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Es gibt in meiner Nähe einen Wochenmarkt, der über die Stadtgrenzen hinaus bekannt und wirklich nicht schlecht ist. Eines aber habe ich all die Jahre vermisst: Die Grüne Soße.

Wer in Norddeutschland aufgewachsen ist, kann sich darunter vielleicht nichts vorstellen. Die Rede ist von der bekannten Frankfurter Grie Soß, einem sehr reichhaltigen Kaltgericht, das im wesentlichen aus saurer Sahne sowie mindestens sieben feingehackten, frischen Kräutersorten besteht, angedickt mit zerhacktem, hartgekochtem Ei und besonders gut mit Pellkartoffeln zu genießen.
Man kann weiter südlich, z.B. schon in Göttingen, auf dem Markt "Grüne Soße" verlangen, bekommt dann die sieben Kräuter fertig gebündelt in einer Papiertüte und kann sich zu Hause direkt ans Schnippeln machen. Versucht man dergleichen in Bremen, wird man blöd angeglotzt: "Soße verkaufen wir nicht, hier ist ein Gemüsestand."
So darbte ich ein gutes Jahrzehnt vor mich hin, bis letzte Woche an einem Stand gänzlich unverhofft ein handgeschriebenes Schildchen "Grüne Sauce" anpries, und tatsächlich stand in einer unscheinbaren Plastikschüssel ein dickes Bündel diverser Kräuter, die ich natürlich sofort kaufte, verarbeitete und nach Rezept würzte, zudem fragte ich telefonisch nach Tipps und Tricks (etwas Senf! Nicht nur Essig!), pellte die hartgekochten Eier, ließ sie erkalten, hackte sie klein, rührte sie unter die schon perfekt durchgezogene Soße, die Pellkartoffeln waren auf den Punkt gar, und zwei Tage lang aß nicht nur ich dümm- und glücklich grinsend von der frischen, duftenden, sämigen Masse.
Ich gehe nicht gerne auf dem Markt einkaufen, mir ist da zuviel Geschiebe, ich überlasse es gerne anderen Menschen, die guten Sachen dort zu erstehen, doch heute musste es sein. Obwohl ich schon zum Frühstück Aspirin verspeist und genug Todos auf dem Tagesplan hatte, radelte ich zum Markt, nur um an dem Stand zu erfahren, dass man "die Kräuter" nicht mehr habe.
So fixiert, wie ich auf die Wiederholung des Genusses war, weinte ich nur kurz und fragte dann, ob man denn wisse, welche Kräuter hineingehörten. "Sicher! Basilikum, Thymian, und, äh, Oregano, und, äh."
Auch wenn ich mir selbst nicht ganz sicher war: das klang falsch. Hätte ich nur meinerseits besser aufgepasst, als die sieben Kräuter letzte Woche vor mir lagen! Aber da war ich so glücklich, dass ich einfach alles kleingeschnitten habe. Und ein echter Pflanzenkenner bin ich nun mal nicht. So orderte ich zunächst die Bestandteile, bei denen ich mir sicher war (Petersilie, Schnittlauch, Dill) und nahm, weil's so schön grün aussah, auch noch Bohnenkraut und Rauke mit.

Zu Hause schnitt ich gleich alles klein, ich wollte kein Rezept lesen, es würde schon irgendwie gehen, ich mischte die saure Sahne mit dem Salz und dem Pfeffer, dem Essig und dem Senf, aber schon als ein gewaltiger Spritzer Senf aus der blauen Tube auf meinen Wildlederschuhen landete, hätte ich innehalten und noch einmal in Ruhe nachdenken sollen. Leider war ich etwas in Eile, und das sollte doch noch fertigwerden, also, eine Prise Zucker, einfach direkt aus dem Glas -
(wir haben ja diese praktischen Gläser, es sind eigentlich Honiggläser, 2 kg, und wenn die leer sind, es sind zwar Pfandgläser, aber die kann man gut für Müsli und Mehl und, ja, Zucker verwenden) -

und, zack!, löste sich eine verharschte Zuckerscholle und es knallte ein halbes Pfund in die Schüssel zu den Kräutern und der sauren Sahne.
Ich habe so viel wie möglich oben abgelöffelt. Dann habe ich aufgehört; in eine Plastikschüssel damit, Deckel drauf, ab in den Kühlschrank! Und komm erst wieder, wenn du klar im Kopf bist!
Inzwischen habe ich nachgelesen: Es gehört kein Bohnenkraut rein. Auch keine Rauke. Aber Kerbel. Sauerampfer. Kresse. Estragon. Liebstöckel. Zitronenmelisse.
