Mumien, Analphabeten, Diebe.
Du hast's gut, du hast dein Leben noch vor dir.
Sorry, this site is only accessible for members.

Dienstag, 9. Februar 2010
Come on, it's such a joy.
nnier | 09. Februar 10 | Topic In echt
Den Übergang von der Grund- in die weiterführende Integrierte Gesamtschule kann man sich kaum abrupter vorstellen. Nicht nur, dass es plötzlich keine Noten mehr gab, dass man in den Pausen nicht auf den Schulhof musste, morgens nicht aufstand, wenn der Lehrer hineinkam, beim Geburtstag kein Lied mehr sang, die Klasse nicht mehr Klasse hieß und die Lehrer nicht mehr Lehrer - sondern sie wurden auch noch geduzt und beim Vornamen gerufen. So kommt es, dass ich, wenn ich an eine bestimmte Lehrerin zurückdenke, nicht an "Frau X", sondern an "E." denke. Sie war Tutorin (so hieß das) in einer Parallelklasse (so hieß das nicht, aber ich setze ab jetzt auf Ihre Abstraktionsfähigkeit) und war zwischen all den anderen unkonventionellen Erwachsenen dennoch von auffälliger äußerer Erscheinung, weil stets rot oder orange gewandet und mit auffälligen Ohrringen und großen, hölzernen Perlenketten behängt.

Da so vieles neu und ungewohnt war, die Architektur des Gebäudes, die ganzen neuen Wörter, das Sitzen im Stuhlkreis, die Partner- oder Teamarbeit, das Mittagessen in der Schule, die langen Unterrichtstage, der weitgehende Verzicht auf leistungsbezogene Rückmeldungen, die Konzentration auf "soziales Verhalten" und vieles mehr, war es auch nicht weiter verwunderlich, dass eine, wie man bald von den Mitschülern erfuhr, von diesem Guru, du weißt schon, als Lehrkraft tätig war und aus ihrem Glauben keinen Hehl machte. Was ihr Äußeres anging. Irgendwelche Versuche der Indoktrination habe ich dagegen nie mitbekommen. Jedenfalls nicht, was diese Frau und den Bhagwan von Poona anging.

In unserer Klasse unterrichtete sie Musik, das funktionierte so, wie es damals eben war: Einmal hörten wir das instrumentale Intro von Pink Floyds Shine on You Crazy Diamond und malten dazu psychedelische Bilder. Einmal versuchten wir, Da da da ich lieb dich nicht du liebst mich nicht aha aha aha von Trio auf dem Klavier zu spielen. Einmal holten wir die ganzen teuren Metallophone aus dem üppig ausgestatteten Instrumentenraum und schlugen darauf herum. Einmal sollten wir, Hacke, Spitze, 1,2,3, hüpf!, klatsch!, tanzen. Ich fand es grauenhaft. Ich fühlte mich wie in einer Parallelwelt, man nannte es Unterricht, aber ich fühlte mich wie in einem Labor. Jeden Tag konnte alles anders sein, meine Bezugssysteme waren hier weitgehend unbrauchbar, vieles schien willkürlich und chaotisch zu sein, aber da ich gerne an diese Schule gewollt hatte und man uns auch täglich erzählte, was für ein Glück wir hätten, dort hingehen zu dürfen, kreidete ich mir mein Unbehagen selbst an, denn wer hier nicht glücklich war, mit dem musste etwas nicht stimmen. Anderswo gab es Noten! Anderswo wurde nicht diskutiert! Anderswo musste man Hausaufgaben machen!, hieß es, wenn jemandem mal etwas nicht gefiel.

Also lief ich manchmal ziemlich desorientiert und mit einem Kloß im Hals durch das riesengroße Gebäude, in dem man so tolle Sachen machen konnte, ein Fotolabor gab es und einen Irrgarten und Theater-AGs. Und saß bockig auf meinem Stuhl, die Arme verschränkt, als Hacke, Spitze, 1,2,3, hüpf!, klatsch! gegeben werden sollte. Warum ich denn nicht mitmachte, fragte mich E. Weil das alles doof ist und Mist und Scheiße, antwortete ich und stierte böse auf den Boden.

Als die anderen in die Pause gingen, musste ich noch dableiben. Und nun geschah etwas Wunderbares.

Statt mir zu erklären, wie toll das ist, was hier gemacht wird, und wie falsch von mir, dabei nicht mitzumachen, statt mich zu fragen, ob ich denn wohl lieber auf eine böse andere Schule mit Noten gehen wolle, statt mir zu sagen, dass gerade ich meinen Mitschülern gegenüber eine ganz besondere Verantwortung trüge und mich an ihrem weiteren Schicksal für immer schuldig machen würde, wenn ich jetzt nicht meine Haltung änderte, statt mich zu fragen, ob das vielleicht meine ganz besondere Form der Unterscheidung zwischen Haupt- und Nebenfächern sei, statt mir nahezulegen, es müsse mir doch klar sein, welch negatives Vorbild ich mit meinem Verhalten gegenüber X, Y und Z abgäbe, die sich eine solche Haltung im Gegensatz zu mir gar nicht leisten könnten, statt mir zu verstehen zu geben, dass ich sie mit meinem Verhalten auch ganz persönlich sehr traurig machte, statt mir also zu erklären, wie wichtig und richtig hier alles sei und dass mit mir wohl etwas nicht stimme, sah sie mich einfach nur freundlich an und sagte: "Du hast so einen Brast, hm?"

Sie war es auch, die sich um mich kümmerte, als ich auf einer Klassenfahrt krank wurde und fiebernd in einem Hauszelt lag, gegen dessen Stirnwand den ganzen Tag Elfmeter geschossen wurden. Und die einem ihrer Kollegen, der fürchterlich geschafft aussah und den man vormittags in seiner Klasse laut und ausdauernd hatte herumbrüllen hören, einen kalten Waschlappen auf die Stirn legte. "Na, Kranker?", sagte sie und ich beobachtete, wie er kurz die Augen schloss, ihre Hand nahm und für wenige Sekunden entspannt und friedlich aussah.

Wir machten ständig Witze über sie, die Worte Bhagwan und Poona und Rolls Royce fielen immer öfter, und es gab ein zwinkerndes Einverständns mit manchen ihrer Kollegen, die selbst ab und zu durchblicken ließen, für wie unsinnig sie es hielten, dass "eine erwachsene Frau" an diesen "Quatsch" glauben könne. Wenn ich mich recht erinnere, kam sie nach den Sommerferien äußerlich noch einmal deutlich verändert zurück, sie musste bei den Sannyasin gewesen sein, man merkte ihr an, dass sie an dieser Schule nicht mehr am richtigen Platz war, und als ihr ein Schüler gehässig entgegenrief: "Ha! Ha! Ha! Dein Guru ist verhaftet worden! Ha! Ha! Ha! Was sagst du jetzt zu deinem Guru!", schlug sie die Hände vor die Augen und rief: "Ihr wisst nicht, was ihr sagt!"

