Mumien, Analphabeten, Diebe.
Du hast's gut, du hast dein Leben noch vor dir.
Ey da müsste doch
nnier | 22. Februar 2018 | Topic Musiq
Ich will gar nicht erst von Helene Fischer anfangen, der entkommt man seit Jahren nicht und neulich hat sie an gleich zwei Abenden die städtische Halle gefüllt. Gut, denke ich mir als Freund des Pluralismus, wenn die da alle hingehen, dann nerven sie wenigstens nicht woanders. Meine Friseurin ist echt nett und bei ihr läuft Bremen Eins, ein bräsiger Sender für Ewiggestrige wie mich mit den immergleichen Songs, meist aus den 70ern, das ist oft schlimmes Zeug wie Smokie oder Boney M., manchmal jedoch erfrischt ein Hit aus den 80ern und manchmal grüßt ein Lied von Udo Jürgens, und sooo kompliziert ist meine Frisur ja nicht, da stehe ich nach 20 Minuten schon wieder an der Kasse. Sie mag Helene, sagt sie mir, und dass da bald ein neuer privater Radiosender kommt, mehr so Schlager, aber von heute, klingt ganz interessant, sagt sie, und mir fällt auf, dass ich gar kein Lied von Helene Fischer kenne.

Natürlich bilde ich mir ein zu wisssen, wie so etwas klingt, das sieht man ja schon an den Fotos. Aber kaum sitze ich im Auto und suche den neuen Privatsender, erklingt Kirmesbumsmusik vom Schlimmsten. Ein echter Tiefschlag, mich überkommt ein furchtbares Unwohlsein, und es ist nicht sinnbildlich, sondern ganz körperlich gemeint: Mir bricht der Schweiß aus, es sträubt sich alles, mit so etwas könnte man mich in kürzester Zeit psychisch erledigen. Und nun kenne ich auch ein Lied von Helene Fischer. Aber davon will ich gar nicht erst anfangen.

Was an zeitgenössisch Deutschsprachigem aus dem Radio kommt, peinigt mich seit Jahren, dabei war das nicht immer so. "Ey, da müsste Musik sein", jault mich einer an und der nächste erzählt was von "Hinter Hamburg und Köln und Berlin", unglaublich verschmockter Mist, eine Zumutung, die mit großer Geste und komplett hohlem Pathos irgendwelche kleinen Fluchten abfeiert und große Gefühle vortäuscht: Man möchte dreinschlagen. Vor ein paar Jahren waren es lauter Gitarrenbands mit Frontfrau, die mich gequält haben, jetzt saften wieder mehr diese nachdenklichen Jünglinge aus dem Lautsprecher, Moment, ich suche es mal raus: "Hinter Hamburg, Berlin oder Köln / Hört der Regen auf Straßen zu füllen / Hör'n wir endlich mal wieder / Das Meer und die Wellen", ihr Freaks!, Dann mal los!, Ganz crazy mit dem Golf ans Meer, Montagfrüh dann wieder in der Agentur. Zombiemusik, elende, da lobe ich mir die Kneipenehrlichkeit von Tony Marshall (Schöne Maid): "Wir wollen ganz zufrieden sein / Und trinken Bier und Schnaps und Wein."

Wussten Sie eigentlich, dass der höchst geschmackvolle Song Der Spieler von Achim Reichel (mit dem Text von Jörg Fauser) gar nicht von 1983 ist, wie ich mein Leben lang dachte? Da wurde das Lied als Überbrückungssingle mehr aus Verlegenheit veröffentlicht, stammt aber tatsächlich von einem Album, das schon 1981 erschien! Ich nahm es 1983 aus dem Radio auf und verspüre seither ca. einmal jährlich für mehrere Tage intensives Verlangen nach diesem Stück. Und hören Sie es sich mal wieder an, das ist kein Gejammer, das ist cooler Gesang vor wunderbarer Understatementmusik, und eine Geschichte wird auch erzählt.