Inzwischen habe ich probiert: Es ist zu süß, und die Kräuter schmecken einfach nicht richtig. Trotzdem werde ich morgen vormittag versuchen zu retten, was zu retten ist, mit Essig und Senf und Salz herumprobieren, und die fünf hartgekochten Eier, die werde ich auch noch reinschnippeln - und dann esse ich das!

Oder wenigstens diese Champagnertrüffeln.

Wer in Norddeutschland aufgewachsen ist, kann sich darunter vielleicht nichts vorstellen. Die Rede ist von der bekannten Frankfurter Grie Soß, einem sehr reichhaltigen Kaltgericht, das im wesentlichen aus saurer Sahne sowie mindestens sieben feingehackten, frischen Kräutersorten besteht, angedickt mit zerhacktem, hartgekochtem Ei und besonders gut mit Pellkartoffeln zu genießen.
Man kann weiter südlich, z.B. schon in Göttingen, auf dem Markt "Grüne Soße" verlangen, bekommt dann die sieben Kräuter fertig gebündelt in einer Papiertüte und kann sich zu Hause direkt ans Schnippeln machen. Versucht man dergleichen in Bremen, wird man blöd angeglotzt: "Soße verkaufen wir nicht, hier ist ein Gemüsestand."
So darbte ich ein gutes Jahrzehnt vor mich hin, bis letzte Woche an einem Stand gänzlich unverhofft ein handgeschriebenes Schildchen "Grüne Sauce" anpries, und tatsächlich stand in einer unscheinbaren Plastikschüssel ein dickes Bündel diverser Kräuter, die ich natürlich sofort kaufte, verarbeitete und nach Rezept würzte, zudem fragte ich telefonisch nach Tipps und Tricks (etwas Senf! Nicht nur Essig!), pellte die hartgekochten Eier, ließ sie erkalten, hackte sie klein, rührte sie unter die schon perfekt durchgezogene Soße, die Pellkartoffeln waren auf den Punkt gar, und zwei Tage lang aß nicht nur ich dümm- und glücklich grinsend von der frischen, duftenden, sämigen Masse.
Ich gehe nicht gerne auf dem Markt einkaufen, mir ist da zuviel Geschiebe, ich überlasse es gerne anderen Menschen, die guten Sachen dort zu erstehen, doch heute musste es sein. Obwohl ich schon zum Frühstück Aspirin verspeist und genug Todos auf dem Tagesplan hatte, radelte ich zum Markt, nur um an dem Stand zu erfahren, dass man "die Kräuter" nicht mehr habe.
So fixiert, wie ich auf die Wiederholung des Genusses war, weinte ich nur kurz und fragte dann, ob man denn wisse, welche Kräuter hineingehörten. "Sicher! Basilikum, Thymian, und, äh, Oregano, und, äh."
Auch wenn ich mir selbst nicht ganz sicher war: das klang falsch. Hätte ich nur meinerseits besser aufgepasst, als die sieben Kräuter letzte Woche vor mir lagen! Aber da war ich so glücklich, dass ich einfach alles kleingeschnitten habe. Und ein echter Pflanzenkenner bin ich nun mal nicht. So orderte ich zunächst die Bestandteile, bei denen ich mir sicher war (Petersilie, Schnittlauch, Dill) und nahm, weil's so schön grün aussah, auch noch Bohnenkraut und Rauke mit.

Zu Hause schnitt ich gleich alles klein, ich wollte kein Rezept lesen, es würde schon irgendwie gehen, ich mischte die saure Sahne mit dem Salz und dem Pfeffer, dem Essig und dem Senf, aber schon als ein gewaltiger Spritzer Senf aus der blauen Tube auf meinen Wildlederschuhen landete, hätte ich innehalten und noch einmal in Ruhe nachdenken sollen. Leider war ich etwas in Eile, und das sollte doch noch fertigwerden, also, eine Prise Zucker, einfach direkt aus dem Glas -
(wir haben ja diese praktischen Gläser, es sind eigentlich Honiggläser, 2 kg, und wenn die leer sind, es sind zwar Pfandgläser, aber die kann man gut für Müsli und Mehl und, ja, Zucker verwenden) -

und, zack!, löste sich eine verharschte Zuckerscholle und es knallte ein halbes Pfund in die Schüssel zu den Kräutern und der sauren Sahne.
Ich habe so viel wie möglich oben abgelöffelt. Dann habe ich aufgehört; in eine Plastikschüssel damit, Deckel drauf, ab in den Kühlschrank! Und komm erst wieder, wenn du klar im Kopf bist!
