach. Die Antwort lautete:

M****ille! The town in France!
~
"Fickeln", das wäre richtig cool gewesen, überlegte ich später.

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Samstag, 9. Mai 2009
Von den fußbal schpillen
nnier | 09. Mai 2009 | Topic In echt
(Fangen wir mal ganz langsam an; die Überschrift können nur Mitglieder meiner Familie verstehen, also versuchen Sie's gar nicht erst.)

Manchmal waren den Duplos und Hanutas Kleberchen beigepackt. "Botschaftsmarken" zum Beispiel, die hinten gummiert und vorne mit buntem Bildchen und lustigem Spruch bedruckt waren. Oder richtige Aufkleber, die man in kleinen Alben sammelte: Asterix etc.; diese Bildchen waren nummeriert und weckten so nicht nur den Sammeltrieb, sondern vor allem das Begehr, alle Bildchen komplett zu besitzen. Vor großen Turnieren gab es die Spieler der deutschen Fußballnationalmannschaft.

So ein kleines Duplo-Hanuta-Album (ist Ihnen eigentlich schon aufgefallen, dass die drei Produkte Duplo, Hanuta und Nutella etwas gemeinsam haben?) war relativ schnell voll. Zwar musste man scharf kalkulieren und immer wieder entscheiden, ob man -.30 für ein Hanuta mit einem tendenziell schokoladenverschmierten Bild (denn dieses Produktionsproblem bekam man offenbar nicht in den Griff), das sich dafür aber nur in zwei Dimensionen ausdehnte, oder -.35 für ein Duplo mit durch die innere Folie vor Verschmutzungen geschütztem, aber durch die halbrunde Form des Schokoriegels deutlich gewölbtem Klebebildchen investieren wollte; doch standen die beiden Süßigkeiten bei den meisten Kindern so hoch im Kurs und wurden so viel gekauft, dass stets ein Überangebot dieser klebenden Beilagen herrschte, man also eifrig tauschen oder sogar auf Schenkungen durch diejenigen hoffen konnte, die an den Kleberchen nicht interessiert waren.

Am Kiosk gab es nicht nur Süßigkeiten, sondern auch Zeitschriften und Sammelalben. Und ich weiß nicht mehr, woher der Impuls kam - plötzlich musste ich mir das Sammelalbum Fußball Bundesliga 1980/81 kaufen. Ich war damit Vorreiter eines Trends. In der Schule scharten sich die anderen Kinder um mich, sahen sich das Album an und waren begeistert. Nach wenigen Tagen hatten alle Jungen und, wenn ich mich nicht täusche, sogar einige Mädchen so ein Album. Und während in der Anfangszeit noch fast jedes Bild aus den frisch gekauften Tütchen eingeklebt werden konnte, bekam man bald die ersten doppelten und musste tauschen.

Soziale Unterschiede traten unverhüllt zutage: Es gab die Reichen, die täglich mit Unmengen neuer Tütchen in die Schule kamen und sie genussvoll vor den neidischen Nasen ihrer Mitschüler öffneten; die Mittelschicht, die mit ihren 2,50 DM Taschengeld pro Woche nur begrenzt mithalten konnte und zusehen musste, woher sie zusätzliches Geld bekam - bspw. durch das Verkaufen alter Micky-Maus-Hefte; und schließlich die Armen, die täglich mit Unmengen neuer Tütchen in die Schule kamen und sie genussvoll vor den neidischen Nasen ihrer Mitschüler öffneten. Das waren die Kinder mit den teuren Markenturnschuhen. Sie bekamen von der Mutter, dem geschiedenen Vater, dem neuen Lebensgefährten der Mutter sowie den sechs Großeltern offenbar genügend Geld zugesteckt, um sich über Kleinigkeiten wie die tägliche Dose Cola und den Schokoriegel am Kiosk keine Gedanken machen zu müssen, etwas, wovon unsereins mit seiner Schulmilch und seinen Käsebroten nur träumen konnte - aber es hat mir nicht geschadet und ich hätt's auch gar nicht haben wollen und wenn die erst mal alle tot sind mit ihrer erworbenen Diabetes, dann lache ich ganz laut und tanze auf ihren Gräbern!