Sie verließ dann die Schule. Wir blieben noch jahrelang da.

Link zu diesem Beitrag (1 Kommentar)  | Kommentieren [?]   





(inklusive Drogen, Sex und zynischen Menschen)
nnier | 09. Februar 10 | Topic Gelesn
Gibt es Originalität oder nur Echtheit? Ganz Deutschland diskutiert über den Fall Hegemann!

Ehrlich jetzt, egal wo du bist: Bäcker, Straßenbahn, Tankstelle, Hermetisches Café - Millionen Deutsche fragen: Sind wir mal wieder betrogen worden, ist doch typisch, erst das Wetter, dann die Daten-CD, aber wehe, du brennst mal was selber, und jetzt die tabulose Beichte des minderjährigen Luders, lechz, was die da so schreibt ist ja un-ver-hoh-len, man müsste noch mal jung sein, denen würde man's, und in Berlin ist ja eh Sodom, sieht man ja an diesem feinen Herrn Canisius, denen würde ich die Eier aber sowas von, und diese jungen Dinger heute, die haben ja kei-ner-lei Hemmungen, wie sieht die denn eigentlich aus?























[Bilder von: http://www.bild.de/BILD/unterhaltung/kultur/2010/02/08/helene-hegemann-bestseller/debuetroman-axolotl-roadkill-plagiatsvorwuerfe.html]

Link zu diesem Beitrag (0 Kommentare)  | Kommentieren [?]   





Sonntag, 7. Februar 2010
Als Helmut Schmidt noch Kanzler war
nnier | 07. Februar 10 | Topic In echt
Wir hatten Jahreskarten, Freund A. und ich, und seine Eltern ihren Garten direkt neben dem Freibad. Statt erst umständlich zum Eingang zu laufen, nahmen wir deshalb gerne die Abkürzung durchs Gebüsch. Es machte großen Spaß, den herbeilaufenden Ordnungshütern mit und ohne Bademeisteruniform ("Ihr habt euch hier ohne Eintritt reingeschlichen, ich hab's genau gesehen!" bzw. "Herr Bademeister! Die beiden haben sich ohne Eintritt reingeschlichen, ich hab's genau gesehen!") die Jahreskarten vor die Nase zu halten und dann grinsend weiterzugehen.

Es gab diese Freibadclique, sie bestand aus einer Gruppe junger und nicht so junger Erwachsener, die immer dort waren. Sie saßen in der prallen Sonne, tranken Bier und kommentierten die Sprünge vom "Zehner". Im Wasser sah man sie nie. Eine Ausnahme war der stets tiefrot gefärbte Koffer. Freund A., der im Gegensatz zu mir seine Jahreskarte stets ordentlich ausnutzte, rief bei jedem Vorbeilaufen: "Hallo, Koffer!" bzw. nur "Koffer!", woraufhin Koffer grinste und die Hand hob, jedesmal.

Koffer erklomm gelegentlich den Sprungturm und führte Naturgesetze ad absurdum. Nicht nur mit seinem Ganzkörpersonnenbrand schien er der Natur den gestreckten Mittelfinger zeigen zu wollen - auch Mahn- und Warnungen wie "erst mal abkühlen", "nicht mit vollem Bauch" bzw. schon gar nicht nach Alkoholgenuss zu schwimmen, ignorierte er stoisch und pladauzte ab und zu nach ein paar Bier und einer guten Portion Pommes vom Sprungturm ins kalte Becken, schwamm ein paar Bahnen, gelegentlich hörte man auf den Nebenbahnen ein geblubbertes "Koffer!", bis er das Becken wieder verließ, und das eine oder andere "Koffer", geraunt oder gerufen, seinen Weg zurück zu den anderen Freibadbewohnern säumte, blasse Raucher, die gar nicht erst Schwimmkleidung trugen.

Ich war kein besonders guter Schwimmer, hielt mich aber ganz gerne im Wasser auf. Hier begegnete ich eines Tages einer Schildkröte. Um den Körper hatte man ihr eine Schnur gebunden. Ich suchte meine Gedanken zu sortieren: Färbte das Chlor schon meine Augen stets zuverlässig rot und sorgte für dieses unvergleichliche Freibadgefühl im Nasen-Rachen-Raum, so mochte ein solches Tier sich vermutlich umso stärker durch das aggressive und hochreaktive Element belästigt fühlen, konnte dies aber nicht zum Ausdruck bringen, da ihm lautliche Äußerungen aus anatomischen Gründen noch schwerer fielen als mir - und selbst wenn sie, so überlegte ich weiter, über ihren Schatten spränge, mochte man doch nicht so recht an die Einsichtsfähigkeit des potentiell angesprochenen Menschen glauben, der das andere Ende der Schnur in der Hand hielt und angesichts dessen geblümter Badehose, Zahnlücke und entrückt schielenden Grinsens ich nur sehr zögernd geantwortet hätte, hätte er mich um meine Prognose bezüglich seiner persönlichen Chancen auf künftige Nobelpreisgewinne gefragt.

Ich hatte mir angewöhnt, am Samstagnachmittag meinen batteriebetriebenen Radiorecorder mit ins Schwimmbad zu nehmen. Ich lag dann auf meinem Handtuch und hörte die Berichterstattung zur Fußballbundesliga. Einige Jugendliche spielten zwischen den Badegästen wild und rücksichtslos Fußball. Sie schossen mir die Antenne kaputt. Ein Mann lief zu den Jugendlichen, schnappte sie sich, kam mit ihnen zu mir und fragte: Wer bringt das nun in Ordnung? "Ist gar nichts passiert, ist schon in Ordnung", sagte ich und lief traurig nach Hause, weil ich wusste, dass ich die neue Antenne selbst würde bezahlen müssen.

Zwei Wochen darauf lag ich wieder auf meinem Handtuch, hörte Fußball, es war die Schlussphase, und aus irgendeinem Impuls heraus packte ich Handtuch und Radiorecorder, um mir einen anderen Liegeplatz zu suchen. Ich ging mit dem laufenden Gerät in der Hand los und bemerkte plötzlich den traurigen Blick des Mannes, der mir damals hatte helfen wollen. Er hatte wieder ganz in meiner Nähe gelegen und anscheinend der Fußballübertragung gelauscht. Nun ging ich einfach weg mit meinem Radio - und schon während ich an ihm vorbeilief, wusste ich, dass ich mir deshalb schäbig vorkommen würde, und ich konnte doch nicht einfach wieder umdrehen, andererseits müsste ich nicht seit 30 Jahren dran denken, ein Mist ist das immer.