Inzwischen habe ich nachgelesen: Es gehört kein Bohnenkraut rein. Auch keine Rauke. Aber Kerbel. Sauerampfer. Kresse. Estragon. Liebstöckel. Zitronenmelisse.
Inzwischen habe ich probiert: Es ist zu süß, und die Kräuter schmecken einfach nicht richtig. Trotzdem werde ich morgen vormittag versuchen zu retten, was zu retten ist, mit Essig und Senf und Salz herumprobieren, und die fünf hartgekochten Eier, die werde ich auch noch reinschnippeln - und dann esse ich das!

Oder wenigstens diese Champagnertrüffeln.
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Bei den Konzerten in Deutschland war ich immer im Inneraum gewesen, hatte mich möglichst weit in Richtung Bühne geschummelt und dann dicht gedrängt zwischen lauter enthusiastischen Menschen gestanden, die ihr Glück ebensowenig fassen konnten wie ich. Man hatte ja stundenlang gewartet, sich den roten Vorhang auf der Bühne angesehen, war dehydriert und halb gelähmt, es war voller und voller geworden, instrumentale Musik hatte aus den Lautsprecherboxen geklungen, jeder Bühnentechniker war bejubelt worden, es wurde endlich dunkel, der Vorhang öffnete sich, ein Film wurde gezeigt, an dessen Ende die Buchstaben N-O-W standen, und dann war es wirklich so weit, und auch nach dem fünften Mal konnte ich es einfach nicht fassen, wer dann auf die Bühne kam, und dass ich auch da war. Aber das habe ich wahrscheinlich schon mal erwähnt.
Ernüchtert hatte ich festgestellt, dass die vier Tickets, die ich zum Glück doch noch in den Händen halten konnte, numerierte Platzkarten waren. Schmerzlich malte ich mir die Vorstellung aus, irgendwo am Rand der Arena zu sitzen, während im Innenraum begeistert getobt würde - nun, ich wollte nicht undankbar sein und betrat die Halle, nicht ohne mich über die gesitteten Engländer zu wundern, die auch nach dem Betreten des Innenraums nicht losrannten, sondern in aller Ruhe weiterschlenderten.
Den Grund sollte ich bald erkennen: Auch im Inneraum gab es nur Sitzplätze. Und als ob das nicht irritierend genug wäre - so in etwa hatte ich mir einen Opernsaal vorgestellt - standen einige Menschen bei Konzertbeginn natürlich auf und gaben ihrer Freude Ausdruck, wurden aber sofort, "Sit down!", von ihren Sitznachbarn zurechtgewiesen und saßen deshalb bald mit eingezogenen Schultern ebenso still wie diese.
Ich beobachtete das Schauspiel fassungslos: Die Menschen saßen da wie im Kino, ein Lied wurde gespielt, man applaudierte höflich, das nächste Lied wurde gespielt, man applaudierte. Was für ein Stimmungskiller! Und was für ein Unterschied zu den Konzerten in Deutschland.
Die beiden Schwarzen draußen vor der Halle, die keine Tickets hatten (ich hatte für den Tag auch keins), diese begeisterten Beatles-Fans, mit denen ich über dieses und jenes und vor allem über die Lieder sprach, die leise aus der Halle drangen, erklärten mir, dass die Londoner nun mal so seien. "I mean, the Beatles were it", sagte der eine schulterzuckend, und da hatte er vermutlich recht.
Ging man nach dem Konzert mit den Menschenmassen zur U-Bahn, war es auf dem Weg dorthin ebenso still wie beim Warten in der Station oder im vollen Zug. "How did you like it", fragte in die Stille hinein ein Mann seine Frau. "I think it was excellent. It was brilliant", sprach sie kühl mit unbewegtem Gesicht, und ich hätte sie schütteln wollen.
Und sie haben doch ein Herz. Ich weiß es seit dem letzen Konzert. Auf dem Platz neben mir saß ein junges, braunhaariges Mädchen. Bis zum Schluss saß sie ganz still da, und als der Zugabenteil fast beendet war, stand sie auf, und in den Schlussapplaus hinein rief sie: "Paul! I love you! I love you!", immer wieder, und ich sah sie an und musste lächeln.
Ernüchtert hatte ich festgestellt, dass die vier Tickets, die ich zum Glück doch noch in den Händen halten konnte, numerierte Platzkarten waren. Schmerzlich malte ich mir die Vorstellung aus, irgendwo am Rand der Arena zu sitzen, während im Innenraum begeistert getobt würde - nun, ich wollte nicht undankbar sein und betrat die Halle, nicht ohne mich über die gesitteten Engländer zu wundern, die auch nach dem Betreten des Innenraums nicht losrannten, sondern in aller Ruhe weiterschlenderten.
