Mumien, Analphabeten, Diebe.
Du hast's gut, du hast dein Leben noch vor dir.
Ray-Ray
nnier | 03. Oktober 2014 | Topic Fernseh
Das hörte sich nach so einem Pulp-Fiction-Setup an: Ein "Fixer", der Prominenten und Reichen weiterhilft, wenn sie mal wieder neben einer totgekoksten Nutte aufwachen. Ich hab' mir das mal angesehen und nach der ersten Folge gedacht, hmm, da wird das Baukästlein ausgebreitet, rund um den schweigsam-zynischen Problemlöser - und wie passend, dass es nicht nur den Sportstar mit der Koksnutte gibt, sondern auch den Actionschauspieler, dessen Schwulsein vor der Öffentlichkeit verborgen bleiben soll: Reichlich unbefriedigend, wie dann die beiden Puzzleteile mit dem Holzhammer zusammengeprügelt werden. Als Pilotfolge war das wenig überzeugend.

Frivole Leichenbeseitigungen und Erpressergeschichten in allen Variationen kann man sich hinlänglich vorstellen, und somit wäre die Serie für mich uninteressant gewesen, wäre nicht rechtzeititig der übergeordnete und tatsächlich spannende Handlungsstrang hervorgetreten, in dem Jon Voight als Vater der titelgebenden Hauptfigur Ray Donovan allen die Schau stiehlt. Man liest ja ab und zu, dass Angelina Jolie einen Vater hat, den sie ablehnt und der ein übler Raktionär sein soll. Mag sein; aber dieser tapsige Veteran, in dem unvermittelt eine ganz alte Gefährlichkeit aufblitzen kann, schlurft dermaßen beiläufig und doch präsent durchs Bild, dass es eine Freude ist. (Leider verkommt er nach dem ersten großen Handlungsbogen mit der zweiten Staffel zum Maskottchen).

All die emotional gestörten Menschen auf einem Haufen können einem gelegentlich auf die Nerven gehen: Missbrauchte Wracks, schweigsame Helden, kaputte Frauen, das ist ein zynisches Geficke und Gesaufe, und natürlich kann Kontrollfreak Ray ganze Gangsterbanden in den Griff bekommen, nicht aber seine eigene Familie: Auch das ein leidlich bekanntes Motiv, wiederum recht holzschnittartig aufgebaut, dann aber durchaus charmant beleuchtet und weitergeführt. Kommunikationsstörungen jedenfalls allüberall, obwohl permanent ins Smartphone gequatscht wird: Da sieht man mal wieder, wohin das führt.

Strukturell ist das alles äußerst brutal, und manchmal wird auch schlimm geprügelt und geschossen: Wirklich froh bin ich trotzdem darüber, dass man auf blöde Mätzchen und billige Scherze verzichtet hat. Da wird niemand um des Effektes willen oder für einen billigen Lacher erschossen, das ist alles reichlich dunkel grundiert, und obwohl es Tote und Verletzte gibt, ist die über allem schwebende Gewalt eindeutig eine psychische.

Lustig, wenn ich jetzt lese, dass die Serie im ZDF laufen soll: Es kann ja sein, dass so was inzwischen normal ist (ich sehe viel zu wenig fern, um das beurteilen zu können), aber da geht es nicht nur verbal ständig darum, wer wen "fickt" und wem einen "bläst", sondern auch die dargestellten Akte sind für meine Begriffe ungewohnt explizit.

Ich bin am Ende der zweiten Staffel angelangt und freue mich, dass es eine dritte geben soll, denn dem großen Schweiger Ray ist es am Ende doch entglitten: Wie kommt er da bloß wieder raus? Ein echtes Arschloch, der Mann, da kann man sich richtig identifizieren.

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damals, Samstag, 4. Oktober 2014, 02:01
Mal ganz spontan gesagt: Nach dem, was Sie sagen, weiß ich leider nicht, wovon Sie reden, aber warum Sie sich das angucken, wird mir erst recht nicht klar. Es gibt so viel schöne Filme auf der Welt, von hollywoodadäquat bis billig provinziell. Warum sowas, und dann auch noch staffelweise?

