Graf B. bemerkte einen Mann, der ächzend eine große Standuhr über die Straße schleppte. Kopfschüttelnd beobachtete er ihn eine Weile, trat dann zu ihm hin, schon seinen Ärmel zurück und zeigte auf seine Armbanduhr: "So etwas müssen Sie sich kaufen, das ist praktisch!"
Ich für meinen Teil laufe dennoch, seit die Tage der Digitaluhr Vergangenheit sind, mit entblößtem Handgelenk herum und gehöre damit zu jenen, die, wie mir ein Psychologe einst darlegte, ganz tief drinnen immer noch nach dem Mondkalender der Mutter leben wollen (oder so). Und wer wäre ausgerechnet ich, dies zu verneinen.

Ganz ohne Zeitmesser komme ich allerdings nicht aus, und so greife ich allsonntäglich zum großen Schlüssel, ziehe die russische U-Boot-Uhr auf und versuche dabei eine so gewichtige Miene aufzusetzen wie Großonkel A., der im auf der ersten Silbe betonten Büro jahrzehntelang nicht nur diese Aufgabe mit großem Pflichtbewusstsein erfüllte.
Im Unterschied zu dieser hölzernen Bürouhr jedoch, die von der am Kirchturm befestigten niemals auch nur einen Deut abwich, richtet sich unsere Sowjetuhr auch im kapitalistischen Ausland nach dem roten Sternbild des Hammers und der Sichel, denn sie schert sich weder um das Atomsignal aus Braunschweig noch um den allerdings ohnehin zeitverzögerten Gongschlag aus Hamburg. Zum einen, da ich die Schlagzahl ihres Taktgebers unmerklich erhöht habe, so dass sie zwischen zwei Sonntagen dem tatsächlichen Puls der Zeit um einige leicht phasenverschobene Sekunden nahezu subliminal vorauseilt. Zum anderen, weil ich sie ohnehin um etwa fünf Minuten vorgestellt habe.
Im Auto hingegen sind es zwei bis drei Minuten, die nicht nur bei Terminknappheit und Parkplatzsuche mein Nervenkostüm schonen, denn, mag es auch ein Selbstbetrug der billigen Art sein, ich bin in der Lage, mittels einer Art Zwiedenken zwar jederzeit zu wissen, dass die Uhr vorgeht, mich aber dennoch nach der angezeigten Uhrzeit zu richten, als sei diese real, so dass die irgendwie einkalkulierten und dann doch jedes Mal überraschend freiwerdenden Zusatzminuten mir im Ergebnis wie ein unverhofftes Geschenk aus dem Paralleluniversum erscheinen - Minuten, in denen man z.B. atmen oder in die Gegend starren kann.

Bei all dem weiß ich nie sicher, welche der vielen Uhren im Hause nun gerade um wieviel vorgeht, komme aber in der Regel gut damit zurecht, völlig unbewusst einen komplizierten Algorithmus* zur Anwendung zu bringen und mit dessen Hilfe einen gewichteten Durchschnitt zu erspüren - bewusst wäre dies kaum zu leisten, und täuschen Sie sich nicht: Auch das vegetative Nervensystem vollbringt erstaunlich komplexe Leistungen; müssten Sie bspw. Ihre Leber- und Nierenfunktionen bewusst regulieren, wären Sie zu alltäglichen geistigen Verrichtungen (Quadratwurzeln aus Autonummern berechnen, den Essensplan der Woche vom 18. - 22.5. 1981 aufsagen) kaum mehr in der Lage.
Da gibt es die ins schnurlose Telefon eingebaute Zeitanzeige, die ein wenig zu langsam läuft und die ich deshalb in unregelmäßigen Abständen um einige Minuten vorstelle; als Parameter fließen also Zeitpunkt und Absolutbetrag des letzten Vorstellvorgangs sowie die relative Langsamkeit des verschnarchten Telefonquarzkristalls in die Formel ein. Da gibt es die beiden identischen digitalen Reisewecker, die minimal unterschiedliche Zeiten anzeigen, beide jedoch etwas vorgehen; hier spielt demnach auch die Wahrscheinlichkeitsrechnung eine Rolle, da durch den Unsicherheitsfaktor Funsicher (W1, W2) näherungsweise bestimmt wird, ob man jetzt halt eben quasi den einen oder sozusagen praktisch den anderen Wecker, nicht wahr. Es gibt die batteriebetriebene Wanduhr im Flur, die mit einem gewissen Versatz oft nahezu parallel zur Realzeit läuft und manchmal unvermutet stehenbleibt. Und seit neuestem den funkferngesteuerten Analogwecker neben meinem Bett.