Es waren die Sommerferien, ich kaufte das Kicker-Sonderheft und studierte aufs Genaueste die Zu- und Abgänge der einzelnen Vereine ("Eigene Jugend"; "Zum VfL Bochum"; "Ende der aktiven Laufbahn"), entnahm die Supertabelle mit allen Vereinswappen zum Selberstecken und plazierte jeden Verein dort, wo ich ihn mir wünschte, den HSV also z.B. auf Platz 18. So tröstete ich mich über die Zeit hinweg, in der ich zwar jeden Groschen, dessen ich habhaft werden konnte, in neue Panini-Tütchen investierte, jedoch immer weniger Bildchen ins Album einkleben konnte, das schon gut gefüllt war, sondern hauptsächlich den Stapel mit den doppelten vergrößerte.

Dem Tag nach den Sommerferien fieberte ich entgegen, konnte in der Nacht davor kaum schlafen und arbeitete meine Strategie aus: Der Stapel mit den doppelten Bildern musste nach Nummern durchsortiert sein, begehrte Bilder wie bspw. die silbernen Vereinswappen oder Rummenigge aber getrennt davon für schnellen Zugriff aufbewahrt werden. Außerdem fertigte ich eine Liste mit allen mir noch fehlenden Bildnummern an, um nicht umständlich das Album durchblättern zu müssen, wenn es um Sekunden ging.

Der entscheidende Punkt meines Plans versetzte meine Familie am nächsten Morgen in Erstaunen: Gegen alle Gewohnheit stand ich freiwillig und eine halbe Stunde früher als üblich auf, beeilte mich und fuhr so früh zur Schule, dass ich dort als erster im Klassenraum ankam. Nun konnte ich allen Mitschülern schon im Treppenhaus entgegenlaufen, Kinder aus anderen Klassen ansprechen und solche Mengen an Bildern eintauschen, dass ich, was die Anzahl der noch fehlenden Bilder bis zum komplett gefüllten Album anging, wieder eindeutig in Führung lag.

Nach diesem Exzess war allerdings auch klar, dass es kaum noch möglich wäre, durch weiteres Tütchenkaufen und Tauschen noch entscheidend voranzukommen. Und da ich nicht über genügend Omas verfügte, die mir zwischendurch fünf Mark zum Verprassen schenkten, und da ich auch nicht mit gestohlenen 50.- Mark zwei ganze Kartons kaufen konnte wie mein unglücklicher Mitschüler, der das mütterliche Portemonnaie geplündert hatte und dem die anderen Säue die ganzen Bilder während des Sportunterrichts gleich wieder aus der Umkleidekabine klauten, sandte ich den Betrag in Briefmarken plus Versandkosten an die Bilderfirma und wartete zwei lange Wochen auf die ersehnte Lieferung. Denn unterdessen schoben sich andere Sammler an mir vorbei auf den führenden Platz, einem fehlten nur noch vier Bilder, und ich tat nach außen so, als interessiere mich das alles gar nicht mehr, "ich sammle nicht mehr", behauptete ich, während ich innerlich zitterte und zu Hause täglich zum Briefkasten rannte.

Als die Bilder schließlich eintrafen, beschlich mich ein ganz seltsames Gefühl. Zwar freute ich mich, sie einkleben zu können - zugleich aber erlebte ich eine so starke Ernüchterung wie selten zuvor. Der Moment, auf den ich seit Monaten zugelebt hatte, der ersehnte Moment, das letzte fehlende Bild einzukleben, war endlich gekommen - und plötzlich fehlte mir etwas. Ich sah mir meinen dicken Stapel mit den doppelten Bildern an und verstand, dass ich diese nun nicht mehr brauchen würde.

Mit einem etwas hohlen Gefühl nahm ich am nächsten Tag das Album mit zur Schule. Betont beiläufig legte ich es auf den Tisch, bis jemand es durchblätterte und rief: "Das ist ja voll!"

Die bewundernde Anerkennung der anderen kühlte allerdings sehr schnell ab, ja, schien sich in ihr Gegenteil zu verwandeln, als ich von meiner Bestellung erzählte. "Das gilt nicht!", meinte einer streng, "es gilt nur mit Sammeln!", und die anderen nickten ernst mit ihren Köpfen.

Die Anerkennung dafür, als erster "mit Sammeln" das Album vollgemacht zu haben, erntete dann ein anderer.