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nnier, Samstag, 4. Oktober 2014, 02:48
Na dann muss ich das wohl erst mal wieder üben. Ich rede von einer Fernsehserie, und da ist so ein Typ und der hat eine Frau und aber auch einen Vater und dann sagt er so und dann sie so, bis dann der Bruder - also eigentlich hat er zwei Brüder, bzw. man erfährt dann, dass es drei Brüder sind, denn der Vater hatte, bevor er im Knast war (woraus er aber schon früher als geplant entlassen wird), noch eine Affäre mit dieser anderen Frau, die jetzt mit so einem Hollywoodmogul zusammen ist, und einmal will er ihr eine Tasche schenken, die ist aber gefälscht, und zum Schluss sagt sie: Behalt die Tasche, ich hab das Original zu Hause, das ist aber noch vor der Explosion.

Das mit dem Gucken ist so eine Sache, ich krieg das einfach nicht hin. Dauernd lese ich in Spiegel oder Süddeutscher: Da gibt es einen tollen Film heute abend, mit Matthias Brandt, echt feine Fernsehkost, ganz wertvoll. Oder: Der Tatort am Sonntag ist echt mal was Besonderes. Ab und zu versuche ich es, bin dann regelmäßig konsterniert und denke: Wenn das gut sein soll, was läuft denn sonst!? Erst gestern wieder: Hach, ein anspruchsvoller Film über die Odenwaldschule, fiktionalisiert und mit Ulrich Tukur. Schmeiße ich die Mediathek an, kommt da genau das Erwartete, bunte 70er-Jahre-Hemdchen, ein traurig blickender Schüler, eine engagierte, junge Lehrerin und ein doppelbödiger Tukur (immer gleich), das Ganze dermaßen vom pädagogischen Reißbrett, dass man nach zehn Minuten aufgeben muss, weil's eh alles klar ist, alles ist eingefädelt und spult jetzt brav ab.

Dann wieder sagt dir jemand: Tolle Serie, internationale Spitzenproduktion, lustig und flott und intelligent, musst du gucken - aber für mich bleibt regelmäßig zu wenig Ertrag, das ist alles hyperprofessionell und smart, ähnlich einem Spidermanfilm: Popcornzeug.

Ich finde nichts, ich suche auch nichts, bloß dass mich manchmal Besprechungen wie die oben verlinkte neugierig machen. In diesem Fall hat's geklappt, ich habe mir das insgesamt gerne angeschaut, da gut inszeniert und gespielt. Wenig Mätzchen, zum Glück eben keine Leiche der Woche, die irgendwie originell beseitigt wird. Aber eine emotionale Kaputtheit, mit der man erst mal klarkommen muss.

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nnier, Sonntag, 5. Oktober 2014, 20:34
Ihre Frage (warum ich das angucke) hat mich noch weiter beschäftigt, und ich bin bei der Suche nach der Antwort immer wieder bei einer ganz bestimmten Szene gelandet.

Conor, der Sohn, wird 14, und beide Eltern vergessen erst mal den Geburtstag. Auf Wunsch des Jungen stampft Ray Donovan eine Party mit der dysfunktionalen Großfamilie aus dem Boden, die dann so fantastisch scheitert, dass am Ende jeder gedemütigt, verprügelt oder geflohen ist. Unter anderem hat Ray erfahren, dass seine Frau eine Affäre hat. Sturzbetrunken steht er vor dem Haus, als sein Sohn in den Partyruinen Musik einschaltet und sich heimlich eine Zigarette anzündet.

Dann passiert das hier (leider unnötig blöd zusammengeschnitten), und ich muss mich schon wieder freuen.

