Mumien, Analphabeten, Diebe.
Du hast's gut, du hast dein Leben noch vor dir.
Morgen geh ich ins Kaufhaus
nnier | 31. März 2009 | Topic In echt
Morgen geh ich ins Kaufhaus
Und kauf mir einen Kamm
Einen schönen großen
So etwa hundert Gramm
(Die fröhlichen Insterburger)
Ich war bestimmt zehn Jahre lang nicht mehr drin. Ohne Vorsatz; ich hatte es mir einfach abgewöhnt.

Früher aber war es die zentrale Anlaufstelle. Als ich begann, mir die Umwelt jenseits der unmittelbaren Nachbarschaft zu erobern, insbesondere die Innenstadt kennenzulernen, war mir mein Freund A. ein kundiger Führer. Zwar hatte er mit der verbalen Vermittlung geographischer Zusammenhänge seine Schwierigkeiten; wenn er "immer geradeaus", "hinter" oder "auf der anderen Seite" sagte, war man auch nach mehrmaligen Nachfragen ("von wo aus gesehen?", "wie lange geradeaus?") nicht schlauer, da es ihm aus irgendwelchen Gründen nicht möglich war, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Zumindest, was solche Dinge betraf. Für ihn war seine Sicht die Welt, da gab es keinen Unterschied. Hörte man ihn beispielsweise das erste Mal von seinem Spanienurlaub erzählen und stellte eine harmlose Frage ("Kann man da am Strand auch Eis kaufen?"), dann konnte er vollkommen empört reagieren: "Nee! Da doch nicht! Wir wohnen doch in X, da gibt's doch kein Eis! Dazu muss man doch erst nach Y fahren!" und sah einen an wie jemanden, der seine Sinne nicht ganz beisammen hat.

War man jedoch mit ihm unterwegs, konnte man sicher sein, das gemeinsame Ziel schnell und oft unter Ausnutzung ungeahnter Abkürzungen (wie z.B. Durchquerung eines Ladens) zu erreichen. Und so kam es, dass ich eines Tages gemeinsam mit A. erstmalig auf eigene Faust "nach Karstadt" ging. Wir wollten Rolltreppe fahren und uns die Spielzeugabteilung ansehen.

Das Kaufhaus faszinierte mich. Die gut sichtbar angebrachten, stets offensiv und bedrohlich hin- und herschwenkenden Überwachungskameras, kreuzförmig im Viererverbund über Rolltreppen und Kleiderständern angebracht, oder das Lüftungsgitter vor dem Eingang, unter dem ein verdammt tiefer Abgrund gähnte und in den einmal der kleine Schlüssel meines Fahrradschlosses hineinfiel. Und die Rolltreppen selbst, denen ich stundenlang zusah, da ich nicht begreifen konnte, wie sie endlos weiterlaufen konnten. Irgendwann mussten diese Stufen doch einmal alle sein! Und wie gefährlich die scharfen Eisengitter blitzten, in denen sie am Ende verschwanden.

Man war ja gewarnt worden vor der Gefährlichkeit der bequemen Aufstieghilfe ("Am Ende einen großen Schritt machen! Auf die Schnürsenkel aufpassen! Und beim Handlauf aufpassen, dass die Finger nicht dazwischenkommen!"). Aber eines Tages erwischte es mich doch. Ich musste auf meine Mutter warten, die in irgendeiner Abteilung verschwunden war, und lehnte mit dem Hintern an dem Handlauf der aufsteigenden Rolltreppe. Das glatte Gummi wischte am Hosenboden entlang, ich dachte an nichts, bis ich plötzlich auf dem Handlauf saß und mich auf dem Weg nach oben befand. Das Gesäß über den Rolltreppenstufen, die Beine auf der anderen Seite, und die Decke, die mir die Oberschenkelknochen brechen würde, kam rapide näher. Zwar sprang ich schnell ab und tat, als sei nichts gewesen; doch kann ich seither keine Rolltreppe mehr benutzen, ohne an den klebrigen Kaugummifleck zu denken, der mich mitzog und in jene James-Bond-Situation brachte.

Mein Opa, der in einem sehr kleinen Ort aufgewachsen war und dort immer gelebt hatte, amüsierte sich damals sehr über mein ewiges "bei Karstadt", wenn er mich fragte, wo ich denn dieses gekauft hätte oder jenes besorgen wolle. Das war für ihn, der nichts anderes als spezialisierte Fachgeschäfte kannte, äußerst komisch. Eine Uhr, eine Hose, ein Malkasten - es war klar, wohin ich ging. Und auch in den ersten Jahren in meiner neuen Stadt war ich regelmäßiger Kaufhausgast.