Er wäre vermutlich der einzig geeignete Taktgeber eines ordentlichen Erwachsenenlebens. Ich kaufte ihn mit eben jenem Kalkül und bin auch dankbar dafür, dass ich spätabends keine Berechnungen mehr anstellen muss, die da lauten: "Eigentlich geht er fünf Minuten vor, oder waren's zehn, demnach wird das Alarmsignal einige Minuten später ertönen als der rote Zeiger signalisiert, oder war's früher, jedoch darf es morgen nicht zu spät klingeln, da du nach dem Abschalten des Alarmtons noch zwischen 5 und 40 Minuten schlummerst - stelle deshalb den Alarmzeiger 10 Minuten früher, oder war es später, und vergiss nicht, den Alarmschalter hochzuschieben, damit der Wecker überhaupt klingelt, oder war es doch runter."

Die atomgenaue Gründlichkeit, mit der seine Zeiger voranschreiten, suggeriert eine ungewohnte Verlässlichkeit, und da es kein fragiles Geticker gibt, sondern der Minutenzeiger alle 15 Sekunden mit einem entschlossenen, soliden Geräusch (etwa: "Ruck!") um den 60*4 = 240sten Teil eines Stundenkreises, mithin einen Winkel von 1,5° vorrückt, baut man mit der Zeit doch einiges an Vertrauen zu diesem Gerät auf, das übrigens nicht so einfach manipulierbar ist wie seine Zeit-Genossen: Diese Uhr fragt in regelmäßigen Abständen eine bestimmte Radiofrequenz ab, welche das Braunschweiger Signal der absolut echten, wirklichen, realen, objektiven Tageszeit übermittelt, welche ja schon längst nicht mehr anhand der Eigendrehung der Erde definiert ist, da diese viel zu unrund läuft, sondern eine Sekunde ist das 9.192.631.770-fache der Periodendauer der dem Übergang zwischen den beiden Hyperfeinstrukturniveaus des Grundzustandes von Atomen des Nuklids 133Cs entsprechenden Strahlung, und wenn man dennoch meint, dem Nuklid 133Cs ein Schnippchen schlagen und die Weckuhr also um die gewohnten paar Minuten vorstellen zu können, wird man sehr schnell eines Besseren belehrt: Sie dient nur einem Herrn, richtet sich strikt nach dessen Anweisungen und korrigiert natürlich umgehend ihren Zeigerstand.
Gerade diese ihre Eigenschaft, ihre Beharrlichkeit, die an Sturheit grenzt, die stoische Art, in der sie mit fester Stimme zu sagen scheint: "Ich tue hier meinen Job, Sir, und da draußen sind Menschen, Sir, die sich auf mich verlassen, und diesen Job werde ich jede verdammte Minute tun. Sir" war es, an die ich mich zunächst gewöhnen musste, die ich inzwischen aber zu schätzen weiß und die mich irgendwann vollständig auf sie vertrauen ließ. Gerade das machte mein nächtliches Erlebnis so aufwühlend.

Das Geräusch war unheimlich, eine Art Surren, ein hektisches Rattern, leise, aber doch laut genug, um mich hochschrecken zu lassen. Verwirrt knipste ich die Nachttischlampe an und starrte in die Richtung, aus der das grauenerregende Schnarren zu mir drang. Es war meine Funkuhr, und ihre Zeiger rasten. Stunde um Stunde sauste an mir vorbei, 3:00, 4:00, 5:00, ich hielt die Luft an und mein Herz schlug wild, die Uhr schien mich zu verhöhnen, während sie rannte und rannte. Schon war es 10:00 und dann 11:00, mir brach der Schweiß aus und die Zunge klebte am Gaumen, bis die Zeiger plötzlich stoppten und auf Punkt 12:00 stehenblieben.