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Freitag, 8. Mai 2009
Joe Blow
nnier | 08. Mai 2009 | Topic Brainphuq
Ich bin ja nach Auffassung eines Menschen, dem ich mal ein paar Bananenkisten Comics abgekauft habe, 35 oder so, mehr der bodenständige, solide Typ. Zu dieser Einschätzung meiner Person kam er, nachdem er in meiner Gegenwart einen Anruf erhalten und mich über die Schulter hinweg - "bleib mal eben dran!" - gefragt hatte, ob ich über eine "Koks-Connection" verfügte - was ich verneinte und woraufhin er eben jene Charakerdiagnose vor sich hinmurmelte und noch hinterherschob, er habe sich das ja ohnehin gedacht und mich eigentlich auch gar nicht fragen wollen, aber hätte ja sein können.

Dabei gehe ich, wie Sie als heimliche Lauscher an diesem meinem Beichtstuhl längst wissen, durchaus abseitigen Beschäftigungen nach, hege geheime Leidenschaften und kann mein unkonventionelles Inneres oft nur mühsam dem gesellschaftl. Mainstream anpassen und meine rebellische Seite im Zaum halten. So bin ich z.B. insgeheim begeisterter Anhänger einer jungen "Beat"-Combo aus Liverpool, einer englischen Hafenstadt. Sachen singen die da - Junge, Junge! I Want to Hold Your Hand z.B., da wird wirklich kein Blatt vor den Mund genommen.

Oder nehmen wir meinetwegen Film und Fernsehen. Regelmäßige Leser, und es gibt sie, das bleibt mir nicht verborgen, ich sehe das, z.B. Sie da aus M. und Sie aus S., Sie wissen es bereits: Ich war von Anfang an dabei, ich sagte zu Raumschiff Enterprise schon Star Trek, als das alle noch mit diesem unsinnigen, dummen und blöden Krieg der Sterne verwechselten, dabei kann man so etwas Kindisches und Albernes nun wirklich nicht mit Gene's Vision vergleichen - da lache ich ja. Ha! Ha! Laserschwert! Prinzessin Eiapopeia! Wie kann man sich nur so lächerlich machen.

Ich will übrigens auch gar nicht nicht so ein vernunftgesteuertes, vorhersehbares Leben führen! Genéjamaizémer les j'en préf à briquet! Ich leiste mir auch mal was einfach so, auch wenn es in Anführungsstrichen unvernünftig ist. Nehmen wir z.B. Fußball: Die Dauerkarten, Steh-Ost, Studentenpreis, kosteten aufs einzelne Spiel heruntergerechnet beinahe so viel wie eine Kinokarte! Die Bratwurst nicht mal mit eingerechnet. Und trotzdem habe ich mir das jah-re-lang gegönnt! Das waren wilde Zeiten, ich habe intensiv gelebt damals, ich hab' es mir weiß Gott nicht leicht gemacht, ich hätte ja auch Bayern-Fan bleiben können, Werder Bremen spielte da immer gegen den Abstieg, es regnete bei jedem Spiel und war furchtbar kalt, und die spielten immer so schlecht und wenn man dann gegen Saisonende dachte, dieses Heimspiel gegen den ganz schwachen Abstiegskandidaten müssen sie jetzt aber unbedingt gewinnen, sonst ist es wirklich aus, dann verloren sie das natürlich, da konnte Henning Scherf mit seinem schrägen Gesang und seinen textlichen Unsicherheiten ("Steh auuuuf - weeeennn du ein Breeemer bist ...") auch nichts retten.

Nach diesen ganz, ganz bitteren Jahren kam dann die legendäre Saison, als "Werder" Meister und Pokalsieger wurde, alle waren begeistert, die Stadt vibrierte, Werder Wahnsinn, he he, so hieß das ja damals, nicht wahr - aber da hatte ich die Dauerkarte gerade wieder abgegeben.

Erfolgsfans gibt's aber auch genug, und das ist inzwischen auch nicht mehr meine Welt, ganz ehrlich; ich war auch mal wüst drauf, keine Frage, ich hab' Sachen gemacht, mein Lieber Scholli!, bin das eine Mal zum Beispiel schwarzgefahren aus Versehen, gegen Bochum damals, usw., aber wenn ich so etwas lese, Einlaufmelodie - bitte, da ist für mich dann eindeutig eine Grenze überschritten, das ist dann nicht mehr meins, sorry.

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Vorhin, am Telefon
nnier | 08. Mai 2009 | Topic In echt
Kümmelüm! Kümmelüm!

- Ja, bitte?

- Wen habe ich denn da? Wer ist denn da?

- XY der Name. Wen möchten Sie denn sprechen?