Zwischen den Becken war diese blaue Mauer, zuerst aus blau angestrichenem Zement. Ich ekelte und fürchtete mich vor dieser Mauer genauso wie vor dem zementenen Becken, denn man konnte sich leicht an den scharfen Kanten und unregelmäßigen Abplatzungen aufschürfen, man konnte wegrutschen, dann brannte es unter den Füßen oder am Schienbein. Es war deshalb in meinen Augen ein Riesenfortschritt, als die Becken mit einem gummiartigen Kunststoffüberzug versehen wurden, und auch die Mauer, die Nichtschwimmer- von Schwimmerbecken trennte, war nun nicht mehr scharfkantig und roh, sondern hatte eine leicht gewölbte und von blauem Kunststoff überzogene Oberkante bekommen.

Wir spielten Fangen im Wasser, ich hatte keine Chance, da ich nicht schnell schwamm, aber die Regeln sahen vor, dass man auf der Mauer auch laufen durfte. So kam es, dass ich öfter als jeder andere Freibadbesucher auf dieser Mauer entlanglief, ich entwickelte Routine und Geschick, die Mauer war mein Freund. Bis zu dem Tag, als ich während eines wilden Sprints ausrutschte. Ein Bein ins Nichtschwimmerbecken. Ein Bein zu den Schwimmern. Ich tauchte dann lieber erst mal unter, bis es wieder ging, so nach einer Viertelstunde. Und das war alles noch unter Helmut Schmidt.

Link zu diesem Beitrag (24 Kommentare)  | Kommentieren [?]   





Freitag, 5. Februar 2010
Ich sags ja nur
nnier | 05. Februar 10 | Topic Tanztee
Sollten Sie sich in den nächsten Wochen in der Nähe von Unterschleißheim, Habach, Arnschwang, Freren, Stralsund, Schwerin, Damme, Bünde, Marburg, Dortmund, Solingen, Simmersfeld, Groenlo oder Hameln aufhalten, dann empfehle ich, dass Sie mal Ihren Terminkalender abgleichen. Alle anderen machen es einfach wie ich und gehen heute abend trotz zweifelhafter "Veranstaltungs-Geschäftsbedingungen" ("Keine Macht den Gästen!") dahin.

~

Nach einem Konzert in Hamburg bekam ich kürzlich folgende, freundliche SMS:

Hast einen guten Geschmack. Hat mir total hefallen. Euch ne gute heimfahrt.

~

Nach einem Konzert in Köln bekam ich kürzlich folgende, freundliche SMS:

Hach, was was das ein schönes Konzert! Ich muss die ganze Zeit noch daran denken! Bist du noch gut heim gekommen?

~

Tja, so war das. Aber eine Nummer kleiner kann's auch schön sein. Und die o.g. Band habe ich bereits zweimal begutachten können, einmal im Rahmen des, ich mag das Wort gar nicht hinschreiben, Musicals She Loves You, das zum Glück weniger ein Musical als vielmehr der in eine fadenscheinige Rahmenhandlung gepresste Auftritt jener Tribute-Band war, die mich durch ihre Spielfreude durchaus begeisterte, ein anderes Mal in dem verrauchten und seltsam benamsten Saufschuppen, den ich also heute wieder einmal aufsuchen werde.

~

~

Na und? Weihnachten ist auch immer das Gleiche.

Link zu diesem Beitrag (1 Kommentar)  | Kommentieren [?]   





Donnerstag, 4. Februar 2010
Wild (trois fromages hauts à l'étranger)
nnier | 04. Februar 10 | Topic In echt
"Die Bullen!", schrie er, "los! Abhauen!", schnappte sich sein Fahrrad und verschwand in der Dunkelheit. Die grellen Scheinwerfer des Konvois hielten auf mich zu, und ich stand wie gelähmt einfach da.

*

Einige Wochen zuvor waren wir aufgebrochen, jung, unerfahren, minderjährig, um zu zweit eine Fahrradtour entlang der französischen Atlantikküste zu unternehmen. Die erste Etappe hatte irgendwo am Strand geendet, wo man mit anderen deutschen Jugendlichen den Abend verbracht und sich später irgendwie zum Schlafen zusammengerollt hatte. Zwar war in der Nähe deutliches Gejammer zu hören ("Meine Mutter hat mir gar keinen Schlafsack eingepackt! Die hat mir meine Federdecke eingepackt! Die ist so gemein!"), doch man lieh sich gegenseitig Zeltplanen und Isomatten, und trotz des Nieselregens schlief man irgendwann ein - um im Morgengrauen durch den Ruf: "Die Bullen!" geweckt zu werden. Zwei Polizisten waren mit ihrem Auto herangefahren, hatten ihre Waffen präsentiert und riefen fröhlich: "Aufstehn! Aufstehn! Vite, vite! Ah, ah , ah!!", wedelten mit ihrem Tränengas und fragten grinsend: "Vous voulez un peu?". Dann sammelten sie alle Ausweise ein und setzten sich gemütlich ins Auto, während wir stundenlang im Regen standen. Das ging doch schon mal gut los.

*

Die Wege durch die Pinienwälder, schmale Betonpisten, von der Wehrmacht gezogen, früher brausten die Motorräder hier entlang. Die Betonbunker, schräg im Atlantiksand steckend.

*

"Wild campen", immer wieder, "los, komm", und ich ließ mich ein. Regelmäßig gab es Ärger. Einmal hatten wir, ohne es zu merken, das Zelt auf einer öffentlichen Grünfläche aufgebaut, die weit weniger abgelegen war, als es im Dunkeln den Anschein hatte. Mit bösen Worten wurden wir morgens vertrieben. Ein anderes Mal hatten wir uns nachts auf einen Campingplatz geschlichen. Früh morgens weckte mich der Reisegefährte: "Los, lass uns abhauen", wir schoben leise die Räder weg, stiegen auf, traten in die Pedale. Nach einer halben Stunde fuhr ein Auto an mir vorbei. Jemand hatte die Scheibe heruntergekurbelt und schrie mich minutenlang, auf der Gegenfahrbahn neben mir herfahrend, in unverständlichen Worten böse an. "Mir reicht's langsam", meinte ich, Kollege aber lachte nur.

*

Überhaupt entfremdeten wir uns bei dieser Tour, und die Margarine schmolz und floss über die Klamotten in den Satteltaschen, der eine lacht, der andere kotzt, aber noch waren wir aufeinander angewiesen.

*

Langer Weg durch dunklen Tann, viel länger als geplant, die Piste unvollständig, Sand in der Fahrradkette, tiefe Nacht. "Lass uns wild campen! Hier irgendwo!", doch gerade lichtete sich der Wald und die Betonpiste mündete in eine breitere Straße. Ich fror und sprach: "Warte kurz", öffnete meine Satteltaschen, suchte ein margarinedurchtränktes Sweatshirt und ebensolche Jeans heraus, der Rest der Wäsche fiel auf die Straße, ich bückte mich und suchte das Zeug zusammen. Irgendwoher kam Licht, Motoren brummten. "Die Bullen!", schrie er, "los! Abhauen!", schnappte sich sein Fahrrad und verschwand in der Dunkelheit. Die grellen Scheinwerfer des Konvois hielten auf mich zu, und ich stand wie gelähmt einfach da. "Erwischt", dachte ich, "selber schuld. Nun holen sie dich."