Mir war schwindelig, und panisch tastete ich nach einer Wasserflasche, um meine ausgetrocknete Kehle zu befeuchten. Mit geschlossenen Augen trank ich die Flasche leer und versuchte, meine Gedanken zu ordnen: Ob das ein Alptraum war? Ich sah noch einmal zur Uhr. Die Zeiger standen auf 12:00.
Irgendwann löschte ich das Licht und schloss die Augen. Der Schreck saß tief, ich spürte jeden Pulsschlag in meiner Halsschlagader, und doch war eine grandiose Müdigkeit gerade im Begriff, mich gnädig wieder hinabzuziehen, als ich erneut hochfuhr, das Licht anschaltete und panisch zu meiner Funkuhr sah, deren Zeiger wieder zu rasen begonnen hatten und mir höhnisch zuzurufen schienen:
Deine Zeit vergeht! Dein Leben geht vorbei!
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*Entscheidung für H0 der Varianz θ heißt und zumindest approximativ Intervallgrenzen enthalten das (stochastische) Intervall [U,V] ein Konfidenzintervall für θ mit Konfidenzniveau γ den wahren Wert wenn die Schätzfunktion hat die Störterme Ui˜N(0,σU) verteilt sind, erwartungstreu die als die Wurzel aus errechneten normalverteilt bei der Poissonverteilung mit Parameter λ (Erwartungswert = Varianz = λ): Testing for the independence of regression disturbances. Econometrica, 38, 97-117.
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Jedenfalls, diese runden Dinger da.
Daraus könnte man doch noch was basteln, hm?

Aschenbecher z.B.
Ähm, ja, ähm. Die Socken. Ha - jetzt weiß ich's! Muffinformen!
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Was mich wieder zum Thema zurückbringt. Schon in Kindertagen war ich nie ein früher Vogel, sondern, um mal im ornithologischen Feld zu bleiben und einen weiteren überraschenden Vergleich zu gebrauchen, eine Nachteule. Morgens musste ich mich oft arg quälen, um in den Tag zu kommen, da half die Tasse Pfefferminztee mit den zwei Löffeln Zucker wenig, und stets kam ich diesen Hauch zu spät, für den man einfach keinen richtigen Ärger bekommen kann und der die Lehrer doch extrem nervt, bis sie sich dann eines Tages fürchterlich rächen, wenn man ein Betriebspraktikum beim Unternehmen aus der metallverarbeitenen Industrie macht und am ersten Tag den Weg über das riesige Firmengelände nicht findet und deshalb trotz gewaltigen eingeplanten Zeitpuffers zwei Minuten zu spät antritt und dafür von dem kurz vor der Pensionierung stehenden Meister erst mal ordentlich zusammengefaltet wird, so dass man nicht mehr weiß, wo hinten und vorne ist, und man das dem Lehrer bei dessen Besuch als Beispiel für die ungewohnt rauhen Sitten schildert und dieser triumphierend "DA SIEHST DU MAL, WIE ES IST!" ruft, sondern den Ärger bekam ich meist erst gegen 9:00, weil wir zu Hause keine Tupperschüsseln hatten, und die Inhaber dieser Marke gehören ja zu den glücklichen, deren Produktbezeichnung stellvertretend für die gesamte Produktgattung stehen, weshalb Sie richtig liegen, wenn Sie vermuten, dass es in meiner Familie nicht nur keine wiederverschließbaren und lebensmittelechten Kunststoffbehälter dieses Herstellers, sondern eben auch sonst keine gab, denn schließlich würde ich einer jungen Frau, die mich mit Augenaufschlag nach einem Tempotaschentuch fragt, auch nicht mit "Bedaure, nein!" antworten und die Taschentücher der Handelsmarke TIP in meiner Jackentasche für mich behalten, wobei diese ja zeitweilig in den Prospekten mit "Toll Im Preis" beworben wurde, ich jedoch den Verdacht hege, dass es sich dabei um eine im nachhinein nur künstlich aufgepfropfte Deakronymisierung handelt, ähnlich wie es in den 80ern plötzlich aus den Radios schallte: "Prima leben und sparen! Wir wollen alle prima leben und sparen! Wir machen Plus bei PLUS!"