- Die Frau Sch.!

- Da haben Sie sich wohl verwählt. Die gibt es hier nicht.

- Ist denn die Frau Sch. nicht da?

- Wie gesagt, Sie müssen sich verwählt haben - ich kenne keine Frau Sch.!

- Ja, was habe ich denn gewählt? 26 ...

- Sehen Sie, ich habe vorne die 25! Sie haben sich verwählt.

- Aber ich habe doch die 26 gewählt!

- Ich kann's nicht ändern - Sie müssen sich verwählt haben!

- Ich habe mich nicht verwählt! Ich habe 26 ... gewählt!

- Na gut, ich geb's zu. Hier ist Frau Sch. - was gibt's denn?

- [Klick! Tüüüüüüüüüt.]

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Mittwoch, 6. Mai 2009
Strukturelle Ähnlichkeiten
nnier | 06. Mai 2009 | Topic Fernseh
Es war wie mit den Beatles. Die hatte es mal gegeben, und nun gab es sie nicht mehr, und dann wurde auch noch John Lennon erschossen.

Raumschiff Enterprise hatte es auch mal gegeben, für mich von 1978 bis 1979. Kurz zuvor hatte ich gerade noch genügend Folgen der Weltraumserie Mumpatz 11:1 gesehen, um zu wissen, wer Maja und John waren, um auf dem Schulhof in Adlern herumzufliegen und die Anfänge einer profund-penetrant-pathologischen Weltraumbegeisterung herauszubilden, da endete die Serie schon und eine andere wurde angekündigt, eben jenes Raumschiff Enterprise, auf das ich mich gar nicht freute, denn was konnte schon so toll sein wie Mondbasis?

Es traf mich dann wie ein Donnerschlag. Wie ich dieses Raumschiff liebte! Die Raumfähre! Wie mich das Beamen faszinierte! Phaser und Photonentorpedos! Tricorder und Turbolift! Mannschaft und Maschinenraum! Jedem Sonntag fieberte ich entgegen, die Sendung lief parallel zur Sportschau, was schon gewisse Probleme mit sich brachte. Bei Ausflügen drängte ich massiv darauf, dass wir aber um 18:20(?) wieder zu Hause sein mussten, und waren mal wieder Landtagswahlen, ertrug ich die ständigen Unterbrechungen der laufenden Folge (und das Hin- und Herschalten zwischen ARD und ZDF, es ging ja um wichtige Zehntelprozentpunkte) nur unter Qualen. Ganz zu schweigen davon, dass eine Folge (die mit Nomad, so weit ich weiß) aus Zeitmangel einfach abgebrochen wurde!

Phaser, diese faszinierenden Strahlenwaffen, die man auch auf Betäubung stellen konnte, bauten wir aus Lego, rannten draußen herum, entdeckten Planeten, kämpften gegen Klingonen und Romulaner, und mit dem Angeber R. musste ich immer darum streiten, wer Jim (Kirk) sein durfte; oft ließ ich ihm den Vortritt, da er immer drohte, sonst nicht mitzuspielen, der Blödmann, und wir brauchten ihn unbedingt, da niemand das Geräusch eines fliegenden Raumschiffs oder eines abgeschossenen Torpedos so gut imitieren konnte wie er.

Wir schrieben Hörspielskripte und nahmen diese mit dem Cassettenrecorder auf, es war schwierig, das Beam-Geräusch irgendwomit nachzuempfinden, wir nahmen dann einen alten, goldenen Wecker, der aus einiger Ferne doch wenigstens ein bisschen so klang - und jetzt FEUER, Mr. Sulu!

(Musikalisches Zwischenspiel)

