Mumien, Analphabeten, Diebe.
Du hast's gut, du hast dein Leben noch vor dir.
Freitag, 7. Mai 2010
Deep Throat / Bang
nnier | 07. Mai 2010 | Topic In echt
Die ganzen Urinprobengeschichten lasse ich weg, da kennt jeder einen, der einen kennt, aber ich z.B. habe mal einen tiefen, goldglänzenden Schluck aus der Flasche genommen, im Hochsommer, ich war halb verdurstet mit rotem Kopf nach oben gerannt und hatte mir diese verlockende Flasche geschnappt, und es dauerte eine Weile, bis ich die merkwürdigen Geschmacks- und Konsistenzsignale zu deuten wusste und dann noch eine Weile, bis ich die sich widersprechenden Schluck- und Würgebedürfnisse geordnet und zugunsten letzterer priorisiert hatte, so dass ich sie immerhin nicht ganz leertrank, die Flasche mit dem Pflanzenöl. Auch diese dunkelgrüne Apfelsaftflasche saugte ich nicht komplett aus, wir sollten ja eigentlich nicht aus der Flasche trinken und es waren immerhin ganze Literflaschen dieses ganz hervorragenden Apfelsafts, den man bei der Kelterei entweder kaufen oder gegen Ablieferung einiger Zentner Äpfel bzw. Öpfel eintauschen konnte. Die Flasche hatte auf dem Fensterbrett im Wohnzimmer gestanden, der Durst war wiederum erheblich gewesen, so dass übliche Sicherheitsmaßnahmen ausnahmsweise unterblieben und der Inhalt sozusagen direkt in die Speiseröhre gepumpt wurde - etwa so, wie man es den Katalanen nachsagt, die ja angeblich über irgendeine anatomische Besonderheit im Rachenraum verfügen und den Rotwein ohne Schluckbewegungen direkt in den Magen laufen lassen können; wie bei einem Säugling stelle ich mir das vor, der gleichzeitig trinken und atmen kann. Ich hatte schon einen Gutteil des Flascheninhalts hinuntergestürzt, als mir, und zwar weniger geschmacklich als vielmehr visuell, etwas seltsam vorkam. Es waren durch das dunkelgrüne Glas einige merkwürdige, schwimmende Objekte an der Oberfläche der enthaltenen Flüssigkeit erkennbar, und dabei hatten wir doch den klaren, nicht den naturtrüben Apfelsaft genommen. Das schmeckt zu wässrig, dachte ich und rannte speiend ins Bad, um mich mit Domestos freizugurgeln, denn das hochsommerlich-angewärmte Gebräu aus veralgtem Blumengießwasser, Stubenfliegen und Wespen hatte im Abgang dann doch sehr ins Korkig-Faulige gespielt. An diese vergangenen Zeiten musste ich gerade denken, als ich das verheißungsvolle Gurgeln aus der betrieblichen Kaffeemaschine vernahm und mir endlich, endlich eine frisch gebrühte Tasse zapfen konnte, die mir dann schon wieder verdammt dünn vorkam. Meinem Verdacht ("Da wollte wieder jemand sparen") ging ich diesmal zum Glück umgehend nach und stellte fest: Papierfilter ja, Kaffeepulver nein. So ein Fall ist wenigstens eindeutig, während dem Kaffee oft genug vorgeworfen wird, nicht zu schmecken ("In eurer Firma schmeckt der Kaffee immer scheiße!" - "Ja!"), obwohl er gar nichts dafür kann. Ich habe es ausprobiert: Ignoriert man die Dosierungsvorgabe ("Für eine Kanne den Plastikbecher bis zum Edding-Strich mit Kaffeepulver füllen") und macht ihn ganz voll, dann fallen die Reaktionen ("Das ist Kaffee!", "Aaaargh! Mein Herz!") deutlich positiver aus. Jedenfalls positiver als die meine, damals, als ich am Montagmorgen aus der vollen Thermoskanne einen Becher zapfte, das Büro betrat, im Gehen einen tiefen Schluck nahm und dann sprühend losspie: "Bwuaäh! Was ist DAS DENN!", denn der Kaffee war kalt und von letzter Woche.