Und dafür gab es Ärger? Der arme nnier!, höre ich Sie nun seufzen, und ich gebe Ihnen zunächst einmal recht, möchte jedoch nicht versäumen darauf hinzuweisen, dass erst noch eine erzählerische Ecke genommen werden muss. Meine Brote waren statt dessen in Butterbrotpapier einwickelt. Diesem lässt sich der Inhalt nun einmal deutlich schwieriger ohne störende Geräusche entnehmen als so einer Brotdose, weshalb ich oft minutenlang und mit betont unauffälliger Körperhaltung in meiner Schultasche herumfingerte, in Zeitlupe blind das Brot auswickelte und mich dann kurz und unauffällig unter den Tisch bückte, als müsse ich meine Schuhe binden und dabei einen gierigen Biss tat, denn zu Hause hatte es fürs Frühstück zeitlich einfach nicht mehr gereicht.
Von Haus aus, und bei dieser selten dämlichen Formulierung muss ich mich wirklich zusammenreißen, denn was soll das denn schon heißen, "von Haus aus", so wie in "von Haus aus bin ich Geschichtslehrerin und jetzt mache ich Bewerbungstrainings mit Videoanalyse und allem", bin ich also kein Frühaufsteher, auch wenn ich diesen Job ohne ein Wort der Klage jetzt schon seit gut 15 Jahren übernommen habe, denn einer muss ihn ja tun, sondern habe oft sehr damit zu kämpfen, jeden Morgen aufs Neue in die Welt geworfen zu werden. An Tagen wie diesem, wenn einem schon mit dem ersten vorbewussten Gedankenfragment des Tages umfassend klar wird, dass gegen diesen Schädel kein Kraut gewachsen ist und man für die Tränensäcke besser mal eigene Personalausweise beantragen sollte, wenn man gerne einfach nur schlaftrunken wäre, aber doch bitte nicht komplett zerstört, perlen die Champagnerformulierungen nicht wie gewohnt von den Lippen, das gebe ich unumwunden zu, und aus dem enthusiastischen "Ist das nicht wieder ein herrlicher Tag heute!" wird so etwas wie "Schoiße. Eine Schoiße, alles.", während man mit zusammengebissenen Zähnen extrastarken Kaffee braut, der zwar auch nichts bringt, aber wenigstens den bitteren Geschmack des Mooses überdeckt, das über Nacht im Mund gewachsen ist.
Man fühlt sich dann den ganzen Tag so wie damals in der Nacht, als diese beiden "Freunde" von ihrer Neuseelandreise aus anriefen und begeistert erzählten, dass sie die hundertfünfzig Meter vom Zelt zum Klo lieber mit dem Auto gefahren seien und die sich dann trotz horrender Telefongebühren noch minutenlang daran ergötzten, wie verzweifelt und erfolglos in den verbalen Modus zu finden ich versuchte.
Aber nicht nur nachts kann einem solches widerfahren. Es ist noch nicht lange her, dass ich eines nachmittags in einen tiefen Schlaf fiel. Beim Aufwachen, das eher einem zeitlupenhaften Aufstieg aus der Tiefsee glich, tat ich meine Verwunderung über die ungewohnte, bovine Umgebung mit schwerer Zunge in folgenden lyrischen Worten kund:
"Was sind das bloß wohl für alles Bäume hier?"
Auf diese Frage fand ich bis heute keine Antwort.
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Es geht um eine seit Jahren bestehende Sicherheitslücke, von der ich neulich schon einmal im Vorbeigehen las, aber erst jetzt habe ich tatsächlich verstanden, worum es geht.*
Bisher war ich von folgendem ausgegangen: Ich rufe eine URL auf. Dabei werden in manchen Fällen ganz offen auch Parameter übermittelt, bspw. bei einer Suchanfrage der Suchbegriff - die Parameter sind das, was man hinter dem Fragezeichen in der URL sehen kann, z.B. so:
http://www.bing.com/search?q=mumien+analphabeten+diebe&form=QBLH&filt=all
Man ruft also die URL
http://www.bing.com/search auf und übergibt folgende Name-Wert-Paare:
- q=mumien+analphabeten+diebe
- form=QBLH
- filt=all
Dass mein Browser zusätzlich immer noch ein wenig über sich selbst mitteilt und auf welchem Betriebssystem er läuft, welche Bildschirmauflösung ich verwende, ob ich JavaScript aktiviert habe usw. usw. war mir auch klar. Der Server kann diese Informationen auswerten und mir damit, wenn er will, eine für diese Konfiguration optimierte Antwortseite schicken. So weit, so gut.