Ich zeichnete mit viel Mühe zwei kleine Blöcke voll, Daumenkino, Titel: Enterprise fliegt und Enterprise schießt. Ich kaufte begeistert die Ausgabe der Siehste mit Spock auf dem Titelbild, denn ein Tütchen Panini-Aufkleber zum Enterprise-Sammelalbum war hineingeklebt, bestellte mit dem beiliegenden Gutschein das Album, bekam von einigen Mädchen aus der Klasse ihre Klebebilder geschenkt, lief dann tagelang durch die Stadt und führte einen Trupp Mitschüler an, mit denen ich mir geschworen hatte, nicht aufzugeben, ehe wir nicht ein Geschäft gefunden hätten, in dem diese Bilder ("eine Tüte mit 6 Bildern kostet 20 Pf.") verkauft würden, allein, es half nichts, wir fanden nie eins, ich klebte meine paar Bilder in das Album, las die Texte unter den leeren Klebefeldern immer und immer wieder durch ("Mit einem strahlenden Lächeln sieht Mira Romaine Mr. Scott an!"), verpasste im Fernsehen ausgerechnet die Folge mit den Tribbles, das war ein trauriger Montag auf dem Schulhof, beklebte eine ganze Wand meines Zimmers mit allem, was ich zum Thema Enterprise finden konnte - die briefmarkengroßen Bildchen aus der Fernsehzeitschrift TV etwa, die ich meinem Freund A. abschwatzte, ebenso wie die Artikel aus der Zeitschrift Gong, die meine Oma für mich aufbewahrte, die seltenen Titelbilder, und irgendwann war's wieder vorbei, letzte Folge, dann kam etwas anderes.

Ich fühlte mich krank. Liebe Kinder, wisst ihr eigentlich, wie das damals war? Man hatte das Gefühl, das war's! Für immer! Jede verpasste Sendung im Fernsehen war für immer verloren! Man konnte die Sendung entweder genau jetzt oder eben nie mehr sehen! Und war eine Serie vorbei, dann war sie eben vorbei! Und erst recht aus der Perspektive eines Kindes, das noch nicht erlebt hatte, dass etwas wiederholt wurde. Aber auch die objektive Realität war nun einmal so: Wenige Sender, noch keine Videorecorder - vorbei hieß effektiv vorbei!

Ähnlich wie es in den 80ern ab und zu mal Lebenszeichen aus dem Paralleluniversum gab, wenn einer der Ex-Beatles eine Platte veröffentlicht hatte, kamen dann die Kinofilme, 1980 der erste, sehr langweilige, in dem ich ganz enttäuscht die Anfangsfanfare und die tolle Titelmelodie vermisste (denn ich hatte eine Fernsehepisode auf großer Leinwand erwartet), und in dem die Mannschaft plötzlich unansehnliche, graue Uniformen trug, in dem auch noch eine glatzköpfige Frau und ein eingecremter Jüngling, die es "in echt" gar nicht gegeben hatte, in zentralen Rollen mitspielten und in dem vor allem bedeutungsvoll geschwiegen und herumgestanden wurde; es folgten Tod und Auferstehung des Mr. Spock und so weiter.

Aber all das kam nur alle paar Jahre einmal vor, in Deutschland übrigens vom Publikum kaum bemerkt, und von der Omnipräsenz des Hausfrauenkults, die sich einige Jahre später herausbilden würde, war noch nichts zu ahnen. Der vierte Kinofilm, 1987, der mit den Walen, enttäuschte mich dann endgültig. Vielleicht, dachte ich, war ich inzwischen aber auch zu alt geworden - hatte ich mich weiterentwickelt, hatten die Helden der Kindheit ihren Glanz verloren?

Ein Tag Ende der 80er beantwortete diese Frage. Ein Privatsender wiederholte die alte Serie, ich sah mir die erste Folge an. Bis zu den ersten Tönen des kosmischen Glockenspiels hielt ich es gerade noch aus.

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Genetischer Defekt
nnier | 06. Mai 2009 | Topic Art
Maybe there's something wrong with me. Sometimes I really think there's ... that I have some sort of deep genetic defect or something ... some kind of mutation ... I didn't turn out normal ... that's why I have all this resentment and contempt and ... everything like that ... but ... self-hatred is a strong motivating force in my work.
Haben Sie mal eine Stunde Zeit? Ich bin daran ja noch gar nicht gewöhnt - aber in diesem Internet, da findet man ja alles Mögliche!

Also: Wenn mal wieder nichts im Fernsehen kommt, wenn Sie amerikanisches (Protagonist) und britisches Englisch (BBC-Sprecherin) ertragen, oder wenn Sie's machen wollen wie mein Freund A., der bei den Comics immer nur die Bilder angesehen hat; wenn Sie den Bohneneffekt am lebenden weiblichen Modell präsentiert bekommen wollen, etwas über Sexismus und Schuldgefühle, katholische Erziehung, Gurus und LSD-Trips erfahren und dabei auch noch ständig Beispiele für ganz große Comic-Kunst gezeigt bekommen wollen, dann sehen Sie sich diesen Film an, der 1987 für die BBC produziert wurde: The Confessions of Robert Crumb.



(Alternativer Link)

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