*

Gegen das Scheinwerferlicht, gegen das pulsierende Blaulicht sah seine Silhouette äußerst beeindruckend aus. Schwerer Ledermantel. Stahlhelm. Er trat direkt auf mich zu. "Woher kommen Sie?" - "Aus, äh, Deutschland." - "Woher kommen Sie genau?"
Ich nannte meine Heimatstadt. Er schien sie nicht zu kennen. Mein Französisch hatte ich verlernt und brachte kein anständiges Wort heraus. Wer waren diese Männer?

*

"Woher kommen Sie? Heute!", ich hatte doch gewusst, dass das mit dem ewigen Wildcampen eine blöde Idee gewesen war, ich hatte es die ganze Zeit gewusst, und nun schlug das Schicksal erbarmungslos zu. Ich deutete auf den dunklen Wald: "Daher." - "Haben Sie etwas gesehen da im Wald?" - "N-nein!", ich hatte mich längst aufgegeben. "Haben Sie Feuer gesehen da drin? Nein?", er ging zum Fahrzeug zurück, kletterte ins Führerhaus und der Konvoi machte kehrt. Ich stand noch eine Weile da, hörte das leiserwerdende Brummen der Motoren, dann das Tickern eines sich nähernden, geschobenen Fahrrads und schließlich die Worte: "Los, lass uns hier irgendwo campen."

Link zu diesem Beitrag (6 Kommentare)  | Kommentieren [?]   





Mittwoch, 3. Februar 2010
Wer bringt mir die Liebe bei?
nnier | 03. Februar 10 | Topic Gelesn
Schülerin, 18, vollbusig, sucht den Mann, der sie in die Geheimnisse der Liebeskunst einführt.
Ich habe damit nichts zu tun. Ich habe höchstens mal. Aber ich würde nie.



Andererseits gab es da nun mal diesen Abend, an dem ich mit einigen Mitschülerinnen in trauter Runde trefflich scherzte - das Vorrecht der Jugend, denn was ahnt man schon von dem, was später alles auf einen zukommt.



Wir scherzten über Chiffre-Anzeigen. Was wussten wir schon davon, was später alles auf einen zukommt.



"Ha ha ha, seht einmal: 'Topf, m, 45, nicht unansehnlich, sucht Deckel bis 42', wäre das nichts für dich? Ha ha ha!", man schlug sich auf die Schenkel, man fabulierte, man fantasierte. Eine, das erfuhr ich später, beließ es nicht dabei.



"Hast du schon die neuen Kontaktanzeigen im Dummen Werbeblatt gelesen? Nein? Hi hi. Lies dir die zu Hause mal durch. Und dann sagst du mir, welche meine ist. Hi hi."



Von all den Töpfen und Deckeln, Kind-kein-Hindernissen, jungen Unternehmern, junggebliebenen Alten und bildhübschen Arzthelferinnen, die nach einer großen Enttäuschung jetzt den Mann fürs Leben suchten, hob sich "Wer bringt mir die Liebe bei?" doch hinreichend ab. Und natürlich fragte ich in den Wochen darauf gelegentlich nach der Resonanz.



Sie war vor ihrer eigenen Courage erschrocken. Sie traute sich nicht, zur Geschäftsstelle des Dummen Werbeblatts zu gehen und dort ihre Chiffrenummer zu nennen. Und obwohl ich sie darauf hinwies, dass womöglich so mancher Einsender inzwischen liebeskrank und mit gebrochenem Herzen herumlaufe, ließ sie sich nicht dazu bewegen, die Ernte einzufahren, nachdem sie so mutig die Saat ausgebracht hatte.



Monate vergingen, und alles, was man in dieser Zeit in der kleinen Stadt hörte, waren eilige Schritte allüberall, gefolgt von hektischem Klappern am Briefkasten, enttäuschtem Aufstöhnen und schweren, langsamen Schritten. Daran musste ich jüngst wieder denken, denn ich las eine Seite im Zeit Magazin, die ich sonst stets achtlos überblättere.



Natürlich war mir auch früher nicht entgangen, dass hier in aufwendig gestalteten Anzeigen Elite Partner jene, die sich dafür halten, zu vermitteln trachtet: Gutsituierte, wohlgebildete Menschen, international erfahren, sicher auf diplomatischem Parkett, finanziell ungebunden, mit Doktor- und Professoren- und Adelstiteln suchen ebensolche und formulieren etwa so, wie sie es von ihren Stellenausschreibungen her ohnehin gewohnt sind.



Darüber hinaus gibt es allerdings auch einige kleine Fließtextanzeigen, so wie man sie aus dem Dummen Werbeblatt kennt. Das war mir neu. Und auch wenn die Menschen und ihre Sehnsüchte verschieden sind - als Anhänger des Pluralismus nehme ich dies immer wieder erfreut zur Kenntnis - scheint sich dort doch vornehmlich ein ganz bestimmter Typus zu tummeln.



Eine kurze Gegenprobe im Feld bestätigt den Eindruck. Die hier eingestreuten Beispiele stammen aus der Kontaktbörse des lokalen Internetportals, sind wenig kryptisch, kommen sozusagen direkt auf den Punkt, egal, ob ein "Weiser Mann", eine "Griechische" oder auch nur "unsterbliche" Frau gesucht wird, ob man "einfach nur wieder Glücklich seien" will oder "Jungs um die 50 zur Verkürzung des Winters" sucht - man trägt sein Anliegen insgesamt doch sehr direkt vor.



Im Zeit Magazin (unter der Überschrift "ER SUCHT IHN", ist aber auch schon egal) klingt es hingegen so:
Unikat mit 'er' sucht eines (<45Lj) mit 'ze' für genialen Schmusekurs statt Tor-Tour als Lebens Spur. Entschlossen zum Katzensprung?

Oder auch so:

Scharfsinnig sens. m-Wesen begehrt w-Freigeist (<45 Lj) zum interakt. Herumgeistern sowie interag. Unwesentreiben u.v.m.

Woran liegt das? Am übermäßigen Konsum von Um die Ecke gedacht? Oder wird so um die Liebe von Franz Schuh und Iris Radisch gebuhlt?

Ich jedenfalls fühle mich weder durch diese noch durch andere Annoncen angesprochen. Bis auf eine:

Zwischen 10 und 100: aufrichtiger Briefpartner gesucht. Bin 70, Witwe, gebildet, humorvoll, tolerant und vielseitig interessiert, bes. an Kulturgeschichte.
Man muss sich nur trauen, oder?

(Einmal traf ich sie noch. Was denn aus der Chiffre-Anzeige geworden sei, damals, fragte ich. "Ach, die!", sprach sie. Drei riesige Plastiktüten mit Briefen habe sie schließlich nach Hause geschleppt.)

