Mumien, Analphabeten, Diebe.
Du hast's gut, du hast dein Leben noch vor dir.
Abenteuerhaus
nnier | 25. Februar 2013 | Topic In echt
Etwas hat mich immer davon abgehalten, Fotos zu machen, deshalb gibt es hier jetzt keins. Es ist nicht weit von mir, und ich kenne Leute in dieser Straße, die fragte ich auch mal: Wisst ihr, wer da wohnt?

Für die Kinder war es das Abenteuerhaus, ein Reihenhaus, die ganze Straße ist ein langes Reihenhaus, und eines davon unterschied sich fundamental von allen anderen. Wir Individualisten haben Feng-Shui-Fassadenfarbe oder metaironische S/M-Zwerge im Vorgarten, pflastern mit italienischem Marmor oder dämmen mit nachwachsendem Rohstoff: Er ließ sein Haus zuwachsen, so konsequent und radikal, dass es mir von Anfang an Bewunderung abrang.

Sie stellen sich Efeu vor oder Weinranken, die - oha! - nicht sofort rechtwinklig aus dem Fenster nachgeschnitten werden. Ich aber meine zugewachsen im Sinne von zugewachsen, meterdick und bis aufs Dach, so dass man nicht an die Haustür kommt und keine Fenster sieht, der schmale Vorgarten vollgestellt und seinerseits komplett überwuchert, bloß ein schmaler Pfad blieb frei bis zu der Leiter im Gestrüpp.

Die Leiter schätze ich auf sieben Meter Länge, ein robustes und standsicheres Modell aus Aluminium, keine einfache Anlehnleiter, sondern eine mit Gelenken zum Abwinkeln, am Boden diese stabilisierenden und griffigen Kunststoffelemente, und alles stabil vertäut. Dies war offenkundig der einzig mögliche Weg ins Haus hinein und aus dem Haus heraus: Über die Leiter durch ein Fenster.

Da wohnt halt einer, der gerne über die Leiter rein- und rausgeht, dachte ich all die Jahre, gesehen habe ich nie jemanden, und jetzt haben sie entrümpelt und mit großen Buchstaben über DAS MESSIE-HAUS geschrieben. Ich habe bisher kein Foto gemacht und werde jetzt erst recht keines machen, mit Flatterband und gerodetem Vorgarten, aber ich hätte doch gerne eines, klein und eingerahmt. Sie haben ihn dann nach zwei Tagen gefunden, begraben unter seinem Zeug, und alles ans Tageslicht gezerrt.

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monnemer, Montag, 25. Februar 2013, 17:07
Hier in der Nähe gibt's so eines noch ungerodet zu bestaunen. Die Mülltonnen sind so zugewuchert, wie das so kunstvoll nur die Natur hinbekommt.
Zwar ohne Leiter (der Zugang geht wohl über die Garage, in der noch ein schmaler Gang begehbar ist), aber dafür mit 2 PKWs, die angeschafft wurden, um sie bis unters Dach mit Kram zu beladen. Und so stehen sie da rum und rosten tief in der Federung hängend vor sich hin.
Was mich aber immer wieder auf's Neue verblüfft: Ich lebe hier jetzt seit über 10 Jahren und habe noch nie eine abfällige Bemerkung über ihn gehört, auch nicht von seinen direkten Nachbarn.
Er lebt sein schrulliges Leben und wird von allen in Ruhe gelassen.

Ein Foto habe ich auch noch nicht gemacht.

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mark793, Montag, 25. Februar 2013, 17:48
@monnemer: Das scheint mir sehr ungewöhnlich. In der Nachbarschaft meines Elternhauses ist man in den letzten Jahren auch etwas lockerer geworden im Vergleich zu früher®, aber so ganz ohne Geläster ginge das dort eher nicht ab, vermute ich.

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venice_wolf, Montag, 25. Februar 2013, 17:49
Auch hier bei Venedig sowas gesehen, man glaubt das nicht dass die Natur in der Stadt so schön sein kann und alten Mauern eine grüne Kleidung gibt. Aber ich würde nie so eine Pflanze abschneiden die so harmonisch bei einem Fenster herein und beim anderen oben wieder herausragt. Haben Sie eine Ahnung, wie lange das dauert um so ein Kunstwerk herzustellen?
Wer möchte nicht einen privaten Urwald haben?
Aber Sie haben leicht schreiben, so, jetzt sagen Sie mir einmal wen sie zwischen
- einen Komiker,
- einem verurteilten miliardenschweren Tycoon,
- einem Politiker der nichts von Wirtschaft versteht, -
- oder einen alten Wirtscahftprofessor der nichts von Politik versteht
gewählt hätten?

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monnemer, Montag, 25. Februar 2013, 18:23
Das ist so ungewöhnlich, wie erfreulich, Herr mark. Erklären kann ich mir das nicht.
Vielleicht ist es das, was ich an diesem doch eher tristen Stadtteil so schätze: Auch wenn man mit seinen Nachbarn nicht unbedingt viel anfangen kann - man ist freundlich zueinander und lässt sich in Ruhe.
Was will man mehr?

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mark793, Montag, 25. Februar 2013, 19:32
Das ist in der Tat viel wert. Hier in der Hausgemeinschaft ist das übrigens ähnlich, da und dort wundert man sich bisschen übereinander, bleibt sich aber grundsätzlich wohlgesonnen, ohne sich gegenseitig zu sehr auf die Pelle zu rücken. So lässt es sich gut leben, und nach allem, was ich aus einigen "besseren" Gegenden so höre, möchte ich eher nicht tauschen.

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nnier, Montag, 25. Februar 2013, 22:24
Sie haben jetzt auch irgendeine entsetzte Nachbarin aufgetan, ansonsten heißt es: Er grüßte freundlich, ließ aber niemanden an sich heran. Dass das über die langen Jahre möglich war, finde ich für sich genommen positiv: Kein Mob hat sich zusammengerottet, keine Bürgerwehr gebildet gegen Onkel Popoff.

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kid37, Montag, 25. Februar 2013, 23:13
Im Cabinet-Magazin erschien vor längerer Zeit eine ergreifende Geschichte über die Collyer-Brüder aus New York. Wollte ich immer mal was zu bloggen. Traurig, aber auch faszinierend.

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nnier, Dienstag, 26. Februar 2013, 21:05
Danke für den Link; das war mir völlig unbekannt und klingt geradezu prototypisch (wenn auch ungewöhnlich ist, dass sie zu zweit waren).

Romantisieren mag ich das nicht, kann auch Freiwilligkeit, Leid usw. nicht beurteilen bis hin zu der Frage, wie es mir mit "so jemandem" als direktem Nachbarn ginge. Dass aber der Mensch nicht zwangsläufig nach einem Leben im kellerlosen Musterhaus strebt, freut mein Herz; dass ein Stadtteil so etwas aushält, ohne desintegriert zu sein, ebenso.

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