Schließlich und endlich gibt es die sogenannten Referrer-Informationen; d.h. wenn auf Seite A ein Link zu Seite B ist und ich diesen anklicke, dann erhält Seite B eben diese Information, woher ich gekommen bin.
Bis hierhin ist mir das alles klar, und wenn ich der Ansicht war, dass ich etwas davon verschleiern möchte, dann konnte ich es auch tun (bspw. kann man seine Browserversion für sich behalten oder eine falsche Information mitsenden). Mit kleinen Firefox-Plugins wie z.B. "Web Developer" oder "URL Params" kann man außerdem ganz gut herausfinden, welche Informationen versteckt oder offen mitgeschickt werden und diese auch manipulieren. Man kann damit übrigens lustige Dinge tun, so habe ich z.B. einmal meinen Mobilfunkprovider angewiesen, mein Guthaben jeweils um 33 Cent aufzustocken, wenn der Betrag von 7,56 EUR unterschritten wurde - denn man hatte dort auf jede serverseitige Prüfung der Formulardaten verzichtet. Eigentlich hätte ich auch mal mit negativen Zahlen herumspielen sollen.
Nun folgt Teil 2. Dass es eine "Browser-Historie" gibt, weiß jeder. Man kann die Liste der zuletzt besuchten Seiten ansehen (und dann erschrecken und schnell löschen, bevor sie jemand sieht). Und man sieht die kürzlich besuchten Links oft andersfarbig als noch nicht angeklickte dargestellt - bspw. violett anstatt blau.
Na und, dachte ich, das ist ja auch kein Problem. Im HTML bzw. CSS steht ja, wie der Browser besuchte Links darstellen soll, oder er verwendet seinen eigenen Standard. Die Seite, die mir der Server schickt, so glaubte ich, kommt erst mal "einfach so" zu mir und mein Browser "weiß" ja, wo ich zuvor schon war, deshalb färbt er die Links eben mal violett und mal blau ein.
Und das ist nicht so. Bzw. das ist nicht so harmlos. Denn es ist ganz einfach möglich, dass der Server mit einem simplen Trick die gesamte Browserhistorie ausliest!
Was das bedeutet, kann sich jeder ausrechnen: Überlegen Sie selbst mal, welches Profil aus der Kombination Ihrer Suchmaschinenabfragen, Ihrer besuchten Kontakte in "Sozialen Netzwerken", der Internetbank, der Zeitungslektüre usw. entsteht, was man über Ihre Interessen, Vorlieben und Gewohnheiten herausfinden kann, und ob die drei Personen, nach denen Sie zuletzt "geg**gelt" haben, nicht ziemlich eindeutig verraten, wer Sie selbst sind. Oder haben Sie etwa nach Ihrem eigenen Namen gesucht?
Alles weitere ist (auf englisch) hier allgemeinverständlich und hier technisch erklärt. Ein paar Lösungsvorschläge gibt's auch (unter anderem: Einfach immer den "privaten" Modus verwenden, Historie löschen).
So funktioniert es, wenn keine böse Absicht, sondern der Wille zur Aufklärung dahintersteckt. Was hingegen auf anderen Servern stattfindet, davon bekomme ich gerade eine leise Vorstellung.