Link zu diesem Beitrag (0 Kommentare)  | Kommentieren [?]   





Alles nur
nnier | 03. Februar 10 | Topic Brainphuq
Galgenhumor, das.

Link zu diesem Beitrag (2 Kommentare)  | Kommentieren [?]   





Sonntag, 31. Januar 2010
Aus dem Gedächtnis zitiert (5)
nnier | 31. Januar 10 | Topic Illiterarisches
- Gleich noch eins? Ich weiß ja nicht ...

- Was denn - die Dinger kommen sa-gen-haft gut an, das müssen wir abmelken, bald ist das Thema durch und dann will ich nie mehr arbeiten müssen.

- Es geht hier auch um so etwas wie Glaubwürdigkeit, und meine Leser sind mir nicht egal. Ich glaube nicht, dass es das ist, was sie von Mumien, Analphabeten, Diebe erwarten!

- Mann, doh! Er nu wieder! Pass auf, das Ding ist heute noch heiß, maximal diese Woche, dann kommen die Chinesen mit den billigen Imitaten. Ich sehe unseren Auftritt gruppiert um: "Volkstümlich", "Ursprünglich", "Wertig", dieser Vektor, Claim: Man kann was draus lernen, Spaß für die ganze Familie, also auch von der Konsumentenansprache her klar unterkomplex und die Website ohne Shiny Blinky, dafür gleich zu Beginn auch mit T-Shirts, Lätzchen, Grillschürzen, homey, down-to-earth. Als Testimonial jemand wie ... Elstner, Jan Hofer, die Ecke. Was überhaupt nicht dagegen spricht, das Ding auch als App zu bringen.

- Die Inhalte sind oberflächlich und Ich-fern, ich kann das nicht mit mir vereinbaren.

- Geh mal ganz Ich-nah deinen Kontoauszug holen, doh!

- Wenn du meinst. Aber es ist nicht ... richtig.

Heuer hat es noch gar kein festes Eis gefroren
Am Weiher steht das Büblein und spricht so leis zu sich
Wagen will ich es einmal
Tragen muss es doch, das Eis,
Wer weiß?

Mit seinem Stiefelein stampft und hacket das Büblein
Auf einmal knacket das Eis, und schon bricht's hinein, krach!
Als wie ein Krebs platscht und krabbelt
Und zappelt das Büblein
Mit Schrein.

"In lauter Eis und Schnee muss ich versinken, o helft!
Ich muss im tiefen, tiefen See ertrinken, o helft!"
Wär ein Mann nicht gekommen
Der ein Herz sich genommen
O weh!

Bei dem Schopfe packt der es und zieht es dann heraus
Wie eine Wassermaus vom Kopfe bis zum Fuße
Getropfet hat das Büblein
Geklopfet hat's der Vater
Zu Haus.

- Geht doch! Von wem isn das eigentlich?

Link zu diesem Beitrag (6 Kommentare)  | Kommentieren [?]   





Aus dem Gedächtnis zitiert (4)
nnier | 31. Januar 10 | Topic Illiterarisches
Dies und das erzählte in der Schule der Lehrer
Die Füße sind zum Laufen, Die Nas ist zum Riechen
Das kleine Fritzchen sprach da: Das ist Mist, Herr Lehrer
Die Nase läuft bei meinem Vater und die Füß tun riechen.

Link zu diesem Beitrag (0 Kommentare)  | Kommentieren [?]   





Freitag, 29. Januar 2010
Aus dem Gedächtnis zitiert (3)
nnier | 29. Januar 10 | Topic Illiterarisches
Geht ein Mann in Puff. Sieht er ein Deutschen ein Amerikaner und ein Franzosen oder Engländer. Steht der eine auf und sagt: Was seid ihr für Schweine, meine kann noch nicht mal kochen. Sagt die Lehrerin: Wenn es nicht so dunkel wäre, könntet ihr auch Mainz sehen. Antwortet der Ostfriese: Wieso Füllung - er war doch gar nicht leer! Fallen sie beide in Brunnen. Kommt von oben eine Stimme. Sagt die Nonne. Steht sie auf und es macht "plopp". Guckt der Arzt sie an und sagt. Antwortet Fritzchen. Fragt die Frau den Mann. Sagt der Verkäufer.

Link zu diesem Beitrag (21 Kommentare)  | Kommentieren [?]   





Donnerstag, 28. Januar 2010
Aber kaum brauchst du sie mal
nnier | 28. Januar 10 | Topic Brainphuq
Wer hat nicht schon über sie gescherzt, wer hat noch nicht geschimpft über die Omabescheißer, die Gewinnspielfredis, die dubiosen Busreisenanbieter, für 19,99 in den Harz mit reichhaltigem Mittagessen, Ausflug, Unterhaltungsprogramm, Musik und Tanz (exklusiv: Der Original Okertaler Stimmungsmanfred), mit Fresspaket (1 kg Wurstwaren! 500 g Weizenbrot! 1 l Apfelsaft! 1 kg frisches Obst!) und sensationeller Zugabe (Spielesammlung mit 100 Spielmöglichkeiten und alternativ Digitalkamera und alternativ Hochwertige Porzellanpuppe und alternativ Universalfernbedienung und alternativ Ausgewählte Sommerweine und alternativ Originelle Vagina-Kuckucksuhr und alternativ Messerset und alternativ Damenrasierer und alternativ 100 Wäscheklammern), es weiß doch jeder, was "und alternativ" heißt, früher nannte man es "oder je nach Verfügbarkeit", die "Teilnahme an einer Werbeveranstaltung" ist ja "freiwillig", da läuft man eben fünf, sechs Stunden durch die Gegend, während im Landgasthof Zum Rübezahl die mitreisenden Rentner abgekocht werden, man wird sie psychologisch unter Druck setzen, man wird ihnen wunderbare Arzneimittel anpreisen und ihnen Fernsehsessel verkaufen, man wird betteln und schmeicheln und drohen ("Wir fahren hier nicht weg, bis noch zehn Leute gekauft haben!"), und ich würde das alles mitmachen, denn ich bin nun endlich bereit, eine Heizdecke zu kaufen.

Link zu diesem Beitrag (26 Kommentare)  | Kommentieren [?]   





Dienstag, 26. Januar 2010
To your dunkels
nnier | 26. Januar 10 | Topic Sprak
Nicht ohne Grund wird gerade mal wieder eine Sau durchs Dorf getrieben und verführt nebenbei manchen zu eigenen kreativen Höchstleistungen. Die Fallhöhe ist einfach gegeben, wenn einer vom Englischen als Arbeitssprache faselt und diese selbstverständlich bei jedem, jungen und alten Fach- und sonstigen Arbeitern einfach so voraussetzt. Insofern: Es trifft den Richtigen.