Den Grund sollte ich bald erkennen: Auch im Inneraum gab es nur Sitzplätze. Und als ob das nicht irritierend genug wäre - so in etwa hatte ich mir einen Opernsaal vorgestellt - standen einige Menschen bei Konzertbeginn natürlich auf und gaben ihrer Freude Ausdruck, wurden aber sofort, "Sit down!", von ihren Sitznachbarn zurechtgewiesen und saßen deshalb bald mit eingezogenen Schultern ebenso still wie diese.
Ich beobachtete das Schauspiel fassungslos: Die Menschen saßen da wie im Kino, ein Lied wurde gespielt, man applaudierte höflich, das nächste Lied wurde gespielt, man applaudierte. Was für ein Stimmungskiller! Und was für ein Unterschied zu den Konzerten in Deutschland.
Die beiden Schwarzen draußen vor der Halle, die keine Tickets hatten (ich hatte für den Tag auch keins), diese begeisterten Beatles-Fans, mit denen ich über dieses und jenes und vor allem über die Lieder sprach, die leise aus der Halle drangen, erklärten mir, dass die Londoner nun mal so seien. "I mean, the Beatles were it", sagte der eine schulterzuckend, und da hatte er vermutlich recht.
Ging man nach dem Konzert mit den Menschenmassen zur U-Bahn, war es auf dem Weg dorthin ebenso still wie beim Warten in der Station oder im vollen Zug. "How did you like it", fragte in die Stille hinein ein Mann seine Frau. "I think it was excellent. It was brilliant", sprach sie kühl mit unbewegtem Gesicht, und ich hätte sie schütteln wollen.
Und sie haben doch ein Herz. Ich weiß es seit dem letzen Konzert. Auf dem Platz neben mir saß ein junges, braunhaariges Mädchen. Bis zum Schluss saß sie ganz still da, und als der Zugabenteil fast beendet war, stand sie auf, und in den Schlussapplaus hinein rief sie: "Paul! I love you! I love you!", immer wieder, und ich sah sie an und musste lächeln.
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Kennt irgend jemand noch Dan-Air? Nicht? Ich bin mir eigentlich ziemlich sicher, dass diese Fluglinie so hieß, einen Moment mal bitte - ja, da haben wir's, hier, sehen Sie:
Mit den überwältigenden Ereignissen im Herbst 1989, die sich nun bald zum zwanzigsten Mal jähren, hatte sich die Welt auch für mich fundamental geändert. So vieles, das noch Monate vorher undenkbar gewesen war, schien plötzlich zum Greifen nahe! Und ich bekenne freimütig, auch ich hätte wohl zu jenen gehört, die von "Phantastereien", "Wunschdenken" und so weiter gesprochen hätten, hätte im Sommer 1989 jemand über die Möglichkeit auch nur spekuliert, dass Paul McCartney jemals wieder auf Tournee gehen könnte. Und doch war plötzlich wahr geworden, was niemand zu hoffen gewagt hatte, alles schien freudig zu vibrieren, und wenn ich durch das Land fuhr, um die Konzerte zu besuchen, dann grüßten die Autofahrer mit der Lichthupe und ich grüßte freudig zurück.
Doch ewig konnte es nicht so weitergehen, und als ich nach dem letzten Konzert aus München zurückgekehrt war, kam ich im Alltag nicht mehr zurecht. Dass meine Zivildienstkollegen über mich flüsterten, bekam ich kaum mit - man unterstellte mir, ich müsse "jemanden kennengelernt" haben, das sei der Grund für meine häufigen Kurzurlaube - was für eine lächerliche Idee! - und immer öfter saß ich grübelnd im Aufenthaltsraum, bewegte tonlos die Lippen, es arbeitete in mir, bis ich eines Tages entschlossen aufstand und mit den Worten "Ich muss im Januar noch ne Woche Urlaub haben" ins Zimmer meines Vorgesetzten stapfte, der mich erschrocken ansah und den Urlaubsantrag sofort unterschrieb.
Mit dem Zug fuhr ich nach Hannover zum Flughafen, bestieg die Dan-Air-Maschine, ich war aufgeregt, denn ich war noch nie geflogen, wenn ich keinen Keuchhusten hatte, ein Steward löste eine Klappe, die mit lautem Knall gegen die Hinterköpfe zweier Passagiere schlug, er lächelte professionell, die Maschine hob ab, ich sah die Wolken von oben, neben mir die Tragfläche, daran die Düse, aus welcher, wie ich bemerkte, beständig Flüssigkeit entwich, sie trat vorne aus einer Rille aus und lief gut sichtbar auf der Düse entlang, ich winkte dem Steward, zeigte ihm, was ich sah, er lächelte professionell und hob die Schultern, ich aß ein dreieckiges Käsesandwich und trank Tomatensaft und kam irgendwann in Heathrow an.