Wodurch es sich geändert hat, ist mir heute noch nicht ganz klar. Manchmal fuhr ich in die großen Zentren außerhalb. Manchmal bestellte ich Dinge per Post. Aber es war, so meine ich, vor allem der Eindruck, dass man dort zuviel bezahle. Die tollen Angebote gab es dort nicht, sondern lediglich Grabbeltische mit minderwertiger Ware, daneben eine zufällige Auswahl von Markenartikeln, die man anderswo günstiger bekam.

Erst seit in den Medien über die Schwierigkeiten des Konzerns berichtet wurde, bin ich wieder hingegangen, zuerst aus reiner Neugier. Und seitdem wieder zum regelmäßigen Kunden geworden. Denn: Die Preise sind in Ordnung; die Auswahl ist gut; die Verkäufer insgesamt kompetent und freundlich (und: es gibt überhaupt welche). Und dann noch etwas: Man kann problemlos umtauschen! Was war das früher für ein inquisitorisches Verfahren ("Umtausch nur an der Sammelkasse! Was ist denn damit nicht in Ordnung! Das kann ich Ihnen so aber nicht umtauschen! Das war schon ausgepackt!"). Heute hingegen: Vorbildlich. Zum einen tauscht man in der jeweiligen Abteilung um. Zweitens gegen Bares oder Rückzahlung auf der EC-Karte. Drittens ohne Diskussionen. Und viertens: Im Notfall sogar ohne Bon, wie es mir gestern widerfuhr, ein Vorgang, der früher undenkbar war.

Bevor sie alle dichtmachen oder auch die letzten Flächen an einzelne Shops vermietet sind: Gehen Sie ruhig mal wieder hin. Suchen Sie das große Haus mit der imposanten Fassade. Laufen Sie durch die alten Abteilungen, nicht die Shop-in-Shops, nehmen Sie das Treppenhaus, in dem es noch nach 70ern riecht, sehen Sie sich die messingfarbenen Türgriffe an den schweren Metalltüren mit Glaseinsatz und die Linoleumböden noch einmal an. In ein paar Jahren gibt's das nicht mehr.

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jean stubenzweig, Dienstag, 31. März 2009, 12:15
Früher, als ich noch nicht fernab dieses Kaufhauses lebte, sondern sich eines direkt auf dem Weg zwischen Büro und Zuhause befand, mit (kostenlosem) Parkhaus zudem, habe ich mich ausschließlich durch die immer freundlichen und allzeit kompetenten, im Zweifelsfall auch mal Auskunft bei den Kollegen holenden Damen und Herren versorgen lassen. Das ging soweit, daß ich mich eine Zeitlang sogar weit weg via Spedition von ihnen bedienen ließ. Und auch heute noch gehe ich, in anderen großen Städten, gerne dorthin. Die Büddenwarderin ohnehin, weil sie dort das bekommt, was es anderswo nicht gibt.

Daß es darnieder ging, ist wirklich bedauerlich. Aber nun? Kaputtsaniert? Allerdings, alles, was nach siebziger Jahren aussieht und riecht, gehört längst nicht mehr zu Karstadt, sondern irgendwelchen (britischen?) Investoren. Nur noch die großen Häuser gehören dem Konzern. Tja, und mit dem scheint's nicht gut auszusehen. Woran's wohl liegen mag?

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nnier, Dienstag, 31. März 2009, 13:34
Keine Ahnung. Vielleicht am vielbeschriebenen Zerriebenwerden zwischen Hochpreis- und Billigsegment, Markentempel und MäcGeiz. Vielleicht ist es außer mir auch anderen Menschen so ergangen, wie ich es beschrieb? "Irgendwie" ging man einfach nicht mehr hin und merkte es nicht einmal. Ob denen inzwischen eine ganze Generation abhandengekommen ist?

Das mit den Briten und den kleinen Häusern habe ich auch gelesen. Und dann gab es mal den Versuch, Hertie wiederzubeleben. Allerdings ist das hier in der Hansestadt schon ein "großes" Haus - und eben hier kann man an bestimmten Ecken noch Überbleibsel aus vergangenen Zeiten entdecken. Nicht nur den Geruch aus den Lüftungsschächten. Sondern abblätternden Glanz z.B. in den verborgenen Treppenhäusern, wenn man sie mal ausnahmsweise benutzt, weil man in eines der Büros ganz oben geschickt wird. Man könnte dort Filme drehen, die in den 60er oder 70er Jahren spielen.