Dennoch gibt es etwas, das mich stört. Denn ungeachtet dessen, dass einer, der von sich behauptet, im englischen Gespräch "sehr sicher" zu sein, sich daran messen lassen muss - und ungeachtet dessen, dass "Es ist Deutschland, hier" so verklemmt herüberkommt wie der ganze nicht besonders souverän klingt, frage ich mich seit den seligen Zeiten der Helmut-Kohl-Witze ("I'm sorry, three!"), ob es denn tatsächlich so selbstverständlich zu erwarten ist, dass alle Welt flüssig Englisch spricht.

Was auch immer an Kohl zu kritisieren war - die Tatsache, dass er kein Englisch sprach, gehörte für mich nie dazu. Interessant war, dass gerade diejenigen, die immer die Trommel für die Unterprivilegierten und Bildungsbenachteiligten schlugen, sich plötzlich hohnlachend auf die Schenkel schlugen, wenn es darum ging, dass jemand eine Fremdsprache nicht beherrschte. Hätte man so auch über einen mittelamerikanischen, einen afrikanischen Staatschef gescherzt?

Was Kohl anging, mischte sich bestimmt das Unbehagen an seiner bräsig-selbstzufriedenen und provinziellen Strickjackenausstrahlung ins Thema; und die beiden gerne so forsch auftretenden Herren, die es zuletzt erwischt hat, haben sich die Häme hart erarbeitet und müssen sich nicht wundern, dass, wenn sie den Ball vors leere eigene Tor legen, viele freudig dagegentreten.

Davon abgesehen frage ich mich, wie es den ca. 50-95% Mitbürgern geht, die auch nicht besser Englisch sprechen.

Link zu diesem Beitrag (7 Kommentare)  | Kommentieren [?]   





Montag, 25. Januar 2010
Mal wieder an Duftin Hoffman gedacht
nnier | 25. Januar 10 | Topic In echt
Ef hat etwaf Demütigendef an fich, muff ich tfugeben - aber ef ging am Ende nicht anderf.

Allef hatte ich ftoif ertragen, daf Herauftfiehen der proviforiffen Füllungen, fogar daf kaum auftfuhaltende Aufblafen der folchermafen aufgehöhlten Tfahnruinen mit Preffluft, und obgleich ef mir fien, alf lägen die empfindlichen Nerven nun wieder gäntflich frei - allein der Gedanke machte nervöf, flieflich war die gantfe Bohrerei vor tfwei Wochen kein Fpaf gewefen, aber da waren die entfprechenden Gebiete immerhin betäubt, und erft mit dem Nachlaffen der anäfthefierenden Wirkung kam der Fmertf - hatte ich auf eine Betäubung diefmal vertfichtet. Fie war mir auch gar nicht erft angeboten worden.

Nun waren die tfwei tfurechtgefeilten Goldklümpchen an ihren vorgefehenen Platf geklebt worden, ich hatte intfwiffen die Feftigkeit der Armlehenen def Tfahnartftftuhlf eingehend geprüft, der rote Nebel lichtete fich gerade, alf der junge Dentift auf meinen Hinweif, da ftöre noch etwaf, den Fleifer anwarf und flugf noch einen Tfehntelmillimeter def Edelmetallf abhobeln wollte.

Ich hob die Hand, ich winkte, ich verlangte nach der Fpritfe.

Link zu diesem Beitrag (23 Kommentare)  | Kommentieren [?]   





Angebliche Fragen
nnier | 25. Januar 10 | Topic Sprak
Der angebliche Millionär war in Wirklichkeit nur ein armer Schlucker.
Die angebliche Entführung der Schülerin stellte sich als übler Scherz heraus.
Das angebliche Superschnäppchen entpuppte sich als nutzloser Schrott.
Der angebliche Sofortgewinn wurde nie ausgezahlt.
Von der angeblichen Torgefährlichkeit des Spielers war nichts zu sehen.
Fernsehen macht angeblich die Dummen dümmer und die Klugen klüger.
Angeblich hilft es manchmal schon, an die Wirksamkeit eines Medikaments zu glauben.

Sind Sie noch bei mir? "Angeblich", so meine ich, verwendet man dann, wenn von einer Tatsache die Rede ist, die sich inzwischen als falsch herausgestellt hat (angeblicher Millionär) oder die aus Sicht des Sprechers unbewiesen ist (angeblich hilft das Medikament).

Was aber ist ein "angeblicher Verdacht"? Ein Verdacht, der in Wirklichkeit doch keiner war - sondern was? Was ist ein "angeblicher Sprengstoffalarm"? War der nur als solcher getarnt?

Angeblich soll man sich am Montagmorgen lieber nicht mit so etwas befassen.

Link zu diesem Beitrag (8 Kommentare)  | Kommentieren [?]   





Freitag, 22. Januar 2010
Der Meister
nnier | 22. Januar 10 | Topic In echt
Akt 1: Keller
--
Dass ich überhaupt komme, dafür zahlnse schon 79.- Euro, und dann habe ich noch nichts gemacht, ist ne Sauerei. Also, wenn das noch mal passiert, schraubense erst mal selber die Rückwand ab und sehen nach, ob der rote Pinökel raussteht, dann drückense den wieder rein, dann war der nur überhitzt. Ich darf Ihnen das ja eigentlich nicht sagen.


Akt 2: bremen.de
--
Wer kann einen Abluftwäschetrockner von Siemens reparieren? Heizt nicht mehr. Tel. 0123-456789 oder E-Mail.


Akt 3: web.de
--
Kann alles, habe 25 Jahre im Kundendienst gearbeitet.


Akt 4: Keller
--
Die Heizdrähte. Gehen regelmäßig kaputt. Ich schreibe Ihnen die Bestellnummer auf, sie kriegen die am günstigsten bei Elektro Billig, dann rufen Sie mich an, ich bau Ihnen die ein.


Akt 5: DHL
--
Post für Sie! Neue Heizdrähte, hm? Kenne ich. Eine Scheiße, das.


Akt 6: Keller, nachts
--
Das muss doch, da war doch, aua!, so müsste es eigentlich, warum sind da noch Schrauben, oh, funktioniert! Ich bin der Größte! Ich kann auch alles! Ha haa haaaaa!


Akt 7: bremen.de
--
Hinweis zur Rubrik "Arbeitsangebote": In Zusammenarbeit mit der Arbeitsagentur wollen wir die Schwarzarbeit stärker bekämpfen. Wer hier noch was will, wird angezeigt. Viel Spaß noch auf bremen.de!


Akt 8: web.de
--
Haben Sie neulich freundlicherweise, und nun konnte ich es nicht lassen und habe selber, funktioniert schon wieder, nix für ungut, und würde Ihnen gerne für Ihre Bemühungen wenigstens.


Akt 9: web.de
--
Nochmal darauf zurück, dass Sie neulich so freundlich und überaus hilfreich. Würde wirklich gerne, für Ihre Auslagen und weil sie extra hergekommen sind.