Dan-Air (Dan Air Services Limited) is a defunct airline in the United Kingdom. It started in 1953 and was absorbed into British Airways in 1992.Einmal hatte ich Keuchhusten, und der Arzt verschrieb mir Sturzflüge. Ich fuhr mit meiner Mutter zu einem kleinen Sportflughafen bei Hannover, wir gaben dem Piloten das Rezept, 3000 Meter stand drauf, wir stiegen ein und schnallten uns an, schon hob die Propellermaschine ab, das da unten ist Hannover, das die Leine, aber wir sind hier ja nicht zum Vergnügen, also bitte festhalten - und runter ging's, ich sollte Schleim abhusten auf das Handtuch, das auf meinen Knien lag, und das war das einzige Mal, dass ich geflogen bin, und wir waren ganz normal in der Barmer Ersatzkasse.
Mit den überwältigenden Ereignissen im Herbst 1989, die sich nun bald zum zwanzigsten Mal jähren, hatte sich die Welt auch für mich fundamental geändert. So vieles, das noch Monate vorher undenkbar gewesen war, schien plötzlich zum Greifen nahe! Und ich bekenne freimütig, auch ich hätte wohl zu jenen gehört, die von "Phantastereien", "Wunschdenken" und so weiter gesprochen hätten, hätte im Sommer 1989 jemand über die Möglichkeit auch nur spekuliert, dass Paul McCartney jemals wieder auf Tournee gehen könnte. Und doch war plötzlich wahr geworden, was niemand zu hoffen gewagt hatte, alles schien freudig zu vibrieren, und wenn ich durch das Land fuhr, um die Konzerte zu besuchen, dann grüßten die Autofahrer mit der Lichthupe und ich grüßte freudig zurück.
Doch ewig konnte es nicht so weitergehen, und als ich nach dem letzten Konzert aus München zurückgekehrt war, kam ich im Alltag nicht mehr zurecht. Dass meine Zivildienstkollegen über mich flüsterten, bekam ich kaum mit - man unterstellte mir, ich müsse "jemanden kennengelernt" haben, das sei der Grund für meine häufigen Kurzurlaube - was für eine lächerliche Idee! - und immer öfter saß ich grübelnd im Aufenthaltsraum, bewegte tonlos die Lippen, es arbeitete in mir, bis ich eines Tages entschlossen aufstand und mit den Worten "Ich muss im Januar noch ne Woche Urlaub haben" ins Zimmer meines Vorgesetzten stapfte, der mich erschrocken ansah und den Urlaubsantrag sofort unterschrieb.
Mit dem Zug fuhr ich nach Hannover zum Flughafen, bestieg die Dan-Air-Maschine, ich war aufgeregt, denn ich war noch nie geflogen, wenn ich keinen Keuchhusten hatte, ein Steward löste eine Klappe, die mit lautem Knall gegen die Hinterköpfe zweier Passagiere schlug, er lächelte professionell, die Maschine hob ab, ich sah die Wolken von oben, neben mir die Tragfläche, daran die Düse, aus welcher, wie ich bemerkte, beständig Flüssigkeit entwich, sie trat vorne aus einer Rille aus und lief gut sichtbar auf der Düse entlang, ich winkte dem Steward, zeigte ihm, was ich sah, er lächelte professionell und hob die Schultern, ich aß ein dreieckiges Käsesandwich und trank Tomatensaft und kam irgendwann in Heathrow an.
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Vol. 8: Von ELITEN als WC geahndet!
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Es hätte mich eventuell stutzig machen können, dass ein Bediensteter der Stadt, ein Mitarbeiter des ÖPNV, nicht die Straße kannte, nach der ich ihn fragte. Er rätselte herum, meinte, sie könne wohl in dem und dem Stadtteil sein, ich fand das unerhört: Hätte ich in meiner Heimatstadt einen Busfahrer gefragt, na, der hätte aber sofort bescheid gewusst!