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*Unter der Überschrift "Deanonymisierung: Mozilla will Sicherheitslücke schließen"
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Das ist schon Jahre her und war ein Wendepunkt in meinem Leben. Dabei war es nicht annähernd das, was man sich heute auf den Rummelplätzen zumuten kann, vielmehr ein lächerliches Relikt aus vergangenen Zeiten, als man die Grenzbereiche der Physik nur auslotete, sie aber noch nicht überschritt. Man saß da vielleicht mal im gemächlich hin- und herschaukelnden Piratenschiff und wunderte sich darüber, welchen Drang die gerade noch vertilgten Waffeln und Bratwürste plötzlich speiseröhrenaufwärts entfalteten - war jedoch angesichts all der Stiernacken weiter vorne noch in der Lage, diesem zu widerstehen, ahnte man doch, welch ungute Wirkung ein sofortiges Vomitieren im Zusammenhang mit der aktuellen Position und den Effekten der Schwerkraft zeitigen würde. Man fuhr da auch mal mit der Achterbahn und gruselte sich vor den Fliehkräften der Kurven und den steilen Abfahrten. Glücklicherweise war das Tempo hier viel zu rasant, um sich auf Einzelheiten wie Nietenverbindungen zu konzentrieren oder vertieft über die Möglichkeiten der Materialermüdung an Bahn und Wagen nachzudenken. Viel mehr Gelegenheit dazu hatte man etwa im Kettenkarussell, wo man schon mal seine Flugbahn berechnete und den bevorzugten Landeplatz wählte, während die Geschwindigkeit zunahm, die Ketten in die Waagerechte zwang und man sich klarmachte, dass unter den vielen Kettengliedern ja nur eines zu sein brauchte, das heute mal einen schlechten Tag hatte. Auch im Riesenrad, das so gemächlich seine vertikalen Kreise zog, während die einzeln aufgehängten Gondeln sich langsam um sich selbst drehten, konnte man bei gutem Wetter die halbe Stadt überblicken und sich plötzlich sicher sein, dass der aufkommende Wind ein untrügliches Zeichen für den nun unmittelbar bevorstehenden Stromausfall war, denn man hatte den höchsten Punkt ja fast erreicht.
Ein kalkuliertes Risiko war es, das wusste man, und gewisse Geschichten entfalteten ihren Reiz erst dann, wenn man auf seinem Sitz saß, die zweifelhafte Festigkeit des Klappbügels zum dritten Mal überprüfte und dem mitreisenden jungen Mann einen rosafarbenen Plastikchip in die Hand gedrückt hatte, wenn dann ein zweistimmiges Hupen ertönte und man wusste, dass es kein Entrinnen mehr gab. Etwa die Geschichte von dem betrunkenen Schausteller, der die Regler des Fahrgeschäfts bis zum Anschlag hochgerissen und seinen panisch schreienden Gästen bei Höchstgeschwindigkeit Runde um Runde spendiert hatte, fast eine Stunde lang, während er sie durch die Lautsprecher verhöhnte. Oder die von den Achterbahnbauern, die plötzlich ein paar Teile übrig gehabt hatten und diese schnell beiseiteräumen mussten, bevor der Mann vom TÜV kam. Dennoch war ich begeisterter Rummelplatzbesucher, setzte mich voller Freude in den Autoscooter, schoss mit dem Luftgewehr auf bewegliche Ziele und sah fasziniert dabei zu, wie sich beim "Hau-den-Lukas" schnauzbärtige Jungmänner mit engen Jeanshosen und aufgepumptem Bizeps ("Zwerg", "Möchtegern") vom umstehenden Publikum verhöhnen ließen, während unscheinbare Mittfünfziger vom Typ Metallfacharbeiter ("Casanova", "Preisboxer") begeisterten Applaus einfuhren.
Sei es mein fortgeschrittenes Alter, sei es die zunehmende Entmenschlichung der Rummelplatzmaschinen, etwas ließ mich stets Abstand nehmen von den immer größeren, immer extremeren Apparaten, die einen fünfzig Meter hoch in den Himmel katapultieren, in denen man bewegungsunfähig festgeschnallt und dann in vollkommen hilfloser Position auf immer absurdere Weise herumgeschleudert wird. Dazu brauchte es keinerlei Geschichten, auch nicht die von den Sling-Shot-Mitreisenden, die mit den beiden Vierzehnjährigen dann doch lieber herumshakerten, als sie in ihrer Kapsel zu befestigen, diese gottverdammte Monotonie bei der Arbeit aber auch, und hoppala, und dann hieß das Geschäft eben Power-Shot oder so.