Akt 10: web.de
--
Hallo? Halloooo?


Akt 11: Keller, ein Jahr darauf
--
Hach, kalte und nasse Wäsche nach dem Trockungsvorgang - mir schwant! Nun denn, ans Werk. War es diese Schraube oder - huch. Diese kleine Blechschraube hielt wirklich die gesamte Trommeleinheit? Nun, es war wohl die andere. Hier also die Rückwand, mja. Oh, schade - der Pinökel steht gar nicht raus, nun, es werden wohl wieder neue Heizdrähte fällig sein! Lieber wieder alles zusammenschrauben, sonst kommt noch Staub heraus.


Akt 12: Treppe, Wischblende, kleiner Junge in Schwarz-Weiß, verfremdetes Kinderlachen, Stimmen mit Echo-Effekt
--
Mutti, ich habe das Radio auseinandergebaut und dann wieder zusammengeschraubt und dann ging es wieder!
Das ist ja nicht zu glauben, Vati, sieh mal, der Junge hat ganz alleine das Radio repariert!


Akt 13: Keller
--
Baby, jetzt kommt's drauf an, zeig mir was du draufhast, ich schalte dich jetzt ein, gib dir einen Ruck, ich fühle mal die Abluft, tu es für mich - ja! Ja! Ja! Ja! Ja! Ja!

Link zu diesem Beitrag (0 Kommentare)  | Kommentieren [?]   





Aus dem Gedächtnis zitiert (2)
nnier | 22. Januar 10 | Topic Illiterarisches
Auf dich sind wir stolz, kleiner weißer Löwe
Vertrauen schenken dir alle Tiere
Im Stich lässt du keinen deiner Freunde je
Und bauen kann man auf deine Klugheit

Wenn tief im Dschungel Unheil den Tieren droht
Ist der Kämpfer, der sich stellt, Kimba
Aus Gefahr und Not hilft er seinen Freunden
Unser kleiner, großer Held Kimba!
Unser kleiner, großer Held Kimba!

Link zu diesem Beitrag (3 Kommentare)  | Kommentieren [?]   





Donnerstag, 21. Januar 2010
Aus dem Gedächtnis zitiert
nnier | 21. Januar 10 | Topic Illiterarisches
Mit dir red ich nicht
Aus Papier ist dein Hemd
Aus Blech sind deine Hosen
Viel zu frech bist du mir!

Link zu diesem Beitrag (0 Kommentare)  | Kommentieren [?]   





Vorsicht Schild
nnier | 21. Januar 10 | Topic In echt
Ich hatte diesen Mitschüler, dem grundsätzlich das eingenähte Schildchen hinten aus dem Rundhalskragen hing. Ob T-Shirt oder Pullover, man wusste stets, mit wem man es zu tun hatte, auch wenn man nur die Rückansicht zur Verfügung hatte, und somit konnte einem zumindest mit diesem Mitschüler nicht widerfahren, was mir eines augenverklebten Tages mit einem anderen, nennen wir ihn X, passierte. Über jenen hatte ich mich geärgert, sehr geärgert, und als ich mich im Flur einem vor mir laufenden Freund Y näherte, er hatte diesen Popperschnitt, Nacken frei, und diese Popperklamotten, um ihm erregt mitzuteilen, dass X ein "echtes Arschloch" sei, hätte ich schon wissen können, dass Popperschnitt und Popperklamotten in dieser Zeit kein Alleinstellungsmerkmal waren, hätte also besser zweimal hingeschaut, denn es war das erstaunte Gesicht von Mitschüler X, in das ich blickte, als er sich umdrehte.

Diese eingenähten Schildchen können wirklich stören, nicht nur, weil sie gerne hinten heraushängen und zu allerlei Schabernack einladen - mal ganz abgesehen von den Spötteleien der Weiblichkeit, und so kam es, dass ich nicht nur das Krokodil mit einer groben Schere von der Brust des teuren Pullovers zu entfernen versuchte, wodurch ein furchtbares Loch entstand, das dann nur durch einen anderen, größeren Aufnäher kaschiert werden konnte - immerhin ein Fußball statt des Reptils -, sondern auch diese Schildchen beherzt abschnitt, sobald sie sich bemerkbar machten.

Allerdings gibt es auch Schildchen, die nicht an ihrer oberen Kante eingenäht sind, leicht nach außen klappen können und gerne einige cm lang sind, nein, viele dieser Schildchen sind rechts und links oder gar an allen vier Seiten befestigt, können mithin nirgendwohin verrutschen und stören auch weder beim An- noch beim Ausziehen, weswegen ich jahrelang in friedlicher Koexistenz mit ihnen zu leben glaubte.

Als ich neulich einen frisch gewaschenen Pullover aus feiner Wolle trug und an einem Spiegel vorbeiging, fasste ich mir reflexhaft auf die Schulter, um zu prüfen, ob ich versehentlich den Bügel dringelassen hatte, das erzähle ich nur nebenbei, man soll derartige Stücke ja immer im Liegen trocknen, sonst bilden sich da aufgrund physikalischer Gesetze, die man kennen könnte, Abdrücke und Ausstülpungen, und ich sehe mich ja nicht so oft von hinten, höchstens mal bei der Friseurin, aber mit deren Spiegel stimmt etwas nicht, denn das kann nicht mein Hinterkopf sein, den sie mir da zeigt, ich habe volles Haupthaar - dennoch ließ mir das Kleiderbügelerlebnis keine Ruhe, so dass ich derzeit mehrmals wöchentlich meine Schulterpartie begutachte, wenn sich die Gelegenheit ergibt.

Herrschaften: Diese Kleiderschildchen sehen ja aus wie Metallplatten! Statt der Halslinie zu folgen, stülpt sich der Rollkragen hinten rechteckig nach außen, das sieht doch nach nichts aus! Wundern Sie sich also bitte nicht, wenn Sie demnächst jemandem begegnen, auf dessen Pulloverrückseite, knapp unterhalb des Kragens, ein Fußballaufnäher prangt.

Link zu diesem Beitrag (16 Kommentare)  | Kommentieren [?]   





Mittwoch, 20. Januar 2010
Das gute alte Rein-Raus-Spiel
nnier | 20. Januar 10 | Topic In echt
Irgendwann ging es auch bei mir los und meine Gedanken kreisten nur noch um das Eine. Ich erinnere mich noch gut daran, wie es nachts plötzlich anfing damit, ich war eigentlich noch ein Kind, ich lag wach und spürte es plötzlich und fing an zu reiben und es fühlte sich gut an. Ich rieb und rieb. Allerdings konnte ich meist reiben wie ich wollte - die Erleichterung war stets nur von kurzer Dauer, kaum legte ich mich erschöpft zurück, schon war der Reiz wieder da - und ich ließ die Matratze wackeln. Nächtelang ging das so.