Ich hatte keinerlei Vorstellung von der Größe dieser Stadt. Der Stadtplan wirkte auch nicht größer als andere, gut, nur dass die Straßen darauf deutlich kleiner aussahen, und wahrscheinlich war es nur die Patentfaltung, die es ermöglichte, so viel darauf unterzubringen - wer weiß! Ich hätte womöglich aufmerksam werden können, auch durch die langen Fahrzeiten der Busse und U-Bahnen, in denen ich stundenlang erst in die eine und dann wieder in die andere Richtung gefahren war. Allerdings war ich noch etwas mitgenommen, und schließlich war das mein erster Flug alleine gewesen, und ich war ja so froh, als ich endlich angekommen war, spät am Abend, in jener Straße, nach der ich den U-Bahn-Mitarbeiter gefragt hatte. Dort hatte ich über eine private Verbindung ein Zimmer gemietet, und als ich müde und verfroren dort auftauchte, wollte ich ins Bett, ich hatte kein Ohr mehr für die vielen Ratschläge der Vermieterin, welche Fahrscheine kaufen solle und wo ich am besten entlangfahren könne und was ich sonst noch unbedingt beachten solle.
Als ich am nächsten Vormittag erwachte, war außer mir niemand im Haus, dabei pflegte, so war mir erzählt worden, das mittelalte Ehepaar zahlreiche Zimmer an Jugendliche und junge Erwachsene zu vermieten, es sei ein internationales Haus, die Abende immer lustig, da hatte ich womöglich etwas verpasst am Vorabend, aber nun hieß es erst einmal frühstücken, der altertümliche Toaster sengte die Weißbrotscheiben aus der Packung mit dem abgelaufenen Haltbarkeitsdatum ordentlich an, ich aß einen Berg Marmeladentoast und suchte dann auf dem Stadtplan das Bankenviertel heraus, wo ich die Person treffen sollte, der ich eine größere Geldsumme überwiesen hatte, damit sie mir die Eintrittskarten besorge.
Wie ich dort schließlich hinfand, weiß ich nicht, erinnere mich aber an das aufsteigende Gefühl leichter Panik, als man mir zu verstehen gab, sie habe heute frei und, nein, ihre Adresse könne man mir nicht nennen, sorry. Es folgten ein internationales Telefonat aus der Telefonzelle und diverse fernmündliche Ratschläge, wo ich es eventuell versuchen könne, der Tag ging ins Land, ich fuhr in der Gegend herum und suchte die erste der Adressen auf, die zu probieren man mir geraten hatte, klingelte also irgendwo, ging mutlos die Treppe hinauf und wollte schon verzweifeln, als mir statt der erwarteten jungen Frau ein älterer Herr die Tür öffnete, dem ich, da ich ohnehin nichts mehr zu verlieren hatte, klarzumachen versuchte, dass ich doch extra hergeflogen sei und nun nicht an meine Tickets käme, ich malte mir schon die tristen, sinnlosen Tage aus, die folgen würden, als er mich anlächelte und, "Wait a minute", in seiner Wohnung verschwand und mit den Tickets in der Hand wieder herauskam. "Have fun!", ich konnte nur debil grinsen, ich weiß nicht, ob ich mich bedankt habe, ich rannte die Treppe hinunter und musste mich ganz schön beeilen, denn schließlich wollte ich rechtzeitig zur Wembley Arena kommen!
Nach dem Konzert ließ ich mir wie üblich Zeit, stürmte nicht mit den Massen hinaus, sondern blieb in der Halle, sammelte mich, ging dann als einer der letzten hinaus und schlenderte zur U-Bahn-Station. Dort verriegelte gerade ein Uniformierter den Eingang: "We're closing!"
"You're what!?", fragte ich entsetzt und musste feststellen, dass meine Vorstellungen von der Weltstadt, in der rund um die Uhr Betrieb herrsche, und erst recht nach einem Konzert in der berühmten Wembley Arena, genauso naiv gewesen waren wie ich die ganze Unternehmung angegangen hatte.
Zwar hatte ich noch 20 Pfund in der Tasche, doch bildeten diese nach den erheblichen Ausgaben, die ich für Flug, Unterkunft, Eintrittskarten usw. getätigt hatte, schon einen Gutteil meines Restvermögens, das mich durch die Woche bringen sollte. Unschlüssig lief ich durch die Gegend, sah aber irgendwann ein, dass mich dies in der großen, großen Stadt, die viel größer war, als ich es mir hatte vorstellen können, nicht weiterbrachte und steuerte einen Taxistand an. Hoffentlich, so dachte ich, muss ich nicht mehr als zehn Pfund ausgeben, nannte dem unfreundlichen Fahrer die Zieladresse und konnte es zum zweiten Mal an diesem Tag nicht fassen: Er kannte die Straße nicht. Und so etwas wollte ein Taxifahrer sein! Ich faltete meinen Stadtplan auseinander, zeigte ihm das Ziel, er schien zu begreifen und fuhr los. Und fuhr. Und fuhr. Die zehn Pfund waren schon fast erreicht, ich wurde unruhig, zwölf Pfund, 15 Pfund, ich fragte, wie weit es noch sei, 18 Pfund, das sei noch ein gutes Stück, 20 Pfund, nun hätte ich Farbe bekennen müssen, aber ich blieb einfach sitzen. Zu lang war der Tag gewesen, zu kalt die winterliche Stadt, ich nahm mir vor, einfach ganz überrascht zu tun, wenn der Fahrpreis verkündet würde, und bei 28 Pfund standen wir schließlich, es war weit nach Mitternacht, vor dem Haus, in dem es stockdunkel war.