Was ich statt dessen vermisse, ist eine inzwischen wohl endgültig vergessene Attraktion, die schon in den frühen 80ern als fahrende Antiquität galt und auch nur ein einziges Mal in meiner Heimatstadt auftauchte. Es handelte sich dabei um eine große Scheibe, deren Oberfläche aus spiegelglatt poliertem Holzparkett bestand. Ich schätze den Durchmesser auf etwa acht Meter, sie befand sich waagerecht am Boden eines Zeltes und war ringsherum von irgendwelchem Polstern umlegt. Man zahlte den erschwinglichen Eintritt, suchte sich einen möglichst zentralen Platz und wartete auf das Startsignal, bei dem die Scheibe langsam zu rotieren begann. Das Ziel war, als letzter auf der Scheibe zu bleiben, deren Geschwindigkeit sich langsam steigerte, wodurch die meisten Fahrgäste auch schon bald nach außen rutschten, nicht ohne sich noch an irgendwelchen Beinen festzuhalten und weitere Personen mit von der Scheibe zu ziehen. Befand man sich in der Mitte, war man also zu einem ständigen Abwehrkampf genötigt und versuchte gleichzeitig, seine Sitznachbarn von der Scheibe zu drängen, ohne selbst ins Rutschen zu geraten.
Gesteigert wurde der Spaß durch das Personal. Der Mann am Mikrophon, ein Bayer, feuerte an, kommentierte und verhöhnte so gekonnt, dass es eine Freude war. Erst nach einigen Tagen erkannte ich, dass seine so spontan wirkenden Sprüche sich doch wiederholten ("Wo kommst denn du her?" - "Aus Hamburg!" - "Trau di aufs Teufelsrad, dann fliegst' ruckwärts bis nach Hamburg!"). Besonders schön war allerdings das Zusammenspiel zwischen dem Ansager und seinem Helfer, der in jeder Runde die Fahrchips kassierte. Dieser war ein routinierter Teufelsradler, konnte auf der drehenden Scheibe herumlaufen, ohne jemals hinzufallen und führte dabei noch allerlei Kunststückchen vor. Kam nun ein neuer und unerfahrener Kunde ins Zelt und flog nach Sekunden von der Scheibe, so sprach es aus den Lautsprechern: "Geh, des woar nix, Rudi, zoagst as eahm amoi", und als leidenserpobter Fliehkraftspezialist konnte man sich nun auf ein wunderbares Schauspiel freuen.
Der Helfer betrat die schnell rotierende Scheibe nicht, wie es eigentlich die einzige Möglichkeit für Normalsterbliche war, gegen die Rotationsrichtung, sondern stieg mit dieser auf, tat dabei auch noch einen schwer beschreiblichen Hüpfer und lief so elegant zur Mitte, als sei das die natürlichste Sache der Welt. Was folgen musste, war klar: Der unbedarfte Neuling versuchte es ihm nachzutun, bekam die Beine weggerissen und landete auf derart slapstickhafte Weise in der Bande, dass es die reine Freude war. Glucksend und mit vom Lachen schmerzender Bauchmuskulatur kam man irgendwann heraus, und wenn man Glück hatte, war noch etwas Geld für ein paar Lose übrig.
Jahrelang hatte ich von der sagenhaften Freien Auswahl geträumt. Und als es eines Tages wirklich so weit war, dass ich die magischen Worte auf meinem gelben Loszettel stehen hatte, wurden mir tatsächlich die Knie weich. Ich konnte mein Glück nicht fassen und wollte den Moment so weit wie möglich auskosten. Der routinierte Blick des Losverkäufers ("Was willstn haben?") verstörte mich ein wenig, hatte ich doch mit einem sensationellen Jubel und einer Verkündung als Hauptgewinner gerechnet, der auf die Bühne gebeten wird und sich eine halbe Stunde lang nicht zwischen all den Kostbarkeiten zu entscheiden weiß. Einen großen Stoffwal habe er da anzubieten, drängelte der Mann, ich aber sagte: "Ich nehme die Anlage!" und deutete auf das wirklich brauchbar aussehende Ensemble aus Verstärker und Cassettendeck. Nun begann der Mann zu lachen, und ich verstand die Welt nicht mehr. Ein Transistorradio könne er mir geben, kicherte er, griff ins Regal und gab mir das Plastikding, womit der Fall dann auch erledigt war.
Beschweren mochte ich mich nicht, zumal mir dieses Henkelradio in den folgenden Jahren ein treuer Begleiter wurde. Man konnte es mit Batterien bestücken und samstags damit die Bundesligaübertragung hören, während man mit seinen Freunden Elfmeterschießen spielte. Dennoch begriff ich erst im Auto, was den Mann von der Losbude so erheitert hatte: Es war genau jene Anlage, mit der er seine Bude beschallte und durch die er seine Ansagen ("Gewinnegewinnegewinne!") machte.
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