In diesen frühen Jahren ging es nun mal nicht anders, das kennen wohl die meisten, inzwischen bin ich in meinem Bett ja nicht mehr so oft alleine, Gott sei's gedankt, und doch kommt es regelmäßig vor, dass ich es tue, wenn sie nicht da ist oder wenn sie es einfach nicht tun will.

Ich weiß von den wenigen engen Freunden, mit denen man zu später Stunde auch mal über solche Dinge sprechen kann, dass es ihnen damit nicht anders geht: Man versucht sich zu beherrschen, doch die Gedanken sind geradezu darauf fixiert, man wälzt sich, man will es nicht schon wieder tun, doch noch während man das denkt, wandern die Hände nach unten und rubbeln und rubbeln. Das hohle, unechte Gefühl danach kennt wohl jeder. Aber es hilft manchmal beim Einschlafen.

Auch heute früh habe ich es getan, nicht nur einmal, und ich fühlte mich dennoch oder gerade deshalb krank und nicht in der Lage, zur Arbeit zu gehen. Zu stark die Angst, sich auch dort nicht beherrschen zu können, zu bedrohlich die Vorstellung, man täte es aus Verzweiflung im Büro und es käme jemand hinein - was würde man dann sagen, vermutlich nichts, vermutlich würde man hinausrennen und nie wiederkommen.

Ich bin zu Hause geblieben, ich habe schon Schmerzen im rechten Oberarm, und sogar beim Schreiben muss ich zwischendurch pausieren und es wieder und wieder tun, ein Glück, dass Sie mich nicht sehen können, aber jetzt habe ich genug gerubbelt, es hilft nichts, jetzt hole ich doch den Eimer mit dem heißen Wasser und dann stelle ich meine eiskalten Füße hinein und ziehe sie krebsrot wieder heraus, und wieder rein, und wieder raus, und rein, und raus, ah!, ah!, ah!, aaaaah! Ist das heiß!

Link zu diesem Beitrag (7 Kommentare)  | Kommentieren [?]   





Dienstag, 19. Januar 2010
17,00 + 1,59 Spesen!
nnier | 19. Januar 10 | Topic Gelesn
Isch find sz app gutt un isch find trigema gutt mache gutt T-Shirt und Blog.

Link zu diesem Beitrag (10 Kommentare)  | Kommentieren [?]   





Adult Contemporary
nnier | 19. Januar 10 | Topic Musiq
Es ist etwas viel in letzter Zeit, ich weiß. Und sie veröffentlichen eben meist die Balladen. Ähm.

Auf dem Konzert in Hamburg kündigte er es als "Live-Weltpremiere" an, in Köln war es dann die Nominierung zu den Golden Globes, die er erwähnte, als er das "Lied zum neuen Robert-De-Niro-Film" ansagte, man applaudierte brav, und ich fragte mich, ob ihn so etwas wirklich interessiert. Er macht dazu oft recht zweideutige Gesichter und Gesten, es könnte einerseits heißen, dass er stolz auf diese alberne Nominerung ist, es könnte andererseits heißen, wisst ihr, ich war bei den Beatles und jetzt kommen sie mir mit einer Golden-Globe-Nominierung!

Auch wenn er das alte Rockkonzertritual "Everybody say 'ooooooh'! Everybody say 'yeaaaaah'!" bringt, weiß man nie, ob man sich verarscht fühlen soll. Ein komisches Grinsen zur Begleitband, eine wegwerfende Handbewegung, es gehört definitiv nicht zu meinen Lieblingsmomenten auf den Konzerten. Wobei ich mal nebenbei einen Tipp an alle englischsprachigen Musiker loswerden muss: Die Deutschen verstehen viel weniger Englisch, als ihr denkt!

Nehmen wir mal Köln 2003. Auch damals war das Publikum am ersten Abend wesentlich lahmer als am zweiten, an dem also deutlich mehr Stimmung im Saal war, was die Musiker auch bemerkten. Und so kam es, dass einer der der Gitarristen zwischen zwei Liedern ans Mikrophon trat und sprach: "It seems to me that you're a bit louder than the audience yesterday" (pfeif freu jubel gröhl) "So ... let's hear it!" (Schweigen). Es folgte ein vielsagender Blick zwischen Hilfsmusiker und Meister, welcher deutlich hörbar sprach: "Nice try!"

Infobox for the english speaking: "Let's hear it" is not a well-known expression in Germany. You might try "Everybody say 'ooooooh!'" but only if you really mean it beacuse otherwise I feel uncomfortable.

Ein anderer, wirklich seltsamer Moment war Anfang 1990. In der Wembley Arena stand er vor den zurückhaltenden Londonern und glaubte, er müsse Eindruck schinden, indem er auf "some really big people in the audience" hinwies, es war wirklich kaum zu glauben: "There's Phil Collins, Peter Gabriel and Bob Geldorf!"

Das schmerzte und ist wohl nur aus der Zeit heraus zu erklären. Denn hinter ihm und uns allen lagen die 80er.

Jetzt also das "Lied zum neuen Robert-De-Niro-Film", ich weiß auch nicht, ist das jetzt ein Qualitätskriterium, ich schätze den Schauspieler durchaus, es ist nur - wenn nun ein Emporkömmling, sagen wir: Robbie Williams, stolz darauf wäre oder so täte, als sei er stolz darauf, ein Lied "im neuen Robert-De-Niro-Film" unterzubringen, und dann soll der eben auch stolz auf eine Goldene-Kugeln-Nominierung sein, oder so tun, als sei er stolz darauf, in diesem Fall ist das aber doch ein wenig ... unter Wert, oder?

Das Lied selbst riss mich im Konzert nicht vom Hocker, es klang ein wenig wie Hall & Oates oder jedenfalls so, wie sich ein Lied zum belanglosen Familienfilm mit nicht zuviel Tiefgang aus dem Hause Disney eben anhört.

Die coolen Leute bringen zum Thema Golden Globes etwas von den ausgefransten Rändern. Ich hingegen präsentiere Ihnen etwas, das ich hassen würde, wenn es von Sting oder Elton John wäre.



Let's hear it!

Link zu diesem Beitrag (4 Kommentare)  | Kommentieren [?]   





... hier geht's zu den --> älteren Einträgen *
* Ausgereift und gut abgehangen, blättern Sie zurück!

Letzte Kommentare
bald hätte ich nochmals (ab)gebrochen
(venice_wolf, 08.02. 17:24)
Tuschen ist onomatopäisch (wenn ich...
(venice_wolf, 08.02. 17:24)
Kalender
Februar 2010
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
 1 
 2 
 6 
 8 
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
 
 
Archiv
02/10 01/10 12/09 11/09 10/09 09/09 08/09 07/09 06/09 05/09 04/09 03/09 02/09 01/09 12/08 11/08 10/08 09/08 08/08 07/08 06/08 05/08 04/08
Über
Über
Erstgespräch