Das kann einen aber auch aufregen, denke ich dann so beim Fahren, kommt einem denn gar nichts aus den letzten zehn Jahren in den Sinn, das deutsch und gut war? Sie werden es nicht glauben: Haus am See fällt mir da ein, zu Beginn haben mich Stimme und Soziolekt genervt, inzwischen muss ich grinsen und bekomme gute Laune. Ein anderes Lied zeigte mir Töchterlein vor einigen Jahren: Wir bleiben wach bis die Wolken wieder lila sind, das war mal eine interessante Abwechslung mit zwar nervigen Feierlyrics, aber interessantem Sound und sattem Refrain. Und, ähm, dann noch dieses andere Lied, aber das war's dann auch, dann stehen da schon wieder Adel Tawil und Tim Bendzko und Max Giesinger, wie soll man da keine schlechte Laune kriegen!

Akustische Wunden werden einem geschlagen, man will verzweifeln, und Linderung kommt ganz unverhofft beim lustigen Liederabend mit Rocko. Der hat schon beim vorigen Mal ein paar Stücke gegeben, die er mit dem Orchestre Mirage aufgenommen hat, doch erst diesmal haben sie mich wirklich erreicht. Seither tröste ich mich jeden Abend mit dem folgenden Stück und denke sogar darüber nach, mal wieder eine CD zu kaufen. Lauschen Sie mal:



Schön, oder?

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kuena, Freitag, 23. Februar 2018, 11:39
Schon mal bei "Superpunk" reingehört? Lieblingsstück: "Rock´n´Roll will never dead". Auch erst posthum entdeckte ich für mich Nils Koppruch, Lieblings-Doppel-CD "A tribute to Nils Koppruch + Fink"

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nnier, Freitag, 23. Februar 2018, 14:37
Das werde ich bei Gelegenheit tun, vielen Dank für den Hinweis! Rein sprachlich kommt mir das schon mal entgegen. "Let's did it!" (Rocko Schamoni)

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nnier, Sonntag, 25. Februar 2018, 20:54
Hö hö, das gefällt. Man möchte direkt mit einem alten Hecktriebler über die Landstraße brettern. (Kommt natürlich nicht im Radio, so etwas.) (Bringt mich aber auf dieses hier.) (Ist aber auch schon wieder über 10 Jahre alt.)

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kuena, Montag, 26. Februar 2018, 09:16
just didn´t it ;)))
schade das wir nicht erfahren, wovon Peter lebt.

Ich bin ja nicht mehr jung, (wozu brauch ich noch Geld?) https://www.youtube.com/watch?v=Evm9dr6OVD4 , gerne bis zum Schluss ansehen: den Tod überwunden!

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kuena, Montag, 26. Februar 2018, 09:30
Wenn ich noch eins darf, dies noch von Behnam, schwer zu finden, aber ich mags so sehr, deshalb nochn Link: https://www.youtube.com/watch?v=WFUlne0eBhA . Das Bedingungslose Grundeinkommen finden Sie selbst :-)

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nnier, Donnerstag, 1. März 2018, 08:14
Die wiederum haben mir weniger gefallen. Dafür seit einigen Tagen immer stärker das Original von "Was kostet die Welt" (F.S.K., 1981); das war für mich wohl einen Hauch zu früh oder zu weit ab vom Mainstream, um es damals mitzubekommen.

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kuena, Donnerstag, 1. März 2018, 16:15
Mainstream war FSK ´81 sicher noch nicht und ist Behnam mit Sicherheit auch nicht, aber, hm, interessant? Live sorgt er für viel Spaß und gute Laune.

Und ´81, hm, da war ich Zivi, da lief bei mir einerseits Ina Deter, „Neue Männer braucht das Land“ und City „Am Fenster“ (um bei den Mädchen anzukommen), andererseits die B 52´s und dazwischen Genesis „Seconds out“. Letztere leg ich hoite noch manchmal gerne auf, war eines meiner ersten Konzerte.