Ich erklärte dem Fahrer meine Situation, beruhigte ihn, er könne die 20 Pfund sofort haben und den Rest würde ich jetzt gleich aus meinem Zimmer holen, er zog die Augenbrauen noch höher, ich suchte den Schlüssel in meiner Jackentasche, ich bekam das Schloss im Dunkeln nicht auf, ich fand den Lichtschalter nicht, ich stolperte auf der Treppe, ich öffnete die falsche Zimmertür, fand schließlich meines, griff ins Innenfach meines Rucksacks, erwischte einen Zehnpfundschein, rannte die Treppe hinunter, die Tür knallte hinter mir, glücklich streckte ich dem Fahrer den Schein hin, der mich vorwurfsvoll ansah, das habe aber lange gedauert und, oh, das sei aber zu wenig Geld. Ich war geschockt. Die Anzeige des Taxameters zeigte inzwischen 32 Pfund. Konsterniert machte ich kehrt, fummelte den Schlüssel heraus, Türschloss, Treppe, Licht, Zimmertür, allerletztes Geld, Treppe runter, Haustür knallt, Taxameter zeigt 34 Pfund, hier, bitte, noch 5 Pfund, stimmt so, der Taxifahrer fuhr wortlos ab und ich schloss zum dritten Mal die Haustür auf, ächzte die Treppe hoch, ließ mich ins Bett fallen und hasste die Londoner.
Ich hatte keinerlei Vorstellung von der Größe dieser Stadt. Der Stadtplan wirkte auch nicht größer als andere, gut, nur dass die Straßen darauf deutlich kleiner aussahen, und wahrscheinlich war es nur die Patentfaltung, die es ermöglichte, so viel darauf unterzubringen - wer weiß! Ich hätte womöglich aufmerksam werden können, auch durch die langen Fahrzeiten der Busse und U-Bahnen, in denen ich stundenlang erst in die eine und dann wieder in die andere Richtung gefahren war. Allerdings war ich noch etwas mitgenommen, und schließlich war das mein erster Flug alleine gewesen, und ich war ja so froh, als ich endlich angekommen war, spät am Abend, in jener Straße, nach der ich den U-Bahn-Mitarbeiter gefragt hatte. Dort hatte ich über eine private Verbindung ein Zimmer gemietet, und als ich müde und verfroren dort auftauchte, wollte ich ins Bett, ich hatte kein Ohr mehr für die vielen Ratschläge der Vermieterin, welche Fahrscheine kaufen solle und wo ich am besten entlangfahren könne und was ich sonst noch unbedingt beachten solle.
Als ich am nächsten Vormittag erwachte, war außer mir niemand im Haus, dabei pflegte, so war mir erzählt worden, das mittelalte Ehepaar zahlreiche Zimmer an Jugendliche und junge Erwachsene zu vermieten, es sei ein internationales Haus, die Abende immer lustig, da hatte ich womöglich etwas verpasst am Vorabend, aber nun hieß es erst einmal frühstücken, der altertümliche Toaster sengte die Weißbrotscheiben aus der Packung mit dem abgelaufenen Haltbarkeitsdatum ordentlich an, ich aß einen Berg Marmeladentoast und suchte dann auf dem Stadtplan das Bankenviertel heraus, wo ich die Person treffen sollte, der ich eine größere Geldsumme überwiesen hatte, damit sie mir die Eintrittskarten besorge.