Man isst Joghurts mit exotischem Fruchtaroma, das sich am Ende als zu exotisch erweist, trinkt Fruchtsaft aus Tetrapacks, die den Zustand ihres Inhalts leider perfekt verbergen können, das gehört wohl dazu, und ich möchte eindringlich davor warnen, nach dem Malen die Gläser, in denen Pinsel ausgespült wurden, mit ihren durchaus appetitlich gefärbtem Inhalt einfach neben die Spüle zu stellen, so wie auch vor der Nummer mit dem Frostschutzmittel in der Limonadenflasche usw., na, Sie kennen das alles, aber bevor ich es mir hinterher vorwerfe: Rühren Sie nie, niemals Kleister in einer Schüssel an! Die Geschichte, die mir meine Oma damals erzählte, hat mich nämlich nie mehr losgelassen: Die Frau, die ihren Mann überraschen wollte, den Kleister anrührte und dann losfuhr, um Tapete zu kaufen. Der Mann, der ausnahmsweise mittags nach Hause kam und sich aufs Essen freute. Na, er hat dann wohl noch mit Zucker nachgewürzt und sich gierig sattgelöffelt, bevor er an Magenverklebung starb. Und das ist gar nicht so unrealistisch, wie jeder weiß, der sich schon mal tagelang auf Wasserhafer gefreut hat.

Andererseits waren wir zu Hause so arm, dass ich mir meine Scherzartikel selberbasteln musste. Jedenfalls die, bei denen das möglich war; Juckpulver z.B. kaufte ich nie, denn dazu brauchte man nur ein paar Hagebutten zu zerbröseln - diese kleinen Zigarettenknaller hingegen gab's nur kommerziell. Ich hatte mich schon wochenlang darauf gefreut und schließlich ein Päckchen dieser spitzen, kleinen Dreicke gekauft. Eines davon steckte ich in eine Camel, die ich der väterlichen Packung entnommen hatte, und schob sie wieder zurück. Und obwohl ich den ganzen Tag in der Wohnung verbrachte, um nichts zu verpassen, hörte ich einfach kein Knallen.

Was ich auch nicht einsah, war, für ein mit Pfeffer oder Senf gefülltes Bonbon Geld auszugeben. Das, so meinte ich, könnte man billiger haben, und so gab ich mir sehr viel Mühe damit, einem alkoholisch gefüllten Schokoladendingens ("Drei edle Wässerchen") das Kirschwasser zu entnehmen, indem ich mit einem angewärmten Nagel ein Loch hineinschmolz, den Obstler ablaufen ließ, ratlos herumlief, da ich nicht wusste, was ich nun genau hineinfüllen wollte, schließlich auf das Glas Essiggurken im Kühlschrank stieß, diesem mit einer Spritze etwas Flüssigkeit entnahm und sie in die leere Schokohülle injizierte, ein kleines Stück Schokolade erwärmte, mit diesem das Loch verschloss und es am Ende sogar noch mit etwas Kakaopulver bestäubte. Mein Vater nahm das Ding, zerbiss es, schluckte, bekam große Augen und fragte, was das denn gewesen sei. Ich war irritiert, hatte ich doch mit einem erschreckten "Waah" und aus dem Mund züngelnden Flammen gerechnet, wie man es auf den Scherzbonbonpackungen sehen konnte. Er musste sich dann hinlegen und verbrachte den Rest des Tages blass und übellaunig auf dem Sofa.

Übellaunig konnte er auch beim Fahrradreparieren werden, eine Eigenschaft übrigens, die ich geerbt habe, denn auch ich kann es nicht gut vertragen, wenn ich mir mit schwarzverschmierten Händen und langsam schmerzendem Rücken nach einer Stunde Gefummel eingestehen muss, dass die Felgenbremse immer noch nicht richtig eingestellt ist. Und etwa so war die Lage auch damals an diesem Sommertag im Garten, die Fahrräder zerlegt, die Stimmung angespannt, und als die Bremse auch beim x-ten Versuch noch schleifte, fluchte er und zündete sich erst mal eine Zigarette an.

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