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nnier, Freitag, 2. März 2018, 09:32
(Letzteres: Ich auch.)

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kuena, Freitag, 2. März 2018, 10:36
„Supper´s Ready“!!! Entweder man hasst es oder man liebt es, dazwischen geht nix. Es muss wohl ´77 gewesen sein, Hamburg, Ernst-Merck-Halle und dann diese sechseckigen? Riesigen schwenkbaren Spiegel über den Schlagzeugen!!! Da vergaß ich glatt die Luftdrums zu spielen, stand nur mit offenem Mund da.

Nachdem nun gerade Laurie Anderson mit „Homeland“ durch ist (hab ich mir gestern aus der örtlichen Leihbibliothek geholt, da bekomme ich die meiste Musik her. „ONLY AN EXPERT“ was für ein genialer Text.) lege ich nun für den zweiten Teil meiner wöchentlichen Unterhaltsreinigungspflicht doch glatt mal die Seite drei auf. „Supper´s Ready“!!! Nur nicht abwaschen dabei. Ach was, ich leg ne Pause für die Bewegungsmeditation ein ;) und Seite vier gleich hinterher ...

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kuena, Freitag, 2. März 2018, 10:50
Gosh – bei „Dance on a Vocano“ ist mir doch glatt ganz warm und schwindelig geworden. Aber nun bin ich locker und gewappnet für den Rest meiner Pflichten.

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texas-jim, Freitag, 23. Februar 2018, 12:21
Ach ja, der Spieler. Den habe ich auf Reichels Geburtstagsalbum, mit allen Uhs und Ahs und Uhuahs, und ich mag ihn sehr. Darauf noch einen, Joe! (Hans Hartz; Joe, noch einen. Singen wir immer, wenn es nachts sehr spät wird und wir nur noch einen, ehe wir, nun.)

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nnier, Freitag, 23. Februar 2018, 14:43
Gerade der Kontrast zwischen dem sonoren, zurückhaltenden Strophengesang und den Uhs und Yeahs vorm Refrain macht in dem Lied ganz viel aus, finde ich. Nicht jeder Shanty und jedes Alohahejahe findet meine volle Begeisterung, aber ein guter Typ ist er bestimmt. Sogar das alberne Kreuzworträsel entlockt mir ein Lächeln, wenn es mal im Radio läuft.

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kid37, Sonntag, 25. Februar 2018, 22:24
Chris Isaak Schamoni, jaja. Ich bin ja so ein wenig schulmüde geworden über die Jahre, wenn man so über Musik aus Hamburg reden möchte. (Nicht die frühen Fab Four, natürlich.) Aus dem Umfeld mache ich dringend eine Ausnahme. Erobiques Wann strahlst du? finde ich seit Jahren großartig. Es hat aber eben auch dieses sachliche Pathos der kleinen Dinge. Und eine wichtige Botschaft.

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nnier, Sonntag, 25. Februar 2018, 22:52
Das ginge mir vermutlich ebenso, lebte ich dort. Mit der ganzen Schule hab ich's auch gar nicht so, mir fällt aber immer wieder auf, dass ich die drei Herren vom Studio Braun eigentlich als Musiker inzwischen mehr schätze denn als Quatschmacher. An Ihre Ausnahme erinnere ich mich selbstverständlich und pflichte bei.

Palminger hat mich übrigens zuletzt mit einem Jazzprogramm begeistert, eine Schande der klägliche Besuch, fünf Leute auf der Bühne und fünfzig im Publikum. Bei Schamoni gefallen mir Lässigkeiten wie diese seit eh und je, aber mit dem Album "Die Vergessenen" hat er für mich musikalisch voll getroffen und das hatte ich nicht erwartet. Und sogar Heinz Strunk muss nicht immer rüde sein, sondern berührt mein Herz mit kleinen Seltsamkeiten.

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