Wie ich dort schließlich hinfand, weiß ich nicht, erinnere mich aber an das aufsteigende Gefühl leichter Panik, als man mir zu verstehen gab, sie habe heute frei und, nein, ihre Adresse könne man mir nicht nennen, sorry. Es folgten ein internationales Telefonat aus der Telefonzelle und diverse fernmündliche Ratschläge, wo ich es eventuell versuchen könne, der Tag ging ins Land, ich fuhr in der Gegend herum und suchte die erste der Adressen auf, die zu probieren man mir geraten hatte, klingelte also irgendwo, ging mutlos die Treppe hinauf und wollte schon verzweifeln, als mir statt der erwarteten jungen Frau ein älterer Herr die Tür öffnete, dem ich, da ich ohnehin nichts mehr zu verlieren hatte, klarzumachen versuchte, dass ich doch extra hergeflogen sei und nun nicht an meine Tickets käme, ich malte mir schon die tristen, sinnlosen Tage aus, die folgen würden, als er mich anlächelte und, "Wait a minute", in seiner Wohnung verschwand und mit den Tickets in der Hand wieder herauskam. "Have fun!", ich konnte nur debil grinsen, ich weiß nicht, ob ich mich bedankt habe, ich rannte die Treppe hinunter und musste mich ganz schön beeilen, denn schließlich wollte ich rechtzeitig zur Wembley Arena kommen!
Nach dem Konzert ließ ich mir wie üblich Zeit, stürmte nicht mit den Massen hinaus, sondern blieb in der Halle, sammelte mich, ging dann als einer der letzten hinaus und schlenderte zur U-Bahn-Station. Dort verriegelte gerade ein Uniformierter den Eingang: "We're closing!"
"You're what!?", fragte ich entsetzt und musste feststellen, dass meine Vorstellungen von der Weltstadt, in der rund um die Uhr Betrieb herrsche, und erst recht nach einem Konzert in der berühmten Wembley Arena, genauso naiv gewesen waren wie ich die ganze Unternehmung angegangen hatte.
Zwar hatte ich noch 20 Pfund in der Tasche, doch bildeten diese nach den erheblichen Ausgaben, die ich für Flug, Unterkunft, Eintrittskarten usw. getätigt hatte, schon einen Gutteil meines Restvermögens, das mich durch die Woche bringen sollte. Unschlüssig lief ich durch die Gegend, sah aber irgendwann ein, dass mich dies in der großen, großen Stadt, die viel größer war, als ich es mir hatte vorstellen können, nicht weiterbrachte und steuerte einen Taxistand an. Hoffentlich, so dachte ich, muss ich nicht mehr als zehn Pfund ausgeben, nannte dem unfreundlichen Fahrer die Zieladresse und konnte es zum zweiten Mal an diesem Tag nicht fassen: Er kannte die Straße nicht. Und so etwas wollte ein Taxifahrer sein! Ich faltete meinen Stadtplan auseinander, zeigte ihm das Ziel, er schien zu begreifen und fuhr los. Und fuhr. Und fuhr. Die zehn Pfund waren schon fast erreicht, ich wurde unruhig, zwölf Pfund, 15 Pfund, ich fragte, wie weit es noch sei, 18 Pfund, das sei noch ein gutes Stück, 20 Pfund, nun hätte ich Farbe bekennen müssen, aber ich blieb einfach sitzen. Zu lang war der Tag gewesen, zu kalt die winterliche Stadt, ich nahm mir vor, einfach ganz überrascht zu tun, wenn der Fahrpreis verkündet würde, und bei 28 Pfund standen wir schließlich, es war weit nach Mitternacht, vor dem Haus, in dem es stockdunkel war.
Ich erklärte dem Fahrer meine Situation, beruhigte ihn, er könne die 20 Pfund sofort haben und den Rest würde ich jetzt gleich aus meinem Zimmer holen, er zog die Augenbrauen noch höher, ich suchte den Schlüssel in meiner Jackentasche, ich bekam das Schloss im Dunkeln nicht auf, ich fand den Lichtschalter nicht, ich stolperte auf der Treppe, ich öffnete die falsche Zimmertür, fand schließlich meines, griff ins Innenfach meines Rucksacks, erwischte einen Zehnpfundschein, rannte die Treppe hinunter, die Tür knallte hinter mir, glücklich streckte ich dem Fahrer den Schein hin, der mich vorwurfsvoll ansah, das habe aber lange gedauert und, oh, das sei aber zu wenig Geld. Ich war geschockt. Die Anzeige des Taxameters zeigte inzwischen 32 Pfund. Konsterniert machte ich kehrt, fummelte den Schlüssel heraus, Türschloss, Treppe, Licht, Zimmertür, allerletztes Geld, Treppe runter, Haustür knallt, Taxameter zeigt 34 Pfund, hier, bitte, noch 5 Pfund, stimmt so, der Taxifahrer fuhr wortlos ab und ich schloss zum dritten Mal die Haustür auf, ächzte die Treppe hoch, ließ mich ins Bett fallen und hasste die Londoner.
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