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venice_wolf, Dienstag, 31. März 2009, 15:18
Ja, hier in Venedig_Vorort ging es nicht viel anders... zuerst schossen diese Dinger hoch, erst eines, dann zwei, dann fünf...und ich traute mich nicht so richtig, dann MUSSTE man einfach hin, da war alles sooo gut und sooo billig und soviel Leute und sooo toll. Aber irgendwas überzeugte mich nie richtig, und shoppen gehört bei weitem nicht zu meinen Hobbies.
Bis ich um die Jahrtausendwende von Kilometerspaziergängen am Parkplatz, Stauzonen, Zeitvertrödelung, Musikunterhaltung vom Billigsten, Lockangeboten (warum müssen sie mich herlocken? wenn Preis/Leistung stimmt komme ich schon selber), Rummelplatzstimmung genug hatte. Ich kaufe schon seit 7-8 Jahren nicht mehr dort ein (ausser wirklich gezielte Blitzaktionen), ich will nix geschenkt, ich kaufe was ich brauche wann ich brauche wo ich will, ich ärgere mich zu Tode wenn sie absichtlich die Waren verstellen, damit die Leute mehr herumlaufen und so Zeit vertrödeln. Wann ich es dann einmal eilig hatte und T-shirts für eine Party drucken sollte, und weder T-shirts noch Inkjetpatrone noch Transferpapier da waren (wegen wenig Umsatz, einfach zum bestellen) war es dann genug davon: ohne mich, Leutchen.
Dabei, das ist das wirklich lustige, ich mit beruflich mit der Herstellung von Ladenbau, Vitrinendekorationen, Display usw beschäftige. Derzeit sind die meisten Läden in diesen Shoppingkathedralen dichtgemacht, man spaziert tagsüber meistens durch leere Hallen und ich schaue immer in die leeren Schaufenster um mich dank dem Spiegelreflex zu überzeugen, dass kein Bösewicht hinter mir steht

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nnier, Dienstag, 31. März 2009, 15:40
Kaum zu glauben, was da geschieht. Nehmen wir mal das arme Städtchen Bremen. Da wurden vor wenigen Jahren Unsummen (Bremen: 150 mio, Investoren: 480 mio) in einen sogenannten "Spacepark" gesteckt, der nicht mal ein Jahr überstand ("Das Space Center wurde im Februar 2004 ... eröffnet und aufgrund mangelnder Besucherzahlen bereits im September 2004 wieder geschlossen.") Man kalkulierte 1,3 mio Besucher und es kamen ein paar 10 000! Nun stand das Ding herum, ein Kino war noch drin, und es ging einem in den Folgejahren so, wie du beschreibst ("leere Hallen"). Inzwischen, die Investitionsruine wurde für ein Butterbrot verschleudert, ist ein Mega-Einkaufscenter draus geworden. Ich hab' es mir neulich angesehen: Es ist nichts los. Die kalkulierten "täglich 25.000 Besucher" müssen alle kurz vor oder nach mir dagewesen sein.

Schön, mal wieder von dir zu hören!

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venice_wolf, Dienstag, 31. März 2009, 16:19
Alles kommt, alles geht... aber wenn es die Pyramiden 8und jeder ältere Bau) X-tausende Jahre ausgehalten haben, bröckeln diese Betonklötze schon kurz nach der Eröffung zusammen... Wasser in der Tiefgarage, Kaputte Fliessen, Risse, usw.
Da sieht man es, es gibt halt nicht mehr die Baukräfte von einst... Alles flott flott und dan ist es halt genausoschnell wieder alles weg. Wird nicht das Ende der Welt sein...

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nnier, Dienstag, 31. März 2009, 16:44
Ende der Welt? Nee. Vorher kracht das Zeug zusammen. Und immerhin haben die Käufer der Investitionsruine "(v)iel Beton für wenig Geld" erhalten.

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nnier, Montag, 20. April 2009, 08:35
Weiter geht's ...

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vert, Freitag, 12. Juni 2009, 01:14
In ein paar Jahren gibt's das nicht mehr.

und sie haben es noch gesagt...

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nnier, Freitag, 12. Juni 2009, 08:26
Daran erinnern Sie sich!? Ich bin gerührt. Neulich musste ich auch daran denken, und gar so drastisch, wie es nun gekommen ist, hatte ich es mir natürlich nicht vorgestellt. Nun hat man ja beinahe das Gefühl, man müsse schnell noch einmal hingehen und alles fotografieren.

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