Mumien, Analphabeten, Diebe.
Du hast's gut, du hast dein Leben noch vor dir.
Montag, 15. August 2011
Neues aus Fuxholzen
nnier | 15. August 2011 | Topic In echt


Ich habe ein altes Kinderbett zusammengekloppt, eines von diesen halbhohen, unter die man kleine Schränkchen oder einen Kindertisch stellen kann. Vor Ewigkeiten hatte mein Nachbar das Bett in Einzelteilen nach draußen getragen, es war ein Sommertag und man wusste nicht recht, ob es sich um einen beginnenden Sperrmüll handelte, denn einerseits waren seine Kinder schon viel zu groß für so ein Bett, andererseits aber behandelte er die Teile doch überaus pfleglich und lehnte sie vorsichtig gegen seinen Zaun. Als er mich herübergucken sah, meinte er: Fällt mir schwer, das einfach wegzuschmeißen, aber die Kinder haben neue Betten, nun braucht es niemand mehr, weißt du jemanden, der es haben will?



Ich überlegte kurz, antwortete dann: Glaube schon, dass ich das jemandem geben kann, packte die Teile, trug sie in den Keller und ließ sie dort stehen, denn natürlich wollte niemand so ein gebrauchtes Kinderbett haben. Eines Tages aber bot es sich an, das Bett im eigenen Haushalt wieder aufzubauen, ich verstärkte einen kleinen Holzspalt mit einem Flacheisen und schraubte eine zusätzliche Querverstrebung darunter, ansonsten war das Bett tadellos stabil und das Kind schlief und spielte und tobte jahrelang gut darauf.



Nach etlichen Jahren, ungefähr zu der Zeit, als das Zimmer farblich umgestaltet wurde und die Zeit der Pferdeposter begann, als die rosa Lampe mit den Plüschbommeln abgehängt und durch eine weiße mit klarer Silhouette ersetzt wurde, als ein neuer Schreibtisch aufgestellt wurde und die Fensterbilder abgeschabt, stellte sich auch die Frage nach der künftigen Schlafstatt. Ich hatte vieles mit Bordmitteln bestritten, für den Schreibtisch eine günstig erstandene Platte auf vier noch vorhandene Metallbeine geschraubt, auf den schlichten weißen Schrank zwei schicke Griffe gesetzt, gut aussehen sollte es und nicht zuviel kosten, das Kind war auf Klassenfahrt und würde sich, so hoffte ich, über das renovierte Zimmer freuen, bloß das alte Kinderbett mit seinem ewigen Kiefernholz wollte sich nicht recht fügen. Außerdem: Wirkte die Umrandung nicht doch etwas locker? Außerdem: Hatte ich es nicht umsonst bekommen? Außerdem: Hatte es nicht lange genug Dienst getan?

Beim Möbelgiganten betrachtete ich die Betten, sah dann die Stoffe, kaufte ein paar Meter und fuhr mit dem Ballen nach Hause. Die Bettumrandung fixierte ich mit einem weiteren Flacheisen, dann schnitt ich den Stoffballen in Streifen und tackerte diese um fast alle sichtbaren Holzteile.



Der Ausruf "Geiiil!" kurz nach dem Ende der Klassenfahrt entschädigte für alle Mühen, und auch das Bett (damaliger Herzenswunsch nämlich: Ein Himmelbett) wurde freudig beäugt, denn: Das ist eigentlich viel besser so, ich spiele da immer noch so gerne mit meinen Freundinnen drunter und mag es, so hoch zu liegen!

Weitere Jahre vergingen, statt Wichtelgeschichten und Pippi Langstrumpf wurde nun Harry Potter gelesen und Krabat, und beim Gutenachtsagen konnte ich immer noch in rückenschonender Haltung neben dem Bett stehen, das halbhoch war.

"Ich hätte jetzt doch gerne mal ein neues Bett", hieß es irgendwann, und wir fuhren zum Möbelgiganten und kauften ein schickes neues, wirklich praktisches, bei Bedarf lässt sich eine zweite Matratze in einem Rollkasten herausziehen, deshalb ist es immer noch etwas höher als mein eigenes, nicht halb-, aber vielleicht viertelhoch, und das Zimmer sieht wieder etwas weniger nach Kind aus. Aber zuerst musste ich das alte Bett abbauen.



Es war nach der langen Nutzung kein Schmuckstück mehr, mein draufgetackerter Stoff begann sich abzulösen, die Flacheisen (bis dahin an der Wandseite und damit unsichtbar) waren auch keine Zierde, außerdem kenne ich niemanden, der gerade ein Kinderbett braucht. Deshalb gehörte das Bett nun endgültig auf den Müll, entschied ich, wollte es auseinanderschrauben, der Akkuschrauber jedoch war wie üblich kaum geladen und machte nach wenigen Umdrehungen schlapp, ich schluckte kurz und begann, das Bett mit Gewalt zu zerlegen.



Ich schob, drückte, zerrte, erwartete Splittern, erwartete Knirschen - doch nichts schien zu helfen, das Bett war massiv und stabil und erst nach einer guten halben Stunde schweißtreibender Arbeit so weit zerkleinert, dass die einzelnen Teile durch die Tür passten und ich sie vors Haus werfen konnte, wo sie einen Haufen bildeten, dessen Anblick mich betrübte. Es waren schöne, stabile, an den Kanten abgerundete Holzteile, die man da liegen sah, hier ein wenig ausgeblichen und dort mit Stoff betackert, aber insgesamt so wertvoll aussehend, dass man am liebsten in eine Holzwerkstatt gegangen wäre damit, man hätte eine Leiter daraus bauen können oder ein Regal, vielleicht auch schöne, große Bauklötze zuschneiden, und dass ich die Teile statt dessen zur Mülldeponie brachte und in einen großen Container schmiss, geschah hauptsächlich, um es endlich hinter mich zu bringen.



Das Holzdach ist vor einiger Zeit neu gedeckt worden, die alten Schindeln waren 35 Jahre alt. Sie liegen seither im Lagerraum, man kann sich so ein paar Bretter nach oben holen und sie in den Herd schieben, dann ist es schön warm den ganzen Tag, warmes Wasser hat man auch, und wenn man sich etwas kochen will, stellt man die Pfanne einfach dazu.

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