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damals, Sonntag, 5. Oktober 2014, 21:20
Ich verstehe. Ich hatte mich nur an der Menge an Gewalt und Heftigkeit gestoßen - das ist mir in den letzten Jahren immer ferner gerückt. (Ich gucke überwiegend französische Komödien - die sind auch, wenn sie banal sind, noch anguckbar - und wenn sie böse sind wie z.B. 5x2 doch immer noch kultiviert und nicht ohne auch gute Gefühle.)
Was ich verstehe, und der verlinkte Ausschnitt beweist es, dass Sie die Lebendigkeit goutieren. Kann ich gut nachvollziehen: Mit dem Odenwaldfilm gings mir wie Ihnen, wurde mir auch empfohlen und ich hab dann schon nach ein paar Minuten abgeschaltet. Wozu allerdings (ich geb es zu) der Name Christian Röhl im Vorspann einiges beitrug, der weckte schon einige Vorurteile, die sich dann umso schneller bestätigten.

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nnier, Sonntag, 5. Oktober 2014, 21:49
Das ist auch, was mich beschäftigt: Als Pulp Fiction in den Kinos lief, waren die übersteigerten Gewaltszenen und die Frivolität beim Spurenbeseitigen in der Form neu, und ich finde sie dort auch künstlerisch begründet. Trotzdem hat selbst da etwas an mir genagt: Was macht es eigentlich mit einem, wenn man das einfach so wegkonsumiert. Ich rede nicht mal von Splatterfilmen (da gruselt mir oft mehr vor den Leuten, die das gerne ansehen, als vor dem Gezeigten), sondern von den hyperrealistischen Leichenaufnahmen, dem ewigen Geschnippel auf dem Seziertisch in Mainstreamserien wie CSI, dem kalten Blick sozusagen, den man als Zuschauer aufgezwungen bekommt. Ein weites Feld, natürlich, aber es hilft womöglich schon weiter, wenn man "Gewalt" nicht als Substanz betrachtet, sondern als Verhältnis.

Odenwald - diese betroffenen Missbrauchsopfer ganz am Anfang, wie sie beim Auftritt der Ministerin ans Mikrofon eilen, um aufzusagen: Ich-heiße-Fritz-Meier-und-ich-wurde-auf-dieser-Schule-missbraucht-die-Täter-müssen-endlich-bestraft-werden, grauenhaftes Laientheater, die Texttafeln knapp außerhalb des Bildausschnitts, Volkspädagogik der ganz hölzernen Art. Dass ein Thema gesellschaftlich relevant ist, macht noch keinen guten Film.

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nnier, Mittwoch, 8. Oktober 2014, 20:06
OK, ihr werdet diese Serie also erst entdecken. Ich beneide euch. Aber eines muss ich noch klarstelllen: Die verlinkte Szene mit dem tanzenden Ray ist verfälschend geschnitten, das ist ärgerlich genug - ernsthaft würgen könnte ich den Videokünstler dafür, dass er Ray und seinen Sohn zu dem stupiden Plastikpop von "Let's Talk About Sex" tanzen lässt. Tatsächlich ist es das ekstatische Walk This Way von (RunDMC & Aerosmith), bei dem die beiden für einen Moment zueinanderfinden, als wirklich alles kaputt ist.

Mist, jetzt haben sie mich, ich würde wirklich gerne neue Folgen sehen.

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kid37, Mittwoch, 8. Oktober 2014, 20:34
Danach können Sie mal The Fall schauen. Das ZDF hat die Rechte, will es aber nicht zeigen, eine zweite Staffel ist immerhin abgedreht.

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nnier, Mittwoch, 8. Oktober 2014, 20:50
Das probiere ich gleich mal aus, danke für den Hinweis! (Hat die was mit ihren Haaren gemacht?)

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kid37, Montag, 13. Oktober 2014, 19:53
Ja. Ist alles noch schöner geworden.

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nnier, Montag, 13. Oktober 2014, 20:23
Nach den fünf schönen Folgen der ersten Staffel hänge ich da und muss warten, bis es weitergeht - das ist ja wie früher!

(Ich wollt's nicht sagen.)

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